Interview mit AzudemSK

„Viele Menschen benutzen das Wort [oldschool] sehr unreflektiert und inflationär.“

Interview mit AzudemSK
Interview mit AzudemSK

Autor: Walter Schilling

Foto: David Henselder 

 

 

AzudemSK steht seit jeher für seine Werte ein, ohne dabei in ein Dogma zu fallen. Er ist ein meinungsstarker Charakter und tut das gerne kund. Dabei ist er sich aber immer bewusst, dass das nicht immer allgemeingültig sein muss. So konnten wir ein Interview mit dem Rapper führen, bei dem er seine klare Kante zeigen konnte, ohne dabei eine neue Platte zu promoten oder Boxeninhalte vorzustellen. Ganz im Gegenteil, wir diskutierten über die Definition zwischen Old- und Newschool, ob man Marihuana glorifizieren oder verteufeln muss und ob HipHop heutzutage noch politisch sein sollte. Das alles taten wir in einem kleinen Café in Berlin Mitte. 

bb21: Wie hörst du selber Musik? Bist du jemand, der auf Vinyl hört, CDs, Tapes oder mittlerweile komplett auf digital umgestiegen ist?

AzudemSK: Also den Großteil meiner digitalen Musik habe ich mit meinem letzten Macbook verloren. Aber das spielt keine große Rolle, denn man entdeckt ständig wieder etwas Neues. Doch ich muss sagen, dass ich wieder mehr Vinyl höre. Dadurch, dass ich inzwischen in Friedrichshain wohne, nicht weit vom HHV-Store, kaufe ich auch wieder mehr Schallplatten. Das ist nochmal eine ganz andere Art von Musik hören und die mache ich sehr gerne. Auf diese Weise kann man sich sehr gut an alten und neuen Releases bereichern. 

bb21: Ist 50 Cent für dich schon oldschool oder wo setzt du da die Grenze?

AzudemSK: Nein, er ist für mich ganz klar nicht oldschool. Viele Menschen benutzen das Wort auch sehr unreflektiert und inflationär. Lakmann hat das schon mal sehr gut gesagt: Für ihn sind Erik B. und Rakim oldschool, was ich genauso teile. Da muss mindestens eine acht nach der neunzehn kommen, um das auch mal einem Jahrzehnt zuzuordnen. Ich beziehe mich da auch nur auf die Zeit, in der die Wörter old- und newschool geprägt wurden. Als man in den 19990ern das noch versucht hat genauer zu differenzieren. Aber klar, aus der Sicht eines heutigen 16jährigen ist Infamous von Mobb Deep natürlich oldschool, weil es noch vor seiner Geburt rauskam.

 

bb21: Findest du es verwerflich, wenn das die neue Generation tut?

AzudemSK: Nein, überhaupt nicht. Es kommt eben ganz auf die Definition an und worauf man sich da bezieht. Vor allem aber auch, wer diese Wörter für sich beansprucht. Deswegen kann man sich auch so vorzüglich bei diesem Thema streiten: Denn alle benutzen sie, doch fast jeder hat mittlerweile seine eigene Definition dazu. 

bb21: Deine letzte Platte hast du mit Orange Field produziert, die davor mit Slowy, Dennis Real und Adlib Swayze. Wer ist dein nächster Partner? Es scheint ja so, dass du mittlerweile sehr gerne mit weiteren Künstlern eng zusammenarbeitest. 

AzudemSK: Eigentlich waren das totale Zufallsprojekte. Ich habe gar nicht geplant, zwei Kollabos so schnell hintereinander zu releasen. Ich habe es davor und werde es auch danach anders halten und für meine Alben wieder mit acht bis zehn verschiedenen Produzenten zusammenarbeiten. Ich möchte meine Soloalben eben selber prägen und der Tradition folgen, in der auch die letzten Platten entstanden sind.

„Bei Dennis und Slowy hat es nur deswegen so gut funktioniert, weil wir einen sehr guten Zugang zueinander haben.“

bb21: Ist es anstrengender alleine einen Sound für eine Platte zu kreieren?

AzudemSK: Nein, ganz im Gegenteil. Wenn ich es komplett in meiner Hand habe, dann finde ich es auch einfacher. Wenn du nur mit einem Produzenten oder Produzententeam eine Platte machst, wollen sie den Sound auch prägen. Dem kann ich mich ja nicht entziehen, wenn ich mit ihnen zusammenarbeite. Wenn man da nicht schnell ein gemeinsamen Nenner findet, kann das durchaus zu Verzögerungen führen. Wenn ich aber aus einer Vielzahl von Beats von verschiedenen Produzenten wählen kann, habe ich die Möglichkeit, den Sound der Platte selbst zu bestimmen.

 

bb21: Ist eine gewisse Harmonie und Freundschaft wichtig bei einer Kollabo oder sind das dann doch eher professionelle Gründe wie Disziplin und Fleiß, die dafür sorgen, dass eine musikalische Zusammenarbeit gut wird?

AzudemSK: Ich glaube, dass das eine nicht ohne das andere geht. Ich möchte eine Stimmung haben, bei der es nicht egal ist, wie es deinem Kollegen geht, die trotzdem aber genug Disziplin enthält, dass man auch effektiv arbeiten kann. Ich kenne das ja selbst, wenn man mit Freunden Musik macht und die dann mehrere Stunden zu spät kommen oder ewig rumlabern müssen, bis der Recordknopf gedrückt wird. Aber letztlich sitzt man ja im gleichen Boot, weswegen man da einfach auch sein Anliegen formulieren sollte, wenn es einem nicht schnell genug geht. Aber es deswegen allein aufs Schaffen zu reduzieren? Dafür bin dann doch zu harmoniebedürftig und auch zu emphatisch. Und da ich auch nicht auf dem professionellem Level arbeite, wo es wirklich nur um das Geld geht, nehme ich es mir auch raus, mit Leuten zu arbeiten, mit denen ich mich auch verstehe. 

bb21: Glaubst du, dass gute Songs überhaupt entstehen können, wenn die Musiker sich nicht gut verstehen.

