Interview mit Tilos

„[Blumentopf] war ganz klar ein Fluch für München."

Interview mit Tilos
Interview mit Tilos

Autor: Walter Schilling  

 

 

Wer an Straßenrap denkt, dem fallen sofort die Städte Frankfurt, Berlin oder Hamburg ein. Aber was ist mit München, der drittgrößten Stadt Deutschlands? Ist sie tatsächlich so sicher, wie es den Anschein hat? Rapper Tilos verneint das in unserem Interview ganz klar und stellt gleichzeitig die Frage, warum man in einer angeblich sicheren Stadt so viel Polizei benötigt. Außerdem sprachen wir in unserem Gespräch, das wir via FaceTime führten, ob Blumentopf Fluch oder Segen für die Stadt München gewesen ist. Aber natürlich unterhielten wir uns auch über Tilos Musik, denn nach einer dreijährigen Pause hat er endlich wieder neue Songs am Start und seine EP Mob veröffentlicht.

bb21: Im Song Melodien rappst du über deinen ersten Diebstahl. Wie hat sich das angefühlt?

Tilos: Für diese Antwort muss ich ein wenig ausholen. Manchmal sammeln sich schlechte Erfahrungen bei mir an und dann muss ich ein Ventil öffnen, um das Ganze rauszulassen. Dafür ist Musik genau das Richtige für mich. In solch einem Moment ist Melodien entstanden. Als ich früher noch geklaut habe, habe ich darüber noch viel positiver gedacht als ich es heute tue. Beim ersten Diebstahl habe ich mich noch großartig gefühlt, heute denke ich ganz anders darüber.

 

bb21: Im Song Sterb für die Crew rappst du: „Der letzte Rapper ohne Bauchtasche, der letzte Rapper mit Stil.“ Findest du die heutigen Rapper stilloser als früher?

Tilos: Was das angeht, bin ich noch ganz alte Schule und feiere sowohl Deutsch- als auch Amirap aus den 1990ern. Ich freue mich natürlich sehr darüber, dass unser Genre heute so erfolgreich ist und welch positive Entwicklung es genommen hat. Allerdings kopieren mittlerweile sehr viele Rapper den Style anderer Rapper und machen das teilweise total offensichtlich. Die hören sich manchmal extrem gleich an und kleiden sich sogar noch so wie die anderen. Bauchtasche und Fußballtrikot sind doch heute Standard. 

bb21: Wie lief die Produktion von Mob ab? Hast du da mit einem Produzenten enger zusammengearbeitet oder war das reines Beatpicken von verschiedenen Produzenten?

Tilos: Ich arbeite mit Zinobeatz eng zusammen, der mittlerweile auch sehr bekannt geworden ist [Anm. d. Verf.: Produzierte z.B.: Sherazade von Kurdo]. Mit ihm habe ich angefangen, Musik zu machen und mache es noch heute. Von den acht Songs auf meiner EP Mob hat er sechs Beats dazugesteuert. Ich mag es, mit einem Produzenten eng zusammenzuarbeiten, weil dadurch ein zusammenhängendes Soundbild entsteht. Zinobeatz war quasi der Executive Producer von Mob. 

bb21: Bist du dann jemand, der sich in die Produktion einmischt oder eher wie Jay-Z, der sich mehr für das Rappen verantwortlich sieht und sich größtenteils aus der Produktion raushält?

Tilos: Also wenn mir etwas gar nicht gefällt, dann kommuniziere ich das natürlich. Aber technisch gesehen, bin ich der größte Neandertaler. Ich habe von PCs und der Elektronik gar keine Ahnung. Deswegen mische ich mich erst beim Arrangement ein, wenn es auch mal um Pausen oder einzelne Instrumente geht und wie sie wirken. Davor fast gar nicht. Entweder ist das Instrumental schon ein Brett oder ich nehme es nicht. 

„Bauchtasche und Fußballtrikot sind doch heute Standard."

bb21: 2015 hast du dein letztes Album Boykott veröffentlicht. 2016 hast du am 15. Mai auf Facebook zwar angekündigt, dass du gerade an vielen Projekten arbeitest und dich sehr mit Songwriting beschäftigst, trotzdem kam in den folgenden zwei Jahren kein neues Projekt von dir raus. Was ist in dieser Zeit passiert?

Tilos: Ich mache Musik nebenbei und bezahle meine Miete mit anderen Dingen. Das macht es natürlich viel anstrengender, ein neues Album zu veröffentlichen, als es ohnehin schon ist. Dementsprechend war für mich nach Boykott klar, dass ich erst mal eine Pause machen werde. In dieser Zeit kamen immer mehr Leute auf mich zu, die meine Texte sehr gut fanden. So habe ich mich dann immer mehr mit Songwriting beschäftigt.

 

bb21: Lass mich hier kurz einhaken. Wenn du Songwriting sagst, meinst du damit eigene oder fremde Songs?

