Warum ist die Authentizität im Rap so wichtig?

„Zwar wissen viele HipHop-Fans nicht warum ihnen die Authentizität so wichtig ist, trotzdem halten viele von ihnen diese Regel für wichtig.“

Authentizität
Authentizität

Autor: Walter Schilling

 

 

Die Authentizität ist im Rap so wichtig wie in keinem anderen Musikgenre. Hier muss man das, was man sagt, auch verkörpern. Warum denn sonst ist Ghostwriting ein so großes Thema? Dabei spielt es keine Rolle, ob wir über Rap aus Deutschland oder aus den USA sprechen. Kendrick Lamar sagte diesbezüglich schon: „I cannot call myself the best rapper if I have a ghostwriter.“ Wir blicken auf die Wurzeln des Raps zurück und erklären euch, warum die Authentizität hier so wichtig ist.

     Dass Rap von armen, schwarzen Kids in den 1970er aus dem Ghetto entwickelt worden ist, weiß wohl heutzutage jeder. Damals hatten die Afroamerikaner ein großes Problem mit nahezu all ihren kulturellen Errungenschaften: Denn sie wurden ihnen enteignet. Die Wurzeln des Rock ’n Rolls zum Beispiel liegen eindeutig im Blues, der von der schwarzen Bevölkerung der USA kultiviert wurde. Selbst Rap steht auf dem Fundament, den der Blues schuf. Zwar wurde der Blues selbst auch noch von Afroamerikanern dominiert wie B.B. King oder Muddy Waters, beim Rock ’n Roll sah das aber wieder komplett anders aus. Denn dort kam man als Schwarzer nur dann groß raus - und auch an die Kohle - wenn man ein wahrhaftiges Jahrhunderttalent gewesen ist, wie es zum Beispiel bei Jimi Hendrix der Fall gewesen ist. Alle anderen durften nur zuschauen, wie die Weißen das große Geld mit dieser Kunstform machten. Lenny Kravitz bekam in jungen Jahren sogar einst folgenden Satz zu hören: „We hear your talent, but you really can't make this music.“ Für ihn war es unfassbar schwierig, Fuß in der Rockszene zu fassen.

„Strenggenommen könnte man also bereits Deutschrap als kulturelle Aneignung betrachten.“

     Selbst Elvis gab unverfroren zu, dass die Afroamerikaner einen viel besseren Rock ’n Roll spielten, doch die Krone setzte man trotzdem dem weißen Musiker aus Memphis auf. An die wahren Pioniere wie Sister Rosetta Tharpe oder Little Richard kann sich heute kaum ein Rock-n-Roll-Begeisterter erinnern. Auch all die Jahre danach wurden immer nur die weißen Musiker von den Labels gepusht. 

     Man muss sich also vor Augen führen, dass zu der Zeit, in der Rap entstand, die afroamerikanische Community bereits zahlreiche negative Erfahrungen machten. Aus Angst davor, wieder einmal um ihre kulturelle Identität beraubt zu werden, wurden weiße Rapper per se streng unter die Lupe genommen. Es wurde ganz genau darauf geschaut, warum sie rappten und woher sie kamen. Das bekamen selbst diejenigen zu spüren, die  zweifelsohne ein riesiges Talent besaßen wie die Beastie Boys oder Eminem.

     Strenggenommen könnte man also bereits Deutschrap als kulturelle Aneignung betrachten, doch gerade am Anfang ging es den wenigsten darum, mit der Musik eine schnelle Mark zu machen, sondern darum, sich auszudrücken und auf Missstände hinzuweisen wie Advanced Chemestry. Vorwürfe dieser Art wären also unangebracht. Trotzdem ist die Authentizität ein riesiges Thema in Deutschland. Obwohl wir hierzulande nicht mit den gleichen Problemen der afroamerikanischen Bevölkerung konfrontiert wurden, haben wir dennoch den Leitfaden übernommen, den Megaloh einst so schön zusammenfasste: „[Rap ist die] Einzige Mucke, wo man das, was man sagt, auch verkörpern muss“. Wie wichtig uns das (noch) ist, sieht man bei jeder Ghostwriting-Debatte, die gerade bei Künstlern wie Bushido kursieren, bei der man ihn versucht in Misskredit zu bringen, in dem man behauptet, dass er seine Texte nicht selber schreibe. In anderen Musikgenre würde das niemanden interessieren. Andere Rapper wie Xatar können gerade deswegen punkten, weil sie der gesamten Öffentlichkeit mehrmals bewiesen haben, dass sie keine Schauspieler sind. Zwar wissen viele HipHop Fans - gerade in Deutschland - nicht warum ihm die Authentizität so wichtig ist, trotzdem halten viele von ihnen diese Regel für wichtig und bewahren so eine jahrzehntelange Tradition.


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