Interview mit Leila Akinyi

„Dass man Menschen überhaupt so weit bringt, [dass sie Bleaching-Cremes nutzen,] ist für mich ein unwürdiger Akt.“

Interview mit Leila Akinyi
Interview mit Leila Akinyi

Autor: Walter Schilling

Foto: Judith Buethe

 

„Ich kann mich problemlos in die Sonne legen, weil ich schwarz bin. Und weil ich schwarz bin, bin ich schnellste Läuferin.“ Schon auf ihrer Debüt-EP Afro Spartaner aus dem vergangenen Jahr rappt Leila Akinyi über schwarzes Selbstbewusstsein und für einen friedlichen Kampf der Toleranz. Auch wenn viele ihre Raps falsch verstehen und die Kölnerin als radikal empfinden, will sie selbst einfach nur Frieden. Diesen Glauben an das Gute, trotz widerer Umstände, hat Leila während ihrer Zeit im Gospelchor gelernt. Sie möchte tiefe, positive Gefühle mit ihren Songs hervorrufen und nicht den Hass, den sie selber zu spüren bekommt, weitergeben. Genau darüber haben wir in einem Berliner Hotel gesprochen, aber eben auch über Rassismus in der HipHop-Szene und die neue Festival-Saison.

bb21: Die Festival-Saison hat gerade angefangen. Gefallen dir Live-Auftritte mehr als das Schreiben neuer Songs?

Leila Akinyi: Ich finde beides ziemlich geil. Sowohl den Moment, in dem man runterfährt und sich auf das Schreiben fokussiert, als auch das Präsentieren seiner Kunst. Mir bereitet beides großen Spaß. Aber ich meine, das eine geht auch nicht ohne das andere. Ich muss doch erst einen Song schreiben, um ihn später auf der Bühne performen zu können.

 

bb21: Oder du lässt dir die Songs schreiben.

Leila Akinyi: Auf gar keinen Fall. Ich will auf der Bühne meine eigenen Songs spielen. Da könnte ich es mir eher vorstellen, für andere Künstler Liedtexte zu schreiben. 

bb21: Du bist eine schwarze Frau. Dadurch wurdest du bestimmt schon so oft wie nur wenige hier in Deutschland diskriminiert und hast jeden Grund dafür, wütend und frustriert zu sein. Warum spürt man trotzdem so viele positive Vibes auf deinen Songs?

Leila Akinyi: In mir steckt eine große Sehnsucht nach Frieden und Zusammenhalt. Natürlich bin ich auch mal abgefuckt und wütend, aber wie will man das Problem lösen? Möchte ich einen Krieg führen? Am Ende des Tages möchte ich einfach nur, dass Frieden herrscht und danach sehne ich mich. Deswegen gehen auch meine Songs in diese Richtung. Ich finde auch, dass Musik eine Message beinhalten muss, gleichzeitig aber auch eine schöne Melodie. Das ist doch auch die Kunst dabei, dass die Leute mir zuhören, auf die Texte achten und dabei auch die Musik genießen können, um selbst Hoffnung daraus zuziehen.

bb21: Bist du selbst mit Künstlern aufgewachsen, die einen großen Wert auf die Message gelegt haben?

Leila Akinyi: Nein, als ich in meiner Kindheit und Jugend Weltmusik gehört habe, habe ich darauf noch gar nicht geachtet. Da war mein Horizont auch noch gar nicht so weit. Das kam erst, als ich selber angefangen habe, Musik zu machen. Ich habe mich gefragt, was ich denn für Songs schreiben möchte und bin so darauf gekommen. Ich meine, ich war lange ein aktives Mitglied der Kirche und bin auch Teil eines Gospelchors gewesen. Dort habe ich gelernt zu evangelisieren, das heißt das Gute weiterzugeben. Das kann ich auch über meine Musik machen und über Liebe und Frieden singen. 

„[Schwarz] wird doch schon fast grundsätzlich dafür benutzt, um etwas abfälliges zu beschreiben.“

bb21: Bist du noch ein aktives Mitglieder der Kirche?

Leila Akinyi: Ich bin leider kein Mitglied mehr. Gleichzeitig bin ich aber auch sehr froh darüber, dass ich heute meinen eigenen Weg gehe. Es war eine wirklich schöne Zeit, weil man dort in einer großen Gruppe war, mit der man die Interessen geteilt hat. Das kann man wie eine Fußballmannschaft sehen. Man achtet aufeinander und zieht sich hoch und spricht über seine Gefühle. Diese Community ist wirklich schön. Aber man muss eben auch seinen eigenen Weg finden und gehen. Deswegen bin ich nicht traurig darüber, dass ich Musikerin geworden bin und keine Zeit mehr für die Kirche habe. 

 

bb21: Letztendlich überwiegt also die Freude darüber, dass du mit deiner Musik so weit gekommen bist, oder?

