Interview mit Taichi

„Alben sind doch so richtig 1996.“

Interview mit Taichi
Interview mit Taichi

Autor: Walter Schilling

Foto: Zarah Djazeyeri 

 

 

Taichi war Teil der Berliner Rapszene, als man noch in XXXXXL T-Shirts rumlief und der Hosenschritt tief in den Kniekehlen hing. Doch irgendwann verlor er die Lust am Rappen, kümmerte sich um vollkommen andere Projekte wie zum Beispiel der Entwicklung eines neuen Studiengangs und gründete fern ab des HipHops eine eigene Firma. Doch nach vielen Jahren der Abstinenz ist Taichi wieder zurück mit einem ganz eigenen Konzept. Da er Alben nicht als zeitgemäß empfindet, hat er sich selbst eine ganz eigene Challenge gestellt: Ein Jahr lang jeden Freitag einen neuen Song veröffentlichen! Dabei dürfen Fans sich auch Songthemen wünschen, weswegen das Konzept den naheliegenden Titel bekam: „Wünsch dir was“. So traf ich mich mit Taichi auf ein Tee in einem Berliner Café, um über seine Rückher zu sprechen.

bb21: Man könnte sagen, du hättest eine Lücke in deinem Lebenslauf, da du einige Jahre nicht gerappt hast. Was hast du in dieser Zeit gemacht?

Taichi: Ich habe mich um die Dinge gekümmert, die erwachsene Menschen in ihrem Leben machen: Ich habe gearbeitet und mich um Projekte gekümmert. Unter anderem habe ich eine eigene Firma aufgebaut und einen neuen Studiengang erstellt, den ich auch leite. Ich habe mich um das gekümmert, was mir Brot bringt. 

 

bb21: Wie kommt man dazu einen neuen Studiengang aufzubauen?

Taichi: Ich habe für diese Universität immer wieder ein paar Aufträge übernommen und die haben dann irgendwann den Bachelor of Musicbusiness gestartet und mich gefragt, ob ich das übernehmen möchte. Zu diesem Zeitpunkt habe ich zwar schon meine Firma gegründet, aber ich fand das Projekt so spannend, dass ich neben der Firma auch noch daran mitgearbeitet habe.

bb21: Musicbusiness scheint zu passen, schließlich hast du deine Musik schon immer über dein eigenes Label veröffentlicht.

Taichi: Ja, aber was ist schon ein eigenes Label? Das kann man recht schnell und einfach gründen, holt sich einen Gewerbeschein und dann hat man eben ein eigenes Label. Das hört sich spektakulärer an, als es ist. Ich habe zwar meine Musik selbst veröffentlicht, aber nie andere Acts gesignt oder große Vorschüsse bezahlt. Das war nie mehr als ein Hobby. Aber ich kann das jedem Menschen auch nur empfehlen. Du brauchst keine Majorindustrie, um deine Songs zu veröffentlichen.

bb21: Aber ein Major hat eben genau das Geld zur Verfügung, das du nie reingesteckt hast.

Taichi: Absolut richtig, aber das ist auch schon der einzige Punkt, vielleicht noch deren Kontakte. Aber das war nie mein Ziel. Ich habe Lieder geschrieben, weil ich Bock darauf hatte. Vielleicht hätte ich daraus mehr machen können, wenn ich etwas ambitionierter rangegangen wäre, aber das war nie das, was ich mit der Musik vorrangig wollte.  

 

bb21: Aber du hast doch schon sehr jung mit der Musik angefangen. Hattest du damals nie dieses Ziel wie Platz eins der Albumcharts? 

Taichi: Natürlich gab es eine heiße Phase, in der ich vier, fünf Jahre lang alle zwölf Monate ein Album veröffentlicht habe. Doch zu dieser Zeit war ich gerade mal 18 und da hat man tatsächlich den Wunsch, dass das riesig wird. Aber das war die schlimmste Zeit für die Musikindustrie und unheimlich schwer. Doch darauf will ich es nicht schieben. Ich habe ja auch nie Geld reingesteckt oder mir mal Hilfe von jemandem geholt.

"Ich war nie der Typ, der Teil einer großen Posse sein musste."

bb21: Was war der Grund, warum du dann irgendwann aufgehört hast zu rappen?

