Karriererückblick mit MC Rene

„Natürlich bin ich auch mal in die Scheiße getreten, aber ich bin weitergelaufen und habe nicht einfach aufgehört.“

Autor: Walter Schilling

 

 

 

Diesmal unterhalten wir uns mit MC Rene über seine Vergangenheit. Denn er selbst ist der Beweis dafür, dass die besten Geschichten das Leben selbst schreibt. Als wahrer Pionier hat er das erste Deutschrap-Soloalbum aller Zeiten veröffentlicht und wurde als Freestyle-Wunderkind von der Szene hochgelobt. Doch als es nicht mehr en vogue war, nett und gutgelaunt zu sein, verblasste auch schnell sein Erfolg und plötzlich konnte er nicht mehr von der Musik leben. Jahrelang musste er sich mit schlecht bezahlten Jobs über Wasser halten, bis er alles aufgab. Er kündigte seine Wohnung und kaufte sich stattdessen einfach eine BahnCard 100, um durch das Land zu ziehen. Er lebte ein Jahr als Zugnomade, was sich später auch als sein Rap-Comeback herausstellt.

BB21: Du hast mit Renevolution das erste Deutschrap Soloalbum aller Zeiten veröffentlicht. Hand aufs Herz: Die Hip-Hop-Szene selbst schenkt dir aber heute nicht unbedingt diese große Anerkennung und den Respekt dafür.

MC Rene: Als ich angefangen habe, war da schon ein großer Respekt vorhanden. Die Szene war auch deutlich kleiner als heute. Ich habe auch zwei Jahre lang Mixery Raw Deluxe moderiert und hatte auch ein paar Charterfolge. Aber das hat mit der Zeit immer mehr abgenommen. So ist das eben, wenn neue Musik rauskommt, wer interessiert sich da denn noch für das Alte? Die Leute hören eben das, was in deren Zeit relevant ist. 

 

BB21: Du warst zwar ein Pionier, wurdest aber auch gedisst. Auf der einen Seite hast du Mixery Raw Deluxe moderiert, auf der anderen Seite musstest du dir irgendwelche dummen Sprüche gefallen lassen. Bei dir ist in kurzer Zeit sehr viel passiert. Wie hast du diese Zeit erlebt? Hast du deinen Frieden gefunden oder ärgert dich das bis heute?

 

MC Rene: Nein, das ärgert mich heute nicht mehr. Damit habe ich irgendwann abgeschlossen. Ich war eben der nette, gut gelaunte Rapper. Das hat irgendwann nicht mehr zum neuen, harten Rap gepasst, der in den 2000ern immer präsenter geworden ist. Irgendwann wurde meine Fröhlichkeit als Schwäche ausgelegt, während ich immer weniger Platten verkauft habe. Dadurch war es für mich auch schwer, darüber zu stehen und als Künstler sagen zu können: „Aber ich bin noch erfolgreich“. Irgendwann wollte ich auch nicht mehr Teil einer negativen Szene sein und habe mich zurückgezogen. 

„Letztendlich kommt es nämlich nicht darauf an, wie andere dich sehen, sondern wie du dich siehst.“

BB21: Plötzlich hieß es dann auch, dass du „tot“ seist. 

MC Rene: In Wahrheit habe ich einfach nur ein anderes Leben geführt. Umso stolzer bin ich, dass ich mich nicht habe unterkriegen lassen und mich auch nicht verbogen habe, sondern einfach mein Leben und mein Hip-Hop weitergelebt habe. Klar, ich hatte irgendwann keinen kommerziellen Erfolg mehr und nicht mehr die Schlüssigkeit in meinen Songs. Aber dann war ich damals eben nicht so weit. Natürlich bin ich auch mal in die Scheiße getreten, aber ich bin weitergelaufen und habe nicht einfach aufgehört. 

 

BB21: Kotzt dich das an, wenn Leute deine Bahncard-Nummer belächeln?

MC Rene: Natürlich gibt es auch Leute, die sich darüber lustig machen. Aber ich mache mich noch mehr darüber lustig, wenn ich Leute sehe, die in ihrer Komfortzone sind und über andere urteilen. Aber klar, wenn man in der Öffentlichkeit steht, dann muss man es eben auch ertragen können, dass dich Leute scheiße finden. Wenn man das nicht ertragen kann, muss man gar nicht erst damit anfangen. Letztendlich kommt es nämlich nicht darauf an, wie andere dich sehen, sondern wie du dich siehst. 

 

BB21: Was aber stattdessen geblieben ist, ist dein Ruf als Freestyler. Es gibt keinen Artikel und kaum einen Rapper aus deiner Generation, der nicht deine Freestylefähigkeiten lobt. Ständig und immer Reime am Start zu haben, war dein Ding, oder?

MC Rene: Ich komme eben aus der Freestyle-Szene. In meiner Jugend sind wir oft nicht in die Clubs reingekommen und haben stattdessen draußen gechillt und einfach gefreestylt. Das ist aus dem Spaß entstanden und den konnte ich mir auch noch bis heute bewahren. Eine Zeit lang hat mich das auch gestresst, weil ich ständig dazu aufgefordert wurde. Aber irgendwann habe ich einfach eine Grenze gezogen und freestyle nur noch dann gerappt, wenn ich es mochte. 

 

BB21: Dass du eben nicht mehr wie eine Jukebox für die Leute freestylest. 

