Interview mit Dim

Ich meine, ich habe [meinen Vater] mein ganzes Leben nie gesehen und dann zur Beerdigung gehen? Das wäre schon komisch.

Interview mit Dim
Interview mit Dim

Autor: Walter Schilling

 

 

Der Frankfurter Dim ist vor allem für seine Geradlinigkeit bekannt. Seit über zehn Jahren sind seine Raps eine richtige Herzensangelegenheit und bis heute ist er sich für jeden falschen Kompromiss zu schade. Er macht weder Zugeständnisse für das Radio noch für irgendwelche Trends. Zwar müssen sich seine Fans auch mal gut und gerne drei Jahre auf ein neues Album gedulden, doch diese sind dafür stets von authentischen und ehrlichen Raps geprägt. Er spricht über seinen verstorbenen Vater, den er nie kennengelernt hat, oder von Freunden, die er verloren hat. Dim hat in seinem Leben schon viel Scheiße fressen müssen und all jene, die diesen Geschmack ebenfalls kennen, können sich in seiner Musik wiederfinden.

 

bb21: In Drive rappst du über alte Weggefährten. Dabei hört sich das so an, als hättest du in deinem Freundeskreis aussortiert, oder täusche ich mich?

Dim: Ja, das hast du völlig richtig erkannt. Vor ein paar Jahren habe ich für mich die Erkenntnis gewonnen, dass ein, zwei richtige Freunde besser sind als tausend falsche Homies. Heute chille ich nur mit Leuten, die ich jahrelang kenne und denen ich sehr vertraue. In meinem privaten Umfeld wurde ich tatsächlich sehr oft enttäuscht und verbringe deswegen mit den Jungs meine Zeit, auf die ich mich auf wirklich verlassen kann. Aber das lag auch teilweise an mir. Ich dachte früher, dass mir keiner was anhaben kann. Nach dem Motto, f*** die Welt, ich komme mit allem klar.

 

bb21: Ich habe bei dir auch das Gefühl, dass du dein Dasein als Untergrundrapper mit sehr viel Stolz trägst. Viele Rapper, die in einer ähnlichen Situation sind, sind eher gefrustet und wollen unbedingt berühmt werden. Warum ist das bei dir anders?

Dim: Das hast du richtig beobachtet. Ich lebe den Untergrund einfach. Ich habe schon viele Angebote bekommen, doch darin konnte ich mich nie wiederfinden. Dafür hätte ich mich verändern müssen und das wollte ich eben nie. Nur um irgendwo signen zu können, kann ich nicht meine wahre Identität verraten. Darauf, dass ich in meiner Musik immer ich selbst geblieben bin, bin ich stolz! Ich habe auch nie darauf gesetzt, mit der Musik Geld verdienen zu müssen und habe neben Rap einen normalen, beruflichen Werdegang.

bb21: Du veröffentlichst seit deinem Debütmixtape 16 Yards regelmäßig Musik. Aber mittlerweile gönnst du dir zwischen den Veröffentlichung auch gerne zwei bis drei Jahre.

Dim: Ich weiß, dass es eigentlich ganz wichtig ist, konstant Mucke zu veröffentlichen. Aber ich möchte nicht, dass das der Grund ist, warum ich Songs schreibe. Auf der anderen Seite finde ich es auch immer ganz schlimm, wenn Rapper ihre Karriere beenden. Sowas kann man doch nicht genau sagen. Es gibt natürlich immer wieder Phasen, in denen man keine Musik machen kann, weil der Job zu stressig ist oder man eine neue Freundin hat und man lieber mit ihr die Zeit verbringt. Aber in den letzten zehn Jahren hatte ich immer wieder Phasen, in denen die Musik absolut im Vordergrund stand. 

bb21: Verarbeitest du in der Zeit, in der du Musik machst, die Jahre, in denen du keine Musik gemacht hast?

Dim: Ja, natürlich. In dieser Zeit passieren ja auch sehr viele Dinge, die ich in meinen Songs thematisiere. So wird es auch in Zukunft weitergehen. Ich werde immer wieder Musik machen. Die Rapper, die nach ein paar Jahren ihren Hunger verlieren, kann ich auch nicht verstehen. Man möchte doch immer besser werden.

 

bb21: Du sagtest auch mal, dass du für Competition und Battles immer zu haben seist. Aber dass es eben keine Herausforderer gibt, seitdem du dich Untergrund King nennst. Ist das immer noch so, dass du für Battles zu haben bist?

Dim: Ja, natürlich. Das soll sich aber nicht arrogant anhören [lacht]. Es ist einfach so, dass ich häufig hinter den Kulissen Stress hatte, der aber nie musikalisch ausgetragen wurde, sondern immer durch Drohungen, Palaver und dem Kram. Anstatt einfach mal auf einem Song Tacheles zu reden, wurde immer hinter dem Rücken schlecht gesprochen. Aber es hat sich nie jemand getraut und damit angefangen, das auf musikalischer Ebene zu klären. Nimm doch zum Beispiel Eminem. Seine besten Tracks waren fast allesamt Disstracks. Hier reist man sich automatisch zusammen und versucht das Beste aus sich herauszuholen, denn hier muss man gut sein.

