Interview mit Kamikazes

„Intellektuelle und weitreichende Fragen stellt man nicht in Popsongs.“

Interview mit Kamikazes
Interview mit Kamikazes

Autor: Walter Schilling

 

Unabhängiger kann man Musik nicht machen. Die Gebrüder Kamikazes schreiben nicht nur ihre Texte komplett selbst, wie es sich für klassische Rapper gehört, sondern produzieren sich auch noch und führen mittlerweile ihren eigenen Shop, auf dem sie ihre Werke selbst veröffentlichen und vertreiben. Diese Ungebundenheit hört man Antagonist und Mythos, wie sie sich auch nennen, an. Ihre Songs sind zu keinem Zeitpunkt angebiedert. Stattdessen machen sie ihren ganz eigenen Sound und sind sich darüber im Klaren, dass sie die großen Stadien damit nie füllen werden. Aber das braucht es auch nicht, um ein erfolgreicher Musiker zu sein. Was das genau heißt, erklären uns Kamikazes bei unserem Interview, das wir via Skype führten.

bb21: Was bedeutet OF O.S.T. Tape? O.S.T. bedeutet ja Original Soundtrack. Aber wofür steht OF?

 

Antagonist: OF steht für Offenbach. Wir haben in den letzten drei, vier Jahren gemeinsam in Offenbach gelebt. Erst seit kurzem nicht mehr, weil Linus jetzt nach Wuppertal gezogen ist. Jedenfalls ist unsere Wohnung der Hort der gemeinsamen Sessions gewesen. Obendrein gibt es den Stadtteil Offenbach Ost nicht. Demnach leben wir in einer Gegend, die es so nicht gibt [lacht]. Deswegen haben wir beschlossen, den Stadtteil Offenbach Ost zu gründen und zu representen. 

bb21: Habt ihr bei OF O.S.T. Tape damit angefangen, auch mal die Ausschusswahre zu releasen? Ich meine, es ist 2017, da veröffentlicht man seine Musik auch gerne mal schneller und unbedachter.

 

Linus: Wir wollten auf jeden Fall wieder was releasen. Auf unserem Rechner ist auch sehr viel Musik gespeichert, mit der wir zwar sehr zufrieden sind, aber wo wir uns nicht sicher sind, wie wir sie veröffentlichen sollen. Da ist uns dann die Idee zu OF O.S.T. Tape gekommen.

 

Antagonist: Man muss auch sagen, dass wir ziemliche Nerds sind, was die Beats angeht. Wir produzieren da ziemlich viel, wollen aber auch unseren Sound exklusiv lassen, weswegen wir unsere Produktionen nicht sonderlich verteilen. Dadurch entstehen auch mal Songs, die nicht auf das Album passen, aber trotzdem gut sind. Die Songs auf dem OF O.S.T. Tape sind uns zu sehr klassischer HipHop, um sie auf unserem baldigen Album zu platzieren. Aber sie sind noch lange keine Ausschussware. 

 

Mythos: Außerdem wollten wir das alles zum Anlass nehmen, um Axt und Zimmermann zu pushen, die wir auch in Offenbach kennengelernt haben. 

„Früher hat uns Prezident die Hand gereicht und zwar nicht, weil er damit viel verdienen wird, sondern weil wir unseren Mann stehen.“

bb21: Ihr habt jetzt euer eigenes Label gegründet. Wie ist das, sich jetzt auch um die eigenen Releases zu kümmern? Ist ein neuer Release dadurch auch mehr Stress?

 

Antagonist: Eigentlich ist dieses „Label“ einfach nur ein Shop. Unser letztes Album wollten wir nicht einmal verkaufen, aber da hat uns dann Viktor [Rapper Prezident, Anm. d. Verf.] davon überzeugt, es doch zu tun. Dabei haben wir die CD selbst vertrieben und die Vinylauflage abgegeben. Ich halte das für ein gutes Mischmodell. Bei Krahter haben wir damals sogar noch Geld dafür ausgegeben, um jemanden für die Promo ins Boot zu holen. Sowas würden wir in Zukunft wohl nicht mehr machen. Gerade deswegen macht es für uns sehr viel Sinn, einen eigenen Shop zu führen. Auf diese Weise müssen wir nicht so viele Leute erreichen, um genauso viel Kohle zu verdienen. Und die Perspektive eines Tages ein Popstar zu werden oder dergleichen steht uns einfach nicht nahe. 

 

Mythos: Dadurch ist ein Release zwar noch mehr Arbeit, aber da bleibt ja auch Geld hängen. Und so riesig ist der Shop letztendlich auch nicht. Wir haben auch einfach nur eine GBR gegründet.

