Interview mit Monet 192

„Man gilt [in der Schweiz] schnell als unauthentisch, wenn man auf Hochdeutsch rappt.“

Interview mit Monet192
Interview mit Monet192

Autor: Walter Schilling

 

 

Monet192 kreiert auf seinen Songs Momente, die ein ganz besonderes Gefühl beim Hörer erzeugen können. Denn seine Hooks verlassen seltenst das Ohr, sie sind eher gekommen, um zu bleiben. Trotzdem überzeugen Tracks wie Tout je Jour oder Jage die Mioooooo nicht nur mit ihrem Refrain, sondern auch mit einem ausgezeichneten Beatgeschmack und einem guten Gespür für Melodien. Der Schweizer kann seine Hooks nämlich selbst „einsingen“ und überzeugt auf seiner EP 192 mit vielen verschiedenen Styles. Dabei ist er gerade mal 20 Jahre jung und soll schon Texte für verschiedene Rapgrößen geschrieben haben. Um den Rapper aus St. Gallen näher kennenzulernen, habe ich mit ihm via WhatsApp-Call gesprochen.

bb21: Du hast eine spannende Herkunft. Ich habe gehört, dass deine Großeltern aus drei verschiedenen Ländern kommen.

Monet 192: Das stimmt. Meine Mutter ist nämlich Halb-Mazedonierin, Halb-Italienerin. Mein Vater kommt dagegen aus Tunesien. Das ist auf jeden Fall eine sehr seltene Mischung. Dadurch komme ich auch mit vielen verschiedenen Menschen schnell und tief in Kontakt, denn sowohl Araber als auch Italiener und Mazedonier haben mit mir Gemeinsamkeiten. Auf der anderen Seite kann ich kein arabisch, was dann schnell bei manchen für Ernüchterung sorgt. 

bb21: Vor acht Monaten hast du mit Tout le jour einen Hit gelandet. Fühlt sich dieser Erfolg noch surreal an und was hat sich seitdem verändert? 

Monet 192: Das ist schon schwierig. Das kommt auch ganz auf die Situation an. Es ist schon so, dass ich in vielen Städten schneller wiedererkannt werde. Da möchte ich natürlich eher positiv als negativ auffallen, weil ich mir meines Einflusses bewusst bin. Es gibt jetzt auch Menschen, die zu mir aufsehen. Die möchte ich nicht dazu verleiten, respektlos zu werden. Deswegen achte ich seitdem ein bisschen mehr auf mein Verhalten in der Öffentlichkeit. Auf der anderen Seite genieße ich es seitdem umso mehr, nicht erkannt zu werden und mich ausgelassener Verhalten zu können.

bb21: Kannst du nur authentisch sein, wenn du alleine bist?

Monet 192: Das hat nichts mit Authentizität zu tun. Man muss sich aber der jeweiligen Situation anpassen können. Ich kann mich doch auf einer Beerdigung nicht so wie in einer Disco aufführen. Und so ist das auch in der Öffentlichkeit. Da darf man sich schon auf die jeweilige Situation einlassen. Ich habe mehrere Jahre in der Psychiatrie gearbeitet und bin mir aufgrund dessen meines Einflusses sehr bewusst. Ich will niemanden dazu verleiten, sich schlecht zu verhalten. Ich weiß, dass es Menschen gibt, die zu mir aufsehen. Denen möchte ich ein gutes Vorbild sein. Trotzdem muss man in allen Situationen man selbst sein und aufrichtig handeln. Dann ist man automatisch authentisch. 

 

bb21: Wenn man sich deine bisherigen Songs anhört, stellt man fest, dass du nicht viel von Genregrenzen hälst. Was macht für dich gute Musik aus?

Monet 192: Ein guter Song muss ein Moment haben, der dich trägt. Der alles für dich ist. Bei mir ist das die Hook, da lege ich großen Wert auf dieses besondere Gefühl. Das ist wie bei einem Flugzeugstart, wo man so schnell beschleunigt, dass man beginnt, zu fliegen. Aber ein Lied darf nicht nur dieses Gefühl haben, sondern muss vielschichtiger sein. Man braucht eben auch die Landung.

„Als er sagte, dass er bereit wäre, mir 300 Franken [für einen Songtext] zu geben, war ich baff, habe aber das Angebot natürlich angenommen.“

bb21: Es gibt nur wenige Schweizer Rapper, die auch in Deutschland ihren Durchbruch schaffen. Ist das für dich eher ein Vor- oder Nachteil, dass kaum jemand die Schweiz auf dem Schirm hat?

Monet 192: Beides. Man hat natürlich diesen Überraschungseffekt, wenn die Leute erfahren, dass man aus der Schweiz kommt. Man hat in Deutschland dadurch auch ein gewisses Alleinstellungsmerkmal, weil Schweizer eher Rap für die Schweizer machen. Auf der anderen Seite gilt man hierzulande schnell als unauthentisch, wenn man auf Hochdeutsch rappt, weil man sich angeblich anbiedern würde. Aber das ist quatsch. Ich liebe einfach Hochdeutsch, warum darf ich dann nicht so rappen, wie es mir gefällt? Hinzukommt, dass man als Schweizer schwieriger Kontakte in Deutschland knüpft, als Deutsche, die ihr ganzes Leben dort verbracht haben. Aber das ist ja normal und liegt auf der Hand.