Tilos: Damit meine ich, dass ich Songs für andere geschrieben habe. Da gibt es zwei verschiedene Wege. Entweder kommt jemand auf mich zu und meint, dass er einen Song von mir will oder ich schreibe einen und biete ihn verschiedenen Labels an. Das habe ich in den letzten Jahren sehr erfolgreich gemacht, aber beim Verkauf der Songs unterschreibt man auch immer eine Verschwiegenheitsklausel, weswegen ich dazu überhaupt nicht konkret werden darf. 

bb21: Rapper sind im Songwriting immer sehr beliebt und schreiben von Schlagersongs bis hin zu Popsongs alles.

Tilos: Selbst die erfolgreichsten Rapper schreiben Songs für andere. Wenn du wüsstest, für wen die schon gearbeitet haben, da hältst du dir nur den Kopf. Aber in dem Business kann man sehr viel Geld machen. Als Schreiber kann man sich dort richtig austoben, Lieder ohne Druck schreiben und in ganz neue Rollen schlüpfen. Rapper sind eben die lyrischsten Musiker, weswegen es naheliegend ist, dass sie auch Texte für ganz andere Genres schreiben. 

 

bb21: Das Songwriting hat also letztendlich dafür gesorgt, dass du keine Zeit mehr für eigene Songs gefunden hast?

Tilos: Ja, aber nicht nur. Ich habe mich dann auch selbstständig gemacht und mit einem guten Kumpel einen Laden eröffnet. Das hat natürlich auch noch sehr viel Zeit beansprucht. Ich habe aber meine Anteile daran verkauft, was auch wieder dafür gesorgt hat, dass ich frischen Hunger bekommen habe, und wieder damit angefangen habe, zu rappen. 

bb21: War es nach der langen Pause Genuss oder Arbeit wieder eigene Musik zu machen?

Tilos: Ich habe mich anfangs sehr schwer damit getan, wieder reinzukommen. Die ältesten Songs sind auch die Lieder, mit denen ich am wenigsten zufrieden bin. Aber dann kamen Sterb für die Crew und Melodien, die sich fast von alleine geschrieben. Das war sowas wie der Höhepunkt des Schreibprozesses von Mob. Die beiden Lieder fielen mir sehr leicht und da wusste ich von Anfang an, dass das zwei richtig gute Tracks werden. 

 

bb21: Du selbst kommst aus München, einer Stadt, die eher für bürgerlichen Freestyle-Rap bekannt ist als für Straßenrap. Täuscht der Eindruck aus der Ferne?

Tilos: Der Eindruck täuscht absolut. Wir müssen uns aber auch nichts vormachen, München ist keine HipHop-Stadt wie Berlin, Hamburg oder Frankfurt. Jedoch fehlt es bei uns auch dadurch ein wenig an Menschen, die das falsche Bild von München korrigieren können. Wir sprechen von der drittgrößten Stadt des Landes. Natürlich gibt es hier dunkle Ecken und nicht jeder, der in München lebt, hat ein gutes, spießiges Leben. Wenn es hier so friedlich und toll ist, warum werden dann so viele Polizisten benötigt? 

bb21: War Blumentopf Fluch oder Segen für die Stadt?

Tilos: Ganz klar ein Fluch für München. Ich kenne die Jungs nicht persönlich, aber ihre Musik ist in meinen Augen Schrott. Den Stempel, den die damals auf die Stadt gedrückt haben, ist immer noch da. Deswegen sage ich als Münchner Straßenrapper, dass sie eher ein Fluch für die Stadt waren. Für die Menschen aus anderen Städten ist das nämlich nach wie vor die City, aus der Blumentopf kommt.  

bb21: Die letzten Worte gehören dir!

Tilos: Erstmal Props an dich für das coole Interview, hat mir Spaß gemacht. An alle die meine Musik noch nicht kennen, denen lege ich sowohl meine neuen als auch meine alten Werke ans Herz. Folgt mir auf Facebook und Instagram, um mir auch ein wenig Motivation zurückzugeben. Denn das gibt mir den Drang, weiterhin neue Musik zu machen. Außerdem noch ein großes Dankeschön an alle meine Supporter und Wegbegleiter. 


Das könnte dich auch interessieren:

Interview mit Osiriz33

Rap stagniert! Angefangen von den Spotifyplaylisten, wo es nur darum geht, möglichst gleichförmig und angepasst zu klingen. Bis hin zu der Tatsache, dass sich immer weniger Künstler trauen, überhaupt noch etwas Neues auszuprobieren. Dadurch wird die Kritik am Status Quo selbst innerhalb der Szene immer größer. 

Interview mit Tamas

Als Kool DJ Herc in den 1970ern unbewusst HipHop ins Leben gerufen hat, war ihm bestimmt nicht klar, wie vielfältig dieses Genre fast 40 Jahre später sein wird. Heute gibt es sogar jemanden wie Tamas, der einen Hybrid aus Heavy Metal und dem Südstaatenrap geboren hat. Im Interview erzählt er, dass ...

Videointerview mit Dissy

Dissy hat mit uns offen über seine Erfahrungen und den Umgang mit Rauschmitteln gesprochen. Wann hatte er sein erstes Mal und wie geht er damit heute um? Außerdem sprachen wir über seine Freundschaft zu Clueso und sein wirklich sehr gelungenes Album Playlist 01, auf dem nochmal ein großer musikalischer Schritt nach vorne festzustellen ist. 

Kommentar schreiben

Kommentare: 0