Interview mit Teesy

„Wenn man seine Zufriedenheit im Außen sucht, gerät man schnell in eine Abhängigkeit.“

Interview mit Teesy
Interview mit Teesy

Autor: Walter Schilling 

 Foto: Basti Mowka

 

Der Sänger und Rapper Teesy bringt mit Tones ein sehr persönliches Album raus, in dem er die kleinen Erfahrungen groß und besonders macht. Er spricht über den Verlust seines Großvaters, blickt auf die Teenager-Zeit zurück und reflektiert über lange Clubnächte bzw. die Menschen, die sich dort tummeln. Es sind alltägliche Geschichten, in denen sich fast jeder widerspiegelt und man sich gerade deswegen gut damit identifizieren kann. So ehrlich und aufrichtig wie er Tones gehalten hat, so offen wurde auch unser Interview, in dem wir viel über seinen verstorbenen Opa, Erwartungen in der Promophase und Handwerker gesprochen haben. 

bb21: Du hast in einem Interview gesagt, dass du während der Arbeit an Tones viel alleine warst, weil du schließlich sowohl die Produktion als auch die Raps selbst gemacht hast. Wirst du deswegen zukünftig wieder mit mehr Leuten zusammenarbeiten?

Teesy: Ich muss zugeben, dass das phasenweise schon ziemlich krass war. Aber das war auch die Idee von Tones: Eine Rückbesinnung. Das ist gar nicht spirituell gemeint, sondern einfach mehr bei sich selbst zu sein. Deswegen war es von vornherein klar, dass ich während der Produktion viel Zeit mit mir selbst verbringen werde. Zumal ich auch nicht so viele Mitstreiter habe, die ständig bei mir im Studio abhängen. Aber ob ich das beim nächsten Album anders handhaben werde oder mich noch mehr auf mich selbst besinne, kann ich dir noch gar nicht sagen. Aktuell habe ich Lust, auch mal mit einer Band zu arbeiten. Ob das aber in einem halben Jahr immer noch so sein wird, kann ich dir nicht sagen.

bb21: War diese viele Zeit, die du mit dir verbracht hast, auch der Grund für Songs wie Opa?

Teesy: Ganz klares Ja. Ich war während der Produktion an einem Punkt, wo ich mir selber viel Druck gemacht habe, weil ich immer krassere Storys erzählen wollte. Während dieser Situation habe ich ein tolles Gespräch mit einem engen Freund gehabt, der mir den Rat gab, wieder mehr über meine unmittelbare Nähe zu erzählen. Bei mir, meinen Freunden und meiner Familie passiert schließlich genug, um darüber zu erzählen. Dadurch kam die Idee, dem Mann einen Song zu widmen, über den ich in den letzten zehn Jahren immer wieder nachgedacht habe. Ich denke oft darüber nach, ob ich ihn zu seinen Lebzeiten hätte häufiger fragen sollen, wie es ihm geht. Aber ich war ja damals 17, da macht man sich darüber keine Gedanken. 

 

bb21: Wobei du hier dann doch wieder vom Kleinen zum Großen kommst, denn so geht es bestimmt vielen da draußen, da man oftmals den Opa früh in seinem Leben verliert. 

Teesy: In Story geht es dagegen um meinen Freundeskreis, mit dem ich angefangen habe, Musik zu machen. In Tones gibt es viele Songs, die eher von mir und meinen kleinen Kreis handeln, als über die große Welt zu singen. 

bb21: Auf Usain Bolt rappst du: „Warum seh ich ständig auf die anderen, wenn ich mir doch mein eigenes Tempo machen kann“. Das ist eine sehr gute Frage und wie gehst du damit um, sich in Zeiten von Instagram und Facebook nicht mit anderen zu vergleichen?

Teesy: Also nur, weil ich mir bewusst bin, dass es besser ist, sich nicht zu vergleichen, bin ich davor nicht automatisch gefeit. Aber ich glaube, das Wichtigste ist, dass man nicht für Anerkennung, Likes oder fremdes Lob arbeitet. Wenn man stattdessen schon viel Spaß an der Arbeit hat, dann gewinnt man doch automatisch. Wenn man aber dagegen seine Zufriedenheit im Außen sucht, gerät man schnell in eine Abhängigkeit und kann von den anderen quasi umgeschubst werden. Sei es von Redakteuren, die deine Musik bewerten, oder von Fans, die deine Lieder kaufen. So kann ein Album, in das man sehr viel Zeit und Liebe gesteckt hat, total wertlos werden, nur weil es nicht genug Anerkennung von der Szene bekommt. Deswegen genieße ich das Musikmachen so sehr ich kann.

