Interview mit ERRdeKa

„Es war geil, Teil eines großen Hypes zu sein, aber die kommen und gehen.“

Interview mit ERRdeKa
Interview mit ERRdeKa

Autor: Walter Schilling 

Foto: Ewelina Bialoszewska

 

 

Nach vier Jahren bei dem Label Keine Liebe ist ERRdeKa nun wieder selbstständig und so heißt das erste Album auf seinem eigens gegründeten Label folgerichtig Liebe. Ob er mit seinem ehemaligen Labelchef Prinz Pi nun im Guten auseinandergegangen ist oder ob es andere Gründe für den Titel des neuen Langspielers gibt, verrät ERRdeKa in unserem Interview, das wir in einer kleinen Berliner Bar in Kreuzberg führten. Außerdem sprechen wir hier, in welchen Bereichen der Augsburger Fler als eine große Inspiration sieht und warum ausgerechnet eine Ecstasy-Pille das Cover seiner neuen Platte Liebe ziert.

bb21: Dein neues Album Liebe kommt am 5. Oktober raus. Beim letzten Mal hattest du noch einen Releasemonat und deine LP kam häppchenweise, auf vier Wochen verteilt, raus. Warum gehst du dieses Mal doch wieder den konservativen Weg?

ERRdeKa: Ursprünglich sollte Liebe nur ein Mixtape werden, weswegen ich mir hier besonders viel Mühe gegeben habe, dass man das Werk am Ende gut am Stück durchhören kann. Das Mixtape ist dann aber zu einem Album geworden, das man aber, wie gesagt, sehr gut durchhören kann, weswegen es hier sehr viel Sinn gemacht hat, es auch als ein komplettes Release zu veröffentlichen anstatt in Häppchen. 

bb21: Was macht für dich den Unterschied zwischen Album und Mixtape aus?

ERRdeKa: Eigentlich gibt es heute kaum noch einen Unterschied. Früher hat man bekannte und bereits veröffentlichte Instrumentals genommen und einfach darüber gerappt. Sowas macht aber heute kaum noch jemand, was aber bis heute noch geblieben ist, ist der Anspruch. In einem Album steckt mehr Qualität als in einem Mixtape. 

 

bb21: Auf dem Cover von Liebe ist eine Ecstasy-Pille zu sehen, während man auf dem Titeltrack hört, dass du zu mehr Liebe aufrufst. Meinst du damit, dass die Leute sich mehr Pillen einwerfen sollen?

ERRdeKa: Ursprünglich sollte der Titeltrack gar nicht der Titeltrack werden. Als ich ihn geschrieben habe, hatte ich noch gar keine Idee, wie ich das Album nennen werde. Aber da das jetzt meine erste LP ist, die ich veröffentliche, seitdem ich nicht mehr beim Label Keine Liebe bin, fand ich Liebe einen sehr passenden Titel. Zumal ich bei Keine Liebe eher düstere Alben veröffentlicht habe und Liebe schon eher positiv und chillig ist. Daher finde ich den Titel besonders treffend. 

Was das Cover angeht, da habe ich mir sehr lange viele Gedanken darüber gemacht und bestimmt über 8.000 Cover-Entwürfe gemacht, die ich alle nicht als passend empfunden habe. Erst als ich jemanden gefunden habe, der solche 3D-Renderings gut machen kann, kam es langsam dazu, dass ich mich für die Ecstasy-Pille entschieden habe. 

bb21: Warum gerade Das als Cover?

ERRdeKa: Weil Ecstasy bei sehr vielen Menschen Liebe auslöst. Ich bin ja auch nicht gerade unbefangen, was dieses Thema angeht. So eine Pille sieht auch stylisch aus und dann teilt man sie auch noch und nimmt die „Liebe“ quasi zusammen.

„Bestimmt habe ich auch schon Fans vergrault, die Paradies voll gefeiert haben, aber mit Rapunderdog nichts anfangen konnten.“

bb21: Du hast es jetzt selbst erwähnt, dass du nicht mehr beim Label Keine Liebe unter Vertrag bist. Warum hast du dich für den Weg entschieden, wieder alleine weiterzumachen?

ERRdeKa: Der Deal beim Label ging über drei Alben, die ich mit Solo erfüllt habe. Jetzt ist aber die Zeit für Veränderungen gekommen, die ich dafür nutzen möchte, unabhängiger zu werden. Das Label und allen voran Prinz Pi hat mir viel geholfen, wofür ich ihm sehr dankbar bin. Aber es nervt mich, in jedem Interview über ihn ausgefragt zu werden. Ich möchte unter meinem eigenen Stern stehen. Wir sind auch im Guten auseinandergegangen und es gibt keine schlechten Vibes zwischen uns. Aber mein Gefühl sagt mir, dass ich diesen Weg jetzt gehen muss.

