Interview mit Rockstah

„Aus einem Menschen, den alle nur bemitleidet haben, ist ein mächtiger Bürgermeister geworden.“

Interview mit Rockstah
Interview mit Rockstah

Autor: Walter Schilling 

 

 

Heutzutage ist der Podcast-Moderator Rockstah eher für seine Gespräche bei Radio Nukular bekannt als für seine Songs. Denn mit dieser Show tourte er zusammen mit seinen Kollegen Chris und Dominik durchs Land und unterhielt tausende von Menschen. Doch das war nicht immer so. Als die „neue Reimgeneration“ sollte er 2010 HipHop wieder cool machen und ihn aus der damaligen Krise befreien. Es begann ein kleiner Hype um ihn und eine riesige Erwartungshaltung, die es ihm sehr erschwerte, seine Leichtigkeit zu behalten. Doch anstatt den Kopf in den Sand zu stecken, arbeitete er in den vergangenen vier Jahren intensiv an seinem Podcast und kann heute ein Album veröffentlichen, das frei von Druck und Zwängen ist: Cobblepot. Ein guter Grund, um via FaceTime ein wenig über Musik zu quatschen. 

bb21: Du hast dein Album nach einem totalen Außenseiter benannt, der aber zu einem sehr einflussreichen Kriminellen geworden ist. Wo siehst du die Parallelen zwischen dir und dem Pinguin von Batman?

Rockstah: Vor fünf Jahren habe ich mir den Pinguin tätowieren lassen. Genauer gesagt den Pinguin von Batman Returns, also Danny DeVito, denn er ist mein Lieblingspinguin. Ich fand es schon immer beeindruckend, wie jemand seine Außenseiterrolle so umdrehen konnte wie er. Aus einem Menschen, den alle nur bemitleidet haben, ist ein mächtiger Bürgermeister geworden. Er verliert zwar am Ende gegen Batman, dennoch hatte er seine großen Momente. Das hat mich in meiner Kindheit sehr beeindruckt. Ähnlich verliefen auch bei mir die vergangenen Jahre. Mein letztes Album kam nicht so gut an, wie ich es mir erhofft habe, und viele andere Dinge liefen nicht ideal. Aber durch die Podcasts, die vor einigen Jahren angefangen habe, bin ich mittlerweile in einer ganz anderen Position. 

bb21: Hat dich der Erfolg deiner Podcasts überrascht?

Rockstah: Ja, weil ich damit gar nicht gerechnet habe. Schließlich zeige ich mich dort nur von meiner persönlichen Seite und spreche ein wenig über mich und Spiele aus meiner Jugend. Dass aber genau das so gut bei den Leuten ankommt, hat mich tatsächlich überrascht. Da gibt es also schon ein paar Parallelen zum Pinguin. Aber natürlich in einem viel harmloseren Rahmen.

 

bb21: Dein Album enthält viel Indietronic und ist musikalisch weit weg von allen aktuellen Trends. War es klar, dass du dich frei von den modernen Playlists machst, wenn du nach vier Jahren ein neues Album veröffentlichst?

Rockstah: Ja, allein schon durch die Podcasts war ich wieder viel mehr drin im Thema Retro und muss einfach sagen, dass das schon immer meine Musik gewesen ist. Deswegen war schon von Anfang an klar, dass wir viel mit Synthesizer arbeiten werden. Auch die große Stranger Things Welle [Science-Fiction-Mysteryserie, Anm. d. Verf.] hat mich noch mehr in diese Richtung gebracht. Die 187er und viele andere Straßenrapper haben ihren eigenen Kosmus kreiert und natürlich zieht das auch Trittbrettfahrer an, die ihre Musik an den jeweiligen Hype anpassen, aber ich war doch die letzten vier Jahre komplett draußen. Da ist es mein Anspruch, Musik zu machen, die aus dieser Masse hervorsticht. 

bb21: Wobei du inhaltlich schon immer sehr speziell gewesen bist.

Rockstah: Ja, aber jetzt habe ich auch das passende musikalische Gewand dazu! Es gab zu diesem Album auch nur zwei musikalische Vorgaben von mir. Zum einen, dass alles mit einem Synthesizer eingespielt werden muss und zum anderen, dass alles, was aktuell in der Deutschrapszene passiert, bei mir nicht stattfindet. 

„Da komme ich nach vier Jahren, in denen ich gar keine Musik veröffentlicht habe, und bieder mich allen Trends an? Das wäre doch mega unangenehm.“

bb21: Da schließt sich dann wieder der Kreis und du bist musikalisch so anti wie Pinguin in Gotham.

Rockstah: Ja, wobei ich das nicht gemacht habe, um allen den Mittelfinger zu zeigen, sondern weil das einfach merkwürdig kommen würde. Da komme ich nach vier Jahren, in denen ich gar keine Musik veröffentlicht habe, und bieder mich allen Trends an? Das wäre doch mega unangenehm. 

 

bb21: Du bringst deine Alben mittlerweile im Vierjahres-Rhythmus raus. Was ist die Erklärung dafür?

