Interview mit Pyro One

„Nenn mich von mir aus auch Zeckenrap, aber ich möchte keine Erwartungen an meine Musik schüren und diese dann immer wieder aufs Neue bedienen.“

Autor: Walter Schilling

 

 

Kennt ihr diese Rapper, die wirklich etwas zu sagen haben? Ich meine aber nicht diese reinen Conscious Rapper, die ständig den Zeigefinger erheben, eher diese Künstler, die zwischen sinnlosem Heroismus und der Moralpredigt liegen. Genau dieses gesunde Zwischenstück ist Pyro One, der auch sein Album tatsächlich Dazwischen genannt hat, gelungen. Denn obwohl der gebürtige Berliner sehr politischen Rap macht, geht es dort nicht ausschließlich darum. Es geht auch um Freiheit und Lebensgefühle, die sich tatsächlich nur schwer in ein Subgenre einordnen lassen. Genau deswegen haben wir uns in Berlin Mitte auf einen Kaffee getroffen, um über Patriotismus, Lohnarbeit und über die verschiedensten Musikgenres und ihre Gemeinsamkeiten zu sprechen.

BB21: Auf dem Song Fussgängerzone rappst du gegen Patriotismus. Was ist dein genaues Problem mit Patrioten? Stolz auf das eigene Land zu sein, muss ja nicht gleich heißen, dass man Fremde aufgrund ihrer Herkunft hasst oder?

Pyro One: Stolz auf das eigene Land zu sein, hat mich schon seit jeher gestört. Worauf denn genau? Dafür hat man doch keine eigene Leistung erbracht. Gerade gibt es ja wieder diesen entspannten Patriotismus, der durch den Fußball gelebt wird. Aber für mich trügt dieser Schein. Denn wenn man genauer hinschaut, ist das eine schmale Gratwanderung. Es fehlt nämlich nicht viel von dem stolzen Fahnenschwenker hin zu dem Müll-Gedanken, dass irgendein Land besser sei als ein anderes. Gerade in einem Zeitalter, in dem wir alle miteinander so gut vernetzt sind, ist diese Denkweise überflüssig und wirkt auf mich einfach nur rückständig.

 

BB21: In Heldentat rappst du über die NSU-Morde. Warum war dir wichtig, das zum Thema zu machen?

Pyro One: Schau mal, der erste Part ist ein Zwiegespräch auf der individuellen Ebene. Was bringt jemanden dazu, so etwas zu tun? Die sind doch bewusst irgendwohin gefahren, um jemanden umzubringen. Das ist doch schon mal krass. Ich fand es dort auch interessant, dass jemand in der Redaktion sitzt und das Wort „Döner-Morde“ auf Papier bringt und sämtliche Mitarbeiter und Vorgesetzten das Wort abnicken. All diese Fragen haben mir keine Ruhe gelassen.

 

BB21: Es geschah ja das Gegenteil. Denn fast sämtliche Medien haben das Wort einfach übernommen.

Pyro One: Die NSU war wieder so etwas ganz Typisches, an dem man wieder die Kategorisierung zwischen Links und Rechts gesehen hat. Man konnte sich hierzulande nie vorstellen, dass jemand mit einem rassistischen Hintergrund solche Morde verübt. Man vermutete dagegen anfangs eher, dass es die Migranten untereinander wären. Mafia oder so ein Scheiß. Da ist das rechte Auge einfach blind und sowas passiert leider einfach immer wieder. 

BB21: Als du die NSU-Morde erwähnt hast, habe ich mich gefragt, wann du den Song Heldentat denn aufgenommen hast. In Zwischenzeit sind ja noch so viele weitere rassistische Übergriffe passiert. Die NSU-Morde sind ja dagegen schon etwas länger her.

Pyro One: Der Song ist relativ neu und während den Recordings zum Album Dazwischen entstanden. Ich habe da jetzt keinen Tag X, aber ich vermute, dass der Zschäpe Prozess mich wieder daran erinnert hat. 

 

BB21: Was ist schlimmer? In Armut zu leben, oder das Leben im Hamsterrad? Darüber rappst du doch auch in Bruchpilot.

Pyro One: [lacht] Ich glaube, das muss jeder für sich entscheiden. Ich selbst gehe Lohnarbeiten, wodurch ich mein eigenes Leben finanzieren kann. Das gibt mir auch die Möglichkeit, zu 100 Prozent in meinen Entscheidungen bei der Musik frei zu sein. Ich muss mich nicht fragen, ob ich meine Songs kapitalistisch verwerten kann. Auf der anderen Seite ist es auch vollkommen in Ordnung, wenn jemand die Lohnarbeit ablehnt und ohne klarkommt. Ich weiß nicht, was schwieriger ist, denn ich kenne beide Seiten. Meistens ist es halt so, dass man das Leben führen möchte, das man nicht hat. Ich persönlich sehe Lohnarbeit kritisch, aber solange ich keinen Job habe, in dem ich Leute abziehe, komme ich damit zurecht. 

 

BB21: Du machst seit sechs Jahren Musik. Hast du dabei nie dieses Ziel gehabt, groß rauszukommen und von der Musik zu leben?

