Interview mit Josi Miller

„[DJane] ist so unglaublich negativ behaftet durch Frauen wie Naddel, die oben ohne auflegen.“

Interview mit Josi Miller
Interview mit Josi Miller

Autor: Walter Schilling

 

 

Josi Miller dürfte den meisten bekannt sein als Tour-DJ für Trettmann oder Frauenarzt. Anderen wiederum durch ihren eigenen Podcast Homegirls mit Helen Fares. Mittlerweile hat die aufstrebende junge Frau aus Leipzig auch ihre eigene Partyreihe in Hamburg gestartet, wodurch sie fast permanent auf Achse ist. Da es genug Artikel über die Vorzüge des Tourlebens gibt, sprachen wir diesmal auch über die Schattenseiten und ob man sich auch unter so vielen Menschen trotzdem auch mal einsam fühlen kann. Außerdem sprachen wir noch in einem kleinen Café in Berlin-Friedrichshain darüber, wieso sie nicht als DJane bezeichnet werden möchte und ob sie momentan daran arbeitet, sich ein neues Standbein aufzubauen. 

bb21: Du veranstaltest gerade in Hamburg die Reihe Josi Miller & Friends. Welche Friends sind das denn genau?

Josi Miller: Das sind alles unglaublich gute, internationale DJs. Der Club gibt mir einfach die tolle Möglichkeit, DJs einladen zu können, die ich auch noch nicht getroffen habe. Dadurch kann ich ein Line-Up zusammenstellen, das man an einem normalen Freitagabend dort nicht finden würde. Das sind zum einen Disc Jockeys, die ich unglaublich toll finde und zum anderen welche, die ich ewig kenne und zu meinen Shows einlade. In der letzten Woche hatte ich zum Beispiel Kayper da, die schon erfolgreich an wichtigen Wettbewerben in der DJ-Szene teilgenommen hat und auch auf dem Coachella-Festival aufgetreten ist. Davor kam FS Green, der ein wahrer Beatvirtuose ist, der nicht nur auflegt, sondern auch produziert.

 

bb21: Wie laufen die Auftritte dann genau ab? Wer von euch ist dann der eigentliche Hauptact?

Josi Miller: Das sind meine Gäste. Ich nehme mich da zurück und spiele mehr den Support, während meine Gäste dann zur besten Zeit ein bis zwei Stunden auflegen. Bislang sind das auch unglaublich tolle Shows geworden. 

bb21: Du bist studierte Medienkünstlerin. Was darf man sich darunter denn genau vorstellen?

Josi Miller: Ich habe in Weimar Medienkunst studiert und daraus hat sich das Ergebnis erschlossen [grinst]. Das ist gar nichts spezielles und auch kein sonderlich ernstzunehmender Studiengang [lacht]. Mir war ein Studiengang wichtig, mit dem ich nebenbei noch Musik machen kann, weil mir das viel wichtiger war. Etwas Künstlerisches zu studieren, was ich mit meiner Freizeit verknüpfen kann, hat das Ganze sehr unkompliziert gehalten. Aber um aus dem Studiengang etwas Krasses rausholen zu können, hätte man den Master studieren müssen. 

 

bb21: In dem Pressetext ist zu lesen, dass du den Begriff DJane ablehnst. Warum?

Josi Miller: Ich finde, dass der Begriff keine richtige Ableitung von Disc Jockey ist. Da hat man einfach eine Endung gesucht, die eigentlich gar nicht funktioniert, aber trotzdem für die Verweiblichung steht. Das ist obendrein auch noch so unglaublich negativ behaftet durch Frauen wie Naddel, die oben ohne auflegen. Sie ist als DJ einfach nicht ernst zu nehmen, hat den Begriff DJane aber geprägt. Mit ihr möchte ich nicht verglichen werden, sondern lieber ganz geschlechtsneutral bewertet werden. 

bb21: Findest du es davon abgesehen wichtig, dass man eine geschlechtsneutrale Schreibweise benutzt? Zum Beispiel KundInnen oder LeserInnen?

