Interview mit Millieu

„Die, die einen Ruf auf der Straße haben, sind die, die als nächstes in den Bau wandern.“

Interview mit Millieu
Interview mit Millieu

Autor: Walter Schilling

 

 

Millieu wurde vor einigen Jahren wegen dem Besitz von einer ganzen Tonne Marihuana angeklagt. Aber nicht nur damit scheint der Berliner seinen Lebensunterhalt bestritten zu haben, auch als Zuhälter hat er etliche Jahre gearbeitet und das Geschäft einiger Prostituierten geregelt. Doch mittlerweile hat Millieu die Straße hinter sich gelassen und möchte sich nun seiner Leidenschaft widmen: Rap. Dabei verarbeitet er in seinen Texten seine eigene Zeit als Dealer und Zuhälter, doch möchte in diese Welt nie mehr zurückkehren. Im Interview, das wir in einem kleinen Café in Ostberlin geführt haben, ging es deswegen um seine Vergangenheit, die Gegenwart und die Zukunft.

bb21: Du hast vor einem Monat dein Rapcomeback mit dem Song Gavat gestartet. Was hast du davor gemacht?

Millieu: Ich rappe schon viele Jahre lang und habe davor Songs für andere Rapper geschrieben, die auch schon sehr bekannt sind. Aber darüber möchte ich hier nicht sprechen. Jedenfalls habe ich sehr viel Musik gemacht, aber früher war das eine brotlose Kunst.

 

bb21: Was fandest du an ihnen denn so schlimm?

Millieu: Die waren überhaupt nicht authentisch. Die sind zu uns in den Block gefahren und haben geschaut wie wir reden, wie wir uns kleiden und haben unseren Style adaptiert. Da sehe ich dann so einen Vollidioten von Rapper, der in den Videos wie wir rumläuft, aber eigentlich ein total peinlicher Spacko ist, der nie etwas mit der Straße am Hut hatte. Für die Musikindustrie waren das natürlich wahre Schätze, weil keiner davor Angst hatte, dass die Fake-Rapper mal in den Knast wandern müssen. Schließlich waren die nicht kriminell. Deswegen kann ich auch ein Stück weit die Majorlabels verstehen. Für die ist das natürlich ein wirtschaftlicher Totalschaden, wenn man einen Künstler jahrelang aufbaut und der dann im entscheidenden Moment in den Bau wandert. 

bb21: Aber dadurch haben dir die Fake-Rapper den Einstieg in die Musikindustrie erschwert.

Millieu: Natürlich, denn wenn ein Schaf neben einem Wolf steht, merkt jeder, wer von den beiden das wahre Raubtier ist. Deswegen wollte keiner, dass echte Gangster rappen. Da wurden uns sehr viele Türen verschlossen. Es gab in der Musiklandschaft einfach keinen Platz für Menschen wie mich.

 

bb21: Was hat sich dann bei dir geändert, dass du jetzt doch rappst?

Millieu: Wenn die Bullen das fünfte Mal deine Bude mit einem Rammbock wegen Handel mit Betäubungsmitteln in nicht geringen Mengen stürmen, dann findet eben ein Umdenken statt. Heute widme ich mein Leben dem, was ich liebe und kann. Dazu gehört Rap. Aber ich plane nicht, Berufsrapper zu werden. Mir geht es eher darum, ein paar Ärsche einzutreten und meinen Platz in der Szene zu bekommen. Ich will Respekt haben und der Rest kommt von allein. 

bb21: Hat HipHop für dich Grenzen?

Millieu: Nein, gar nicht. Ich finde es hängengeblieben, wenn Leute 2018 noch sagen, dass hier Technoelemente nichts zu suchen haben oder sonst irgendwelche engstirnige Denkmuster an den Tag legen. Am Ende ist es Musik, in der es darum geht, etwas Neues zu kreieren. Schau dir 6IX9INE an, der Typ hat einen Regenbogen auf dem Kopf, bringt aber einfach Emotionen rüber. Warum soll man ihn dann haten? Am Ende geht es um Freiheit.

