Interview mit Sam Sillah

„Man ist [mit dem Löwen] nicht ganz alleine gelaufen, hinter mir waren noch ein paar Männer, die mit einem Stock bewaffnet waren, um notfalls einschreiten zu können.“

Interview mit Sam Sillah
Interview mit Sam Sillah

Autor: Walter Schilling

 

 

Sam Sillah ist in zwei völlig unterschiedlichen Ländern groß geworden. Geboren in Deutschland, aufgewachsen in Gambia, lernte er auf diese Weise nicht nur verschiedene Sprachen kennen sondern auch andersartige Kulturen. Während man in Gambia darauf Acht gibt, dass keiner der Gruppe auf der Strecke bleibt, steht in Deutschland das Ego oftmals deutlich im Vordergrund. Wie es dazu kam, dass er mit seiner deutschen Mutter Jahre in Gambia verbracht hat, während sein afrikanischer Vater in Deutschland arbeitete, erzählt Sam im Interview, das wir via WhatsApp-Call führten. Aber das war nicht das einzige Thema, denn natürlich sprachen wir auch über seine bald erscheinende Kreis EP.

bb21: Letztes Jahr hast du mit Steve Jackson die EP SSSJ veröffentlicht. Der Song Hand Hoch hat sogar einen kleinen Hype bekommen. Warum jetzt doch alleine?

Sam Sillah: Es war nie unser Ziel, uns als Duo zu etablieren. Wir haben aber sehr viel Zeit miteinander verbracht, wodurch sehr viele Songs entstanden sind. Die wollten wir dann einfach raushauen und unsere beiden, noch sehr kleinen Fanbases bündeln. Jedoch war schon vor dem Release von SSSJ klar, dass wir danach wieder Solopfade betreten werden. Vielleicht kommt auch wieder was von uns zusammen, doch erstmal wollen wir uns beide etablieren.

 

bb21: Jetzt bist du beim Label Arjuna gelandet, das von Cr7z und DJ Eule geführt wird. Wie kam das zustande?

Sam Sillah: Ganz klassisch durch einen gemeinsamen Bekannten: IMUN [Anm. d. Verf.: IMUN ist ein Videoproduzent, der für zahlreiche, etablierte Künstler gearbeitet hat]. Ich habe eine Zeitlang für ihn als Videoassistenten gearbeitet und er kennt DJ Eule gut. Irgendwann hat er ihm mal ein paar meiner Songs vorgespielt, Eule fand sie gut und hat sich dann bei mir gemeldet. Da wir uns sofort gut verstanden haben, hat das sehr viel Sinn gemacht, zusammenzuarbeiten. Zumal wir eine gemeinsame Vision von HipHop haben, auch wenn wir andere Stile bevorzugen. 

bb21: Auf dem Song Mein Platz rappst du: „Keiner denkt nach, aber jeder will Star sein.“ Wie ist die Line genau gemeint?

Sam Sillah: Im Endeffekt ist das doch so, dass jeder der Beste sein möchte oder etwas ganz Besonderes. Aber sie denken gar nicht darüber nach, was zu diesem Weg dazugehört. Für bestimmte Positionen muss man auf ganz viele Dinge verzichten. Das bezieht sich auch gar nicht allein auf die Musik, sondern geht auch um ganz gewöhnliche Handwerker. Wenn der Zimmermann zum Weltbesten seiner Zunft gehören möchte, muss er nun einmal viel üben und kann nicht ständig feiern gehen und wird auch auf vieles anderes verzichten müssen. 

bb21: Ja, es wird oft vergessen, was für Entbehrungen dazugehören, um nach oben aufzusteigen. 

Sam Sillah: Genau. Ich habe auch Respekt vor jedem, der seine Ziele formuliert. Aber vor Träumern, die sich nicht damit beschäftigen, was das für ein Weg ist, vor denen nicht. Denn Menschen dieser Sorte gibt es zu genüge. Ganz unabhängig von der Musikbranche.  

