Interview mit Marcus Staiger

„Eine seiner Regeln war, dass man jeden Menschen gut behandeln soll, denn der heutige Praktikant könne schon morgen dein A&R sein.“

Interview mit Marcus Staiger
Interview mit Marcus Staiger

Autor: Walter Schilling  

  

 

Eine Zeit lang war es ziemlich ruhig um Marcus Staiger, aber seitdem er mit seiner wöchentlichen Radioshow Die Wundersame Rapwoche am Start ist, belebt er die Diskussionen in der HipHop-Szene auf ein Neues. Gemeinsam mit Mauli errät er unterhaltsame Zitate und schreiben sich gegenseitig grandiose Briefe, die sie ihrem Publikum vorstellen. Wieder einmal bringt Staiger Schwung in die Kiste. Ihre Radiosendung ist schon jetzt in der HipHop-Szene mehr als nur ein Geheimtipp. Gemeinsam sprachen wir in unserem Interview darüber, wie viel Kritik die HipHop-Szene verträgt, wie der Kontakt mit Mauli zustande kam und wann der richtige Moment gekommen ist, sich einen neuen Job zu suchen.

bb21: Du arbeitest heute bei FluxFM und moderierst dort Die Wundersame Rapwoche zusammen mit Mauli. Wie kam es, dass ihr die Sendung gemeinsam moderiert?

Staiger: Der Chef von FluxFM hat mich im Vorfeld kontaktiert und mich gefragt, ob ich nicht Lust hätte, eine Sendung zu moderieren, in der ich verbittert über mein langes Leben spreche [grinst]. Aber das wollte ich nicht alleine machen, weil einfach nur so vor mich hin ins Mikrofon zu sprechen, ist einfach nicht meins. Wöchentlich wechselnde Studiogäste zu organisieren, wäre auch in meinem Fall sehr schwierig geworden, da viele in der Rapszene gar nicht mehr mit mir sprechen wollen [lacht]. Deswegen musste das Format so aufgebaut sein, dass ich darauf nicht angewiesen bin. Und da der Jahresrückblick mit Mauli 2015 für 16 Bars so gut verlief, war er mein erster Vorschlag. Trotz unseres Altersunterschieds haben wir da auch einen coolen Vibe, ohne dass ich ihn ständig belehre und so tue, als wüsste ich alles besser. 

bb21: Ihr habt auch ziemlich innovative, eigene Rubriken, wie eure Briefe, die ihr euch regelmäßig vorlest. Überlegt ihr euch diese Formate selbst? 

Staiger: Ja, wie überlegen, recherchieren und setzen auch alles selbst um. 

bb21: Du hast als Journalist für verschiedene Plattformen gearbeitet. Welche Arbeit fandest du am anstrengendsten? Damit meine ich gar nicht die Schlimmste, sondern die, die dich rückblickend am meisten Kraft gekostet hat.

Staiger: Ich finde, Arbeit muss Spaß machen. Ich kann dir nicht mehr sagen aus welchem Buch ich die Liste habe, aber dort habe ich jene über langanhaltenden Erfolg von Too $hort gefunden. Eine seiner Regeln war, dass man jeden Menschen gut behandeln soll, denn der heutige Praktikant könne schon morgen dein A&R sein. Eine andere war, dass man an allem, was man macht, Spaß haben muss. Nach dieser Devise führe ich auch mein Leben. Natürlich erreicht man nie die 100 Prozent, aber 70 sollten schon drin sein. Immer dann, wenn ich bemerkt habe, dass ich diese 70 Prozent unterschreite, mache ich es nicht mehr. An diesen Punkt bin ich bei Royal Bunker oder auch bei rap.de irgendwann angelangt, weswegen ich es damals gelassen habe. 

 

bb21: Was hat dich bei rap.de gestört?

Staiger: Zwischen den sechs bis sieben großen Releases, die es im Jahr gibt, ist eine sehr große Lücke. Hinzu kommt ja auch noch, dass nicht jeder Rapper mit mir sprechen möchte [lacht]. In dieser Zwischenzeit muss man sich dann auch mit Musikern auseinandersetzen, die nicht ganz so interessant sind, aber man muss täglich neue News produzieren. Das hat mich dann irgendwann ermüdet. Wenn man in seiner Tätigkeit all in geht und dort alles reinsteckt, dann wird immer der Punkt kommen, an dem man sich neue Herausforderungen sucht. Denn da zu sein, wo man nicht sein möchte, ist für einen selbst und für alle anderen Beteiligten einfach enorm anstrengend. 

„Kritischer Journalismus ist schon machbar. Wichtig dabei ist aber, dass man ehrlich und authentisch auftritt.“

bb21: In der HipHop-Szene wird immer wieder darüber gemeckert, dass der Journalismus nicht mehr kritisch genug sei. Heutzutage gibt es auch keinen Journalisten mehr, der so kritisch ist, wie du es einst warst. Wie siehst du das?