„SEITDEM IST IN MIR DIE ERKENNTNIS GEREIFT, DASS ICH JEDES LEID, EGAL WAS PASSIERT, AUSHALTEN KANN.“

bb21: Warum hast du dann nie damit angefangen?

Dim: Weil ich mir blöd vorkomme, wenn mir jemand nur eine Nachricht schreibt und ich dann gleich mit einem ganzen Disstrack um die Ecke komme. Wenn die ein Problem haben, dann sollen sie doch auch anfangen. Falls der Streit durch die Musik ausgelöst wurde, können wir ihn auch damit beenden.

bb21: Du hast auch einen sehr persönlichen Song, in dem du zurückblickst und darüber rappst, dass du auf der schiefen Bahn sehr glücklich warst. Warum? Was war dort so toll, dass du die Zeit sogar rückblickend feierst?

Dim: Das war damals eine sehr schwierige Zeit für mich mit Todesfällen und vielen Trennungen. Ich war wirklich am Boden zerstört, doch irgendwann konnte ich mich selbst wieder aufbauen. Seitdem ist in mir die Erkenntnis gereift, dass ich jedes Leid, egal was passiert, aushalten kann. Ich habe doch schon so viel Scheiße erlebt, was soll mich jetzt noch runterziehen? Natürlich ist es etwas naiv, aber sobald du dich aus diesem Loch befreit hast, fühlst du dich unbesiegbar und alles scheint rückblickend nur noch halb so wild. Hier kommt dann aber auch die schiefe Bahn ins Spiel. Nicht im Sinne von Drogen oder dergleichen. Vielmehr kann es passieren, dass man durch dieses Gefühl der Unantastbarkeit zu egoistische Wege geht und dadurch, ohne es zu bemerken, andere Menschen verletzt.

 

bb21: Wie konntest du dich aus dieser Trauer befreien? Gab es da ein Schlüsselereignis?

Dim: Nein, es ist auch nicht von einem auf den anderen Tag passiert. Es war richtige Arbeit aus dem Bett aufzustehen, die sozialen Kontakte zu pflegen, Sport zu treiben und all das. Wenn ich mich dem nicht gestellt hätte, wäre ich bestimmt immer noch am Boden. Doch es gab dafür kein Schlüsselerlebnis. Es war einfach harte Arbeit, Stück für Stück. Dort kann dir auch keiner raushelfen, außer du dir selber. 

bb21: Du hast mal in einem Interview gesagt, dass du froh darüber bist, dass dein Leben so gelaufen ist, wie es ist. Aber ohne die Unterstützung eines Vaters hat man es im Leben doch viel schwerer. Warum bist du darüber froh? 

Dim: So bin ich einfach. Nicht einmal in meiner schlimmsten Zeit habe ich mir gewünscht, dass ich mit jemandem das Leben tausche. Ich hatte auch trotz der Abwesenheit meines Vaters eine gute Kindheit. Meine Mutter, Tanten, Onkeln, Cousinen und Cousins haben das gut aufgefangen. Vor allem meine Mutter hat sich da unglaublich viel Mühe gegeben. Es kann bestimmt sein, dass mich das unterbewusst verändert hat. Trotzdem möchte ich an dieser Zeit nichts ändern, denn ich wäre heute nicht der, der ich bin, wäre es damals anders geschehen. 

 

bb21: Mittlerweile ist aber dein Vater gestorben. Hast du ihn am Sterbebett besucht?

Dim: Das habe ich selber erst von meiner Tante erfahren, die ich zuvor noch nie in meinem Leben gesehen habe. Sie hat mir davon aber auch erst erzählt, nachdem er gestorben ist. Aber wenn sie es mir ein paar Tage vorher erzählt hätte, sodass ich zu seiner Beerdigung hätte gehen können, wäre ich trotzdem nicht hin. Ich meine, ich habe ihn mein ganzes Leben nie gesehen und dann zur Beerdigung gehen? Das wäre schon komisch. 

bb21: Hast du nie den Wunsch verspürt, ihn lebend kennenzulernen?

Dim: Den Drang dazu hatte ich nie. Klar hat man mal mit dem Gedanken gespielt und meine Freunde haben es mir immer geraten, aber ich habe es immer vor mir hergeschoben. Als ich dann aber davon erfahren habe, dass er gestorben ist, hat mich das schon runtergezogen. Denn von da an war es sicher, dass ich ihn nie mehr kennenlernen werde. Aber gut, das war eben meine Entscheidung und mit ihr muss ich jetzt leben. In ihm steckte bestimmt auch etwas Gutes, schließlich war meine Mutter in ihn verliebt, aber mehr versöhnliche Worte habe ich nicht für ihn. Schließlich habe ich ihn ja nie kennengelernt.

bb21: Die letzten Worte gehören dir!

Dim: Ich danke dir für das Interview mit den tollen Fragen. Man merkt, dass du dich gut vorbereitet hast. Danke dafür.


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