Interview mit Cap Kendricks

„Das ist dann schon sehr hart, wenn jemand aus dem Publikum zu mir herkommt und mir sagt, dass ich nur scheiße auflege.“

Interview mit Cap Kendricks
Interview mit Cap Kendricks

Autor: Walter Schilling

Foto: Tom Doolie 

 

 

Beattapes haben in Amerika eine lange Tradition. Gerade Los Angeles ist eine Hochburg, was das angeht, während Deutschland diesbezüglich eher einem dritte Welt Land entspricht. Doch langsam gibt es Bewegung in dieser Szene. In den letzten Jahren haben sich dem immer mehr Produzenten im deutschsprachigen Raum gewidmet und sich getraut, die eigenen Beats so zu produzieren, dass sie keinen Rapper mehr benötigen. Cap Kendricks gehört zu diesen Beatmakern, der mit Keepsakes ein Album entworfen hat, das vollkommen ohne Sprechgesangsartisten auskommt. An einem sonnigen Frühlingstag habe ich mich mit Cap Kendricks getroffen, um im Park mehr über ihn und sein neues Album zu erfahren.

bb21: Warum der Titel Keepsakes?

Cap Kendricks: Keepsakes bedeutet Andenken und das ist auch das Konzept des Albums. Jeder Song ist eine Erinnerung an einen bestimmten Moment und spiegelt die Emotion der jeweiligen Situation wider. Der Song On A Plane zum Beispiel entstand während meines Rückflugs von New York nach Deutschland. So steht jedes Lied für einen ganz bestimmten Moment.

bb21: Warum hast du ein reines Beattape produziert? Du hättest zum Beispiel auch verschiedene Rapper dazu holen können. 

Cap Kendricks: Weil das eine ganz andere Herangehensweise ist. Schau mal, wenn ich ein Soloprojekt starte, kann ich daran jederzeit und vollkommen unabhängig alleine arbeiten. Ich muss auch keine Kompromisse eingehen, was man in einem Team aber immer machen muss. Selbst wenn man nur zu zweit an der Musik mit einem weiteren Rapper arbeitet, dann hat auch er Wünsche und Vorstellungen und dann muss man immer wieder auf seinen Partner eingehen. Ein Beattape dagegen ist viel befreiter. Ich mache einfach nur, was ich will. Außerdem bin ich auch ein großer Freund der Beatszene. Ich habe schon immer gerne mal einen Beat produziert, bei dem ich von vornherein wusste, dass darauf nie jemand rappen wird. 

 

bb21: Aber viele deiner Songs auf Keepsakes enthalten Vocal-Samples. Ganz ohne Stimmen hast du es dann doch nicht gelassen.

Cap Kendricks: Ja, ich finde Vocalsamples einfach sehr interessant. Damit kann man einem Part zum Beispiel einen Hook-Charakter verleihen. Das ist auch Teil meiner Arbeit, zu den Songs passende Vocals zu finden. 

bb21: Basiert Keepsakes komplett auf Samples oder hast du da auch mal Instrumente selbst eingespielt?

Cap Kendricks: Das ist super gemischt. Ich benutze zwar viele Samples, aber nicht ausschließlich. Das Grundgerüst spiele ich meist selber ein und suche danach nach passenden Samples, um das Drumherum aufzubauen. Wobei „einspielen“ sich eigentlich zu krass anhört. Ich benutzte dafür keine echten Instrumente sondern eher mein Programm, weswegen ich es auch lieber programmieren als einspielen nenne [lacht]. Ich bin nicht der krasse Musiker, der sich mit einem Instrument hinsetzt und das virtuos spielt. Deswegen arbeite ich da viel mit meiner Software. 

Mir ist es auch wichtig, dass ich am Ende des Tages nicht irgendwelche Schubladen bediene. Ich habe keine Lust, dass dann irgendein Journalist dazu wieder schreibt, dass das ein Boombap-Album sei.

„Ein guter Tag ist der, an dem ich ganz in Ruhe Musik machen kann, ohne gestresst zu werden.“

bb21: Lustigerweise habe ich vor kurzem das Interview eines jungen Rappers gelesen, der eigentlich nicht unbedingt traditionellen Boombap macht, sich aber trotzdem selber in diese Schublade steckt.

Cap Kendricks:[lacht] Schubladen finde ich schonmal per se einfach nicht cool. 

 

bb21: Ich verstehe, was du meinst. Niemand möchte, dass man zum Beispiel sagt, dass deine Beats so klingen wie die, auf die Ssio rappt. Das ist ja kein Kompliment, auch wenn es für Aussenstehende vielleicht eins wäre.

