Interview mit Pilz

„Ein Großteil unserer Gesellschaft ist doch nur deswegen nett und respektvoll, weil sie eine Gegenleistung erwarten. "

Interview mit Pilz
Interview mit Pilz

Autor: Walter Schilling

 

 

Probleme mit dem Staatsschutz, der Polizei oder der AfD gehören für Pilz zur Tagesordnung und seit dem Battle gegen Nedal Nib auch Morddrohungen. Kaum jemand polarisiert so stark wie sie, obwohl sie oftmals einfach nur auf die Doppelmoral unserer Gesellschaft hinweist und damit regelmäßig großes Entsetzen hervorruft. Die Lübeckerin legt nunmal gerne den Finger in die Wunde und hat mit Tod/Geburt ein neues Album in der Pipeline. Deswegen habe ich mich mit ihr via FaceTime verabredet, um mehr über die Rapperin zu erfahren, über die so viele eine starke Meinung haben. Entweder liebt oder hasst man sie. 

bb21: Dein Album hat ein sehr abschreckendes Cover. Warum hast du dich für etwas eher Abstoßendes entschieden?  

Pilz: Das passt zu meiner Musik. Wenn du dir das Album nämlich anhörst, wirst du dort auch viele abschreckende Tracks finden. Deswegen ist das Cover doch ziemlich passend. Letztlich war diese Entstehung aber ein längerer Prozess. Da das Album Tod/Geburt heißt, war es mir wichtig, mit einem Element zu spielen, das ebenfalls schon tot war, doch jetzt eine Wiedergeburt erfährt. Genau das trifft auf Polareid zu. Dieser Teil der Fotografie war schon sehr lange tot, doch ist jetzt wieder total angesagt.  Auch die Entscheidung die Augen zu verbrennen, war eine sehr bewusste, denn es geht darum, hinzuhören. 

 

bb21: Du hast dein Album Tod/Geburt genannt. Zum einen trennst du die beiden Nomen, aber trotzdem steht da eben auch Todgeburt. Warum dieser provokante Titel?

Pilz: Mein letztes Album hieß Kamikaze, weswegen es nun zu der Neugeburt kommen musste [Anm. d. Verf.: Als Kamikaze wurden japanischer Flieger bezeichnet, die sich mit einem Bombenflugzeug auf feindliche Ziele stürzten und dabei selbst starben]. Dass ich dabei einen Albumtitel aussuche, bei den man automatisch Todgeburt ausspricht, ob man will oder nicht, empfand ich erstmal einfach nur als lustiges Beiwerk. Aber natürlich steckt da auch Sozialkritik dahinter, denn es gibt einfach sehr viele Themen in unserer Gesellschaft, die totgeschwiegen werden. Natürlich ist eine Todgeburt eine schlimme Erfahrung, aber deswegen ist es umso wichtiger, darüber auch zu sprechen. Ich habe ein paar Nachrichten von Leuten bekommen, die mich missverstehen und denken, ich würde mich darüber lustig machen. Aber das ist überhaupt nicht meine Intention, denn ich möchte damit einen kleinen Beitrag dazu leisten, die Todgeburt von ihrem Stigma zu befreien. Wer sich das Album anhört, wird das auch raushören.

bb21: Auf dem Reeperbahnfestival hast du davon erzählt, dass du keinen Song machen würdest, um einfach mit ein paar Frauen einen Track aufzunehmen. Das wäre für dich kein Anreiz. Warum hast du dich dann doch dazu entschieden, mit Lumaraa und ÉSMaticx genau diesen Song aufzunehmen?

Pilz: [lacht] Ich habe schon viel eher damit gerechnet, dass mir jemand das Statement vom Reeperbahnfestival vorhält. Es stimmt was ich dort gesagt habe, doch die Motivation für diesen Song ist eine ganz andere gewesen. Lumaraa hat mich, wie schon auf dem Reeperbahnfestival gesagt, angeschrieben. Wir verstehen uns seitdem auch sehr gut, aber ich wollte mit ihr keinen Song aufnehmen, wo alle möglichen Frauen vertreten sind. Auf dem Song Flexen wollte ich auf jeden Fall einen Featurepart haben und habe dann Lumaraa angeschrieben. Mich hat vor allem daran gereizt, den Song mit ihr zu machen, weil sie zwar fette Skills hat, aber gerne poppige Tracks veröffentlicht. Mit ihr dann aber ein Lied gemeinsam zu schreiben, auf dem sie total spittet und ihre Raptechnik präsentiert, hat mich total gereizt. 

bb21: Und wie kam dann ÉSMaticx noch dazu?

Pilz: Mit ihr stehe ich ohnehin schon lange in Kontakt. Was mich bei ihr gereizt hat, war, dass sie auf Beats wie auf Flexen sonst nie rappt. Man merkt also, meine Intention war nie die, einen Song nur mit Frauen zu produzieren, sondern einen Überraschungssong auf dem Album mit diesen beiden Features zu haben.

 

bb21: In was für einer Gegend bist du aufgewachsen? Du erwähnst das immer mal wieder in deinen Songs, aber lass uns doch mal etwas ausführlicher darüber sprechen.

