Interview mit Vokalmatador

„Heute haben viele Rapper einen ähnlichen Sound, weil er schnell allgegenwärtig ist.“

Interview mit Vokalmatador
Interview mit Vokalmatador

Autor: Walter Schilling

 

 

Vokalmatador war schon in der Berliner Rapszene am Start, als du entweder noch Tapes gehört hast oder noch gar nicht auf der Welt warst. Heute, knapp 20 Jahre später, kannst du seine Songs aber auch in Soundcloud oder Spotify finden. Das Urgestein der Rapszene der Hauptstadt hat einiges erlebt, sodass wir über viele Themen sprechen konnten. Zum Beispiel wie war es damals bei der Sekte mit B-Tight und Sido? Was ging damals im Royal Bunker ab und wie wird es mit Vokalmatador weitergehen? Im Interview, das wir in einem Berliner Park bei knapp 30 Grad führten, gab mir Vokalmatador auf all diese Fragen Antworten.

bb21: Weißt du noch, wann dein erster Song veröffentlicht wurde?

Vokalmatador: Ja, das war aber Jahre bevor ich mich dazu entschieden habe, als Vokalmatador zu rappen. 1994 hat mich eine Freundin mit einer Berliner Band connectet, die Bock hatten, einfach mal irgendwelche Mucke zu machen. Dabei habe ich auch einen meiner ersten deutschen Texte geschrieben. Das Ganze lief aber niemals über eine Demo hinaus. 1997 oder 1998, also einige Jahre danach, wurde das erst ernster. Denn zu dieser Zeit habe ich über den Royal Bunker B-Tight und Sido kennengelernt, mit denen ich schon viel ernster Rap gemacht habe. 

 

bb21: Mit den Jungs war das also ein ganz anderer Vibe?

Vokalmatador: Ja, die hatten schon einen bestimmten Sound und haben sehr fleißig gearbeitet. Das war auch im Vergleich zu meinen vorherigen Studioerlebnissen viel mehr HipHop. Das war eine echt coole Zeit.  

bb21: Das heißt, dass du also schon zwei Dekaden lang rappst. Was hat sich in der Zwischenzeit positiv und was negativ verändert?

Vokalmatador: Damals war es viel schwieriger, seine Musik zu verbreiten. Es war damals schon ein langer Weg von einem Demotape bis hin zur gepressten CD. Damals hatte man auch gar keinen Plan, wie stark sich die Tapes verbreiten. Es gab ja kein Internet, wo man schauen konnte, wie oft ein Song geklickt wurde [lacht]. Es gab auch kein direktes Feedback von den Fans. Da die Berliner damals auch sehr berüchtigt waren, wurden wir auch sehr selten außerhalb Berlins gebucht. Auf der anderen Seite hat man damals viel mehr auf seinen eigenen Sound geachtet. Heute haben viele Rapper einen ähnlichen Sound, weil er schnell allgegenwärtig ist. So wie es gerade beim Trap ist. 

bb21: Die Digitalisierung der Musik ist quasi Fluch und Segen zugleich?

Vokalmatador: Musik war unabhängiger von den Trends und langlebiger. Man kann heute sehr schnell, sehr viele Leute erreichen, die aber auch genauso schnell das Interesse an dir verlieren können. Aber es ist auch echt cool, dass man an neue Mucke schneller rankommt. 

 

bb21: Du feierst immer noch Hip-Hop. Was fasziniert dich daran, dass du der Szene noch nie den Rücken gekehrt hast?

Vokalmatador: Mit HipHop bin ich aufgewachsen und deswegen auch darin verwurzelt. Es ist nicht einmal so, dass ich sage, HipHop über alles. Ich höre auch ganz viel andere Mucke, aber in Rap bin ich eben auch sehr geübt. Dadurch fällt es mir hier viel leichter, mal schnell eine Strophe aufzuschreiben. Außerdem liebe ich die Sprache und wie man damit umgeht. Sowas hat man sonst in keiner anderen Musikrichtung. Es ist doch voll geil, wie Rapper die Slangworte ihrer eigenen Clique verbreiten und dafür sorgen, dass Leute aus ganz anderen Städten so wie sie zu reden. 

„Ich glaube schon, dass ich heute wo ganz anders wäre, hätte ich damals mehr Energie dort reingesteckt.“

bb21: Wenn dir die Lyrik so gefällt, denkst du auch darüber nach, mal ein Buch zu schreiben oder dergleichen? 

