Interview mit Veedel Kaztro

„Vielleicht ist es ein großer Gedankenschritt, wenn ich von Bierverbot auf Polizeistaat komme, aber das scheint doch genau das zu sein, was ein de Maizière möchte.“

Interview mit Veedel Kaztro
Interview mit Veedel Kaztro

Autor: Walter Schilling

Foto: Schiko

  

 

Kiosk, Standl, Späti oder auch Büdchen sind nur einige Namen für ein und denselben Ort. Der Rückzugspunkt, an dem man noch zu später Stunde sowohl sein Bier als auch das Klopapier bekommt. Hier wird man als Stammkunde noch persönlich begrüßt, denn oftmals erinnert sich der Verkäufer an dich. In Zeiten, in denen man an der Kasse meist nicht mal mehr die Zeit hat, um seine Einkäufe einzutüten, ist das ein wahrhaftiger Segen. Veedel Kaztro hat diesem Fleck Erde eine ganze Trilogie gewidmet: Büdchentape. Jetzt ist endlich der dritte Teil am Start, womit sich der Kreis schließen könnte. Oder wird es auch noch einen vierten Teil geben? Um für mehr Klarheiten zu sorgen, traf ich mich mit dem kölscher Jung in Kreuzberg auf ein ausführliches Gespräch.

bb21: War es von Anfang an geplant, dass Büdchentape eine Trilogie wird?

Veedel Kaztro: Nein, noch nicht am Anfang. Da war noch gar nichts klar. Ich wusste nur, dass ich auf jeden Fall weiter rappen werde. Das werde ich immer machen, ich bin ja nicht Kamp One und höre nach dem ersten Album auf [lacht]. Aber nach dem zweiten Teil war mir schon klar, dass es eine Trilogie werden muss. 

 

bb21: Das lag nicht daran, dass du keinen besseren Namen für dein Album gefunden hast? Du hast ja auch noch die Büdchen EP.

Veedel Kaztro: Aber ich habe auch noch die Fußball EP, wo ich den Namen auch sehr geil finde. Der Titel ist das Beste am ganzen Tape [grinst]. Dann habe ich auch noch Fenster zur Straße, also an Namen mangelt es mir nicht. 

bb21: In Baden-Württemberg gibt es quasi keine Spätis oder Büdchen, weil man ab 22 Uhr keinen Alkohol mehr verkaufen kann und dadurch die Haupteinnahmequelle wegfällt. Wie wäre eine Leben in Köln, wenn es dort auch solche Gesetze geben würde?

Veedel Kaztro: Ich hoffe, dass man sich über solche Gesetze hinwegsetzen würde. Das klingt vielleicht utopisch, aber da bin ich dann doch Anarchist genug, um das nicht zu akzeptieren. Wir dürfen in Köln auch nicht in der U-Bahn trinken, woran ich mich jetzt ebenfalls nicht halte. Auch in vielen Clubs darf nicht geraucht werden, was ich aber nicht akzeptiere. Bei übertriebenen Gesetzen sollte man sich doch einfach mal darüber hinwegsetzen. Vielleicht ist es ein großer Gedankenschritt, wenn ich von Bierverbot auf Polizeistaat komme, aber das scheint doch genau das zu sein, was ein de Maizière möchte. Und wenn man einmal zulässt, dass Politik in solch eine Richtung geht, dann findet man sich nach ein paar Jahrzehnten bei Erdogan wieder. Da kommt man jetzt zwar vom Stöckchen aufs Hölzchen, aber sowas passiert auch nicht über Nacht. 

bb21: Wie viel hat Veezy macht blau, wo es um dein unglaublich chilliges Leben geht, mit der Realität zu tun? Chillst du tatsächlich mehr als du arbeitest?

Veedel Kaztro: Der Song steht erstmal im harten Kontrast zu Falafeln, wo es um den großen Arbeitsethos geht. Bei mir ist es mal so mal so. Mucke ist auf jeden Fall zur Arbeit geworden und ich bin alles andere als ein Müßiggänger. Ich stehe recht früh auf und fang dann auch schon sofort an zu arbeiten. Bei mir kommt keine Langeweile auf, weil ich immer etwas erledigen muss und bewahre mir dabei meine Disziplin. Ich habe auch meine Tagesroutinen wie zum Beispiel Klavier spielen, was ich in den Promotagen in Berlin auch tatsächlich sehr vermisse. Veezy macht blau ist quasi eher der Urlaubssong, den man sich nach harter Arbeit gönnt.

 

bb21: Möchtest du das Produzieren von Beats jetzt auch ernster angehen oder warum das Klavierspielen?

Veedel Kaztro: Ich produziere schon länger Beats als ich rappe, habe aber wie ein Toy angefangen, zuerst mit Fruity Loops. Aber nach zehn Jahren bin ich jetzt auf Logic umgestiegen, nachdem mein PC zu Schrott wurde. An dieser Stelle nochmal Grüße an Dienst & Schulter, die mir ihren gebrauchten Laptop verkauft haben. Ganz nebenbei kann ich heute von ihrer reichhaltigen Plug-In-Sammlung profitieren [lacht]. Logic check ich ehrlich gesagt noch nicht ganz, werde mich aber da noch reinfuchsen. Um mich mit der Musiktheorie noch stärker auseinanderzusetzen, fand ich es ganz gut, mich mit dem Klavier zu beschäftigen.  

„Man muss sich nicht zum Hampelmann machen, um sich zu vermarkten […] Aber davon habe ich keinen Plan.“

bb21: In deinem Pressetext wirst du als Kölns bester Rapper betitelt. Siehst du das auch so?

