Interview mit Figub Brazlevič

„HipHop ist schon immer anti gewesen. Aber womöglich lag das mehr an der damaligen Generation als an HipHop.“

Interview mit Figub Brazlevič
Interview mit Figub Brazlevič

Autor: Walter Schilling

 

 

Jeder HipHop-Head, der gerne seinen Kopf zu traditionellen Rapsongs wippt, kennt Figub Brazlevič oder wenigstens seine Beats. Er beliefert die Rapwelt europaweit mit Instrumentals, die er selber zwar nicht als Boombap bezeichnet, doch der Soundästhetik der Golden Era sehr nahe kommt. Egal, ob Teknical Development, Kollegah, Schwesta Ewa oder MC Rene: Etliche Rapper bevorzugen die warmen und funkigen Beats des Schwaben, um sich darauf musikalisch austoben zu können. Welche seiner Kollabos Figub am nachhaltigsten geprägt hat, warum er kaum Platten sammelt und wieso er politischen Rap für wichtiger denn je hält, erfahrt ihr in unserem Interview, das wir in einem Berliner Café führten.

bb21: Wie groß ist deine eigene Plattensammlung?

Figub Brazlevič: Ich muss gestehen, dass ich kein großartiger Sammler bin. Mir war es schon immer wichtig, dass meine eigenen Platten krass klingen, weswegen ich den Fokus nicht darauf gelegt habe, wer sonst noch alles wirklich gut ist. Wenn ich eine Platte totgesamplet habe, dann verschenke ich sie auch weiter. Bei mir zuhause befinden sich vielleicht nur 400 Platten, aber das sind alles absolute Meisterwerke. 

bb21: Du arbeitest sowohl gerne mit jungen, aufstrebenden Künstlern wie John Known als auch mit etablierten HipHop-Pionieren wie MC Rene oder großen Stars wie Kollegah zusammen. Welche deiner ganzen Kollabos hat dich am nachhaltigsten geprägt?

Figub Brazlevič: Zum einen Teknical Development mit dem ich bei Man of Boom am Start bin. Mit ihm trete ich auch auf, wodurch wir sehr viel unterwegs sind, um uns stetig austauschen. Das macht mit ihm sehr viel Spaß und ich sehe uns als richtige Gruppe. Davon abgesehen noch MC Rene. Wir hatten einen unfassbar guten Trip nach Marokko. Bis heute stehen wir noch im engen Kontakt zueinander, weil wir uns bei der Zusammenarbeit an Khazraje gegenseitig stark inspiriert haben. 

bb21: Obwohl die Platte schon zwei Jahre alt ist, tretet ihr immer noch gemeinsam auf?

Figub Brazlevič: Das ist schon zwei Jahre her? Puh, das ist zu krass, wie die Zeit vergeht. Am liebsten würde ich die Gegenwart einfach einfrieren lassen und einfach mal durchatmen und solche Momente noch intensiver auskosten. Jedenfalls hat mir das sehr viel Spaß gemacht. Es ist immer cool, wenn Rapper Produzenten wirklich wertschätzen. Klar kann es auch viel Zeit kosten, einen Text zu schreiben. Aber verglichen mit der Zeit, die eine Beatproduktion veranschlagt, ist das oftmals einfach weniger. Stundenlang fokussiert auf einen Bildschirm zu schauen, kann einen richtig schlauchen. Wenn ich dann aber mit einem Rapper wie MC Rene zusammenarbeite, der mir die Bälle zuspielt, macht das einfach viel mehr Spaß. 

 

bb21: Gibt es für dich Grenzen der Zusammenarbeit? Rapper, mit denen du von vornherein nicht zusammenarbeiten würdest?

Figub Brazlevič: Klar gibt es die. Ich werde natürlich keine Namen nennen, aber es gibt Menschen, die haben eine katastrophale Stimme, schlechte Texte und können nicht richtig rappen. Mit denen will ich natürlich nicht zusammenarbeiten. Mir ist es auch sehr wichtig, möglichst eng mit den Rappern zusammenzuarbeiten und am besten maßgeschneiderte Beats produzieren zu können. Wenn die Leute aber tatsächlich einfach nur meine Instrumentals haben wollen und wir uns gar nicht sehen, dann muss wenigstens auch eine vernünftige Summe überwiesen werden. Je unpersönlicher die Produktion, desto mehr Kohle will ich dafür bekommen. 

„Letztens war ich im Prince Charles und da liefen dann die ganzen modernen Songs […] aber der Funke ist nie übergesprungen.“

bb21: Du hast in einem Interview Plusmacher als deinen Konkurrenten bezeichnet. Siehst du die Rapper, die du mit deinen Beats belieferst auch als Konkurrenz?