Staiger: Es ist eben eine blöde Abhängigkeit. Deutsche Rapper sind unglaublich empfindlich. Aufgrund meiner Tätigkeiten vor rap.de, konnte ich mir überhaupt meine kritische Position erlauben, weil viele andere A&Rs und Labelchefs meine Pionierarbeit mit Royal Bunker respektiert und wertgeschätzt haben. Wobei ich auf der anderen Seite auch finde, dass alle Rapper ein ehrliches Wort zu schätzen wissen. Man kann sich glaube ich schon mehr trauen, als es die meisten Journalisten machen. Das ist auch mein Ratschlag an alle jungen KollegInnen: Kritischer Journalismus ist schon machbar. Wichtig dabei ist aber, dass man ehrlich und authentisch auftritt.

bb21: Ist die Abhängigkeit von Journalismus und Musikindustrie heute größer als früher?

Staiger: Es ist auf jeden Fall kein neues Phänomen. Wenn man früher in einem Magazin ein Album zerrissen hat, hat das entsprechende Label beim nächsten Mal einfach keine Werbung in deinem Magazin gebucht und man hatte weniger Einnahmen. 

 

bb21: Wie aufwendig ist es, die Arbeit als Industriekletterer, Die Wundersame Rapwoche und deine vielen anderen Tätigkeiten unter einen Hut zu bringen?

Staiger: Das ist tatsächlich nicht einfach. Vor kurzem habe ich mal eine Liste angefertigt, um nicht den Überblick zu verlieren, wie viel und lange ich eigentlich arbeite. Da kommt nämlich auch noch mein politisches Engagement und mein Fernstudium hinzu. Alles zusammengerechnet komme ich da schon auf meine 70 Wochenstunden, obendrauf kommt aber noch die Zeit mit der Familie und Freundschaften, die ich pflege. Zugegeben, mein Sport ist in den 70 Stunden miteinberechnet, dennoch ist Zeit bei mir sehr selten.

bb21: Ergänzen sich deine Tätigkeiten aber auf der anderen Seite nicht auch auf ein wenig? 

Staiger: Doch, natürlich. Das ist auch der große Vorteil daran. Gerade die Musikindustrie kann dich auch in ihrer eigenen Blase aufsaugen, sodass du nur noch mit anderen Menschen aus der Musikindustrie zu tun hast. Vor allem aber bekomme ich als Industriekletterer gut mit, wie andere Menschen arbeiten, weil ich doch in ganz verschiedenen Umfeldern arbeite. Es ist gut, zu wissen, wie ein Kraftwerk funktioniert oder Menschen kennenzulernen, die in ihrem ganzen Arbeitstag nur Fensterrahmen stapeln und zwar über Jahre hinweg. Aber eben auch einen Politikbetrieb oder die Studienwelt zu kennen. Das ist alles sehr interessant. Ich versuche, das alles einfach zu verbinden. 

bb21: Wenn du zurückschaust: Was war der Fehler, aus dem du am meisten gelernt hast?

Staiger: Ich glaube, dass bei Royal Bunker ziemlich viel schief lief. Ich habe einfach ein komisches Verhältnis zu dem, was Arbeit ist. Ich kann das Schreiben einfach nicht wirklich als Arbeit ansehen. Das liegt vielleicht auch daran, dass mein Vater Gipser ist und ich das nie ganz überwinden konnte, um zu sagen, dass auch hinter einem Text Arbeit steckt. Dadurch habe ich angefangen, mich um die Buchhaltung bei Royal Bunker zu kümmern, obwohl ich das gar nicht gut kann. Davon bekomme ich richtig Kopfschmerzen.

 

bb21: Und wer hat sich dann um die Presse- und Werbetexte gekümmert?

Staiger: Das habe ich dann andere machen lassen, die ich wiederum sogar bezahlt habe. Am Ende habe ich sogar deren Texte verbessert, weil sie mir nicht gefallen haben. Das war total verrückt. Solche Sachen habe ich des Öfteren gemacht. Kaufmännisch habe ich mir dort einige Fehlentscheidungen geleistet. Aber auf der anderen Seite habe ich dort kulturelles Kapital geschaffen, von dem ich noch heute zehre. Alles, was ich heute mache, kann ich deswegen machen, weil ich damals so gehandelt habe. Heute noch mache ich sehr viele Dinge, die mir großen Spaß bereiten. Deswegen war das schlussendlich genau richtig.

bb21: Die letzten Worte gehören dir!

Staiger: Es würde mich sehr freuen, wenn wir mehr Diskussionen in der Rapszene hätten. Aktuell habe ich den Eindruck, dass die Leute sich nicht mehr richtig austauschen. Auch immer mehr Musiker haben gar nicht mehr Lust, sich der Presse zu stellen. Das finde ich schade, weil die HipHop-Szene immer von ihren Diskussionen gelebt hat. 


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