Interview mit Destroy Degenhardt

„Ohne Drogen zu nehmen, hat mich die Musik in die schlechtesten Phasen gebracht, die ich jemals erlebt habe.“

Interview mit Degenhardt
Interview mit Degenhardt

Autor: Walter Schilling

 

 

Destroy Degenhardt gehört zu den düstersten Rappern seiner Zeit, bei dem aber auch eine Prise Melancholie mitschwingt. Er demonstriert den Hörern sowohl seine tiefsten Zweifel als auch die größten Abgründe womit er selbst für manche Hip-Hop-Magazine zu hart ist. Nach zwei erlittenen Psychosen und mehreren Suchterkrankungen hat der Rapper, der sein Gesicht vor der Öffentlichkeit verbirgt, genug erlebt, um über Zusammenbrüche, Misserfolge oder die Finsternis zu rappen. Das Handbuch des Giftmischers ist jetzt sein sechstes Soloalbum, gleichzeit sein bislang düsterstes. Hier zeigt er noch tiefere Abgründe und sagt dazu selbst: „Danach kommt NMZS. Viel mehr geht nicht.“ Per Videocall sprachen wir über coole Rappernamen, Das Handbuch des Giftmischers, Sierra Kid.

bb21: Das aktuelle Album veröffentlichst du unter dem Namen Destroy Degenhardt. Du hast aber auch schon als Degenhardt Musik veröffentlicht. Was hat es mit diesen verschiedenen Namen auf sich?

Degenhardt: Ich habe unter dem Namen Disko Degenhardt angefangen zu rappen, aber das fand ich schon nach kurzer Zeit nicht mehr so cool. Auf den Namen Degenhardt kam ich deswegen, weil ich sehr viel Franz Josef Degenhardt gehört habe. Das ist ein deutscher Liedermacher, der unter anderem Songs wie Spiel nicht mit den Schmuddelkindern veröffentlicht hat. Er hat sehr feingeistige und linke Lieder geschrieben. Ihn kann ich wirklich jedem ans Herz legen. Ich wollte mir eben nie einen typischen Hip Hip-Hop-Alias geben wie MC Smook oder Bongkiffer One. Solche Namen finde ich total bescheuert. Aber das Disko fand ich nach einer Zeit etwas zu cheesy. 

bb21: Du hättest doch deinen richtigen Vornamen nehmen und einfach nur ein Kool oder Deluxe anhängen können.

Degenhardt: Also sowas ist doch das zweit Whackste was es gibt! Noch schlimmer sind nur die Rapper, die ihren bürgerlichen Namen nehmen und den vercoolen. Zum Beispiel Smudo, der sich diesen Alias aus Michael Bernd Schmidt gezaubert hat. Shneezin heißt ja eigentlich Schneider, der hat das auch in diesem Stil gemacht. Sowas machen nur Leute, die sich nicht trauen, sich MC Bongwasser zu nennen und sich dann irgendeinen Schrott-Namen geben. Das ist auf jeden Fall die whackste Variante. Irgendwann kam dann auch dieser Moment, an dem ich Disko Degenhardt nicht mehr cool fand und mich Degenhardt nannte. Und als mir das auch nicht gefiel, habe ich mich dann Destroy Degenhardt genannt. Da steckt also keine tiefere Bedeutung hinter Degenhardt und Destroy Degenhardt. Ich überlege mir auch schon wieder, mir einen neuen, noch cooleren Namen zu geben [grinst].

 

bb21: Wahrscheinlich denken auch viele Menschen, dass du tatsächlich Degenhardt heißen würdest, oder?

Degenhardt: Das ist auch ein bisschen das Problem an dem Namen. Aber der Name selbst ist halt schon sehr cool, zumal hat etwas von einem Serienmörder hat. Ein ganz normaler, gutbürgerlicher Name wie Freddy Krueger. Wenn nur jeder checken würde, dass das nicht mein bürgerlicher Name wäre, dann wäre alles super. Aber dass manche Hörer denken, dass es sich hierbei um meinen echten Namen handelt, stört mich sehr. Jedoch möchte ich auch keinen Track machen, in dem ich das erkläre. 

bb21: In Das Handbuch des Giftmischers geht es unter anderem um Drogenprobleme. Wie fortgeschritten sind denn deine eigenen Suchtprobleme?

Degenhardt: Also ich habe zwei Drogenpsychosen hinter mir. Einmal mit chemischen Drogen und einmal mit Haschisch. Das ist aber schon einige Jahre her. Mein aktuelles Problem ist eher, dass ich alles was ich mache, immer sehr extrem auslebe. Dabei spielt es keine Rolle, ob wir über Beruhigungstabletten oder Skateboarden sprechen. 

„[Sierra Kid] hat eben viele verlorene Seelen als Fans.“

bb21: Wie läuft das dann bei der Musik ab? 

Degenhardt: Ja, auch meine Musik lebe ich in extremen aus. Ganz egal was ich mache, entweder bin ich komplett drin oder gar nicht. Schon in meiner Jugend war das so, als ich mit dem Skateboarden, Sprühen oder Rappen angefangen habe: Ich habe immer Vollgas gegeben. Früher dachte ich, ich bräuchte sowas, um durch den Tag zu kommen. Aber heute weiß ich, dass ich damit etwas kompensieren möchte. Jedoch ist mir das erst durch die Therapie klar geworden. Ich gehe auch davon aus, dass es jedem Künstler so ähnlich geht. Dass sich meine Musik so düster anhört, kommt eben nicht von ungefähr.