Pilz: Ich bin in Lübeck geboren und natürlich ist das nicht die Stadt mit der höchsten Kriminalitätsrate. Aber wie jede Stadt in Deutschland hat auch Lübeck einen Teilort, in dem die Sozialschwachen leben. Es wäre total übertrieben, das Ghetto zu nennen, wie es wohl auch in vielen anderen Teilen Deutschlands übertrieben ist. Dennoch war es eine klassische Plattenbausiedlung, die ihre eigenen Discounter und andere Läden hat, wodurch kaum jemand einen Grund hat, die Gegend zu verlassen. 

„Bisher gab es noch keine Frau, die so krass batteln konnte wie ich bei DLTLLY.“

bb21: Welche Stadtteile waren das konkret?

Pilz: Als ich 18 Jahre alt war, bin ich schon fünf Mal innerhalb Lübecks umgezogen. Die meiste Zeit in Vorwerk, aber auch im Bahnhofsviertel, Kücknitz und Moisling. Die meisten Gegenden werden von den Lübeckern eher belächelt.

bb21: Du selber bist also ganz klassisch im Block aufgewachsen.

Pilz: Genau. Wir haben selber auch eine zeitlang Harz IV bezogen, wobei wir in unserem Block dabei keine Ausnahme waren.

 

bb21: In wie fern haben dich diese Gegenden geprägt?

Pilz: Wenn du die Fenster öffnest, hörst du aus jedem eine andere Sprache. Man lernt dort viel mehr Kulturen kennen, was ein großer Vorteil sein kann, was die Offenheit und Toleranz angeht. Denn dort merkt man schnell, dass deine Haarfarbe nicht darüber entscheidet, was für ein Typ du bist. 

bb21: Lass uns über deinen Song Made in China sprechen. Denn dort sprichst du über Kinderarbeit und sagst in der Hook: „Der Designer ist zwar reicher als ich, doch ich bin reicher als die Kids der Fabrik“.

Pilz: Ich rede auch mit meinen Freunden viel darüber, was man mit seinem Geld unterstützen darf und was nicht. In solch einem Gespräch ist auch die Hook entstanden. Aber oftmals scheitern wir an unseren eigenen Ansprüchen, was ich unter anderem in dem Song thematisiere. 

bb21: In deinem Song Karmakonto sprichst du an, dass du gute Dinge nur deswegen machst, um dein Karmakonto zu erhöhen. Aber ist das dann noch überhaupt eine gute Tat, wenn man dafür etwas zurückhaben möchte?

Pilz: Genau das ist die Frage, die dieser Song aufwirft! Ein Großteil unserer Gesellschaft ist doch nur deswegen nett und respektvoll, weil sie eine Gegenleistung erwarten. Man sieht es auch ganz gut bei der Arbeit. Selbst wenn man die Arbeitskollegen und die Vorgesetzten so richtig schlimm findet, wird man sie meistens anlächeln und übertrieben höflich zu ihnen sein. „Klar Chef, das mache ich gerne für Sie. Kann ich denn noch etwas für Sie machen?“ Solange man etwas zurückbekommt, ist man gerne höflich und respektvoll. 

 

bb21: Ist es also wichtiger, was du mit deiner Handlung beabsichtigst als das reine Ergebnis?

Pilz: Ja, finde ich schon. Im Koran steht, dass es wichtiger sei, was man im Herzen hat, als die Handlung. Mich nervt auch die katholische Denkweise, in der viele Leute ihre Mitmenschen unglaublich scheiße behandeln, dann aber beichten gehen und denken, dass nun alles wieder in Ordnung sei. Dagegen finde ich es auch nicht schlimm, wenn jemand Essen stiehlt, weil er Hunger hat. Natürlich ist stehlen nicht cool, aber verhungern ist doch keine Option. Karmakonto ist ein Appell für mehr Ehrlichkeit in unserer Gesellschaft, damit man sich auf das, was der Gegenüber zu einem sagt, auch wirklich verlassen kann. 

bb21: Du hast eines der berühmtesten Battles auf DLTLLY gewonnen. Konntest du den Sieg gegen Nedal Nib rückblickend überhaupt genießen? Er ist vielleicht der beste Battlerapper des Landes und hat extrem wenige Kämpfe verloren, jedoch hast du auch einen unglaublichen Shitstorm - einschließlich Morddrohungen - bekommen.

Pilz: Ja, das konnte ich sogar sehr gut genießen, denn es hat fast einen Monat gedauert, ehe das Battle online ging und dann dieser Shitstorm über mich einbrach. Wie überrascht ich auch über den Sieg bin, kann man auch ganz gut im Video sehen. Damit hätte ich nie gerechnet, denn wie du schon sagst, Nedal Nib ist eine große Nummer im Battlerap und das war mein erstes Battle überhaupt. Ich bin auch gar nicht mit der Intention rangegangen, unbedingt gewinnen zu müssen, denn bisher gab es noch keine Frau, die so krass batteln konnte wie ich bei DLTLLY. Das allein hätte schon viel Aufmerksamkeit bekommen! No front [lacht].

 

bb21: Die letzen Worte gehören dir!

Pilz: Am 25. Mai kommt mein Album raus und am 9. Juni startet die dazugehörige Releaseparty, in Hamburg am Wagenbau. Ich freue mich, dort zahlreiche Besucher zu sehen. Im Herbst werde ich noch eine kleine Tour spielen, bei der aber noch nicht festgelegt ist, in welchen Städten ich spielen werde.


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