 

bb21: Im Track Sam Sillah sagst du, dass es mehr braucht zum glücklich werden als Geld und ein Haus. Findest du denn, dass die Menschen in Afrika glücklicher und zufriedener sind als hierzulande? Speziell in Gambia.

Sam Sillah: Grundsätzlich schon. Ich habe bereits dort gelebt, noch bevor ich hier in Deutschland zur Schule gegangen bin und habe dadurch schon in meiner Kindheit große Unterschiede festgestellt. Auch später, als ich in Deutschland zur Schule gegangen bin, sind wir regelmäßig nach Gambia gereist. Natürlich ist in Gambia Reichtum ein Thema und wenn dort mal jemand zu Geld kommt, wissen sie nicht damit umzugehen, wodurch es auch schnell wieder weg ist. Jedoch wird dort vielmehr geteilt und wenn einer isst, dann essen alle. In Gambia wird viel mehr geteilt, während in Deutschland die Meisten auf sich selbst fixiert sind. Dadurch habe ich mich schon früh mit Haben und Geben beschäftigt und konnte so meine Schlüsse ziehen. Natürlich ist Geld sehr wichtig, aber nicht das Wichtigste. Das nimmst du nicht mit, wenn du gehst. 

„Ich bin meiner Mutter auch unglaublich dankbar dafür, dass sie als Deutsche mit mir in meiner Kindheit eineinhalb Jahre in Gambia gechillt hat.“

bb21: Würdest du sagen, dass die Menschen in Gambia gemeinschaftlicher sind als hier in Deutschland?

Sam Sillah: Ja, wobei sie, wie gesagt, nicht mit Reichtum umgehen können. Dort wird auch sehr viel gegeiert, sobald jemand an Geld kommt. Dann möchte plötzlich jeder ein Stück vom Kuchen haben. Aber solange das nicht passiert, wird dort unglaublich viel geteilt und es geht häufiger um Menschlichkeit und Respekt als hier. 

bb21: Wie hat dich die Vorschule in Gambia geprägt? Natürlich warst du jung, aber sowas geht doch bestimmt nicht spurlos an einem vorbei.

Sam Sillah: Klar prägt dich das. Dadurch habe ich schon sehr früh viele Sprachen gelernt. Denn in Gambia ist die Amtssprache Englisch, die muss dort jeder können. Aber ich habe dort auch Wolof gelernt, das die erste Stammessprache in Gambia ist, wodurch sie neben Englisch am häufigsten gesprochen wird. Wobei ich heute Wolof nicht mehr so gut sprechen kann wie als Kind [lacht]. 

 

bb21: Wie war es für dich in zwei völlig verschiedenen Ländern aufzuwachsen?

Sam Sillah: Ich habe dadurch schnell gelernt, den Menschen selbst in den Vordergrund zu stellen anstatt Oberflächlichkeiten wie Nationalität, Hautfarbe oder Religion. Denn ich habe sehr schnell erfahren, dass ich, wenn es um solche Dinge geht, nirgendwo zu Hause bin. Es gibt kein Land, in dem es nur Mischlinge gibt [lacht]. Deswegen war für mich in erster Linie wichtig, wer mich respektiert und wer es nicht tut. Ganz einfach, ich habe nicht nach Leuten gesucht, die so wie ich aussahen, denn davon trifft man nicht viele [lacht]. Dadurch habe ich in meinem Freundeskreis die verschiedensten Menschen: Von richtigen Deutschen, Marokkanern, Asiaten bis hin zu Schwarzafrikanern ist alles vertreten. Mir ist es einfach nicht wichtig, woher du kommst, sondern wie du dich verhältst. Ich bin meiner Mutter auch unglaublich dankbar dafür, dass sie als Deutsche mit mir in meiner Kindheit eineinhalb Jahre in Gambia gechillt hat.  

bb21: Krass, wie kam es dazu, dass du dort mit deiner Mutter alleine geblieben bist?