Taichi: Die bereits erwähnten Projekte haben es nicht zugelassen, dass ich mich noch um das Rappen kümmern konnte. Dazu kommt, dass ich auch noch ein bisschen das Interesse am Rappen verloren habe. Ich habe zwar dann noch ein Album unter meinem bürgerlichen Namen gemacht, aber das war das Einzige, was ich in den acht Jahren gemacht habe. Schneckenhauseffekt war aber auch ein sehr verkopftes, musikalisches Stück, das ich zusammen mit dem Timo Kremer gemacht habe und etwas komplett anderes als die Musik, die ich davor und auch danach gemacht habe. 

bb21: Warum hast du das nicht unter deinem Künstlernamen Taichi veröffentlicht?

Taichi: Ich fand, dass die Musik nicht so richtig zu Taichi gepasst hat. Aber dadurch hat das niemand mitbekommen. Tatsächlich hat ein Großteil meiner Fans nicht mal mitbekommen, dass ich ein Projekt unter meinem bürgerlichen Namen veröffentlicht habe, was natürlich schon schade ist. Anschließend habe ich mich dann eben anderen Dingen gewidmet. Doch jetzt hat es mich wieder in den Fingern gejuckt und ich wollte mal wieder neue Songs schreiben. 

 

 

bb21: Gab es da einen besonderen Moment, der dafür gesorgt hat, dass du wieder Lust empfunden hast?

Taichi: Ich glaube, es liegt vor allem an dem Abstand, den ich in den letzten Jahren zur Musik hatte. Dadurch ist eine völlig unbedarfte Lust darauf entstanden, sich wieder musikalisch auszudrücken. Bei Schneckenhauseffekt haben wir uns unglaublich viele Gedanken zu jedem Song gemacht, jetzt picke ich mir einfach einen Beat und schreibe drauflos. Anders hätte ich wohl auch nicht zurück zur Musik gefunden.

bb21: Und warum dann das Konzept, dass sich deine Fans einen Song aussuchen können?

Taichi: Ich finde es einfach unglaublich cool, dass es Menschen gibt, die meine Musik immer noch hören. Obwohl ich extrem lange nichts mehr gemacht habe. Das ist heutzutage etwas ganz Besonderes. Genau diesen Menschen möchte ich etwas zurückgeben. Wenn die aber mit irgendeinem vollkommen abgedrehten Musikwunsch kommen, dann erfülle ich ihn natürlich nicht. Das gewünschte Thema muss natürlich matchen und da sind schon einige geile Ideen dabei rumgekommen. 

bb21: Viele deiner alten Weggefährten rappen heute nicht mehr. Wie ist es jetzt, nach all der Zeit zu rappen?

Taichi: Es ist auf jeden Fall etwas anderes, aber ich war nie der Typ, der unbedingt Teil einer großen Posse sein musste. In meinem ganzen Umfeld gibt es mittlerweile niemanden mehr, der rappt. Aber ich bin eben ein erwachsener Mann geworden, der seinem Job nachgeht und in der Freizeit einfach für sich rappt. Aber du hast Recht, es hat sich sehr verändert. Wobei ich von Reimen und fetten Beats geflasht bin wie seit Tag eins.

 

bb21: Ein Jahr lang jeden Freitag einen neuen Song zu veröffentlichen, ist aber auch schon eine sportliche Herausforderung.

Taichi: Auf jeden Fall, aber das ist nicht nur Quantität. Die Leute, die sowas denken, sollen sich einfach mal meine neuen Songs geben. Das ist auch qualitativer Scheiß, in dem viel Liebe steckt. Doch ich gebe zu, das ist tatsächlich eine geisteskranke Challenge. Und auf Longplayer habe ich ohnehin keine Lust mehr. Alben sind doch so richtig 1996. Ich stelle mich jetzt erstmal meiner eigenen Challange und wenn ich danach keine Lust mehr habe zu rappen, dann werde ich es auch wieder sein lassen. Ich habe keinerlei finanzielle Motive mit meiner Musik, sondern mache sie nur aus Spaß an der Freude.

bb21: Die letzten Worte gehören dir!

Taichi: Wer sich für Deutschrap außerhalb des Hypes interessiert, darf sich meine Songs gerne anhören. Ich freue mich darüber sehr. Ansonsten bedanke ich mich noch sehr herzlich für das Interview. 


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