Rockstah: Zum einen weil mich meine letzte Platte Pubertät sehr runtergezogen hat. Bei dem Album ist viel passiert, was ich nicht so geil fand. Ich habe mich mit meiner damaligen Band sehr gestritten, dann das mir Crockstahzumjot [An. d. Verf.: Eine Rapcrew besthend aus Rockstah, Cro und Ahzumjot], das noch so lange angehaftet hat und der ganze Struggle rund um Pubertät. Das hat mich viel Kraft gekostet und dann kamen die Podcasts mit Radio Nukular. Über sie habe ich dieses neue Format überhaupt erst kennengelernt und festgestellt, dass ich mich auch auf eine ganz andere Art und Weise ausdrücken kann, als nur über Musik. Das war 2014, als Podcasts noch wirklich etwas ganz Neues waren. Wirklich an Songs konnte ich durch die vielen Shows eh erst im Novmber 2017 arbeiten. Dieser große Abstand zur Musikindustrie hat mir auch sehr gut getan.

bb21: Ist es Zufall, dass du für jedes Album vier Jahre brauchst?

Rockstah: Es ist ein Fluch [lacht]. Zu Myspace-Zeiten habe ich noch jedes Jahr zwei Alben veröffentlicht, aber seit Nerdrevolution sind es immer vier Jahre, das stimmt. 

bb21: Viele deiner alten Mitstreiter wie Cro oder Ahzumjot sind feste Größen der HipHop-Szene geworden. Denkst du manchmal nicht, wenn ich vielleicht stetiger Musik gemacht hätte, wäre es bei mir auch größer geworden?

Rockstah: Hättest du mich vor vier Jahren gefragt, hätte ich auf diese Frage geantwortet, dass es mich schon sehr frustriert. Inzwischen bin ich aber sehr zufrieden, weil ich durch den Podcast etwas gefunden habe, was mir viel mehr liegt. Die Musikindustrie ist nunmal sehr anstrengend. Dass ich einen neuen Weg in meinem Leben gefunden habe, der mir so viel gibt und womit ich so viele tolle Sachen erlebe, ist einfach geil. Das Schönste daran ist vor allem, dass ich mittlerweile auch den Freiraum habe, Musik machen zu können, weil es mir Spaß macht und nicht, weil mich ein Label dazu nötigt. 

 

bb21: Die HipHop-Szene hat sich seit deinem letzten Album sehr verändert. Findest du immer noch gerne hier statt?

Rockstah: Ich finde eigentlich, dass HipHop nur ein Problem hat. Schau dir mal die Metal-Szene an. Die ist noch in viele weitere, kleine Genres unterteilt, was es im HipHop leider nicht gibt. Denn letztendlich muss man doch zugeben, dass Cro und die 187er nicht so viel gemeinsam haben. Vieles wäre einfacher, wenn man HipHop mit einem differenzierteren Blick betrachten würde. Ich meine, meine Musik ist doch gar kein Konkurrenzprodukt zum Album von Gzuz. Da überschneidet sich doch nichts. 

bb21: Wie kam es dazu, dass du mittlerweile mehr für deine Podcasts als für deine Musik bekannt bist. Ich meine, als du damit angefangen hast, war das ja noch ein sehr nerdiges Format, das nur wenige hierzulande kannten.

Rockstah: Chris und Dominik, mit denen ich Radio Nukular moderiere, haben mich zu Pubertät damals für ihre jeweiligen Formate interviewt und das hat den Stein überhaupt ins Rollen gebracht. Eigentlich wollten wir nur etwas Kleines machen, das wenigstens die Kosten trägt, doch schon nach kurzer Zeit ist das aber komplett explodiert und wir sind mit unseren Podcasts auf Tour gegangen und haben mehr Hörer gehabt, als wir es uns hätten vorstellen können.

bb21: Wenn du den Leuten sagst, dass du Podcasts machst, musst du es ihnen auch noch erklären oder weiß das mittlerweile jeder?

Rockstah: Ich muss das schon noch oft erklären, wobei das aber immer mehr wissen. Vor kurzem war ich in den USA, da ist das Thema noch viel allgegenwärtiger. Da muss ich das Format wirklich niemandem mehr erklären, weil die diesbezüglich nochmal weiter sind als wir in Deutschland.

 

bb21: Die letzten Worte gehören dir!

Rockstah: Das Album Cobblepot kommt am 26.10. raus, zu dem wir tolle Editionen gemacht haben. Bei der Vinyl-Edition liegt zum Beispiel noch Nerdrevolution aus weißem Vinyl bei. Es gibt auch sehr schöne Kassetten zum Album, also echte Tapes, mit mühevollem Artwork. Ich bin wirklich sehr zufrieden mit Cobblepot und freue mich umso mehr über jeden, der das supportet. Damit meine ich gar nicht, dass ihr dafür unbedingt Geld ausgebt. Ich bin schon sehr dankbar dafür, wenn ihr einfach reinhört und es euren Freunden empfehlt, wenn es euch gefallen hat.


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