Interview mit Simon Grohé

„Lasst uns alle Hippies werden und unsere Städte zu Urwäldern machen.“

Simon Grohé Interview
Simon Grohé Interview

Autor: Walter Schilling

 

 

Simon Grohé ist ein Geheimtipp für alle, die auf melodischen Rap stehen, denn er kann spitten, singen und zeigt dabei eine klare Haltung. Zwar handeln viele seiner Songs von einer Utopie, was ihm auch selbst klar ist, dennoch steht er zu seinen Werten und hofft, dass wir eines Tages doch noch in einer Welt leben können, in der jeder das bekommt, was er sich am meisten wünscht: Liebe. Wir skypten mit dem Rheinländer und unterhielten uns dabei über die verschiedenen Städte, in denen er lebte, und was ihn dorthin trieb. Außerdem sprachen wir über den gesellschaftlichen Umgang mit dem World Wide Web und über seine nächsten Projekte.

BB21: Du bist gebürtiger Rheinländer, bist aber für eine Zeit lang nach Berlin gezogen. Was hat dich nach Berlin verschlagen und warum bist du danach nach Köln gezogen? 

Grohé: Ich bin gelernter Grafiker und Cutter. Ich konnte mit Urban Tree zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen, denn mit den Jungs konnte ich an meiner Musik arbeiten, wobei sie mich unterstützen, und gleichzeitig konnte ich viel für die Videobearbeitung lernen. Deswegen bin ich zu Urban Tree Music nach Berlin gezogen. Meine damalige Freundin und heutige Frau blieb dagegen in Köln. Aber irgendwann wollte ich natürlich mit ihr zusammen wohnen und leben, anstatt uns so unregelmäßig zu sehen. Deswegen hat es mich wieder zurück nach Köln verschlagen.

 

BB21: Du hast die Keine Knarren EP damals im Parkhaus Studio aufgenommen, das im Erdgeschoss ein Studio beherbergt und in den oberen Etagen Flüchtlinge. Wie war die Atmosphäre dabei? Kam dadurch diese Anti-Waffen-Stimmung zustande?

Grohé: Dort sind natürlich auch sehr viele Kinder, die Musikunterricht bekommen, wodurch sie mal Menschen kennenlernen, die sie nicht sofort von oben bis unten bemustern. Aber meine Songs sind nicht von der Pike aus im Parkhaus entstanden. Wir haben das Ganze dort nur aufgenommen und gemischt. Trotzdem hat es natürlich wie Arsch auf Eimer gepasst, das genau dort zu machen. Da ich aber so viel um die Ohren habe, musste ich alle Songs der EP an nur einem einzigen Tag aufnehmen. Das war ein 15-Stunden-Marathon. Ich war der Erste und der Letzte im Studio und sah dabei bestimmt wie ein Zombie aus [lacht].

BB21: Du rappst auf der besagten EP oftmals von einer Utopie. Gerade auf dem Titeltrack heißt es, dass ihr die Waffenlieferungen stoppen wollt. Aber sind wir mal ehrlich: Das wird nie passieren.

Grohé: Ich bin kein Idiot und mir ist dabei vollkommen klar, dass ich träume. An dieser Stelle möchte ich aber auch noch klar stellen, dass ich kein Polit-Rapper bin. Ich mache einfach Musik, die aus meinem Herzen kommt und mit dieser Heuchelei komme ich einfach nicht klar. Wie können manche Politiker sich als super tolerant darstellen, die Grenzen für manche Flüchtende öffnen, wobei sie aber deren Heimat mit Waffenverkäufen aus unserem Land zerstören. Das ist so, als ob ich Viren in die Welt setzte, um meine Medizin besser verkaufen zu können. Ich bin davon überzeugt, dass die Welt besser wird, wenn wir alle keine Waffen mehr haben. 

 

BB21: Im Song Offline kritisierst du unseren gesellschaftlichen Umgang mit dem Internet. Aber durch das Internet ist unser Interview zustande gekommen und du selbst stellst dort deine Songs zur Verfügung. So schlimm kann das Internet ja dann doch nicht sein, oder?

