Interview mit Rino Mandingo

„Selbst wenn ich mit meinen Rapshows vor 40.000 Leuten auftreten würde, wäre es [meinem Vater] egal.“

Interview mit Rino Mandingo
Interview mit Rino Mandingo

Autor: Walter Schilling

Foto: Tom Doolie

 

 

Bis zum Debütalbum von Rino Mandingo war es ein langer Weg. Zuerst erkämpfte er sich den Respekt der Battlerap-Community, ehe es um das Releasen eines Albums ging. Aber wir sprachen bei unserem Interview in einem Berliner Park auch um weitere Gründe, die die Veröffentlichung von Askins hinausgezögert haben.

Aber nun ist es endlich draußen: Also so könnte ich nicht sein. Ein Album, das mit der Erwartungshaltung der Eltern an die eigenen Kinder spielt und eben umgekehrt. Es ist ein Langspieler für Menschen geworden, die mit dem Lebensstil der Eltern nicht viel anfangen können - weg von Riesterrenten und Bausparen hin zum Mut, um für seine Leidenschaft zu kämpfen.

bb21: Das Album heißt Askins, für was steht der Name? 

Rino Mandingo: Der Titel steht für die Abkürzung Also so könnte ich nicht sein. Ursprünglich wollten wir es So könnte ich nicht sein nennen, aber dann wäre die Abkürzung Skins gewesen. Um irgendwelche politischen Diskussionen zu vermeiden, haben wir es also lieber Askins genannt. 

 

bb21: Passend dazu habt ihr auch eure Promovideos in diesem Stil gehalten.

Rino Mandingo: Genau. Aber dieses Also so könnte ich nicht sein ist sehr bipolar gedacht. Es geht nämlich auch um die Ideale, die wir von unseren Eltern vorgelebt bekommen haben, deren Leben wir aber so nicht leben könnten. Deren Leben ist sehr auf Sicherheit bedacht. Auch wenn ich im Gegensatz dazu total broke bin, ist es egal. Denn um Anzüge und Autos geht es mir nicht. Sowas spielt für mich keine Rolle. Auf dem Album geht es aber auch um die Erwartungshaltung unserer Eltern an uns. Ich habe zum Beispiel einen Song aus der Perspektive einer Mutter gerappt, die den Hals davon voll hat, dass ihr Sohn den Arsch nicht hoch kriegt. 

bb21: Also darum, dass man die Eltern stolz macht.

Rino Mandingo: Jeder Junge möchte doch, dass sein Vater stolz auf seine Leistung ist. Aber den macht man doch vor allem mit angesehenen Berufen wie zum Beispiel Arzt stolz. Selbst wenn ich mit meinen Rapshows vor 40.000 Leuten auftreten würde, wäre es ihm egal. Er wird mich dazu auffordern, einem sichereren Job nachzugehen. Auf der anderen Seite könnte er wiederum nicht so wie ich sein.

bb21: Wie verlief deine Zusammenarbeit mit HawkOne, der das Album komplett produziert hat? Quatscht ihr euch gegenseitig in die Arbeit rein und legt auch mal ein Veto ein, oder lasst ihr euch einfach machen? 

Rino Mandingo: Ich habe die ganzen Texte schon fast alle fertig geschrieben, als ich auf ihn zugegangen bin. Ich wollte vor allem deswegen mit ihm zusammenarbeiten, weil ich fast alle Beats, die er produziert, geil finde. Das habe ich bei keinem anderen Produzenten. Jedenfalls bestand die gemeinsame Arbeit bei Askins darin, Text und Beat aneinander anzupassen. Ich traue mich jetzt aber weniger bei ihm reinzuquatschen als andersrum. Aber wir inspirieren uns in der Arbeit gegenseitig schon sehr. Er ist ja auch Berliner, weswegen wir sehr oft in seiner Bude rumhängen. 

„Es gibt zum Beispiel Battles, in denen man sich schon als homophobe Schwuchtel beleidigt.“

bb21: Dann verläuft eure Zusammenarbeit wohl auch nahezu komplett face to face, oder? 

Rino Mandingo: Wir treffen uns bei ihm und er zeigt mir Beatskizzen oder ich zeige ihm, was ich gerade feier. Wir nehmen die Songs dann auch meist direkt bei ihm auf und quatschen dann darüber, was wir mit diesen Aufnahmen so machen können. Wenn ich ihm irgendwo reinrede, dann darüber, wie er wo meine Stimme bearbeiten soll.

 

bb21: Seit wann ist Askins denn fertig?

Rino Mandingo: Ich habe bestimmt schon vor vier Jahren mit dem Album angefangen, aber seitdem kamen ständig irgendwelche Sachen dazwischen. Vor zwei Jahren zum Beispiel das MOT [Moment of Truth, Videobattle]. In dieser Zeit haben wir auch die ganzen Trailer gedreht, die wir gerade veröffentlichen. Ich wollte das MOT als Sprungbrett nehmen, aber als das Turnier dann zu Ende war, war ich mit dem Album nicht mehr ganz zufrieden. Aber dann kamen viele verschiedene Dinge zusammen, die dafür gesorgt haben, dass es so lange gedauert hat, bis ich es veröffentlichen konnte. 

bb21: Welches Video zu So könnte ich nicht schreiben war für dich am schlimmsten? Du musstest dort von Achterbahnfahren bis ihn zum tätowieren einiges durchmachen. 