 

bb21: Das ist ja auch deine Stärke. Manche Rapper können unglaublich krasse Reime zaubern, deine Songs leben dagegen von deiner starken Atmosphäre.

Degenhardt: Ja, es gibt natürlich auch Rapper, die in mehreren Welten leben wie Prezident, der auch eine sehr starke und düstere Atmosphäre erzeugt, gleichzeitig aber auch technisch sehr stark ist. Aber das kommt wohl auch auf die Vorlieben an. Ich bin einfach auch Fan von den Rappern, die über die Atmosphäre kommen wie Bones. Aber das ist ja jedem freigestellt, was er feiert. Dass ein Mensch, bei dem im Leben fast alles glatt lief und der in einem gut behüteten Umfeld großgeworden ist, nichts mit meiner Musik anfangen kann, ist schon fast logisch. Das stört mich aber auch nicht. 

bb21: Du schreibst aber nicht ausschließlich über Drogenprobleme. Bei manchen Songs bekomme ich das Gefühl, dass du dich auch einfach über die Gesellschaft auskotzen möchtest. Schreibst du deine Texte meist dann, wenn du schlecht gelaunt bist?

Degenhardt: Das ist bei mir nicht festgelegt. Also ich schreibe tatsächlich nicht unbedingt dann, wenn ich gut gelaunt bin. Aber ich setzte mich nicht hin und schreibe, sondern schreibe, wenn mir etwas einfällt. Das passiert zum Beispiel beim Bus fahren oder es kommt mir eine Idee, die ich verschriftliche, wenn ich in der Badewanne sitze. Das ist auch der Ort, an dem ich am liebsten schreibe. 

 

bb21: Aber es gibt Passagen, in denen Hass steckt, oder?

Degenhardt: Da hast du auch recht und es steckt in Das Handbuch des Giftmischers so viel Hass wie vielleicht in keinem anderen meiner Alben, aber das liegt unter anderem daran, dass ich früher nie so viel in meinen Songs abgekotzt habe. Doch Hass ist nicht der Grund warum ich schreibe, auch wenn er manchmal vorkommt. Es geht eigentlich um ganz andere Gefühle: Melancholie, Angst und Verzweiflung. Ich versuche mich auch eigentlich mit dem Schreiben zu therapieren, aber leider ist das eher eine selbsterfüllende Prophezeiung als Heilung.

bb21: Das heißt, dass es dir durch das Schreiben schlechter geht?

Degenhardt: Wie ich schon erwähnt habe, bin ich ein totaler Fanatiker. Ich habe mich total in das Rappen reingefuchst und schnell meine Props bekommen. Dadurch habe ich mich immer weiter in einen destruktiven Kosmos verstrickt.  

 

bb21: Das sorgt dann dafür, dass dich die Musik eher runterzieht als pusht?

Degenhardt: Sie macht beides. Sie hat mich in hohe Sphären versetzt, die ich niemals ohne Mucke erreicht hätte. Gleichzeitig in die schlimmsten Tiefen. Ohne Drogen zu nehmen, hat mich die Musik in die schlechtesten Phasen gebracht, die ich jemals erlebt habe. 

 

bb21: Wirst du dann mal etwas Abstand zur Musik wahren, wenn sie dich auch so runterziehen kann?

Degenhardt: Ich weiß noch nicht, wie ich das handhaben werde. Meine Alben werden auch immer düsterer und ernster. Aber ich glaube, dass der nächste Schritt NMZS ist. Ich muss da wirklich darauf achten, dass das nicht passiert. 

bb21: Du erwähnst auf Das Handbuch des Giftmischers immer wieder Sierra Kid. Du willst mit ihm unter anderem eine warme Nacht verbringen und alle seine Fans bekommen. Was gefällt dir an ihm denn nicht?

Degenhardt: Das hast du leider missverstanden. Tatsächlich habe ich Sierra Kid anfangs ziemlich scheiße gefunden. Gerade die Zeit um den Release seines Albums Kopf Villa, da fand ich ihn besonders schlimm. Er hat damals versucht Cro und Casper zu biten, aber er war auch erst 17 Jahre. Das muss man ihm jetzt nicht ewig vorhalten. Aber was ich an ihm total feier, ist, dass er seine Mucke lebt. Das ist er selbst zu einhundert Prozent. Da gibt es kein Privatleben. Diese Leidenschaft, die dahinter steckt, finde ich sehr geil. Der Spruch mit seinen Fans ist ja auch ernst gemeint. Das kann man ein bisschen als Battlerap verstehen. Nach dem Motto: Du sagst, du bist fertig, komm check mich aus, dann siehst du einen viel tieferen Abgrund. Er hat eben  viele verlorene Seelen als Fans.

bb21: Und der Spruch mit der warmen Nacht?

Degenhardt: Also wenn ich mit irgendeinem Mann pennen müsste, dann wäre es auf jeden Fall Sierra Kid. Schließlich zeigt er sich auch viel verletzlicher als viele andere. Da weiß man, dass er einen danach nicht fertig machen würde. Ich habe zwar noch keine ausgiebigen homosexuellen Erfahrungen, aber Sierra Kid hat etwas.

 

bb21: Die letzten Worte gehören dir!

Degenhardt: Checkt Eliot Sumner aus. Vor allem ihr Track After Dark. Hört lieber ihre Mucke als meine.


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