Josi Miller: Also DJ ist einfach etwas Besonderes, da das Wort aus dem Englischen kommt, wo es erstmal automatisch geschlechtsneutral ist. Bei Kellner sehe ich es aber anders, schließlich hat das ganz offensichtlich einen männlichen Bezug, weswegen ich es dann schon wichtig finde, auch Kellnerinnen zu sagen. Ich erinnere mich auch gerade an einen Beschluss in einer Leipziger Uni, in der alle Direktorinnen oder Dozentinnen genannt werden, also die weibliche Anrede bekamen. Die haben einfach mal den Spieß umgedreht [lacht]. Aber ob das praxisorientiert ist, weiß ich nicht, ich kann mich nur an den Beschluss und die anschließende Debatte erinnern. Ich bin bestimmt nicht die vorzeige Feministen und ein Stück weit ist mir das egal. Wenn man mich ansprechen würde als Student anstatt Studentin oder StudentIn, dann würde ich mich darüber nicht aufregen. Wenn das aber offensichtlich zum Nachteil der Frauen passiert, dann darf man das nicht akzeptieren.

 

bb21: Heutzutage zeigt man gerade in den sozialen Netzwerken immer wieder die Vorzüge seiner  Lebensweise, während die Schattenseiten gerne unter den Tisch fallen…

Josi Miller: … letzte Woche habe ich dort aber meinen Pickel präsentiert [lacht]. Ich musste sehr früh los, um meinen Zug zu erwischen und konnte mich nicht schminken. Das habe ich auch so meiner Community gezeigt, obwohl es mir ein wenig unangenehm war. 

„Da sind irgendwelche 45jährige Anzugsschnösel, die bestimmen, wie das Verhältnis zwischen Frauen und Männern innerhalb der Musikindustrie ist.“

bb21: Das ist doch mal ein cooler Move. Und wie ist das Tourleben so? Du begleitest auch Trettman zu seinen Auftritten und spielst aktuell viele Shows in Hamburg, während du in Berlin lebst. Schränkt dich das viele Reisen auch in deinem Leben ein?

Josi Miller: Zuerst einmal ist das Reisen wirklich cool und ich kann mich gar nicht beschweren, weil ich sehr glücklich über die Situation bin. Mit dem was man liebt sein Geld zu verdienen, ist großartig. Aber klar, natürlich gibt es auch Nachteile. Ich sehe meine Familie, meinen Freund und meine Freunde sehr selten. Ich musste sogar meine Katze, die mich jahrelang begleitet hat, abgeben, weil ich keine Verantwortung mehr für sie übernehmen konnte, weil ich viel zu oft und lange weg war. Das hat mir schon das Herz gebrochen, wenn ich ehrlich bin. 

 

bb21: Und wie ist das während der Tour?

Josi Miller: Auch wenn man dort mit wirklich super coolen, tollen Leuten unterwegs ist und ich Trettmann und seine ganze Crew liebe, fühle ich mich trotzdem zwischendurch auch mal einsam. Vor allem habe ich mittlerweile kein richtiges Gefühl mehr für Zuhause. Ich bin vor einem halben Jahr nach Berlin gezogen, dadurch dass ich aber so oft weg bin, konnte ich mich hier noch gar nicht einleben und fühle mich deswegen nirgends so richtig zuhause. Selbst wenn ich mal zurück nach Leipzig gehe, dann ist das nicht mehr das Gleiche wie früher. Ich fühle mich zwar überall wohl, aber nirgends zuhause.

bb21: Du wurdest schon ein paar Mal öffentlich darauf angesprochen, wie es als Frau in der Rapszene ist. Nervt dich dieses Thema? Ich habe mittlerweile den Eindruck, dass es da zwei Lager innerhalb der Female-HipHop-Community gibt. Die Damen, die dieses Thema nervt und diejenigen, denen es wichtig ist, darüber zu sprechen.