„Ich denke oft darüber nach, ob ich meinem Opa zu seinen Lebzeiten hätte häufiger fragen sollen, wie es denn ihm geht.“

bb21: Du wirst auf deiner Tour im Dezember einige Meet & Greets haben, da du sowohl in Boxen welche verschenkt hast, als auch durch andere Möglichkeiten wie deine Spiele-App. Wie und wann wirst du dich während deiner Tour entspannen können, wenn du dabei so viele Termine wahrnehmen musst?

Teesy: Darüber habe ich mir noch gar keine Gedanken gemacht. Aber es stimmt, allein durch die Boxen kann man 100 Meet & Greets gewinnen, plus ein paar weitere durch die App. Die ganzen in nur zehn Tagen zu führen, wird bestimmt nicht ganz einfach, aber eine Tour ist ja auch kein Urlaub. Entspannen kann ich danach. 

 

bb21: Es wird ein krasses Event, wenn die 100 Fans aus einer einzigen Stadt kommen.

Teesy: Sowas kann natürlich auch passieren [lacht]. 

bb21: Aktuell bist du mitten in deiner Promophase. Ist das eine Zeit, die du überhaupt genießen kannst?

Teesy: Also dadurch, dass ich seit Februar mein Album promote, ist da gar nicht mehr so viel Druck drauf. Wir sind jetzt in der letzten Woche und ich glaube, dass das wirklich alle mitbekommen haben, die es mitbekommen sollten. Das war früher bei mir anders. Da hatte ich dann nur drei Monate Zeit und musste so viele Menschen wie möglich auf mein neues Album aufmerksam machen. Während dieser Zeit hat man so viel wie möglich getan und gehofft, das das schon ausreicht, um alle Fans da draußen zu informieren. Diesmal haben wir schon so viel getan, dass ich gar keinen Druck verspüre, sondern die letzte Woche total genießen kann. Ich freue mich sogar auf die ganzen Interviews und die anstehende Radiotour. 

bb21: Mit Wünschdirwas bist du auf die sieben gechartet und hast sehr viel positives Feedback in der Rapszene bekommen. Macht dir das auch Druck? Willst du die letzte Platzierung toppen?

Teesy: Wenn die Zeiten gleich geblieben wären, würde ich es bestimmt vergleichen. Aber heutzutage verkauft man so wenig CDs, dass sich die Chartplatzierung fast ausschließlich über die verkauften Boxen definiert. Klar, freue ich mich über eine Top-Ten-Platzierung, freue mich aber auch dann, wenn das nicht zustande kommt. Ich hatte in den zwei Tagen zu meiner Prelistening-Session schon eine unglaublich tolle Zeit, die mir viel bedeutet hat. Dort konnte ich allen Journalisten, Freunden und Fans sehr detailliert von meinen neuen Songs erzählen und habe dazu ein großartiges Feedback bekommen. Das war cooler als jede Chartplatzierung.

bb21: Was hast du während der Arbeiten an Tones gelernt, was du bei der nächsten Albumproduktion nicht mehr machen wirst.

Teesy: Es gibt da schon etwas, das ich beim nächsten Mal gerne anders machen möchte. Nicht, weil es ein Fehler war, sondern um es mal auf eine andere Art und Weise zu machen. Denn Tones habe ich komplett hier in Berlin in meinem Studio produziert. Dabei war ich aber auch immer von den gleichen Menschen umgeben und hatte dabei meinen ganz normalen Alltag. Es wäre aber mal sehr aufregend, in einem Wohnmobil durch Frankreich zu fahren und dabei Musik zu machen. Oder stattdessen in einer einsamen Hütte in Schweden Songs zu produzieren. Da könnte ich mal das Handy ausschalten und mich zwei Wochen nur darauf konzentrieren. Ich glaube, dass ich dabei sehr tolle Songs produzieren könnte.

bb21: Die letzten Worte gehören dir!

Teesy: Dachdecker sind cool und schätzt das Handwerk im Allgemeinen mehr! Stellt den Leuten, die für euch arbeiten, auch mal ein Selters oder einen Kaffee hin. Und wenn man richtig Bonuspunkte sammeln will, reicht man den Leuten zum Mittag noch ein paar Wiener und einen Kartoffelsalat.


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