Interview mit Haszcara

„Es geht in erster Linie darum, in sich selbst und seine Gefühle zu vertrauen.“

Interview mit Haszcara
Interview mit Haszcara

Autor: Walter Schilling

Foto: Nicole 

 

 

Mit ihrer neuesten Platte Roter Riese will Haszcara anfangen, ihr altes ich hinter sich zu lassen und endlich damit beginnen, an sich zu denken. In unserem Interview sagte sie dazu: „Jeder ist für sich selbst verantwortlich“. Das heißt bei ihr, dass man zu sich und seinen Emotionen auch stehen muss. Anstatt Gefühle einfach nur zu verdrängen, ist es für die Rapperin wichtig, sie zuzulassen und zu akzeptieren. Ob sie mit dieser Lebensart auch aneckt und wie ihre Freunde darauf reagierten, erzählt sie bei unserem Interview, das wir teilweise via Skype, teilweise schriftlich per E-Mail geführt haben. Haszcaras Antworten wurden dabei von ihr selbst verschriftlicht und sind unverändert zu lesen.

bb21: Einer deiner ersten Songs, die du unter Haszcara veröffentlicht hast, waren beim VBT. Was hat dich damals beim VBT begeistert?

Haszcara: Das VTB hab ich durch Esmaticx entdeckt. Die hat mich ziemlich beeindruckt. Ich fand nice, wie sie frauenfeindlichen und homophoben Inhalten Kontra gegeben hat, ohne dabei selbst aus einer explizit feministischen Szene zu kommen. Das war damals neu für mich. Daraufhin war habe ich mega Bock bekommen, auch zu Battlen und einige Zeit später beim VBT teilgenommen. Mich hat interessiert, wie Punches eigentlich funktionieren. Warum es scheinbar mehr puncht, zu sagen dass jemand schwul sei, als jemanden mit „du bist homphob“ zu beleidigen.

bb21: Mittlerweile hat sich daraus aber scheinbar eine Abneigung gegen das VBT gebildet, oder täuscht das?

Haszcara: Ja, das täuscht. Du spielst auf Kotzen an, oder? Es gibt einige Dinge, die ich durchaus kritikwürdig finde…aber abgesehen davon finde ich Battlerap sehr unterhaltsam. Es muss kein Widerspruch sein, etwas zu feiern und zu kritisieren. „Kenne deinen Feind“ und so. Beim VBT 2015 wars halt folgendermaßen…Bei über 1000 Bewerbungen waren nur 5 Frauen dabei. Das finde ich schade. Ich denke, viele trauen sich nicht - vielleicht, weil man im Vorhinein schon schlechtere Karten hat. „Du bist eine Frau“ gilt ja bereits als Diss. Aber das ist eher ein gesamtgesellschaftliches Problem, das sich in Sprache und Kultur wiederspiegelt. Die krasse Reaktion und Resonanz auf Kotzen hat mich ehrlich gesagt verwundert. Ich habe mich in diesem Track zwar über Battlerap ausgelassen, wollte aber trotzdem noch Teil davon sein. Der Song war schließlich eine Bewerbung für das VBT Elite. Ein Battle gegen Battlerap quasi. Das sich da manche Leute so angepisst gefühlt haben, spricht für sich.

bb21: Was genau fandest du daran so schlimm, wenn sozialkritische Songs beim VBT nicht erwünscht sind?

Haszcara: Das würde ich so nicht pauschalisieren. Hier und da gibt es gute Statements im VBT, auch gegen Sexismus und Homophobie. Die kommen nur nicht immer so gut an. Was mich vor allem stört, ist die Behauptung, unpolitisch sein zu wollen. Alles, was man macht, ist letztendlich politisch. Selbst wenn man nichts tut ist das ein Statement. Wenn ich mitkriege, wie jemand belästigt wird und einfach weiterlaufe, dann ist das auch eine Handlung. Mir ist schon bewusst, dass die meisten Rapper, die schwulenfeindliche Lines bringen, im Alltag nicht unbedingt homophob sind. Aber das kann man doch mal hinterfragen. Warum benutzen sie Worte, die sie nicht meinen?

„Mir ist schon bewusst, dass die meisten Rapper, die schwulenfeindliche Lines bringen, im Alltag nicht unbedingt homophob sind.“

bb21: Aber ein Battle ist ja per se politisch inkorrekt, weil du den anderen beleidigen musst.

Haszcara: Ja, das habe ich auch festgestellt. Beleidigungen funktionieren halt auf einer abwertenden Ebene. Meistens trifft es aber diejenigen, die sowieso schon marginalisiert werden, und diese Diskriminierung wird durch solche Texte nochmal verfestigt. Wo da die Grenzen liegen, kommt meiner Meinung nach auf den Kontext an.

bb21: Du rappst ja nicht nur, sondern produzierst ja auch noch Beats. Aber wie hast du das bei deiner EP Roter Riese gehandhabt?