 

bb21: Du zeigst gerne auch mal dein Geld vor der Kamera. Woher kommt das? Vom Rap wird es ja wohl noch nicht stammen. Womit bezahlst du dein aktuell sehr luxuriöses Leben?

Millieu: Bist du sicher, dass du für ein HipHop-Blog schreibst und nicht für das Finanzamt? Das erinnert mich an die deutsche Bank, die mich für meinen zu großen Geldfluss rausgeschmissen hat. Dort bin ich lebenslänglich gesperrt. Ich habe denen zwar erklärt, dass ich Pri­va­ti­e­re sei, aber einem tätowierten Kanacken glauben sie das nicht, weil er nicht ins Bild passt. 

„Der Letzte, der mich [H**ensohn] genannt hat, dem habe ich die Hoden abgeschnitten!“

bb21: Ohne Tattoos wäre das bestimmt einfacher gewesen. Aber womit genau hast du in der Vergangenheit denn dein Geld verdient?

Millieu: Ich habe eine Escort-Agentur geführt. Aber wie und ob ich damit Geld verdient habe, kann ich hier nicht sagen. Ich war einfach nur zur falschen Zeit am falschen Ort. Ich war auch schon mal wegen einer Tonne Betäubungsmittel vor Gericht. Wenn ich mal kurz Revue passieren lasse, wie viel von meinem Geld, ich korrigiere, nicht mein Geld in die Asservatenkammer geflossen ist.

 

bb21: Wie kam es dazu, dass du eine Escort-Agentur gegründet hast?

Millieu: Ich habe als 14-jähriger für die älteren Drogen geliefert und bin so langsam ins Milieu gerutscht. Als ich älter wurde, kamen irgendwann dann Prostituierte auf mich zu und wollten mit mir zusammenarbeiten. Ich bin ein ganz umgänglicher Typ und kein Höhlenmensch und da wollten sie lieber mit mir was machen als mit anderen. Anfangs habe ich mich noch gesträubt, aber irgendwann habe ich mich dann doch breitschlagen lassen. Dann habe ich eben ein Konzept entwickelt, um Kunden ranzuschaffen, Wohnungen zu besorgen und für ihren Schutz zu sorgen. Das ist aber ein total dummes Business, das ich niemandem empfehlen kann. Da verlieben sie sich mal und dann möchte irgendein Typ mit dir sprechen, dann haben sie ihre Tage, wissen nicht was ein Schwämmchen ist und kümmern sich heute um keine Kunden, dann hängt ihnen ein Furz quer, dann dies, dann das. Irgendwas ist immer. 

bb21: Nennst du dich auch aufgrund dessen Millieu?

Millieu: Ja, ich schreibe mich aber mit doppel-L wegen des Wortspiels mit Millionen und der Neunmillimeter. Aber letztlich ist das ganze Leben nicht viel anders als im Rotlich-Milieu. Der Staat kümmert sich um unsere „Sicherheit“, wie es auch ein Zuhälter tut und knöpft uns allen dafür etwas ab. Der schickt uns auch auf den Strich und nimmt uns die Kohle ab. Versteh mich nicht falsch, ich respektiere jeden, der einer Arbeit nachgeht, bei der man Steuern zahlt, aber so sind die Verhältnisse nun einmal.

 

bb21: Glaubst du, dass das von Vorteil für deine Musik ist, dass du nicht dazu gezwungen bist, mit deiner Kunst den Lebensunterhalt zu verdienen?

Millieu: Puh, ich glaube, dass kann man nicht grundsätzlich sagen. Wenn du deswegen jedem Hype hinterherrennst, dann ist das natürlich nicht cool. Die Rapper, die ich am meisten respektiere, sind diejenigen, die ihr Ding einfach immer durchgezogen haben. Ganz egal, was mal angesagt war oder nicht. Diejenigen, die sich selbst treu bleiben, sind auch die, vor denen ich den meisten Respekt habe.

bb21: Zum Beispiel?