Cap Kendricks: Genau, denn als Künstler möchte man etwas Eigenes kreieren und nicht der Abklatsch von jemand anderem sein und nur eine bloße Kopie darstellen. Natürlich wird man von anderen Künstlern beeinflußt. Allein die Tatsache, dass man mit Samples arbeitet, sorgt schon dafür, dass man inspiriert wird, aber am Ende geht es doch darum, wie man damit umgeht und was man daraus macht. 

bb21: Wo suchst du am liebsten nach Samples?

Cap Kendricks: Also ich digge schon gerne Vinyl, aber nicht ausschließlich. So viel davon könnte ich gar nicht bezahlen, wie ich bräuchte, wenn ich ausschließlich Schallplatten samplen würde. Da ist das Internet dann doch die günstigere und obendrein auch noch vielschichtigere Quelle. Manche behaupten zwar, dass die Qualität auf einer Vinyl besser sei als die der MP3-Downloader für YouTube. Aber am Ende geht es auch hier darum, was man daraus macht. Wenn der Sound letztendlich fett ist, kann sich keiner beschweren. Und wer weiß, vielleicht feiern die Leute in zehn Jahren diese Qualität und wollen dann ausschließlich Musik in schlechtem Ton hören, um das alte Feeling zu bekommen, wie Vinyl-Sammler.  

bb21: Wo trittst du lieber auf? Auf traditionellen Eventreihen wie den Beatgeeks oder auf vollkommen neuen Veranstaltungen, bei denen du nicht weißt, was für ein Publikum auf dich wartet?

Cap Kendricks: Ein Auftritt wie auf den Beatgeeks, bei dem ich ausschließlich meine eigene Mucke auflege, ist immer spannend. Es fängt ja schon damit an, ob die Leute checken, dass ich heute ausschließlich meine eigenen Songs auflege. Diese Lieder liegen mir auch total am Herzen, denn ich habe dort sehr viel Liebe reingesteckt. Das ist dann schon sehr hart, wenn jemand aus dem Publikum zu mir herkommt und mir sagt, dass ich nur scheiße auflege und mal was anderes spielen soll. Vor allem wenn der Typ dabei auch noch penetrant ist und immer wieder zu mir an das Pult kommt und seine Meinung mehrmals am Abend kundtut. Dem kann ich dann nur ans Herz legen, dass er heute auf der falschen Veranstaltung ist. Auf einer Veranstaltung wie bei den Beatgeeks ist das schon sehr entspannt, weil es hier eben nur um Beats geht und es den meisten Leuten, die kommen, ziemlich klar ist. 

 

bb21: Bei den Beatgeeks trittst du also tatsächlich lieber auf als wo anders?

Cap Kendricks: Ich lege dort wirklich gerne auf, aber manchmal begleite ich auch Rapper. Das ist dann nochmal eine ganz andere Geschichte und deutlich einfacher, weil ich sie einfach nur zu ihren Shows begleite. Das ist tatsächlich ein sehr einfacher Job.

bb21: Wenn du die Entwicklung der Rapszene der letzten fünf Jahre betrachtest, wie fällt dein Urteil aus?

Cap Kendricks: In den letzten Jahren wurden sämtliche Grenzen aufgebrochen, was ich unglaublich toll finde. Viele Rapper kann man nicht mehr direkt in irgendwelche Schubladen reinstecken, weil sie zu vielseitig sind und die Musiker selbst achten darauf gar nicht mehr. Die Szene hat sich da sehr locker gemacht und es ist nicht mehr so verbissen. Es kommt auch nicht mehr darauf an, wo du herkommst. Früher sind dadurch viele Camps und auch Streitereien entstanden.

bb21: Zu guter Letzt eine Frage, um dich persönlich ein wenig besser kennenzulernen. Was wäre ein perfekter Tag für dich?

Cap Kendricks: Ein guter Tag ist der, an dem ich ganz in Ruhe Musik machen kann, ohne gestresst zu werden. Wenn man mich einfach arbeiten lässt und keiner was von mir will. Einen perfekten Tag verbringe ich also alleine [lacht]. Aber wenn alle Tage so wären, wäre es auch nicht cool. Von daher [grinst].

 

bb21: Aber die aller letzen Worte gehören!

Cap Kendricks: Mein Album Keepsakes ist jetzt draußen. Ich finde es sehr schön, wenn man sich das anhört und kauft. Ich freue mich auch über jedes Feedback, deswegen schreibt mich gerne an. Und auch ein großes Dankeschön an alle, die daran mitgearbeitet haben. Ein Album ist ein langer Arbeitsprozess, an dem mehr zu tun ist, als die Musik zu produzieren. Deswegen noch mal vielen Dank an alle, die mitgewirkt haben!


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