Veedel Kaztro: Es ist natürlich schön, wenn das jemand über mich schreibt. Aber wir haben in Köln schon eine sehr krasse Rapszene. Meine beiden Lieblingsrapper kommen sogar von hier: Tami und Retrogott. Tami hat auch letztes Jahr ein geiles Album raugebracht, das Habakuk heißt. Wir beide haben unsere Kindheit auch im bergischen Land verbracht, wodurch ich mich auch sehr mit Tami identifizieren kann. Retrogott hat mich dagegen sehr geprägt als ich noch jung war. Das ist einfach ein sehr schlauer Typ, der einen guten Geschmack hat. Aber auch LGoony und Eko darf man nicht vergessen. Ob es aber unter all diesen Rapper wirklich den Besten gibt, bezweifle ich schon. Wenn ich also auf Augenhöhe mit den ganzen Jungs stehe, bin ich vollkommen zufrieden. 

bb21: Du selbst sorgst dafür, dass man dich in keine Schublade steckt, wodurch du aber auch kein greifbares Image hast. Hast du versucht, das auf Büdchentape bewusst zu ändern?

Veedel Kaztro: Das sollte ich vielleicht, denn das könnte mir bestimmt helfen, mich besser zu vermarkten. Aber ehrlich gesagt weiß ich nicht, wie ich das tun soll. Ich kann nicht zwanghaft versuchen, aus mir eine Karikatur zu erstellen. Letztendlich geht es doch auch um die Mucke und weder weiß ich, wie ich mich vermarkten soll, noch wie das geht. Für die Kohle wäre das aber bestimmt nicht schlecht.  

 

bb21: Hast du keine Lust dich zum Hampelmann zu machen?

Veedel Kaztro: Das ist ja auch eher ein Klischee. Man muss sich nicht zum Hampelmann machen, um sich zu vermarkten. Das kann man auch auf eine coole Art und Weise machen. Aber davon habe ich keinen Plan. Ich bin einfach nur ein Musiker und momentan reicht das auch für mich aus.

 

bb21: Da merkt man dann doch die Prägung von Retrogott bei dir.

Veedel Kaztro: Natürlich hat er mich sehr geprägt, aber er ist, was das angeht, noch viel strenger als ich. Seine Antihaltung ist noch viel ausgeprägter als meine. 

 

bb21: Du bist schon seit Langem auch als Rapper politisch aktiv. LMS 2017 ist dabei dein bisheriger Höhepunkt. Die AfD wird dieses Jahr wohl auch einen neuen Höhepunkt erreichen und in den Bundestag einziehen. Hat dich diese Situation zu diesem Song bestärkt?

Veedel Kaztro: Natürlich. LMS 2017 ist einfach nur eine Reaktion auf unsere heutige Zeit. Dass man wieder rassistische Statements in der Öffentlichkeit raushauen darf und die Hetzte immer weiter zunimmt, ist unglaublich. In meinen Augen sind das einfach nur Nazis oder ekelhafte Spießbürger, die für das stehen, was ich von Grund auf nicht vertreten kann. Dabei kriegt man nur das Gefühl, dass die Menschen bis heute nichts aus der Geschichte gelernt haben. Aus dieser Stimmung ist dann auch der Song LMS 2017 entstanden. 

bb21: Du hast sehr sehr viele verschiedene Produzenten auf diesem Tape vereint. War das also eher traditionelles Beatpicken? Wie lief das bei Büdchentape 3 ab?

Veedel Kaztro: Yourz, Spexo und Dufsen sind eben von meiner Crew Sektor West Büdchen Gang, die natürlich auch für mich produziert haben. Ich bin ein großer Fan von ihnen und sehr froh darüber, dass sie mit mir zusammenarbeiten. Shawn The Savage Kid, der auch sehr geile Mucke macht, habe ich auf einer Tour kennengelernt. Ein sehr unterschätzter Rapper und Produzent. Dienst & Schulter sind natürlich auch zu nennen. Ich habe bei ihnen das gesamte Album aufgenommen und gemastert. Ohne die wäre da gar nichts passiert. Das sind beindruckende Musiker. Liebe Grüße an all die Produzenten an dieser Stelle.

bb21: Steht schon Büdchentape 4 in Planung?

Veedel Kaztro: Vielleicht mache ich es wie Aggro Berlin und bringe dann einfach Büdchentape 8 raus. Aktuell habe ich aber wieder Lust auf ein Kollaboalbum. Da ist auf jeden Fall Emohzi von der Sektor West Büdchen Gang zu nennen. Er kommt aus Wesseling, was ein krass abefuckter Vorort von Köln ist. Deren Industriegebiet kannst du von ganz Köln aus sehen. Er ist eben ein Sohn dieser Stadt und auch ein richtiger Kernassi mit Herz. Mit ihm kann ich mir da gut was vorstellen. Wahrscheinlich werde ich aber auch mit Kuchenmann ein gemeinsames Projekt starten. Das ist ein sehr talentierter Rapper, den man unbedingt im Auge behalten sollte. Aber zuerst geht es im Mai auf Tour mit Enoq. 

 

bb21: Die letzten Worte gehören dir!

Veedel Kaztro: Grüße gehen nach Stuttgart, Baden-Württemberg. Ich bin dort immer sehr gerne und das letzte Mal, als ich live da war, war es auch ein richtiger Abriss. Es ist sehr beeindruckend dort aufzutreten. Checkt Büdchentape 3 aus, es ist auf jeden Fall mein bislang bestes Album. Hört rein und ich hoffe, ihr seht das genauso. 


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