Interview mit Pierre Sonality

„Ich wünsche mir eine Welt, in der ich aus einer Toilettenschüssel trinken kann, ohne Ausschlag zu bekommen.“

Interview mit Pierre Sonality
Interview mit Pierre Sonality

Autor: Walter Schilling

Foto: Jim Gramming 

 

 

Mit Die Zampanos, Of the 3 Moonz und State Of Flavour 2 hat der Produzent und Rapper Pierre Sonality 2016 besonders auf die Tube gedrückt und an ganzen drei Alben gearbeitet. Entweder wie bei Of the 3 Moonz als Produzent oder wie bei State of Flavour 2 als Rapper und Produzent. Ganz nebenbei ist er auch noch Labelboss von Muther Manufaktur und bringt die Alben seiner ganzen Gang raus. Hip-Hop ist eben seine Leidenschaft, in die er extrem viel Energie reinsteckt. In unseren Interview spricht er darüber, was genau für ihn Hip-Hop ist und resümiert über das zurückliegende Jahr. Das Interview wurde schriftlich via Skype-Chat geführt.

BB21: Ich habe deine alten Tapes wieder ausgepackt. Auf deinem Song Fundament heißt es: „Zu viele stolperten vor die Tore der goldenen Stadt. Aber dem Traum von Erfolg stieg der Teufel aufs Dach.“ Das ist doch ein typisches Großstadtproblem, oder wie siehst du das? 

Pierre Sonality: Expressionismus. Die Epoche des Expressionismus behandelt unter anderem auch das Verschwinden des Einzelnen innerhalb eines technisierten, schneller werdenden und entmenschlichten Stadtkonstruktes. Das war zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Der Track zieht Parallelen und wirft solche Fragen und Thematiken auf. Jedoch finde ich, dass der Teufel auch in einem kleinen Dorf hinter Magdeburg auf die Dächer steigt. Er wartet nur auf seine Gelegenheit. Die Dummheit oder unkluges Verhalten während des Strebens nach Höherem - das ist keine Großstadterfindung.

BB21: Du scheinst ein Faible für Artworks zu haben. Die Magdeburger Trilogie hat einen ganz besonderen Cover-Style. Wie kam es eigentlich zu diesen Titelbildern?

Pierre Sonality: Sozialistischer Realismus. Das ist eben diese Form der Kunst, wie sie damals zu Kindergarten- und Grundschulzeiten in unseren Hausfluren hing. Eben diese Stilrichtung hat der Leipziger Künstler „Pierre von Helden“ aufgegriffen. Ich hatte ihn und seine Bilder auch schon vor dem Album auf dem Schirm. Da der „Magdeburg Zyklus“ ja auch eine Rückbesinnung ist, trafen wir uns in puncto Cover auf demselben Gleis.

 

BB21: Du hast den Funk auch wie kaum ein anderer in Deutschland gefressen. Wie bist du auf diese Musikrichtung überhaupt gekommen? Das ist ja jetzt nicht unbedingt eine weitverbreitete Musikrichtung in Deutschland.

Pierre Sonality: Funk ist ja die Note, die man nicht spielt. Funk ist vielseitig und irgendwie auch Freestylemäßig. Funk ist Experimentierfreude und Rhythmus. Die letzten beiden Punkte sind wohl die Säulen meines Schaffens nach Magdeburg. Ergo - ich habe beim letzten Soloalbum und in allen nachfolgenden Produktionen mit Mase, Galv und Sendemast viel freier gearbeitet und das Experiment mit einfließen lassen. Ich finde auch, dass sehr viele Rapper und Beatmaker ganz dufte Funkydudes sind. Wenn man sich nicht an die Patterns des Funk im musiktheoretischen Sinne hält, wird man ihn überall finden. Selbst im Trinkwasser fließt er schon.

BB21: Du bist Rapper und Produzent. Womit hast du angefangen? Mit dem Rappen oder dem Produzieren? Hast du angefangen zu produzieren, weil du zum Beispiel keine geilen Beats gefunden hast, auf die du rappen konntest?

Pierre Sonality: Angefangen habe ich als Rapper, ganz klar. Das war 1998. Da bin ich sogar noch mit ein paar Homies von Magdeburg nach Hamburg gefahren, um eine CD mit Beats abzuholen, die wir benutzen durften. Beats waren in meinem Umfeld eher Mangelware. Irgendwann habe ich dann meinen ersten Produzenten „Robert Beat“ kennengelernt. Wir haben meine ersten Alben dann zusammen gemacht. Das war so 2003. Man läuft weiter durch die Zeiten und trifft Menschen, manche verliert man wieder aus den Augen und so kam es dann, dass ich irgendwann wieder alleine dastand. 