AzudemSK: Kommt wahrscheinlich darauf an, was man unter guter Musik versteht. Es kann bestimmt kommerziell erfolgreich sein, obwohl es bei der Produktion unharmonisch ablief. Manchmal hilft es dem Ergebnis sogar, wenn zwei vollkommen verschiedene Lebensweisen aufeinander treffen. 

bb21: Was sind weitere Vorteile einer Soloplatte?

AzudemSK: Dass ich mich bei der Produktion total einigeln kann, ohne dabei der Produktion im Weg zu stehen. Für mich war das eigentlich immer die Basis für den Schaffensprozess: Mit mir selbst alleine zu sein. Deswegen fällt es mir auch bis heute noch schwer, mit anderen Leuten im Studio produktiv zu sein. Bei Dennis und Slowy hat es nur deswegen so gut funktioniert, weil wir einen sehr guten Zugang zueinander haben. Aber selbst da musste ich viele Parts alleine schreiben, um die Abgabetermine einhalten zu können. Ich bin es eben gewohnt, beim Schreiben alleine zu sein. 

 

bb21: Du schottest dich beim Schreiben also am liebsten komplett ab?

AzudemSK: Genau. Eben nicht ständig auf das Handy zu starren und Nachrichten checken. Aber das darf man nicht universal auslegen, so habe ich mich eben an das Schreiben gewöhnt, was dafür sorgt, dass ich es so am liebsten mache. Genauso mit dem Rauchen: Ich bevorzuge es zwar, davor etwas geraucht zu haben, muss es aber nicht immer so machen. Aber es hilft schon, den gleichen Loop fünf Stunden ertragen zu können [lacht]. 

bb21: Warum gehörst du dann trotzdem nicht zu den Rappern, die das übertrieben glorifizieren?

AzudemSK: Ich habe das zwar immer ganz unverblümt rausposaunt, denn ich finde es falsch, Cannabis zu verteufeln. Aber genauso wenig finde ich es gut, das zu glorifizieren. Wie es mit jedem Konsum ist, sollte jeder für sich entscheiden dürfen, was richtig für einen selbst ist. Mir ist selbst nur einmal aufgefallen, dass ich mich darauf reduziere, nur stoned Texte zu schreiben und bin einfach froh, dass ich mich darauf nicht mehr beschränke.

 

bb21: Du führst alles komplett independent und das schon seit Jahren. Ist es in den letzten Jahren einfacher oder schwerer geworden ohne ein großes Label mit der Musik seine Miete bezahlen zu können?

AzudemSK: Es ist einfacher geworden, an dieser Maschinerie teilnehmen zu können. Davon leben zu können, ist dadurch aber nicht einfacher geworden, denn dafür muss man sich auch gut und schnell verkaufen können. Deswegen finde ich, dass der schnellste Weg, nicht der beste ist. Deswegen glaube ich, dass es sich schon auszahlt, lange und beständig an seiner Musikkarriere zu arbeiten und sich gar nicht das Ziel zu setzen, von der Musik unbedingt leben zu müssen. Meine Fans schätzen es auch sehr, dass ich keine Songs veröffentliche, nur in der Hoffnung, dass sie sich gut verkaufen. Ich glaube, dass davon auch die Hörer emotional profitieren. 

bb21: Ist dir HipHop sozialkritisch genug?

AzudemSK: Ich finde es schwierig, hier zu viel Dogmatismus walten zu lassen. Das Thema ist natürlich ganz aktuell, vor allem fehlende Politisierung. Ich finde es vor allem gut, dass wir darüber auch in der Öffentlichkeit sprechen und finde es schon wichtig, sich gerade zu machen. Aber nur weil ich es wichtig finde, muss ich es niemandem aufzwingen. Nur weil ich es wichtig finde, muss ich es niemandem aufzwingen. Aber ich bin auch ein großer Fan von Eigenverantwortung und möchte deswegen meine Aufmerksamkeit auch dafür nutzen, wichtige Themen anzusprechen und ein Vorbild zu sein. Doch deswegen verteufle ich es nicht, wenn Menschen nur aus Spaß an der Sache Musik machen. Ich glaube, dass sie irgendwann nicht mehr daran vorbeikommen sich irgendwann irgendwo gerade zu machen. Und sei es einfach nur in der U-Bahn.

 

bb21: Was sind deine nächsten Pläne?

AzudemSK: Ich arbeite schon am nächsten Soloalbum und wahrscheinlich wird es Anfang nächsten Jahres erscheinen.

 

bb21: Die letzten Worte gehören dir!

AzudemSK: Kommt auf die Konzerte, denn es wird dort ziemlich funky. Ich spiele in den nächsten Monaten einige Konzerte, da gibt es einige Möglichkeiten, vorbei zu kommen. Ich freue mich da über jeden einzelnen Zuschauer. Grüße gehen außerdem raus an meinen Mann B-Side, den ich auch gleich noch anrufen werde. Er wird maßgeblich am Produktionsprozess des nächsten Albums beteiligt sein. Natürlich auch noch an Lord Folter, gönnt euch seine neue EP. Ansonsten sind es zu viele Menschen, die ich jetzt noch grüßen könnte und am Ende doch noch vergesse. 


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