Interview mit Karmo Kaputto

„Wenn man Angst davor hat, gegen 20 Männern eine Messerstecherei anzufangen, dann muss man sich dem auch nicht stellen.“

Interview mit Karmo Kaputto
Interview mit Karmo Kaputto

Autor: Walter Schilling  

 

 

Riesige Kakerlaken, die in vollauflösendem FullHD über Marihuana-Knollen krabbeln, dazu Drums und Snares, die dem klassischen Boombap-Takt folgen. Dafür steht Karmo Kaputto, dessen Sound man nicht im Club sondern eher auf der Straße hört. Vielleicht während man auf den nach Pisse riechenden Aufzug im elften Stock wartet und man den Geruch mit einer Mischung aus Weedbuds und Tabak versucht zu überdecken. Karmo selbst lebt mittlerweile seit neun Jahren in Berlin und hat in der Hauptstadt einige Erfolge und Enttäuschungen erfahren. Über seine größte Illusion, Arbeitslosigkeit und Angst als Motivationsimpuls sprechen wir in unserem Interview, das wir in seinem Studio im Wedding geführt haben. 

bb21: Manche Musiker beginnen erst recht spät in ihrer Karriere auf Bühnen zu spielen. Du dagegen hast schon sehr früh damit angefangen. 

Karmo Kaputto: Ich wusste, dass ich auf Kurz oder Lang Bühnenerfahrung brauche und habe deswegen schon sehr früh bei Rap am Mittwoch mal ein paar Parts gekickt. Dann ist irgendwie Raf Camora auf mich aufmerksam geworden und ich konnte ihn auf seiner Ghost-Tour live unterstützen. Seitdem bin ich voll drauf hängengeblieben, meine Songs einem anwesenden Publikum vorzustellen. Wobei die ersten Auftritte mit Raf richtiger Heckmeck waren. Raf hat mich wirklich sehr kurzfristig eingeladen, weil der eigentliche Supportact Haze krank wurde. Ich hatte gar keine Vorbereitungszeit, weswegen ich viel Improvisieren musste [lacht]. Aber dadurch habe ich gelernt, wie ich die Crowd mitreißen kann. Man muss ihr einfach viel Energie schicken.

 

bb21: Hat dich Raf Camora dabei viel geteacht oder dich eher machen lassen?

Karmo Kaputto: Er hat mich einfach machen lassen. Das ist auch die beste Art, um es zu lernen. Man muss auch mal Fehler machen dürfen. Wenn man nicht total hängengeblieben ist, wird man schon daraus lernen. Ins kalte Wasser geschubst zu werden, ist das Beste, was dir passieren kann. 

bb21: Was macht in deinen Augen guten Rap aus?

Karmo Kaputto: Ich muss zuerst mal eine Standardphrase eines jeden Rappers sagen: Ich höre kaum Rap. Ich habe es früher gehasst, dass das die Rapper sagen, aber heute, wo ich selber so viel Rap mache, muss ich mich dieser Behauptung anschließen. Sonst dreht man sich auch total im Kreis, wenn man selber viel Rap macht und dann auch noch viel hört. Wenn ich noch was höre, dann ist es meist chilliger Russenrap. 

 

bb21: Welche Songs haben dich in deiner Jugend abgeholt?

Karmo Kaputto: Wenn man die Seele des Rappers in der Musik erkennen konnte. Songs, die mich berührt haben, fand ich am stärksten. Aber das, was heutzutage alles als Rap bezeichnet wird, ist es für mich gar nicht. Wir haben vielleicht die gleichen Wurzeln, aber das Ergebnis ist ein anderes. Wenn auf den Songs nur noch rumgeträllert wird, ist es für mich kein Rap mehr. Wie man die Musik findet, ist am Ende eh nur eine Geschmacksfrage, aber Rap ist es nicht mehr. Ein Rapsong, wie aber jeder Song aus allen Genres, ist dann gut, wenn er dich berührt. Das ist sehr individuell. Der eine braucht Eier, der andere Liebe.

bb21: Du hast jetzt schon vier Alben komplett independent veröffentlicht. Strebst du für das nächste Tape größere Strukturen an?