Leila Akinyi: Genau. Ich denke mir auch oft, dass ich doch mal endlich wieder in die Kirche gehen sollte, aber ich gehe davon aus, dass es nicht das Wichtigste ist, wie oft man betet, sondern wie du als Mensch bist. Hast du ein gutes Herz? Hörst du darauf? Wie behandelst du deine Mitmenschen? Sowas ist doch am Ende des Tages das Wichtigste. Da macht es dann auch keinen Sinn, ständig in die Kirche zu gehen, wenn du dein Umfeld schlecht behandelst.  

bb21: Die Rapszene selbst gilt ja als tolerant. Kannst du das so bestätigen?

Leila Akinyi: Unabhängig von der Rapcommunity lerne ich bei meinen Auftritten nur sehr positive und offene Menschen kennen. Ich bin selbst davon auch sehr überrascht und manchmal sogar ein Stück weit überfordert, aber immer sehr glücklich und froh darüber, dass ich solchen Menschen begegne. In der Künstlerszene sieht es dagegen aber wieder anders aus. Gerade wenn man am Anfang ist, wird man nicht von allen Musikern ernstgenommen. Als Frau ist das dann auch noch doppelt so schwierig. In Leipzig wurden unsere Mikrofone wegen eines Missverständnisses mit einer anderen Band einfach ausgestöpselt, wodurch wir nicht weiter spielen konnten. Da frage ich mich dann schon, ob sie das auch bei weißen Männern gemacht hätten, oder nur weil auf der Bühne lauter Frauen gewesen sind.

bb21: Du hast mal in einem Interview gesagt, dass es ein Tabuthema sei, darüber zu reden, dass man schwarz sei. Warum?

Leila Akinyi: Ja, viele wissen gar nicht, wie man das überhaupt benennen soll. Aber das kommt ja auch schon von außen. Dort fängt das nämlich an. Für dich ist das ja kein Problem schwarz zu sagen, aber für viele eben schon. Das Wort wird auch oft dafür benutzt, um Steine zu werfen. Sowas beobachte ich oft.

 

bb21: Stimmt, viele nutzen das Wort auch eher abfällig.

Leila Akinyi: Das Wort wird doch schon fast grundsätzlich dafür benutzt, um etwas abfälliges zu beschreiben. Schwarzes Schaaf, schwarze Liste, der schwarze Mann, vor dem alle Angst haben. Weiß ist dagegen etwas reines und wird immer als das Schöne dargestellt wie die weiße Taube. Sobald aber wer stirbt, zieht man sich schwarz an. Die Farbe selbst ist total negativiert.

bb21: Du hast mal davon erzählt, dass schwarze Frauen sich in ihrer Hautfarbe unwohl fühlen. Aber genau das erlebe ich auch bei vielen weißen Frauen, die ständig auf der Sonnenbank liegen. Ist das nicht viel mehr dieser Effekt, dass das Gras auf der anderen Seite grüner ist?

Leila Akinyi: Natürlich, aber das ist doch schon was anderes, sich unter eine Sonnenbank zu setzen, als eine Bleaching-Creme zu benutzen. Letzteres ist doch ein viel tieferer Eingriff in deine Haut. Und dass man Menschen überhaupt so weit bringt, ist für mich ein unwürdiger Akt. Es ist doch auch so, dass man viel höhere Chancen auf einen guten Job hat, wenn man heller ist. Das ist aber nicht nur in Deutschland so sondern weltweit. Ich persönlich kenne da schon einige Fälle, in denen Schwarze aufgrund ihrer Hautfarbe den Job nicht bekommen haben. Je heller man ist, desto mehr wirst du von unserer Gesellschaft akzeptiert.

bb21: Beyonce war von einigen Jahren auch noch deutlicher dunkler als heute.

Leila Akinyi: Ja, aber sie hat auch Geld. Ich glaube nicht, dass sie nur eine Bleaching-Creme nutzt, sondern auf viel teurere und krassere Dinge zurückgreift.

 

bb21: Bist du dieses Thema mittlerweile Leid und dein nächstes Tape wird sich ganz anderen Dingen widmen?

Leila Akinyi: Als ich angefangen habe, Musik zu machen, sollte das nie mein Hauptthema werden. Eigentlich wollte ich Rassismus nur einen Song widmen und dachte eigentlich, dass sich das mit Afro Spartaner dann auch erledigt hätte. Aber der Song kam total gut an und danach kam noch OYOYO/Nyumbani und die Camufingo EP dazu. Aber hört einfach auch mal ganz genau hin, denn viele meiner Songs behandeln auch ganz andere Themen. Das Problem dabei ist viel mehr, dass ich oft darauf reduziert werde. 

 

bb21: Wie meinst du das?

Leila Akinyi: Ich habe einen neuen Song geschrieben, der Alien heißt. Dort sage ich „Ich trage nicht eure Uniform.“ Bei mir als Schwarze interpretiert man solche Zeilen aber noch einmal ganz anders als bei einem jungen, weißen Mann.

 

bb21: Die letzten Worte gehören!

Leila Akinyi: Folgt mir auf Facebook, Instagram und besucht mich auf den Konzerten. Supportet alle Menschen, somit auch mich [lacht].


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