Man kannte natürlich eine Handvoll Produzenten, die einem mehr oder weniger bereitwillig mit Instrumentals ausgeholfen haben, jedoch stand da immer so eine Abhängigkeit im Raum. Da musste ich raus. Ich hatte mir über die Jahre schon grob beigebracht, was ich wissen musste. So begann ich eher aus Spaß mal ganz eigene Sachen zu produzieren und darüber zu rappen. Diesen kleinen Spaß habe ich damals meinem Freund Mr. Lipster vorgespielt, der sofort angefixt wurde. Er hat es daraufhin gemischt und gemustert und daraus ist dann Kein Hip Hop Fame geworden, mein Debütalbum. Quasi mein erstes richtiges Album und Einstand in die überregionale Bekanntheit. Meine Eintrittskarte in den Club der E Prominenz.

„Funk ist ja die Note, die man nicht spielt.“

BB21: Du bist Teil der Kraszesten, Sendemast, Zampanos, Muther Manufaktur und vielen weiteren Crews. Ist dir dieser Ganggedanke so wichtig oder warum arbeitest du mit den Leuten gleich immer so eng zusammen?

Pierre Sonality: Für mich ist HipHop - neben dem kulturellen Aspekt - vor allem Crew, Freundschaft und Competition. All das geht nicht alleine. Ich arbeite gern eng mit den Leuten zusammen, weil das ja ohnehin meine Freunde sind und wir durch diese Nähe einfach schneller die benötigte Dynamik entwickeln! Ich bin auf jeden Fall ein Teamspieler, was das Rapding angeht. In puncto Produktion sieht es da schon anders aus - da bin ich sehr resolut!

BB21: Die Zampanos-Platte ist nicht über dein Label Mother Manufaktur erschienen. Fandest du es zur Abwechslung mal ganz cool, dich nicht auch um das Drumherum der Platte kümmern zu müssen?

Pierre: Voll!

 

BB21: Aktuell arbeitest du an deinem Soloalbum. Wie ist es, nach so vielen Crewalben wieder an einer eigenen Platte zu arbeiten?

Pierre Sonality: Soundmäßig arbeite ich an der neuen Soloplatte ja mit meinem Freund Dennis aus Europa. Zusammen haben wir die Finger auf den Arrangements, dem Sound und irgendwie allem anderen, was dazugehört. Ich schätze seine Skills und das Bild, was er zu dem Album im Kopf hat. 

Was den Inhalt angeht und meine Herangehensweise an Solojoints - das ist wie eine verlassene Straße in einer Winternacht lang zu laufen. Alleine und ohne Termine. In der Hand ein kaltes Bier, eine halb volle Schachtel Zigaretten und die Lieblingsmusik auf dem Kopfhörer. Wenn ich an Soloalben arbeite, fühle ich so eine Entspanntheit. Ich fahre mit dem Rad nachts in die Industriegebiete und chille ab, schreibe Texte oder überlege mir Sachen. Ich mache mich locker. Nicht, dass ich mir überhaupt keine Zielvorgaben mache, ich habe mir auch Zeitrahmen gesetzt, jedoch arbeite ich wie jemand, der zum Ende nur mit sich selbst etwas auszumachen hat.

BB21: Anfang des Jahres sagtest du: „Pierre Sonality: Der HipHop Journalismus ist tot seit dem Ende von MixeryRawDeluxe.“ Hat sich im Laufe des Jahres etwas positiv für dich verändert?

Pierre Sonality: Bezogen auf den Mainstreamjournalismus - nein!

BB21: Die letzten Worte gehören dir!

Pierre Sonality: Ist das der Punkt, an dem ich einen berühmten Rapper disse, mich zum Beef zwischen KC Rebell und Xatar äußere und Stellung beziehe? Der Punkt, an dem ich zehn Rapper nenne, die schöne Muskeln haben und versuche, zu erraten, welcher von denen welche Kur macht? Dann werde ich vielleicht doch noch berühmt!

Haha - Spaß beiseite - ich wünsche mir eine Welt, in der ich aus einer Toilettenschüssel trinken kann, ohne Ausschlag zu bekommen. Amen!


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