Interview mit Dissythekid

„Es gibt halt auch viele Songs, die uns einfach verblöden. Wie zum Beispiel dieser Helene Fischer Shit. Genau damit hadere…“

Interview mit Dissythekid
Interview mit Dissythekid

Autor: Walter Schilling

 

  

Die meisten Künstler sind doch schon sehr zufrieden damit, wenn sie wenigstens eine Sache gut können. Nehmen wir an, jemand könne gut rappen, dann wäre das doch schon ziemlich cool. Noch krasser sind aber die Künstler, die sich selbst produzieren. Wenn sie diese beiden Dinge auch noch so gut beherrschen, dass sie ihren Lebensunterhalt damit verdienen, dann ist das außergewöhnlich! Aber die heftigen Masafaka sind dann die Musiker, die sogar auch noch verdammt geile Videoclips für sich produzieren können. Mit genau so einem Alleskönner habe ich mich in Kreuzberg getroffen, um über seine neue EP Fynn zu sprechen. Alles aus einer Hand.

bb21: Warum hast du dir ganze drei Jahre für die EP Zeit gelassen?

Dissythekid: In dieser Zeit habe ich haufenweise Musik gemacht. Die EP ist auch nur sowas wie eine Vorankündigung, ein kleines Hallo. Ich habe auch schon zehn Songs auf dem Rechner, die für das zukünftige Album gedacht sind. Sie sind noch nicht fertig produziert und eher Skizzen, aber ich weiß schon, wohin das Ganze gehen wird. 

 

bb21: Das heißt, wir dürfen dieses Jahr auch noch ein Album von dir erwarten?

Dissythekid: Das werden wir sehen, ob es noch dieses Jahr erscheinen wird. Das hat schon bei der EP viel länger gedauert, als ich gedacht habe. Bis ich die ganzen Songs genauso hatte, wie sie jetzt sind, ist viel Zeit vergangen. Ich konnte nie einen richtigen Workflow kreieren, weil immer etwas dazwischen kam. Ich produziere ja auch meine Videos selbst und so kam es dann immer häufiger dazu, dass mir andere Musiker Drehanfragen geschickt haben. Auf diese Weise habe ich mir ein Standbein aufgebaut und verdiene heute mit Videoclips mein Geld.

bb21: Das ist das, wovon du auch die Miete bezahlst?

Dissythekid: Ja, eigentlich wollte ich mit der Musik mein Geld verdienen, um langfristig gesehen Videos drehen zu können. Jetzt ist es aber so, dass ich durch die Videos das Rappen finanziere. Das ist total geil. Jetzt habe ich mir auch ein Puffer erarbeitet und kann mir mehr Zeit für das Rappen nehmen. Denn das war früher immer mein Problem: Ich habe mich von Job zu Job gehangelt und hatte nie das Geld und die Zeit, um richtig Mucke machen zu können. 

bb21: Dass bei dir dadurch ein Release auch mal etwas länger dauern kann, ist klar. Schließlich ist bei dir alles aus einer Hand. Du produzierst deine Beats selber, deine Videos und rappst natürlich auch noch.

Dissythekid: Ja, diesmal habe ich auch noch einen zehnminütigen Kurzfilm zur EP gedreht. Das hat natürlich auch noch mal sehr viel Zeit gebraucht und den Release verzögert. Ich konnte auch nicht ununterbrochen am Film arbeiten und musste das Projekt immer wieder ruhen lassen, um ihn genauso produzieren zu können. Es steckt dort unheimlich viel Liebe zum Detail und ich hoffe, dass man das als Zuschauer auch sieht.

 

bb21: Marteria hat auch einen Film zu seiner Musik veröffentlicht, stört dich das? 

Dissythekid: Nein, gar nicht. Sogar ganz im Gegenteil. Denn jetzt können die Leute das gegenüberstellen und schauen, wie ich mit meinem kleinen Budget sowas mache und die großen Majors, die sehr viel Geld zur Verfügung haben. Da sieht man dann auch einen richtigen Kontrast. Das ist wie Blockbuster gegen Arthaus. 

„Eigentlich wollte ich mit der Musik mein Geld verdienen, um langfristig gesehen Videos drehen zu können. Jetzt ist es aber so, dass ich durch die Videos das Rappen finanziere.“

bb21: Im Pressetext wird deine EP als „der Sound der Revolution“ bezeichnet. Gegen was richtet sie sich?

Dissythekid: Dazu sage ich ja schon was im Intro der EP: „Wäre Fynn nicht so ein verdammter Idiot, wäre das hier der Soundtrack der Revolution.“ Denn durch die sperrigen Beats, die Fynn gebaut hat, kann das nicht der Sound der Revolution sein. Demzufolge ist das also nicht ganz richtig, was im Pressetext zu lesen ist. Aber ich dachte mir, dass ich sie einfach mal schreiben lasse. Ist ja nicht verkehrt beim Pressetext auch auf die Kacke zu hauen. 

bb21: So wie du hier und auch in deinen Songs über Fynn redest, glaubt man schnell, dass er eine echte Person wäre. Aber letztendlich ist er ein Alter Ego von dir. 

