Interview mit DJ Crypt

„Selbst Untergrundprojekte können mittlerweile einen […] kommerziellen Erfolg erreichen.“

Interview mit DJ Crypt
Interview mit DJ Crypt

Autor: Walter Schilling

 

 

DJ Crypt ist zu einem wichtigen Teil der Stuttgarter HipHop-Community geworden, denn kaum ein Club, der sich dem Rap verschrieben hat, kommt ohne ihn und seine funkigen Beats aus. Auf diese Weise hat er es zu einem größeren Bekanntheitsgrad gebracht als viele Rapper. Doch wer denkt, dass sich DJ Crypt darauf ausruhen würde, liegt falsch. Denn mittlerweile produziert er auch selbst Beats und hat im vergangenen Jahr mit dem Rapper Galv eine eigene EP veröffentlicht. Dabei wird es jedoch nicht bleiben, denn der Stuttgarter lebt HipHop durch und durch und wird sich in diesem Jahr mit weiteren Rappern zusammenschließen, um das nächste Tape zu releasen. Daher habe ich mich mit dem Stuttgarter auf einen FaceTime-Talk verabredet.

bb21: Du bist als DJ bekannter als viele Rapper. Was ist dein Geheimnis?

DJ Crypt: Ich will schon mein ganzes Leben einfach HipHop leben und habe für diese Leidenschaft immer alles gegeben. Vielleicht habe ich dadurch mehr Zeit und Energie in die Musik gesteckt als andere. Ich habe nie aufgehört Gas zu geben und mache das auch weiterhin. Vielleicht wirkt es deswegen nach außen so, wie du es beschreibst. 

 

bb21: HipHop begleitet dich also schon seit deiner Kindheit und hat dich nie wieder losgelassen?

DJ Crypt: 1996 hat alles mit dem Sprühen angefangen. 1999 kam dann das Auflegen hinzu und irgendwie bin ich einfach so tief in dieser Kultur verwurzelt, dass er zu meinem way of life dazugehört. Deswegen habe ich mich auch dann dem HipHop gewidmet, wenn er mal nicht en vogue war. Es war und ist schon immer meine Leidenschaft gewesen!

bb21: In Leidenschaft steckt auch das Wort Leiden. Durch HipHop hast du bestimmt auch Momente erlebt, die weniger cool waren, oder?

DJ Crypt: Auf jeden Fall. Ich lege sehr oft und regelmäßig auf, wodurch ich dabei auch schon einige Respektlosigkeiten erlebt habe. Auf manchen Partys bekommt man ständig leuchtende Handys ins Gesicht gestreckt, mit der Aufforderung, diesen einen Song jetzt spielen zu sollen. Viele davon sind auch sehr ungeduldig und wollen am liebsten, dass du jetzt deren Spotify-Playlist einfach durchspielst. Das kann schon sehr lästig sein, ansonsten macht das DJ-ing aber noch sehr viel Spaß. Ich liebe es, wenn die Venue nicht so groß ist und man fast in der Crowd mit den Leuten rocken kann. Das kann aber auch manchmal ins Gegenteil umschlagen. Wenn man nur 20 Zentimeter weit weg von den Gästen auflegt, dann sind sie oft hemmungsloser und denken, dass sie es sich rausnehmen können einen den ganzen Abend vollzulabern und zu nerven. Ich würde zu gerne wissen, wie jene die da den DJs immer das Ohr abkauen, reagieren würden, wenn ich ihnen auf Arbeit so auf die Nüsse gehen würde. Manchmal haben die Leute auch echt coole Wünsche und mir hätte kein besserer Song einfallen können, aber meistens passt er jetzt eben nicht und dann kommt diese Person aber immer wieder und fragt ständig, wann denn nun „sein“ Song gespielt wird. 

bb21: Du stehst total auf Funk, obwohl diese Musikrichtung in Deutschland nie relevant war. Wie bist du zum Funk gekommen?

DJ Crypt: Ich habe das durch die B-Boys kennengelernt. Die haben immer zu Breakbeats getanzt und mir diesen Sound nahegelegt. Irgendwann habe ich dann selbst angefangen, mich damit intensiver auseinanderzusetzen und dann die Originalsamples gediggt.

 

bb21: In deiner Biografie steht, dass du stets auf der Suche nach der perfekten Party seist. Wo sind deiner Meinung nach die besten HipHop-Partys zu finden?

DJ Crypt: Das kommt auf ganz viele verschiedene Dinge an. Man braucht eine richtig geile Crowd, eine coole Location, gute Promoter und super Longdrinks. Dann kann das schon was werden. Freund + Kupferstecher, Schräglage oder die Corsobar in Stuttgart sind immer gute Orte für tolle Partys. Dort hatte ich mega Abende. 