Josi Miller: Ich gebe sehr wenig Interviews, wenn ich aber eins gebe, ist das immer ein Thema. Deswegen frage ich mich, ob das solch ein Sonderstatus ist. Aber offensichtlich schon! Solange man darüber sprechen muss, dass Frauen auch gepusht und supportet werden müssen, müssen wir darüber reden.

 

bb21: Da hast du Recht. Das ist ein ganz großes Problem innerhalb der Musikindustrie, dass Frauen einen Sonderstatus innehaben.

Josi Miller: Genau. Die Sängerin Mine zum Beispiel wollte ein Album rausbringen, aber ihr Label meinte, dass sie dieses Jahr schon ein Album einer Frau rausgebracht haben, deswegen pushen sie erst nächstes Jahr wieder eine Frau, weswegen Mine ihre Musik damals nicht über dieses Label rausbringen konnte. Das ist doch mal eine harte Begründung! Da sind irgendwelche 45jährige Anzugsschnösel, die bestimmen, wie das Verhältnis zwischen Frauen und Männern innerhalb der Musikindustrie ist. 

bb21: Ich glaube, das was Mine erlebt hat, ist eine Situation, die noch kein Mann in dieser Form erlebt hat. 

Josi Miller: Zu viele Männer gibt es scheinbar nicht, aber zu viele Frauen offensichtlich schon. Deswegen finde ich es wichtig, über diese Missstände zu sprechen und dadurch auch Frauen zu ermutigen, dran zu bleiben! 

 

bb21: Wann kommt At Long Least Summer 3 raus?

Josi Miller: Gute Frage. Ich habe aktuell einfach gar keine Zeit, weil ich so viel unterwegs bin. Und wenn ich schon ein Mixtape mache, dann soll das auch etwas wirklich Gutes werden. Aber sonst könnt ihr euch einfach den Podcast mit mir und Helen anhören. Da quatschen wir zwischendurch noch ein wenig, die Musik ist aber gemixt.

bb21: Interessiert dich auch das Produzieren? Das ist ja so ein Zweig, den DJs auch gerne bedienen. Schließlich hat man ohnehin schon ein gutes Ohr für Musik.

Josi Miller: Ja, das ist auch ein Grund, warum ich nach Berlin gezogen bin. Ich bin nicht mehr alleine weitergekommen, habe hier jetzt aber meine Leute gefunden, die mir ein wenig helfen können und auch sehr inspirierend sind. Aber ich bin da noch auf der Suche nach meinem eigenen Stil [grinst]. 

bb21: Die letzten Worte gehören dir!

Josi Miller: Vielen Dank für das Interview und ich hoffe, dass ich ganz viele Leute auf den Festivals wiedersehe. Sei es auf dem Splash!, Spektrum, Dockville und und und. Ich freue mich einfach unglaublich auf diesen krassen Festival-Sommer!


Das könnte dich auch interessieren:

Interview mit Cap Kendricks

Beattapes haben in Amerika eine lange Tradition. Gerade Los Angeles ist eine Hochburg, was das angeht, während Deutschland diesbezüglich eher einem dritte Welt Land entspricht. Doch langsam gibt es Bewegung in dieser Szene. In den letzten Jahren haben sich dem immer mehr Produzenten im deutschsprachigen Raum gewidmet und...

Interview mit Shrimp Cake

Shrimp Cake ist der Inbegriff des bunten Hundes. Es fängt schon optisch an, denn bereits seine Haare haben einen hohen Wiedererkennungswert. Doch damit belässt es Shrimp nicht, sondern trägt auch noch Gummibänder anstatt Ringen, benutzt auch mal Schnürsenkel anstatt eines Gürtels und zieht seinen Hoodie wie eine Hose über die Beine. 

Videointerview mit Mauli

Mauli hat in unserem Interview über seine Hochs und Tiefs während seiner Albumproduktion gesprochen. Warum hat er sich so viel Zeit für autismus x autotune genommen? Was hat ihn in dieser Zeit bewegt, weswegen kam der Longplayer nicht schon eher raus?

Kommentar schreiben

Kommentare: 0