Figub Brazlevič: Plusmacher ist in erster Linie ein Freund. Ich habe ihm auch viel geholfen. Als ich ihn kennengelernt habe, hat er nur im Umfeld der Funkverteidiger Musik gemacht und durch die Connection zu Olexesh, die ich ihm klargemacht habe, hat er einen großen Schritt gemacht. Da er aber auch meinen Sound bekannter gemacht hat, gibt es wiederum mehr Produzenten, die sehr ähnlich an meiner Musikästhetik produzieren. Das sorgt natürlich dafür, dass er mich nicht mehr unbedingt anrufen muss, um ähnliche Beats zu bekommen. Also muss ich mich wieder mehr anstrengen, um noch bessere Beats zu produzieren. Das ist also gar kein negativer Konkurrenzkampf, den ich damit beschrieben habe.

bb21: Letztendlich also ein gesunder Konkurrenzkampf, der dich dazu anspornt, stets das Maximum rauszuholen?

Figub Brazlevič: Ja, wir leben ohnehin in einer verrückten Zeit. Als Künstler kämpfst du um deine Reichweite in den sozialen Netzwerken mit Models, Sportlern und Supernerds, die mit verbundenen Augen Klavier spielen. Da interessiert einem am Ende nicht einmal die Qualität, sondern das Wie wird wichtiger als das Ergebnis. Aber darunter leidet alles, von der Qualität bis hin zur Magie eines Songs. Es hat doch was, wenn man eben nicht weiß, wie ein Produzent an seinen Tracks bastelt. 

 

bb21: Ist es dir wichtig, dass HipHop politisch ist?

Figub Brazlevič: Natürlich! HipHop ist schon immer anti gewesen. Aber womöglich lag das mehr an der damaligen Generation als an HipHop. In den 1970ern und 1980ern haben die Menschen gegen Rassismus und Unterdrückung gekämpft. Heute nervst du damit deine Mitmenschen, wenn du sozialkritisch wirst. Vor allem stört man die Leute, wenn man etwas kritisiert, womit man Geld verdient. Das hat man vor allem bei dem Verbrecher Jeremy Meeks gut gesehen. Der Typ wird total gefeiert, weil er ein gefragtes Model ist und gut aussieht. Wir schauen zu Verbrechern auf anstatt zu echten Vorbildern.

bb21: Gibt es für dich ein besonderes Rezept, das eine gute HipHop-Platte ausmacht?

Figub Brazlevič: Soundästhetik ist das Wichtigste und vor allem sollte sie mehr als sieben Songs haben. Shoutouts an Kanye. Ich verstehe aber schon, warum er das gemacht hat. Denn eine gute EP ist viel einfacher zu machen als ein gutes Album. 

bb21: Für einen Produzenten gehst du auch gerne an die Öffentlichkeit. Findest du, dass das auch ein wichtiger Teil der Musikindustrie ist?

Figub Brazlevič: Auf jeden Fall. Mir ist es einfach wichtig, sich zu connecten und viele verschiedene Persönlichkeiten kennenzulernen. Ich war in meiner Jugend immer Teil einer HipHop-Crew und fühle mich auch einfach ein Stück weit wie ein Rapper. Auf der Bühne gebe ich auch immer Vollgas und bin richtig dabei. Außerdem höre ich mich gerne reden. Vielleicht bin ich auch deswegen öfter in der Öffentlichkeit als andere Produzenten.

 

bb21: Warum versuchst du dich selbst nie an neuen Trends?

Figub Brazlevič: Weil ich sie nicht fühle. Ich würde es sogar gerne. Letztens war ich im Prince Charles und da liefen dann die ganzen modernen Songs. Ich habe mir richtig Mühe gegeben, den Vibe zu fühlen und auch auf der Tanzfläche abzugehen, aber der Funke ist nie übergesprungen. Deswegen mache ich einfach die Musik, die ich fühle und nicht die, die die Industrie verlangt. 

bb21: Die letzten Worte gehören dir!

Figub Brazlevič: Wir leben in einer anstrengenden Zeit, weswegen ich jedem die Kraft wünsche, in sich hineinzuhorchen und zu fragen, in was für einer Welt man leben möchte. Wir tun immer so, als ob die ganze Welt in unser Land einwandern möchte. Aber eigentlich wollen sie nur in Frieden und Freiheit leben, was viele Geflüchtete in ihrer Heimat eben nicht können. Wir sollten lieber aufhören die Menschen auszubeuten, um auf ihrem Rücken unseren Wohlstand zu führen.  


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