 

Antagonist: So können wir dann auch die Musik vertreiben, auf die wir Bock haben. Früher hat uns Prezident die Hand gereicht und zwar nicht, weil er damit viel verdienen wird, sondern weil wir unseren Mann stehen. Genau das machen wir nun auch bei Axt&Zimmermann, indem wir ihnen aushelfen. Sie sind zwar unsere Schützlinge, aber nicht aus wirtschaftlichen Gründen.

bb21: Wenn wir schon bei Axt&Zimmermann sind: Wer sind sie? Bis auf die Songs im OF O.S.T. Tape ist sonst noch nichts über sie bekannt.

 

Antagonist: Die Jungs haben uns für eine Show gebucht und danach, mit ihren jeweiligen Freundinnen an der Seite, aufgeregt ein paar Texte vorgerappt. Da waren sie uns schon sehr sympathisch und wir haben sie daraufhin zu uns eingeladen. Eigentlich wollten wir sie mit zweitklassigen Beats abspeisen, aber dann haben wir ihnen doch keine Kackbeats gegeben [lacht]. Einer der Beiden ist jetzt auch mein neuer Mitbewohner geworden, da Linus [Anm. d. Verf.: Mythos] ja ausgezogen ist. 

 

Mythos: Vor allem hat es auch sehr viel Spaß gemacht, an einem Projekt zu arbeiten, wo es nicht nur um uns ging. 

bb21: Heißt es im Umkehrschluss, dass man sich noch länger auf ein neues Album von euch gedulden muss, jetzt da ihr euch auch um Axt&Zimmermann kümmert?

 

Antagonist: Nein, dieses Jahr wird definitiv noch das Album Kronjuwelen erscheinen. Es gibt bestimmt 100 Alben von uns, bei denen wir aber nie über eine Skizze hinauskamen. Das ist auch unser Problem, weswegen es für uns wichtig ist, irgendwann den Sack auch mal zuzumachen. Aber wir sind jetzt fest entschlossen, genau das zu machen. Wir helfen auch nur in unserem Umfeld aus. Das sind alles Musiker, zu denen wir auch ein freundschaftliches und familiäres Verhältnis pflegen. 

 

Mythos: Es mag jetzt komisch klingen; aber dass wir nicht mehr zusammen wohnen sorgt dafür, dass wir effizienter am Album arbeiten. Denn jetzt hält man sich viel disziplinierter an Absprachen und Termine. Kronjuwelen wird bald erscheinen, es ist kein Detox!

bb21: Ihr habt das Album ja schon vor über zwölf Monaten angekündigt. 

 

Antagonist: Manchmal schadet es nicht, so zu tun, als ob man schon was in der Hinterhand hätte [lacht]. Lustigerweise haben solche Ankündigungen auf Facebook immer mehr Likes als der Release selbst. Ein Foto mit Ankündigung erreicht einfach unglaublich viele Leute. Vielleicht sollten wir in Zukunft einfach nur noch Bilder posten [lacht].

 

bb21: Eure Mucke ist ja nicht unbedingt die leichteste Kost. Um wirklich alles zu verstehen, muss man ihr schon viel Aufmerksamkeit schenken.

 

Antagonist: Da dürfen die Hörer sich aber auch mal locker machen. Es ist ja gar nicht so gewollt, dass man unsere Texte immer sezieren muss. Intellektuelle und weitreichende Fragen stellt man nicht in Popsongs. Ich meine, wir haben seit jeher eigentlich immer nur über unsere Mindsets gerappt und ich bin noch immer erstaunt darüber, dass man bei uns versucht, alles zu entschlüsseln. Klar kommen wir aus der New Yorker Schule der 1990er Jahre, trotzdem kann man sich aber auch mal locker machen und die Mucke auch mal beim Kochen im Hintergrund laufen lassen.

bb21: Aber wodurch kommt bei euch dieser Output zustande? Was lest ihr oder schaut ihr euch an?

 

Mythos: Das lässt sich gar nicht konkret sagen. Wir interessieren uns eben auch für sehr viele Dinge und sind für einige Themen begeisterungsfähig. Ich gehe zum Beispiel auch gerne in Museen und schau mir dort ganz verschiedene Ausstellungen an. Natürlich ist auch Viktor ein großer Einfluss, so wie der New Yorker Rap der 19990er. Aber was genau uns zu den Künstlern macht, die wir heute sind, lässt sich schwer konkretisieren.

 

bb21: Die letzten Worte gehören euch!

 

Antagonist: Wir danken dir erst einmal für das Interview. Außerdem bedanken wir uns an dieser Stelle auch bei unseren Fans, vor denen wir riesigen Respekt haben. Dass sie sich unsere Songs anhören, supporten und zu den Konzerten kommen, ist der Hammer. Wir hätten so oder so Musik gemacht, dass sie aber auch Anklang findet, ist ein überwältigendes Gefühl und eine riesige Ehre. Genau das wollen wir euch an dieser Stelle zurückgeben. 


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