Grohé: In meiner ehemaligen Band hat der Bassist einst gesagt: „Hierbei geht die Metaebene verloren.“ Der Satz wirkt zwar schon fast esoterisch und natürlich nutze ich das Internet und arbeite damit sehr viel. Aber ich finde es scheiße, wenn man es im echten Leben nicht mehr schafft, sich in die Augen zu schauen. Wenn Menschen sich im virtuellen Leben ganz anders geben, als sie in Wahrheit sind. Ich bin vor kurzem noch mit meiner Frau in Holland gewesen und es war geil, den Akku mal nicht aufzuladen und die Geräte mal nicht einzuschalten. Die Zeit dafür muss man sich auch einfach mal nehmen.

„Ich war der Erste und der Letzte im Studio und sah dabei bestimmt wie ein Zombie aus [lacht].“

BB21: Nachdem man sich die EP Keine Knarren komplett anhört, bekommt man schon das Gefühl, dass du mit unserer Gesellschaft, so wie sie ist, ein großes Problem hast, oder?

Grohé: Naja, auf der EP gibt es ja auch zum Beispiel den Song Guerilla Planting, der total happy ist. Nach dem Motto: „Lasst uns alle Hippies werden und unsere Städte zu Urwäldern machen.“ Ich habe aber auch eben meine Haltung und die drücke ich in meinen Songs auch aus. Aber ich bin niemals depressiv oder möchte jemanden runterziehen. Mein Debütalbum auf Urban Tree war Mamaoerf, das ein Tributalbum an meine Mutter ist. Obwohl das ein sehr ernstes Thema ist und man durch ein großes Tief geht, wenn man seine Mutter verliert, gibt es dort trotzdem positive Songs. Denn ich möchte nach vorne schauen und nicht ständig Trübsal blasen. 

 

BB21: Du bist dieses Jahr auch auf der Hanfparade in Berlin aufgetreten. Warum war dir das wichtig? 

Grohé: Ich selber bin gar kein großer Raucher, denn ich trinke lieber ein Bierchen oder auch mal einen Schnaps. Aber schon allein aus medizinischer Sicht finde ich es schwachsinnig, diese Pflanze zu verbieten. Letztendlich bin ich aber auch deswegen dort aufgetreten, weil mich coole Dudes kontaktiert haben und ich auf einem tollen Festival spielen durfte. Dort waren ja auch Eko Fresh und der Plusmacher. Zumal ich einfach auch jede Chance ergreife, um live mit meinem Drummer Jan Stix spielen zu können.

BB21: In der Videoankündigung zu Durch die Nacht hieß es, dass es sich um die letzte Singleauskopplung der EP handelt. Steht schon das nächste Projekt an?

Grohé: Ja, ich sitze tatsächlich schon am nächsten Projekt und werde mit einem Produzenten zusammenarbeiten, den ich durch das Parkhaus kennengelernt habe. Er heißt Lonnie Flowers, kommt aus Holland, und arbeitet mit ganz vielen Künstlern aus verschiedenen Ländern zusammen. Der hat eine unglaubliche Soundvision und weil er Drummer ist, kennt er sich aber auch mit analogen Sounds sehr gut aus und verbindet die moderne Musik mit der alten Schule. Wir haben mittlerweile schon zehn Songs gesammelt, aus denen wir eine EP formen werden. Wann sie aber genau erscheinen wird, wissen wir noch nicht.

 

BB21: Es ist cool zu sehen, dass EP’s wieder zurück sind. Vor einigen Jahren waren sie fast ausgestorben und kaum einer hat eine EP veröffentlicht.  Jetzt werden aber wieder EP’s veröffentlicht.

Grohé: Ich glaube, das liegt daran, dass gerade so viel Musik veröffentlicht wird. Man kann es sich einfach nicht leisten, nur alle drei Jahre neue Musik zu veröffentlichen. So ein Album ist eben auch sehr viel Arbeit, die auch enorm viel Zeit in Anspruch nimmt. Eine EP dagegen ist ein sehr kompaktes Format, bei der die Arbeit etwas überschaubarer ist. 

 

BB21: Die letzten Worte gehören dir!

Grohé: Vielen Dank für das Interview und ich lade jeden ein, sich meine Videos reinzuziehen. Wir haben gefühlt 50.000 davon in nur drei Jahren produziert, deswegen schaut einfach auf https://www.youtube.com/UrbanTreeMusic vorbei.


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