Millieu: Ich nenne keine Namen. Letztlich sind für mich alle Rapper, mit denen ich nicht abhänge, irrelevant. Deswegen würde ich auch nie irgendjemand einfach so dissen. Ich könnte auch kein normales Rapbattle machen. Wenn mich jemand H@*ensohn nennen würde, würde ich das nicht auf mir sitzenlassen und einfach chillen. Der Letzte, der mich so genannt hat, dem habe ich die Hoden abgeschnitten! Darüber haben sogar die Zeitungen berichtet. Ich bin kein Rapper, der über Rap rappt.

 

bb21: Was braucht man, um auf der Straße erfolgreich zu werden?

Millieu: Also wenn man es richtig machen will, muss man zu einem Geist werden. Du darfst dir dann zum Beispiel kein dickes Auto holen, denn sonst fragen sich die Bullen schnell, woher das Geld kommt. Wenn jemand mit einem AMG noch auf der Straße aktiv ist, ist er einfach nur dumm und sitzt schon bald im Knast. Deswegen brauchst du unglaublich viel Disziplin und darfst nie zeigen, was du hast. Denn sonst ziehst du die Bullen und Neider an. Beides kannst du nicht gebrauchen. Du musst auch deine Geschäfte unglaublich detailliert durchplanen, um auch Observierung, umgehen zu können. 

bb21: Gehört dazu auch Pünktlichkeit?

Millieu: Natürlich. Das ist ganz wichtig. Wenn jemand Stoff in seinem Kofferraum hat, müssen die Übergaben schnell abgewickelt werden. Da darf nicht lange auf wen gewartet werden. Deswegen ist es auch wichtig, mit den richtigen Kunden zu arbeiten. Du redest vielleicht nicht am Telefon, aber deine Kunden sprechen darüber, dass sie sich zwei Kisten Cola holen. Dann steht in der Akte, dass ein konspiratives Gespräch geführt wurde und es vermutlich um Betäubungsmittel geht. Dadurch wird das Geschäft auch irgendwann ermüdend, denn du musst immer zu Einhundertprozent bei der Sache sein und darfst dir keinen Fehler erlauben. Du brauchst sowohl gute Menschenkenntnisse als auch stetige Wachsamkeit.

 

bb21: Scheint kein Job zu sein, bei dem man irgendwann Feierabend hat.

Millieu: Genau. Du kannst dein Geld auch nie richtig genießen, denn man hat auch Angst davor, dass dir die Bullen auf einmal alles wegnehmen. Denn auch die Bullen fangen irgendwann an, mit dir Psychospielchen abzuziehen. Die setzen sich bei der Kinovorstellung direkt neben dich, führen Ganzkörperdurchsuchungen vor deiner Frau durch, wenn du mal ein Date hast. Du fängst an, immer in den Rückspiegel zu schauen und kannst nicht mehr zur Ruhe kommen. So versuchen sie dich zu irgendeinem Fehler zu zwingen. Viele Kriminelle denken ja immer, dass die Bullen dumm seien. Aber das ist ein Irrglaube, dort sind richtig clevere Menschen dabei. Deren Problem ist nur, dass sie immer eindeutige Beweise brauchen. Die werden dafür bezahlt, uns zu fic@*n. Da kann man nicht mehr gechillt durch die Walachei fahren und seine Reichtümer zur Schau stellen. Die Zeit spielt für die Bullen, irgendwann machst du mal einen Fehler.

bb21: Man muss also eher dafür sorgen, dass dich keiner kennt?

Millieu: Genau. Die, die einen Ruf auf der Straße haben, sind die, die als nächstes in den Bau wandern.

 

bb21: Die letzten Worte gehören dir!

Millieu: In den nächsten Wochen wird schon wieder ein neues Video erscheinen und im Anschluß daran, kommt erstmal nur noch Auf-die-Fresse-Rap. Richtig Hardcore. Ich möchte erstmal meine musikalische Vielfalt zeigen und danach nur noch das, was ich am besten kann: Voll auf die zwölf. Für mich gibt es auch kein Rapbeef. Wenn mir hier jemand mein Brot nehmen will, dann hat er ein Problem.


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