Pyro One: Das ganz große Ziel war wohl deswegen nie da, weil ich auch keinen Hit gelandet habe. Ich bin ein klassischer Untergrund MC. Aber ich glaube, dass diese Herangehensweise nicht funktioniert. Ich kann mich doch nicht mit 18 auf die Musik fokussieren, um es mit 24 später geschafft zu haben, von der Musik zu leben. Musiker, die so herangehen, sind zum Scheitern verurteilt, weil sie dann ganz kalkulierte Songs veröffentlichen, um in das Radio zu kommen. Meistens gehen sie dabei kaputt, weil sie total unfrei sind. Ich bin aber auch schon ein paar Minuten im Musikgeschäft dabei, um verstehen zu können, warum manche Songs funktionieren und warum nicht. Aber das macht mir keinen Stress. Ich kann total entspannt Musik produzieren, was ich sehr cool finde.

„Meine Songs sind Berichte. Ich erzähle einfach nur das, was auch wirklich passiert.“

BB21: Quasi aus Liebe zur Musik.

Pyro One: Ja, aber auch für die Sache an sich. Ich habe die Möglichkeit, jede Menge Konzerte zu spielen und komm rum, während ich viele nette Leute kennenlerne. Ich habe einen Erfahrungsrucksack, den ich ohne die Musik niemals hätte. Deswegen besinne ich mich darauf an guten Tagen, anstatt zu meckern. Natürlich gibt es auch schlechte Momente, in denen ich mir denke, dass doch eigentlich viel mehr gehen müsste. In denen ich mich frage, warum dieser Typ jetzt durch die Decke geht. Aber ich glaube, dass das relativ menschlich ist [grinst].

 

BB21: Du hast mal in Facebook gepostet: „Rapmusik war immer politisch und ist es bis heute.“ Hast du dich auch deswegen so sehr für Rap interessiert?

Pyro One: Wenn ich mal meine Einstiegsphase mit Ice-T außen vor lasse - wobei auch das hoch politisch war - habe ich viel Nas und Freundeskreis gehört. Gleichzeitig ging meine musikalische und politische Sozialisierung Hand in Hand, weswegen Rap für mich schon immer die erste Adresse war. Wobei ich auch viel Reggae und Heavy Metall gehört habe, der auch politisch war. Deswegen kann ich das schwer voneinander trennen und das ist für mich bis heute noch so. 

 

BB21: Hörst du also auch grundsätzlich eher politische Mucke?

Pyro One: Das nicht. Ich auch fände die Vorstellung, dass es Menschen gibt, die nur Zeckenrap hören, schon krass. Hut ab, aber damit schränkt man sich auch sehr ein, weil man viele gute Musik verpasst. Klar gibt es explizit politische Musik, die geil ist. Aber es gibt auch gute Musik, die sich keinen politischen Stempel gibt und trotzdem wichtig ist. Letztendlich geht es ja auch um Musik und nicht nur um Politik.

 

BB21: Du bist jetzt frisch bei Birds Avenue und warst davor bei Springstoff. Warum hast du das Label gewechselt?

Pyro One: Wir haben während der Planung festgestellt, dass vieles gar nicht so funktioniert, wie wir uns es vorgestellt haben. Das war gar nicht so dramatisch, wodurch ich aber mit einem fast fertigen Album erst mal alleine dastand. Anfangs habe ich mir noch überlegt, ob ich es DIY mache, aber neben der Lohnarbeit darf man nebenbei gar nicht so viel arbeiten. Schließlich wollte ich es richtig releasen und nicht einfach nur auf Bandcamp hochladen. Aber glücklicherweise kam dann schnell der Kontakt zu Birds Avenue zustande und dann kam eben eins zum anderen.

BB21: Dein Album heißt Dazwischen, weil du sagst, dass deine Musik immer dazwischen sei. Es ist kein festes Genre sondern einfach von allem etwas. Aber zu was du zu 100 Prozent stehst, ist Zeckenrap. Ist das das Einzige, bei was du komplett dahinterstehen kannst?

Pyro One: Naja, wir versuchen gerade eher Abstand von dem Begriff Zeckenrap zu gewinnen.

 

BB21: Ja, das nimmt man auch schon von außen wahr. Fast alle selbsternannten Zeckenrapper rudern da jetzt wieder etwas zurück, oder?

Pyro One: Ich würde es nicht als zurückrudern bezeichnen. Wir wollten anfangs unserer Musik einen Namen geben, weil das Bedürfnis nach Kategorien sehr groß ist. Da haben wir eben mitgespielt und der Presse gleich einen Namen geliefert. Das hat eine zeitlang auch voll funktioniert, aber inzwischen hat sich dieser Begriff verändert und die Leute haben jetzt eine ganz bestimmte Vorstellung davon, wie Zeckenrap klingen soll. Es engt dich in deinem Schaffen total ein, deswegen versuche ich mich davon zu lösen. Ich bin eher zu 100 Prozent Rap und lasse mich gerne mit lyrischem Rap labeln. Nenn mich von mir aus auch Zeckenrap, aber ich möchte keine Erwartungen an meine Musik schüren und diese dann immer wieder aufs Neue bedienen. 

  

BB21: Die letzten Worte gehören dir!

Pyro One: Checkt unsere Videos aus. Außerdem freue ich mich über jeden Vorbesteller, denn das hilft uns für unsere Planung. Ansonsten kommt zur Releaseshow in Cassiopeia, Berlin oder Nochtspeicher, Hamburg. Urteilt nach unserer Show gerne über die Musik und entscheidet euch danach, ob ihr es supporten wollt oder nicht.


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