MC Rene: Ja genau! Davon habe ich mich getrennt. Früher habe ich doch auch nur dann gefreestylt, wenn ich Bock hatte. Auf diese Art und Weise hat es mir schon früher Spaß bereitet und so halte ich es wieder. 

BB21: Was hältst du als Freestyler eigentlich von Ghostwriting?

MC Rene: [lacht] Abgesehen davon, dass ich auch Ghostwriter bin, finde ich das ganz in Ordnung. Warum nicht, wenn die Arbeit gut bezahlt wird und man auch Bock auf das Projekt hat?

 

BB21: Und andersrum? Wenn Künstler nur noch Interpreten sind und ihre Texte nicht selber schreiben?

MC Rene: Du meinst wie im Schlager [grinst]. Warum nicht? Aber ab diesem Moment ist er eben kein MC mehr. Aber das wird den Meisten wohl sowieso egal sein. Vor solchen Leuten hat man in der Szene auch schon weniger Respekt, aber sowas kann eben auch gut funktionieren. Wenn jemand anderes den Text besser rüberbringen kann, kann er ihn doch ruhig haben. Aber dann soll er diese Dienstleistung auch angemessen bezahlen. Ich respektiere zwar Rapper mehr, wenn sie ihre Texte selber schreiben, das heißt aber noch lange nicht, dass ich deren Songs am Ende auch besser finde. 

 

BB21: Bis heute noch hast du den Kontakt zu Wegbegleitern aus deiner Anfangszeit gehalten. Toni L macht sich mittlerweile extrem rar, auf deinen Rapplatten ist er aber trotzdem am Start. Hast du Kontakte wie diese stetig gepflegt? Auf deiner letzten Geburtstagsjam waren auch die Stieber Twins.

MC Rene: Auf meinem Geburtstag waren echt viele Leute am Start. Das Ganze kann man auch auf meiner Homepage anschauen. Die Qualität ist zwar nicht so gut, aber man kann den Vibe schon ganz gut fühlen. Aber die Kontakte haben sich in den letzten Jahren auch einfach wieder ergeben. 2013 wollte ich die Jungs in meinem Video zu Mein Leben ist ein Freestyle haben und seitdem ist der Kontakt regelmäßig. Aber obwohl man sich zehn Jahre nicht gesehen hat, war es trotzdem so wie früher. Gerade mit Toni L habe ich seitdem aber sehr engen Kontakt. Ich bin einfach ein großer Fan von ihm, denn keiner benutzt die Wörter so wie er und rappt wie er es tut. 

BB21: 2012 hast du dein Buch über dein Leben als Bahnnomade veröffentlicht. Das war der Startschuss für dein Comeback. Wie sicher warst du dir dabei, dass du am Ende diese große Aufmerksamkeit der Medien bekommen wirst, die du bekamst? Du warst im überall im Feuilleton und sogar bei TV Total.

MC Rene: Im Nachhinein könnte ich wohl einfach hier sitzen und behaupten, dass es von langer Hand geplant war. In Wahrheit bin ich nämlich Millionär und spiele nur den armen Künstler, der sich von unten nach oben boxt, um noch mehr Geld zu kassieren. Den Vertrag beim Rohwolt Verlag habe ich auch nur bekommen, weil schon von Anfang an klar war, dass ich 15.000 Bücher verkaufen werde [lacht]. 

 

BB21: Wie war es denn in der Realität?

MC Rene: Ich bin da einfach meinem Instinkt gefolgt und wollte ernsthaft Stand-Up-Comedian werden. Ich habe meine Wohnung gekündigt und bin durch das Land gezogen, während ich gemerkt habe, dass ich kein Stand-Up-Comedian werde [lacht]. Den dazugehörigen Buchvertrag habe ich später auch nicht deswegen bekommen, weil ich MC Rene bin, sondern weil die Idee der Star war. Dieses alles aufgeben und mit einer BahnCard 100 durch das Land ziehen. Das war der Star und gleichzeitig total sick und geisteskrank. Natürlich können die Leute das Ganze belächeln und sagen „Ach der Obdachlose“. Aber ich habe zwei Jahre lang Lesungen gehalten, weil es gleichzeitig auch so viele Menschen interessiert hat, wie ich gelebt habe. Mit Carl Crinx habe ich dann noch das dazugehörige Hörbuch gemacht und bin erst dadurch wieder zur Musik gekommen. Das war alles nicht von langer Hand geplant, sondern ich bin einfach nur meinem Instinkt gefolgt. Irgendwann habe ich einfach gemerkt, dass mich das Leben schon dorthin führt, wo ich hin möchte. 

 

BB21: Obwohl du schon eine so lange Zeit rappst, hast du nicht unbedingt diese lange Diskografie.

MC Rene: Meine Struktur hat sich einfach geändert. Mittlerweile habe ich ein gutes Fundament und kann auch regelmäßig abliefern. Früher war ich mal bei dem Label, dann mal dort und habe mit komischen Leuten und Managern gearbeitet. Jetzt fühle ich mich wahnsinnig wohl. Aber ich hätte vor zehn Jahren auch nicht gedacht, dass ich mit 40 Jahren wieder ein hungriger Rapper sein werde. Vor allem damals, als ich total broke in Berlin war und als Stefan Eckert im Callcenter gearbeitet habe. Denn el-Khazraje versteht eben nicht jeder so gut am Telefon und deshalb hatte ich bei der Arbeit extra einen anderen Namen. Gerade deswegen möchte ich mein Leben in vollen Zügen genießen.  


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