„Aber dann kommen noch die Snowgoons DJs ins Spiel wie […] eben ich hinzu.“

bb21: Viele Menschen würden das Auflegen nicht unbedingt als Arbeit bezeichnen. Was entgegnest du solchen Menschen?

DJ Crypt: Das kann bestimmt das sein, was man in der Außenwirkung wahrnimmt. Aber ich habe wirklich viel zu tun. Man muss zum Beispiel die ganzen Social-Media-Kanäle auf dem Laufenden halten, immer auf dem neuesten Stand sein, was die Musik betrifft, dann kommen noch die Snowgoons hinzu, für die ich auch viel und oft auflege, zumal ich mittlerweile auch produziere. Mit Galv habe ich zum Beispiel im vergangenen Jahr eine EP rausgebracht. Am Produzieren werde ich auch weiterhin dranbleiben. Dann kommen noch die Grafiken hinzu, die man für Flyer und dergleichen erstellt, um die Auftritte zu promoten. Es gibt nebenbei wirklich viel zu tun, das Auflegen selbst ist nur ein Teil davon. 

bb21: Was war der skurrilste Moment, den du als DJ erlebt hast?

DJ Crypt: Da gab es schon einiges. Zum Beispiel habe ich mal auf einem Geburtstag aufgelegt und einer der Gäste wollte dem Geburtstagskind eine Sahnetorte ins Gesicht schmeißen, die aber nicht in seiner Schnauze landete, sondern auf meinem DJ-Pult. Da war die Party dann auch erstmal vorbei und ich musste eine lange Zeit erstmal alles putzen, ehe ich wieder Musik abspielen konnte.

 

bb21: Wie verlief die Zusammenarbeit mit Galv bei der 50/50 EP?

DJ Crypt: Galv habe ich in Stuttgart durch einen gemeinsamen Freund kennengelernt, der Sprüher ist. Dadurch, dass er hier wohnt, sind wir uns immer wieder begegnet und haben viele gute Abende verbracht. Irgendwann haben wir dann beschlossen, gemeinsam zu arbeiten. 

bb21: Du hast die Snowgoons bereits erwähnt. Was hat es damit genau auf sich? Auf mich wirkt das wie ein loser Zusammenschluss von vielen verschiedenen Künstlern.

DJ Crypt: Da magst du etwas Recht haben. Es gibt natürlich die Snowgoons als Hauptproduzenten, dass sind die Gründer Det Gunner, DJ Illegal & Sicknature und J. S. Kuster. Aber dann kommen noch die Snowgoons DJs ins Spiel wie Sixkay aus München, DJ Danetic aus Berlin, Xrated aus Bühl und eben ich hinzu. Da geben wir eben schon seit Jahren Gas.

bb21: Sprühst du eigentlich immer noch oder hast du mittlerweile damit aufgehört?

DJ Crypt: Ich sprühe nach wie vor. Zwar nicht mehr so viel und oft wie früher, aber drei bis vier Pieces bekomme ich pro Jahr schon hin. Aber nur noch legal, fürs Illegale male ich zu langsam [lacht]. Aber das ist sowas wie mein Yoga geworden.

 

bb21: Welche HipHop-Trends aus den letzten Jahren haben dir gefallen und welche weniger?

DJ Crypt: Also Mumble und Cloudrap hat für mich wenig mit HipHop zu tun. Aber dafür finde ich es umso geiler, dass derzeit für jeden was dabei ist. Auch für mich als 1990er Lover und Boombap-Fan gibt es einiges. Nicht nur in Deutschland, weltweit erscheint immer wieder neue, geile Musik. Selbst Untergrundprojekte können mittlerweile einen gewissen kommerziellen Erfolg erreichen. In den 2000ern gab es ja mal eine lange Durststrecke, aber selbst in dieser Zeit war HipHop nicht tot und so wird es immer weitergehen. 

bb21: Die letzten Worte gehören dir!

DJ Crypt: Da möchte ich einfach nur mein Kredo wiedergeben: Man muss daran arbeiten, was einem Spaß macht und erfüllt. Auf diese Weise wird man immer irgendwie mit Gleichgesinnten connecten und seine eigene Community aufbauen. Außerdem gehen noch Grüße raus an meine Snowgoons-Bruderschaft. We keep HipHop alive. Dann noch an DJ Smart vom Famous Deck Team, mein Fratello Galv, alle Freunde national wie international und an die No Stress Community. Vielen lieben Dank für das Interview.


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