Karmo Kaputto: Ich habe vor Kurzem nochmal mein erstes Tape angehört, das ich sogar komplett selber produziert und aufgenommen habe. Hinter diesem Sound kann ich auch noch bis heute stehen und bin stolz darauf, dass ich sowas aus eigener Kraft gemacht habe. Selbst die Vocals habe ich noch selber gemischt. Mittlerweile helfen mir aber talentierte Produzenten wie Sansimo und Kotico und natürlich möchte ich, dass meine Musik bekannter wird. Aber nicht um jeden Preis. Ich habe in letzter Zeit ein paar Angebote bekommen, aber davon hat mich noch keins wirklich überzeugen können. Ich bin da skeptisch. Rap ist meine Motivation, deswegen möchte ich auch möglichst unabhängig Musik machen.

 

bb21: Du rappst auch schon lange bevor Rap diesen großen Hype hat, den er heute hat. Wie hat das bei dir angefangen?

Karmo Kaputto: Ich rappe seit dem ich 16 Jahre alt bin, was auch schon elf Jahre her ist. Damals habe ich mir eine Ecke in meinem Kinderzimmer mit Schaumstoff ausgelegt und mir einfach Equipment gekauft. Ich habe in das Mikrofon reingebrüllt, ohne wirklich einen Plan zu haben. Irgendein Homie, den ich gerade auffinden konnte, musste mich dann aufnehmen und dennoch habe ich richtig Gas gegeben. 

„Mittlerweile helfen mir aber talentierte Produzenten wie Sansimo und Kotico und natürlich möchte ich, dass meine Musik bekannter wird. Aber nicht um jeden Preis.“

bb21: Dann hat es dich aber irgendwann von Nienburg nach Berlin verschlagen. Was hat dich her gebracht?

Karmo Kaputto: Ich wollte Audio-Engineering lernen, um nicht ständig von jemanden abhängig zu sein. Schon mit 16 habe ich die Entscheidung getroffen, nach Berlin zu ziehen und Mucke machen. Das kannst du bestimmt auch bestätigen, dass man als Außenstehender den Eindruck hat, dass Rap hier ganz anders zelebriert wird. Dass das hier ein Ort ist, der dich wirklich wachsen lässt, um krasse Musik machen zu können. Also habe ich ein paar Jahre lang in Nienburg den bösen Blick geübt und bin dann hier hergezogen. 

 

bb21: Wurden deine Erwartungen, die du an Berlin hattest, erfüllt?

Karmo Kaputto: Ehrlich gesagt nicht. Ich hatte ein anderes Bild von Berlin als es in Wirklichkeit ist. Aber ich bin hier wirklich sehr jung hergezogen, zu jung, um mir überhaupt ein wahres Bild machen zu können. Als ich das erste Mal bei Rap am Mittwoch war, wurde ich voll herzlich begrüßt. Das hat mich irgendwie enttäuscht, weil ich davon ausgegangen bin, dass Rap hier wirklich hart ist. Aber so denkt man auch nur, wenn man richtig jung ist. Ist ja eigentlich bescheuert, dass ich es nicht cool fand, dass hier so viele gut drauf sind [lacht]. 

bb21: Berlin war am Anfang also einfach nicht hart genug?

Karmo Kaputto: Ich bin hier hergekommen, um HipHop zu zelebrieren. Aber dabei ist Techno ja viel größer. Alle meinten nur zu mir, ich sei Jahre zu spät gekommen. HipHop sei hier gar nicht mehr so groß. Techno war für mich aber immer der Feind. Gib mir einen Technobeat auf 120bpm und du kannst mir dabei zusehen, wie mein Puls steigt. Da werde ich richtig sauer. Ich habe stets Partys verachtet und habe Menschen, die bunt in die Disco gegangen sind, belächelt. Deswegen waren die erste Jahre in Berlin auch nicht zufriedenstellend für mich. 

 

bb21: Trotzdem hast du dich nie dafür entschieden, Berlin zu verlassen. Warum? 

