Interview mit Ebow

„Eine Frau kann auch komplett nackt rumlaufen, das macht sie noch lange nicht zur Schlampe.“

Interview mit Ebow
Interview mit Ebow

Autor: Walter Schilling

Foto: Magdalena Fischer

 

 

Es gibt immer mehr Frauen die rappen, meistens funktioniert es aber nur dann, wenn die Damen auch bereit sind, ihre Reize zur Schau zu stellen. Je sexualisierter sich die Vertreterinnen des weiblichen Geschlechts präsentieren, desto höher ihre Erfolgschancen. Frauen, die das nicht machen, sind leider eher die Ausnahmen in unserer Community. Ebow ist eine dieser Exotinnen. Anstatt auf ihre körperlichen Vorzüge zu setzen, stellt sie ihre Musik in den Mittelpunkt, bei der es keine Tabus gibt. Auf ihrem neuen Album Komplexität schafft sie es sowohl mit Clubhits als auch mit gesellschaftskritischen Songs zu überzeugen und lässt dort sämtliche HipHop-Stile ineinanderfließen. Dabei ist ein ausgesprochen interessantes Album herausgekommen, weswegen ich mich mit Ebow unterhielt.

bb21: Dein letztes Soloalbum kam vor ganzen vier Jahren raus. Warum hast du dir so viel Zeit für Komplexität gelassen?

Ebow: Mein Debüt Ebow ist sehr klassisch produziert worden und dadurch ging es auch sehr schnell. Denn das habe ich mit einem Produzenten zusammen gemacht. Wie das mit anderen Beatmakern funktioniert, musste ich erst herausfinden, was eben auch seine Zeit in Anspruch genommen hat. Außerdem bin ich umgezogen und lebe jetzt in Wien statt in München und habe im Zuge dessen auch ein neues Label für mich gefunden, über das ich Komplexität herausbringe. 

bb21: Du hast es selber angesprochen: Du hast diesmal mit vielen verschiedenen Produzenten zusammengearbeitet. Fiel es dir dadurch auch schwerer, einen roten Faden zu kreieren?

Ebow: Ich kann das nicht miteinander vergleichen. Nik Le Clap hat bei Ebow eng mit mir zusammengearbeitet, wodurch wir unsere Stärken besser kombinieren konnten. Neue Produzenten heißt auch neue Arbeitsweisen. Das sind komplett andere Menschen, die man auch erst mal kennenlernen muss. ZinoBeatz produziert zum Beispiel viele harte Gangstersongs. Zusammen haben wir aber einen sehr gefühlvollen Track gemacht. Es war von vornherein nicht klar, dass das dabei rauskommen würde. Zumal es eben etwas anderes ist, wenn du einen Produzenten hast, der in die Arbeit des kompletten Albums involviert ist. Es ist aber weder schlechter sondern etwas komplett anderes. 

 

bb21: Auf dem Song Punani Power dropst du folgende Line: „Wenn ich will lauf ich im Minirock und zeig jedem mein Tanga.“ Ab wie viel Haut ist eine Frau eine Schlampe? Manche ziehen ihre Grenzen zum Beispiel ab dem Knie. Alles was mehr zeigt, ist zu viel.

Ebow: Eine Frau kann auch komplett nackt rumlaufen, das macht sie noch lange nicht zur Schlampe. Es gibt auch unfassbar viele Idioten, die behaupten, dass Frauen, die zu viel Haut zeigen, es provoziert haben, vergewaltigt zu werden. Sowas rechtfertigt doch keinen Missbrauch! Diese Diskussion darüber ist einfach nur gestört und verletzend. Vor allem, dass auch Frauen sowas denken und sagen, macht es noch viel schlimmer. Grundsätzlich finde ich es schade, dass Frauen untereinander nicht solidarisch sind.

bb21: Wo ist es denn sonst noch zu sehen, dass Frauen untereinander sich unsolidarisch verhalten?

Ebow: Es fängt schon damit an, dass viele westliche Frauen denken, dass es Feminismus nur im Westen gibt und jede Dame, die ein Kopftuch trägt, automatisch unterdrückt wird. In Punani Power sage ich auch, dass ich - wenn ich will - meinen Kopf rasiere und ohne Haare rumlaufe. Lange Haare sind auch ein feminines Zeichen, was aber total gestört ist. Warum sind denn kurze Haare so verpönt bei Frauen? Das ist doch gestört. Aber das Haar muss auch an den richtigen Stellen sein, denn Achselhaare sind bei Frauen nicht akzeptiert. Vor allem wird das auch unter den Frauen stark diskutiert, was ich besonders traurig finde. Warum müssen wir uns untereinander denn so viel Druck machen, in die Norm zu passen? Wenn wir uns schon untereinander nicht unterstützen, wer dann? Das ist doch schade.

„Ich wünsche mir, dass es noch viel mehr Frauen im Rap gibt.“

bb21: Das Gegenbeispiel ist der FKK-Strand. Dort werden doch nicht ständig Frauen vergewaltigt, nur weil sie nackt rumlaufen. Aber auch in der Sauna sind beide Geschlechter nackt nebeneinander, ohne dass dort Massenvergewaltigungen stattfinden. Das ist ja tatsächlich kein Argument.