Sam Sillah: Es war nie geplant, dass wir so lange am Stück unten bleiben. Das einzige was klar war, war, dass mein Vater nach zwei Wochen wieder zurückfliegen musste, weil er wieder arbeiten muss. Eine meiner Tanten hat aber meine Mutter damit aufgezogen, dass Weiße niemals lange in Gambia klarkommen würden. Meine Mum hat sich herausgefordert gefühlt und wollte es dann den Leuten dort zeigen, dass sie auch in Gambia gut zurecht kommt. 

bb21: Lass uns zu dem Video von Sam Sillah kommen. Dort bist du mit einem Löwen zu sehen, der vielleicht nur ein Meter weit weg ist von dir. Hast du keine Angst gehabt?

Sam Sillah: Doch natürlich! Das war richtig crazy. Wir sind in den Senegal gefahren, um dort im Tierpark zu drehen. Ich wusste anfangs auch gar nichts von den Löwen und wir haben erstmal nur die Aufnahmen mit den Nashörnern, Giraffen und Antilopen gemacht. Aber es gab noch ein separates Gehege mit den Löwen, die von klein auf dort aufgewachsen sind. Wenn du den Parkbesitzern ordentlich Kohle abgedrückt hast, durftest du auch mit den Löwen laufen, die schon ausgewachsen waren. Man ist auch nicht ganz alleine gelaufen, hinter mir waren noch ein paar Männer, die mit einem Stock bewaffnet waren, um notfalls einschreiten zu können. 

 

bb21: Glaubst du, dass sie dich mit einem Stock wirklich hätten retten können, wenn der Löwe auf dich losgegangen wäre?

Sam Sillah: Nein, ich habe mich auch nicht sicher gefühlt und habe großen Respekt vor dem Löwen gehabt. 

 

bb21: Hast du dich nicht zu irgendwelchen Posen mit dem Löwen hinreisen lassen? 

Sam Sillah: Nein, aber die Parkbesitzer haben mich dann irgendwann vollgelabert, dass ich den Löwen streicheln soll und näher an ihn kommen soll. Das waren voll die Kaputten. Anfangs meinten sie noch, ich soll nicht näher als einen Meter an ihn ran und dann auch nur hinter ihm laufen. Aber irgendwann kamen die damit, dass ich ihn berühren soll, um bessere Bilder zu haben. Die waren einfach crazy. So einen Park hätte es in Deutschland niemals gegeben. 

bb21: Was hat dir der Fußball für dein Leben mitgegeben? Auf Mein Platz hast du dem sogar einen Song gewidmet.

Sam Sillah: Krass, dass das so rüberkommt, denn der Song selber hat nur ein paar Zeilen, die expliziert auf den Fußball bezogen sind. Aber ja, ich habe 20 Jahre lang Fußball gespielt und kam bis in die Oberliga. Leider habe ich mir aber 2015 den Meniskus gerissen, damit war es dann auf diesem Niveau vorbei. 

 

bb21: In der Oberliga verdient man auch schon ein wenig Geld mit dem Sport. Seid ihr eine total disziplinierte Mannschaft gewesen?

Sam Sillah: Nein, wir kamen in erster Linie über den Mannschaftsgeist. Wir waren eine unglaublich geile Truppe, die nach dem Spiel erstmal einen Kasten geleert hat, während unsere Gegner richtig organisiert und viel disziplinierter waren. Wir hatten eben richtig verrückte, aber unglaublich gute Spieler in der Mannschaft gehabt wie der Müller, der in einem komatösen Zustand erschien und noch total platt von Samstagnacht war, aber trotzdem vier Tore in einer Halbzeit gemacht hat. Das war eine geile Zeit.

 

bb21: Die letzten Worte gehören dir!

Sam Sillah: Freut euch auf die EP, denn wir haben da was richtig geiles gemacht. Außerdem merkt euch schon einmal den Namen Sam Sillah, denn da wird nächstes Jahr einiges kommen. Man wird mich bestimmt auch mal das ein oder andere Mal live sehen und ich freue mich auf die Resonanz zur Kreis EP.


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