 

bb21: Vor vier Jahren hast du den Schritt zu Keine Liebe gewagt und bist damals sehr schnell auf die großen Bühnen des Landes gekommen, hast die Cover von Zeitschriften geziert und konntest große Charterfolge verbuchen. Welche Visionen hattest du 2014 und was davon ist heute Realität?

ERRdeKa: Ich bin mit keiner großen Erwartungshaltung rangegangen. Ich habe zuvor jahrelang gute Musik gemacht, die einfach niemanden großartig gejuckt hat. Ich habe mich vor dem Deal oft gefragt, woran das genau lag. Doch mit dem Signing bei Keine Liebe hat sich alles schlagartig verändert. Es war geil, Teil eines großen Hypes zu sein, aber die kommen und gehen. Ich frage mich zum Beispiel auch, wie lange Rin noch so angesagt bleibt, wie er aktuell ist. Ganz ohne disrespect, ich feier seine Musik ja auch. Aber jeder Hype hat nun einmal ein Ende.

bb21: Und was sind deine neuen Ziele für die Zukunft? Gerade durch deine großen Veränderungen wird es bestimmt vieles geben.

ERRdeKa: Ehrlich gesagt möchte ich einfach nur Musik machen. Schau dir mal Fler an, er hat damals mit Aggro Berlin auch einen großen Hype gehabt, ist aber danach durch viele Tiefs gegangen. Er liefert aber mittlerweile seit über zehn Jahren konstant ab und diese Beharrlichkeit finde ich großartig, obwohl ich selbst Fler nur sehr selten höre. Ich möchte letztendlich einfach Kunst machen, ganz egal wie gehypet ich bin oder nicht. 

bb21: Warum folgt bei dir meist nach einem deepen Album ein härteres? Nach Paradies folgte das härtere Rapunderdog und nach der besinnlichen Platte Solo kommt jetzt wieder straighter Rap mit Liebe. Brauchst du diese Herangehensweise?

ERRdeKa: Dahinter steckt ehrlich gesagt gar kein Konzept. Das hat sich einfach so ergeben. Die Melancholie, die ich in mir trage verarbeite ich in meinen Songs. Wenn ich aber darüber innerhalb kürzester Zeit viele Texte geschrieben habe, brauche ich danach etwas komplett anderes. A$AP Rocky ist zum Beispiel jemand, der in beiden Welten gut hin und her wechseln kann. Er hat auf seinen Alben sowohl sehr deepe als auch klassische HipHop-Songs und erzeugt in beiden Welten krasse Vibes. Von solchen Rappern bin ich großer Fan. Ich möchte mich auch nicht limitieren, sondern die Songs machen, die meiner Stimmung entsprechen. 

 

bb21: Wird deine nächste Platte also wieder deep werden?

ERRdeKa: Lustigerweise schreibe ich gerade tatsächlich an neuen Songs, die wieder inhaltsstärker werden [lacht]. Aber ich finde, dass das HipHop auch ganz gut steht, wenn man wieder tiefgründig wird. Ich will es nicht verurteilen, aber in den großen Playlists und in den Charts findest du keine Storyteller.

bb21: Glaubst du nicht, dass du dir dein Leben selbst schwer machst, wenn du immer wieder zwischen melancholischen und euphorischen Platten wechselst?

ERRdeKa: Bestimmt wäre es einfacher, wenn ich immer diesen einen Style bedienen würde. Dadurch könnte ich viel mehr Hörer auf Dauer bei Stange halten und sie würden immer das bekommen, was sie auch erwarten. Aber immer wieder den gleichen Track zu machen und ihm nur einen anderen Namen zu geben, liegt mir nicht. Das ist nicht mein künstlerischer Anspruch. Bestimmt habe ich auch schon Fans vergrault, die Paradies voll gefeiert haben, aber mit Rapunderdog nichts anfangen konnten. Aber damit kann ich leben. Mir sind die Fans lieber, die sich mit meiner Musik wirklich befassen. 

bb21: Sind Promophasen für dich etwas angenehmes, vielleicht beim vierten Album auch schon etwas alltägliches oder eher unangenehm?

ERRdeKa: Ich muss sagen, dass mir das sogar Vergnügen bereitet. Ich führe gerne Interviews, wenn ich wie hier merke, dass ein Konzept dahinter steckt und man sich mit meiner Musik auseinandergesetzt hat. Ich liebe es grundsätzlich über Lieder zu sprechen und auch Videoclips mache ich sehr gerne. 

 

bb21: Die letzten Worte gehören dir!

ERRdeKa: Hört euch einfach meine Musik an und macht euch dazu eine eigene Meinung.


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