Karmo Kaputto: Ich bin nach Berlin gekommen, um Musik zu machen. Für mich gibt es gar keine andere Option. Deswegen habe ich nicht mal darüber nachgedacht, die Stadt zu verlassen.

bb21: Lobenswert, dass du dennoch drangeblieben bist. Obwohl sich hier so vieles als anders entpuppt hat.

Karmo Kaputto: Das habe ich früher leider nicht ganz verstanden, aber Rapper verkaufen ja auch einen Traum. Die ganzen Lamborghini-Fahrer machen in ihren Videos einen mächtigen Eindruck, aber erst später kommt man dahinter, dass das gar nicht ihre Wagen sind und sie für die Mietwagen ihr letztes Geld gegeben haben. Deswegen können die nicht mal ihren Kameramann bezahlen und der muss für umme arbeiten. Nach außen werden sie von den Kids beneidet, aber eigentlich ist das nur in ihrer Fantasie ein Business. 

 

bb21: Du selber rappst auch in deinen Songs mehrmals über das Jobcenter. Wie ist denn dein genaues Verhältnis zu dieser Instanz?

Karmo Kaputto: Wir leben in einem Land, in dem es deutlich mehr Jobs gibt als Arbeiter. Das ist wirklich großartig und es ist ein Geschenk in solch einem Land zu leben. Hier in Deutschland kann man auch wirklich an seinen Träumen arbeiten und versuchen, sie zu verwirklichen. Man versucht uns zwar Grenzen zu setzen und zu behaupten, dass jeder eine Ausbildung oder ein Studium braucht, aber wer sagt denn, dass das wirklich stimmt? Solange man aber mit der Arbeit, die einen wirklich erfüllt, noch kein Geld verdient, kann dir das Jobcenter zumindest dabei helfen, die Miete zu bezahlen.

bb21: Aber viele kommen mit der Arbeitslosigkeit und dem Gewinn ihrer Freizeit nicht zurecht und versinken in Drogen. 

Karmo Kaputto: Das stimmt, aber viele haben mit ihrem Job auch etwas, das sie erfüllt. Kein Job ist perfekt, aber manche Menschen wollen gar nicht selbstständig sein, sondern genau diese Tätigkeit ausüben, die sie gerade machen. Genau diesen Job zu verlieren, trifft sie dementsprechend hart. Der Mensch sehnt sich eben nach einer erfüllenden Tätigkeit, wenn er sie nicht hat, entsteht ein Loch. Manch einer versucht es dann mit Drogen zu füllen, wodurch er sich langfristig aber noch viel unglücklicher macht. Auf diese Weise entsteht ein ganz gefährlicher Teufelskreis.

 

bb21: Du hast in einem Interview erzählt, dass wenn man sich seinen Ängsten stellt, dafür mit Selbstvertrauen beschenkt wird. Ist Angst bei dir schon ein Motivationsimpuls? 

Karmo Kaputto: Wenn ich feststelle, dass ich gerade Angst habe, ja. Manchmal kann das auch sehr anstrengend sein, aber Angst ist oftmals der Wegweiser dafür, wo man als nächstes hin muss und welcher Herausforderung man sich stellen soll. Da muss man aber auch realistisch bleiben. Wenn man Angst davor hat, gegen 20 Männern eine Messerstecherei anzufangen, dann muss man sich dem auch nicht stellen. Das ist eine vollkommene berechtigte Angst. Wenn man aber Angst davor hat, ein Unternehmen zu gründen, dann sollte man sich ihr wiederum schon stellen. Gerade diese Ausreden, dass man aktuell noch nicht gut genug ist und noch zu wenig weiß, sind besonders schwachsinnig. Wahre Weisheit bekommt man dadurch, dass man in Aktion tritt. Aber die größte Motivation ist nicht Angst, sondern der Wille sich zu entwickeln. 

bb21: Die letzten Worte gehören dir!

Karmo Kaputto: Solange sich die Welt dreht, geht es immer weiter. Ich grüße Sansimo, meine Mama und alle die sich einen Gruß von mir wünschen. Keep it real.


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