Rino Mandingo: Um eins vorwegzunehmen: Ich habe mich nicht richtig tätowieren lassen. Da war keine Nadel drin sondern nur Tinte. Die Tä­to­wie­re­rin hatte einfach nur Plan und konnte das so darstellen, als wärs echt. Aber die Achterbahn fand ich schon am schlimmsten. Du musst wissen, dass ich Höhenangst habe und mich deswegen dort nicht sehr wohl gefühlt habe. Dazu dann auch noch einen Text zu schreiben, war schon sehr heftig. 

 

bb21: Du kritisierst auch gerne mal die Deutschrapszene. Was kotzt dich aktuell am meisten an?

Rino Mandingo: Mich stört aktuell am meisten, dass es so wenig Frauen im Battlerap gibt. Ich bin jemand, der mit chauvinistischen Stilmitteln für mehr Gleichberechtigung kämpft - so paradox das auch klingt. Gerade deswegen finde ich es sehr schade, dass es kaum weibliche Vertreter in dieser Szene gibt. Ich sage zwar auch mal Schwuchtel in meinen Texten, aber dann weil ich es hängengeblieben finde, dass man deswegen den Homophobie-Stempel kriegt. Provokation zieht Diskussion nach sich, an der ich mich gern beteilige. Und darin sehe ich meine Verantwortung als Künstler.

 

bb21: Aber das kann man doch auch ohne dieses Wort. Azad gehört zum Beispiel zu den Rappern, die dieses Wort in ihren Texten nicht oder nur kaum nutzen. 

Rino Mandingo: Deswegen mache ich auch einen Song über eine dicke Frau, in dem aber eine übergewichtige Frau mitspielt. Dadurch ist ja klar, dass ich nicht Fettleibige diffamieren möchte. Ich habe mich ja mit ihr im Vorfeld getroffen, ihr mein Konzept vorgestellt und ihr Einverständnis eingeholt. Mir geht es in dem Song darum, über den Misstand zu reden, dass Dicke diffamiert werden und nicht, um Dicke zu diffamieren. Wenn es falsch verstanden wird, ist das für mich auch ok. Die Diskussion läuft ja trotzdem.

bb21: Jetzt hast du aber viel ausführlicher darüber gesprochen, was dir gefällt als andersrum.

Rino Mandingo: [lacht]. Was ich vor kurzem noch sehr unnötig fand, war die Böhmermann-Debatte über POL1ZISTENSOHN. Solche Songs müssen wir aushalten! Ich schäme mich für die deutsche Rapszene, dass sie so einen Stock im Arsch hat und über solche Themen heiß diskutiert. Aber sonst bin ich total cool mit der Szene, deswegen mache ich auch Rap.

 

bb21: Du hast das MOT selbst angesprochen: Du hast sowohl Videobattles als auch Live-Battles bestritten. Was findest du krasser und was fasziniert dich mehr?

Rino Mandingo: Auf jeden Fall die Live-Battles. Ich glaube, dass man Videobattles nur aus Promozwecken führt. Da steckt sehr viel Arbeit dahinter, eigentlich genau so viel wie bei einem Album. Ich weiß nicht, warum sich diese ganzen VBT-Rapper den Stress geben. Das war für alle Beteiligten ein Fulltime-Job. Damit meine ich nicht nur mich, sondern auch den Produzenten, die Jungs am Schnitt und hinter der Kamera. Ich habe es wieder beim Battle gegen Cris Kotzen gemerkt, dass du bei einem Live-Battle viel nervöser wirst und zwar schon Wochen davor. Bei einem Live-Battle wird ja nichts geschnitten. Wenn du dort im Kreis stehst und richtig verkackst, ist es viel härter. Man kann dort seinen Text vergessen, anfangen zu heulen oder sich einscheißen, was dann jeder sehen würde. Sich dem zu stellen, verlangt Eier! Ich für meinen Teil wollte meine verlorenen Battles gegen Breeze und mit Johnny Rakete nicht einfach so stehen lassen. Ich wollte ein Statement setzen, nämlich dass ich nicht nur Songs schreiben kann, sondern auch Battle. Deswegen habe ich das Battle mit Cris Kotzen nachgelegt.

bb21: Was ist noch für das weitere Jahr geplant?

Rino Mandingo: Als nächstes ist das Album mit den Forcki9ers geplant. Das Tape ist bereits fertig und schon im Presswerk. Die Forcki9ers sind HawkOne, Benelüx, Kong, Finest, ich, DJ Cutrock und Emma Weh. Ich hoffe, dass wir es im Mai veröffentlichen können. Ansonsten schreibe ich schon an meinem zweiten Album, aber es ist noch nicht absehbar, wann es fertig wird. 

 

bb21: Die letzten Worte gehören dir!

Rino Mandingo: Oh Gott, da muss ich jetzt erstmal mit diesem Druck klar kommen. Ich bin Rino Mandingo und mache Rap über geschädigte Frauen für geschädigtere Männer. Ich freue mich, wenn ihr euch meine Musik gönnt und nicht vergessen: Forcki9ers ist die Crew. Da wird es in Zukunft viel Liebe für euch geben. Benehmt euch und lasst beim Schlafen die Hände auf der Bettdecke. 


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