Vokalmatador: Nein, das ist ja noch mal was anderes. Zwischen einem Roman und einem 16er liegt ein riesiger Unterschied. Vielleicht könnte ich auch Geschichten schreiben, ich habe das nie ausprobiert, aber Songs liegen mir einfach mehr. Dort muss man sich sehr kurz fassen und die Aussagen aber trotzdem pointiert rüberbringen. Wobei ich es nicht ausschließe, irgendwann doch mal eine Geschichte oder einen Artikel zu schreiben.

bb21: Viele deiner Wegbegleiter wie B-Tight, Sido oder MC Fitti sind sehr erfolgreich geworden. Was glaubst du, sind die Gründe dafür,  dass es bei dir nicht mehr geklappt hat?

Vokalmatador: Ich war halt auch nicht so fleißig wie die anderen. Die anderen haben viel mehr für ihren Erfolg gearbeitet, weswegen ich es ihnen auch total gönne. Gerade die von dir genannten Dudes haben unglaublich viel gemacht. Ich habe in der Zwischenzeit in anderen Bereichen mehr Zeit investiert und mich nicht um so viel gekümmert. Ich glaube schon, dass ich heute wo ganz anders wäre, hätte ich damals mehr Energie dort reingesteckt. Aber das ist ja letztendlich auch sehr hypothetisch. Deswegen kann ich nicht darüber verbittert sein. Ich gönne es jedem, der es schafft nach oben zu kommen und erst recht dort zu bleiben. Man sieht ja, dass das alles gar nicht so einfach ist.  

 

bb21: Es scheint ja so bei dir, dass du nochmal einen zweiten Frühling erlebst. Du bist mittlerweile wieder mit den Säcken am Start.

Vokalmatador: Ja, das hat alles mit einer Bookinganfrage vom Mile of Style Festival 2015 angefangen. Die wollten mich mit meinen alten Weggefährten buchen. Ich habe dann eben rumgefragt, wer wieder Bock hat und da wir dann nicht einfach nur unsere alten Songs performen wollten, haben wir neue gemacht. So ist es dann dazu gekommen, dass wir die Säcke gegründet haben. 

bb21: Denkt ihr auch mal über eine Tour als die Säcke nach?

Vokalmatador: Wir müssen unsere Gagen ja auf sechs Rapper und einen DJ aufteilen. Deswegen lohnt sich das nicht, dafür auf das Geld zu verzichten, die wir durch unsere Jobs haben. Das ist gar nicht rentabel genug. Uns war auch von Anfang an klar, dass das nicht über ein Hobby hinausgehen wird. Das kann man als ein Liebhaberprojekt ansehen und das ist es auch geblieben. Wir arbeiten auch schon an neuen Songs und arbeiten für unser Album. Aber wann das rauskommt, kann ich dir noch nicht sagen. Bei so vielen Leuten ist das manchmal sehr schwierig, alles zu organisieren.

bb21: Alles ist die Säcke wurde auch ohne eine Promophase veröffentlicht.

Vokalmatador: Ja, wir hatten keine große Lust auf eine lange Vorlaufzeit. Es gibt ja auch immer mehr Rapper, die wie wir auf eine lange Promophase verzichten. Manchmal klappt das ganz gut, manchmal eben aber auch nicht. Aber es gibt auch Alben, die floppen trotz einer langen Promophase. Man weiß es halt nie.

 

bb21: Von deinen alten Sachen gibt es nur wenig im Internet. Das ist alles nur sehr verstreut und sehr unübersichtlich. Gibt es da Pläne von dir, das mal zu ändern?

Vokalmatador: Ja, ein paar Featureparts gibt es von mir schon auf Spotify. Mehr tatsächlich aber auch nicht. Und um den Rest kümmere ich mich. Auf Soundcloud arbeite ich daran, viele meiner alten Songs hochzuladen. Da wird auch noch mehr kommen.

bb21: Wird es auch wieder neue Solosongs von dir geben?

Vokalmatador: Ja, darauf habe ich auch wieder Bock. Bei den Säcken muss man sich immer zu sechst auf alles einigen. Das kann auch manchmal sehr anstrengend sein, was jetzt kein Affront auf meine Jungs sein soll. Grüße an die Säcke [grinst]. Da habe ich mich jetzt mit Michael Mic zusammengetan und sobald er wieder von seinem Urlaub zurückkommt, werden wir an neuen Songs arbeiten.

 

bb21: Gibt es noch keine neuen Tracks, die schon fertig sind?

Vokalmatador: Doch, ein paar Songs liegen bei verschiedenen Produzenten herum. Da werde ich vielleicht auch noch ein paar Sachen mitnehmen, aber das ist bisher alles total roh und sehr skizzenhaft. 

 

bb21: Die letzten Worte gehören dir!

Vokalmatador: Ich freue mich sehr, dass ich immer noch Mucke machen kann und dir ein Interview geben kann. Hoffentlich wird schon bald das neue Säcke Album kommen. Das wird ein großer Tag werden.

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