 

bb21: Bislang sind deine Songs immer sehr gut angekommen. Setzt dich dein bisheriger Erfolg unter Druck?

Monet 192: Nein, davon muss man sich wirklich lösen können. Es gibt ja viele Musiker, die sehr verbissen arbeiten. Man hat ja keine richtigen Arbeitszeiten und viele gönnen sich kaum Pausen, arbeiten Tag und Nacht an ihrem nächsten Hit und kriegen ihn aber nicht hin, weil man das als Hörer merkt, dass die Leichtigkeit fehlt. Man muss die richtige Balance finden. 

bb21: Im Song Clean geht es um Freundschaft und Loyalität. Wie definierst du Freundschaft und was ist dir dabei besonders wichtig?

Monet 192: Lass mich dazu bitte eine Frage stellen: Würdest du bei deiner Familie Bedingungen stellen, um ihnen zu helfen? Angenommen, dein Bruder bräuchte Geld, ist aber gerade arbeitslos und du wüsstest nicht, ob du es je zurück bekommst. Würdest du ihm dennoch helfen oder ihn dann links liegen lassen?

 

bb21: Natürlich steht man zu seiner Familie auch in schlechten Zeiten und hilft ihnen durch solche Momente durchzukommen? 

Monet 192: Genau, denn deine Hilfe ist bedingungslos. Wenn das auch bei Menschen zutrifft, die nicht zu deiner Familie gehören, dann sind das echte Freunde. So definiere ich Loyalität.

bb21: Im Interview mit „St. Galler Nachrichten“ ist zu lesen: „Zu Beginn habe Russo seine Songs selber geschrieben, in Zukunft wolle er sein Team dementsprechend vergrössern.“ Das ließt sich so, als ob du nach Songwritern suchst. Stimmt das?

Monet 192: Nein, das ist ein Missverständnis. Das Gegenteilige ist der Fall: Ich habe die Texte für andere Rapper geschrieben.

 

bb21: Wie kam das zustande? 

Monet 192: Ich habe immer gerne Hooks geschrieben und irgendwann kam jemand auf mich zu und wollte eine dieser Hooks haben. Ich habe ihn Spaßeshalber gefragt, was er mir denn dafür geben würde. Als er sagte, dass er bereit wäre, mir 300 Franken zu geben, war ich baff, habe aber das Angebot natürlich angenommen. So kamen dann immer öfter anfragen und irgendwann habe ich mit einem Produzenten eng zusammengearbeitet. Er hat den Beat gemacht und ich dazu den Text für die Hook. Das haben wir dann als fertiges Packet verkauft.

bb21: Bereust du es mittlerweile, für andere Rapper die Texte geschrieben zu haben und denkst dir, das hätte dein Hit sein können?

Monet 192: Ich finde es eher cool, zu wissen, dass diese Musiker fast jeder kennt, manche Songs von ihnen aber aus meiner Feder stammen.

 

bb21: Du machst eine Ausbildung als Fachmann für Gesundheit und arbeitest in einer Psychiatrie. Was sammelst du dort für Erfahrungen? Du hast dort ja Kontakt mit heftigen Persönlichkeiten.

Monet 192: Das stimmt. Aber das war mir sehr wichtig in dieser Richtung eine Ausbildung zu machen, denn ich selber hatte keine ganz einfache Kindheit, weswegen ich den Beruf schon immer ausüben wollte. Meine Aufgabe war, dort mit Menschen zu sprechen, die in einem tiefen Loch waren. Denen durfte ich zeigen, wie sie dort rauskommen. Den Weg mussten sie zwar selber gehen, jedoch durfte ich sie dabei begleiten. Das ist aber grundsätzlich in allen Situationen so. Niemand kann für dich den Weg gehen, der zur Besserung führt. Dies ist aber auch meine Arbeitsphilosophie. Ich möchte meinen Weg selbst gehen und bezahle deswegen auch die Leute, mit denen ich zusammenarbeite. Nur auf diese Weise kann ich mir ein selbstständiges Standing in der Szene erarbeiten.

bb21: Was ist noch für das Jahr 2018 geplant?

Monet 192: Es sind noch zwei EP`s geplant, die zusammen ein Mixtape ergeben werden. Für mein Debütalbum werde ich mir noch ein wenig Zeit lassen, denn das muss ein richtiges Meisterwerk werden, auf das ich richtig stolz sein kann. Aber heutzutage kann man sich für sein Debütalbum auch ein wenig Zeit lassen, weswegen ich da nichts erzwinge, sondern geduldig weiter daran arbeiten werde. Ich bin nicht der Typ Mensch, der sofort alles schnell erledigt, sondern lieber etwas langsamer an die Sache rangeht, dafür aber eine hohe Qualität abliefert. 

 

bb21: Die letzten Worte gehören dir!

Monet 192: Ich danke der gesamten 192-Familie und möchte an dieser Stelle sagen, dass ich immer an sie denke. Außerdem ein großes Danke für dieses Interview, das mir sehr viel Spaß bereitet hat. 


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