Ebow: Dass Frauen selber an der Vergewaltigung schuld sind, ist einfach nur eine dumme Aussage. Mich macht es aber noch trauriger, dass man solche Sätze auch von Frauen hört. Schade, dass es untereinander keine Solidarität gibt. Ich habe Freundinnen, die halb nackt rumlaufen. Für sie ist nackte Haut aber auch nicht gleich etwas sexuelles, sondern hat auch viel mit Freiheit zu tun. Deren Eltern waren Hippies und in diesem Umfeld sind sie eben groß geworden. Sie müssen sich aber ganz oft etwas darüber anhören, wie viel Haut sie wieder zeigen. Zum Teil auch von Frauen.

 

bb21: Aber diese fehlende Solidarität herrscht auch in der Arbeitswelt. Dort halten die Arbeiter auch oftmals nicht zueinander, sondern machen ihre Kollegen lieber runter, um vor dem Chef besser dazustehen.

Ebow: Ja, der Mangel an Solidarität zieht sich durch sämtliche Gesellschaftsschichten. Das ist auch bei Ausländern der Fall oder den Kindern von ihnen. Die sind sich zwar alle darüber einig, dass Neo-Nazis scheiße sind, aber sind zum Beispiel selbst rassistisch gegenüber Kurden oder Aleviten, die gegen Sunniten hetzen. Dass der Unterdrückte auch Unterdrücker ist, macht den Rassismus so unnötig kompliziert. 

bb21: Im Song Im Momemt rappst du unter anderem darüber, das Hier und Jetzt mehr zu genießen. Wie schaffst du das selbst? In der heutigen, schnelllebigen Zeit ist das doch gar nicht so einfach.

Ebow: Ich sehe es auch in meinem Umfeld, dass es unheimlich schwierig ist. Das Hauptproblem ist auf jeden Fall das Handy. Wenn man es mal schafft, das Handy beiseite zu legen, dann funktioniert das auch. Gerade Instagram oder Facebook lassen dich glauben, dass du viele tolle Momente miterlebst, aber eigentlich entgleitet dir die Zeit unkontrolliert und du erlebst eigentlich gar nichts. Ich merke das vor allem an meinen jüngeren Cousine, die noch kein Handy haben. Die beschwert sich dann auch darüber, wenn wir alle auf das Display starren und sie ignorieren. Gleichzeitig fällt mir dadurch auch auf, dass wir diese Geräte viel zu oft nutzen.

bb21: Du bist Teil der Gruppe Gaddafi Gals, wo du auf englisch rappst. Wie war es dabei, die richtigen Worte zu finden? Fällt es dir auf Deutsch einfacher?

Ebow: Natürlich fällt es mir leichter, auf Deutsch Texte zu schreiben. Gleichzeitig aber fällt es mir viel einfacher, auf Englisch neue Flows zu entwickeln oder zu adaptieren. So schnell kann ich neue Flows weder auf Deutsch noch auf Türkisch umsetzen. Aber das kenne ich auch von anderen Künstlern, die neue Flows erst auf Englisch üben. Lustigerweise habe ich sogar damit angefangen, auf Englisch zu rappen. Vielleicht fällt es mir auch deswegen einfacher.

 

bb21: War das Gaddafi Gals Projekt etwas einmaliges oder wird es schon bald mehr von euch geben?

Ebow: Wir haben schon ein ganzes Album aufgenommen. Es macht auch super viel Spaß in einer Band Songs zu schreiben. Wir harmonieren auch gut miteinander und ich glaube, dass man das unseren Songs anmerkt. 

bb21: Du hast in einem Interview mal gesagt, dass Hass nichts in der Musik zu suchen hat. Warum? Das ist doch auch eine starke Emotion.

Ebow: Natürlich ist sie das und sie hat genauso wie Liebe ihre Berechtigung. Aber mir ist Musik viel zu wichtig, um Hass da reinzubringen. Ich möchte das nicht weitergeben. Vor allem entsteht dieses Gefühl auch oft durch Angst oder Wut. Dann ist es aber viel besser, zu überlegen, woher das kommt, anstatt den Hass ungefiltert wiederzugeben. Warum fühle ich mich enttäuscht? Sowas muss man eher hinterfragen, anstatt Negativität weiterzugeben. Wenn ich mir zum Beispiel Rassisten genauer anschaue, dann habe ich mit ihnen Mitleid. Deren Lebensmittelpunkt ist der Hass gegenüber anderen Menschen. Zumal das kein Gefühl ist, das man gerne mit sich trägt.

bb21: Die letzten Worte gehören dir!

Ebow: Ich wünsche mir, dass es noch viel mehr Frauen im Rap gibt. Wir kennen mittlerweile die männliche Perspektive im HipHop sehr gut und haben schon fast alles duzende Male gehört. Ich möchte aber auch mal mehr weibliche und queere Perspektiven kennenlernen. HipHop ist doch sonst immer so nah an der Community, an den Menschen dran. Das unterscheidet uns doch auch von der Popmusik. Deswegen würde es mich sehr freuen, wenn wir endlich mehr Vielfalt im Rap hätten. Deswegen appelliere ich an all die jungen Frauen und Mädchen da draußen, dass sie nicht darauf warten, bis endlich ein Mann sie ins Studio einlädt, sondern sich eigene Strukturen schaffen, in denen sie nicht auf Männer angewiesen sind, die sie heiß finden. 


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