Haszcara: Auf dieser EP sind noch keine Beats von mir. Aber dafür von befreundeten Producern: Schmiddunsk, BzumZ, Babakunin (AMK) und Tolztoy (AMK). Alle mal auschecken! AMK sind Rapper und Beatproduzenten aus Dortmund. Wir spielen im Herbst ein paar Konzerte zusammen, da freu ich mich schon drauf. Da ich noch nicht so lange Beats mache, habe ich auf Roter Riese noch keine von mir draufgepackt….aber es ist einwenig mühsam, fürs Abmischen (Danke an Disscut!) allen Leuten für die Einzelspuren hinterherzurennen. Also werde ich in Zukunft wohl mehr eigene Beats nehmen [lacht]. 

 

bb21: Aber ist das Produzieren an sich nicht auch anstrengend?

Haszcara: Nein, das passiert einfach. Man hat dann plötzlich was im Kopf, das man loswerden muss. 

bb21: Deine EP heißt Roter Riese, womit untergehende Sterne bezeichnet werden. Aber warum dieser Titel für dein Debütrelease? Meinst du damit deine Rapkarriere?

Haszcara: Der Titel ist symbolisch. Ich habe einen Teil von mir lange Zeit verborgen, oder besser gesagt nichtmal richtig wahrnehmen können. Ich lasse das jetzt endlich raus. Das ist die Explosion. Meine Zeile aus dem gleichnamigen Track beschreibt dieses Gefühl am besten: „Ich war immer euer Sonnenschein, doch jede Sonne wird am Ende ihres Lebens eine Bombe sein.“

bb21: Das heißt, du hast dich selber immer hinten angestellt und nur auf andere geachtet?

Haszcara: Ja, schon. Ich bin oft dafür verantwortlich gewesen, andere bei Laune zu halten. Wenn mir etwas nicht gut getan hat, konnte ich das weder wahrnehmen noch artikulieren - aus Angst vor Abweisung. Das war mir lange Zeit nicht mal bewusst. Gerade Gefühle der Wut konnte ich nicht richtig zulassen, obwohl sie zum Leben dazugehören. Mittlerweile versuche ich, all meine Emotionen erstmal zu wahrzunehmen und zu akzeptieren. Und dann zu herauszufinden, woher sie kommen.

 

bb21: Hast du die Abweisung, vor der du Angst hast, schlussendlich dabei auch erfahren?

Haszcara: Teils, teils. Wenn man bisher unbekannte Facetten von sich zeigt, trifft das nicht immer auf Zuspruch. Man muss lernen, damit umzugehen. Veränderung ist schwer. Es geht in erster Linie darum, in sich selbst und seine Gefühle zu vertrauen. Und sich mit Leuten zu umgeben, die das unterstützen. Wenn Ich bei jemand anderem eine starke emotionale Reaktion hervorrufe, muss das nicht zwangsläufig was mit mir zu tun haben. Oft ist es so, dass die Situationen, die wir erleben, etwas aus der Vergangenheit der anderen berühren. In der Psychoanalyse nennt man das Übertragung. Diese kann ziemlich überfordernd und aufwühlend sein. Deshalb ist es wichtig, sich mit sich auseinander zu setzen um das Chaos im Kopf zu verstehen und zu ordnen.

bb21: Du warst vor kurzem auf Tour. Wie war das für dich? Das war ja einer der ersten Tourneen für dich, oder?

Haszcara: Ich war im Mai zusammen mit Lady Lazy, Wunstra und FVU auf der „Retten was zu retten ist“ Tour. Der Name ist Programm! Es war total schön und hat uns alle nochmal ein wenig näher zusammengeschweißt. Ende letzen Jahres war ich erst mit Neonschwarz und danach mit Kobito, Mister Mo und Kai Kani bei ein paar Tourwochenenden am Start. Zusammen eine Tour zu spielen ist sehr intim, weil man auf kleinem Raum mehrere Tage aufeinander hängt. Durch mangelnde Privatsphäre und Stress wird man da echt an seine Grenzen getrieben. Aber wenn man rücksichtsvoll miteinander umgeht, wie das bisher immer der Fall war, ist das eine wertvolle Erfahrung. Man lernt viel über sich und die anderen. Tourkonzerte finde ich auf jeden Fall besser als einzelne Konzerte, weil man den Rückhalt der Crew hat und sich auf die Musik einlassen kann, anstatt immer wieder zwischen Alltag und Konzert pendeln zu müssen.

 

bb21: Die letzten Worte gehören dir!

Haszcara: Kauft meine EP und glaubt an euch selbst!


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