Dissythekid: Anfangs wollte ich das Geheimnis um Fynn auch gar nicht lüften. Es haben schon sehr viele Magazine und Blogs darüber geschrieben, dass Fynn eine echte Person sei. Auch richtige große Magazine wie die Juice sind davon ausgegangen. Ich wollte das eigentlich auch erstmal so stehen lassen und habe lange mit dem Gedanken gespielt, zur Fynn EP kein Interview darüber zu führen. Aber nun deckt der Film das ohnehin auf, dass Fynn die böse Seite von Dissy ist. 

 

bb21: Hast du dich dazu über das Thema Schizophrenie eingelesen?

Dissythekid: Ach, gar nicht so sehr. Ich reflektiere damit einfach nur mich selbst. Ich habe früher sehr viel Gangster-Rap gehört und mich auch mit solchen Leuten umgeben. Gleichzeitig steckt in mir auch der kleine, naive Junge, der auch den Kitsch liebt. 

bb21: Das hört man dem Album auch tatsächlich an. Zum Beispiel im Song Mein Schatten liebt mich gibt es eine sehr eingängige Hook, trotzdem ist das aber auch ein sperriger und zugleich düsterer Song. Was ist das aber in der Hook? Das bist doch nicht du, oder doch? Es klingt wie ein altes Sample.

Dissythekid: Genau das wollte ich auch damit erreichen. Die Hook hat ein Freund eingesungen. Das haben wir aber so verändert, dass es sich nach einem alten Sample aus einem Broodway-Musical anhört. 

bb21: Du rappst auf Fynn: „Fynn sagt, mach alle Rapper die dich unten halten, platt. Und disses jeden Tag, bis die Deutschrapblase platzt.“ Glaubst du, dass das schon bald passieren wird? 

Dissythekid: Naja, das vielleicht nicht. Aber was man aktuell immer häufiger feststellt, ist, dass die Szene mittlerweile sehr übersättigt ist. Wahnsinnig viele, sehr talentierte Rapper können sich schon gar kein Gehör verschaffen. Leute, von denen man fest davon ausgegangen ist, dass sie durchstarten werden, gehen teilweise komplett unter. Ich merk es auch selbst bei mir. Mit Pestizide hatte ich einen kleinen Hype, aber weil ich nicht gleich nachgelegt habe, ist es jetzt wieder total schwierig einen Fuß in die Tür zu bekommen. 

 

bb21: Aber das Gefühl hat man auch bei den gestandenen Künstlern. Als Marteria ZGIDZ 2 veröffentlichte, war er allgegenwärtig. Jetzt ziert er natürlich nach wie vor viele Cover von diversen Magazinen, aber es ist nicht so wie früher. Ich meine, Bushido und SXTN releasen mit ihm fast zeitgleich.

Dissythekid: Ja, aber vielleicht liegt es auch daran, dass er mittlerweile viel langweiliger geworden ist als früher. Viele Produktionen sind hier in Deutschland immer sehr vorhersehbar und allglatt. Er ist einer der wenigen Rapper, bei dem es nicht so war. Aber Rosswell ist einfach nicht ganz so spannend wie seine vorherigen Werke. 

bb21: Da bin ich aber ehrlich gesagt froh, dass du das auch so siehst. Ich habe mich schon gefragt, ob ich mit der Meinung alleine dastehe. Ist Das Wetter ist perfekt als Deutschrap-Kritik zu verstehen? Man könnte - wenn man will - das Stück auch als Szenekritik sehen.

Dissythekid: Aber nein, so ist das nicht gemeint. Es ist viel allgemeiner gedacht. Ich habe ja auch nichts dagegen, wenn man gute Laune hat und ich frage mich in dem Song ja auch, ob die Reklametafeln nicht auch Recht haben. Aber es gibt halt auch viele Songs, die uns einfach verblöden. Wie zum Beispiel dieser Helene Fischer Shit. Genau damit hadere ich in diesem Song.

 

bb21: Kannst du deswegen keine richtig positiven Songs machen, weil du es nicht als angebracht empfindest?

Dissythekid: Das Wetter ist perfekt sollte eigentlich genau dieser gute Laune Track werden. Aber selbst da hat man das Gefühl, dass irgendwas nicht stimmt. 

 

bb21: Also ist dieser Song gar nicht als Szenekritik zu verstehen sondern als Kritik der Lieder, die überschwänglich gute Laune versprühen?

Dissythekid: Genau. Ich kann diese Plastikwelt einfach nicht ernst nehmen. Ich hätte schon Bock, auch mal einen positiven Song zu machen, aber dieser Fynn ist halt immer mit dabei. Ich merke auch immer sofort beim Schreiben, wie platt ich solche Tracks finde. Ich muss solchen Songs immer noch einen Twist mitgeben. 

 

bb21: Die letzten Worte gehören dir!

Dissythekid: Ich danke allen, die mir dabei geholfen haben, meine Vision zu verwirklichen. Es gibt da einige Leute, die sich dafür auch den Arsch aufgerissen haben. Genau ihnen gebührt mein Dank! 


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