Interview mit MC Rene über Khazraje

„Die haben mich schon als Marokkaner gesehen, bis ich eben angefangen habe zu sprechen [lacht].“

Autor: Walter Schilling

 

  

MC Rene ist sowas wie Deutschlands Freestyleking. Gerade in seiner Jugend war der Master of the Ceremony immer ready und hatte gefühlt auf alles einen Reim parat. Er trat unglaublich oft auf und erkämpfte sich einen Ruf als Freestylewunderkind, der ihm noch bis heute vorauseilt. Knapp zwei Jahrzehnte später ist Rene el-Khazraje, wie er bürgerlich heißt, noch immer Freestyler und Rapper. Auf seinem neuen Album Khazraje hält er diesmal sogar einen ganz besonderen Vibe fest. Denn er ist mit dem Produzenten Figub Brazlevic nach Marokko gereist und hat mit ihm nicht nur den Langspieler produziert, sondern gleichzeitig das erste Mal das Land seiner Ahnen besucht. 

MC Rene, du bist ein berühmt und berüchtigter Freestyler. Wie schreibst du deine Songs, bzw. schreibst du sie überhaupt? Hast du das Schreiben vielleicht auch schon wie Jay-Z überwunden?

Das halte ich für einen Marketingmythos von Jay-Z. Das ist doch einfach nur eine Show. Als ob er nie etwas aufschreiben würde. Das glaube ich ihm nicht. Ich selber gehe da sehr assoziativ vor. Ich höre den Beat und schreibe mir ein paar Wörter auf, die mir dazu einfallen. Zuerst sammle ich nur Vokabeln und füge sie nach und nach zu Sätzen zusammen. 

 

Du bist vor kurzem zum ersten Mal ins Land deiner Ahnen gereist, zumindest väterlicher Seits. Warum so spät? 

Da kam einfach das Leben dazwischen. Ich bin hier in Deutschland irgendwie dermaßen beschäftigt gewesen, dass ich das gar nicht in Erwägung gezogen habe. Aber ich bin dieses Jahr 40 Jahre alt geworden und dadurch ist es mir irgendwie wichtig geworden. Als ich Figub Brazlevic kennengelernt habe, entstand die Idee, dass ich eben nach Marokko reise, um meine Verwandten kennenzulernen, mich mit Figub in Marrakech treffe und wir dort dann am gemeinsamen Album arbeiten. Das haben wir dann einfach durchgezogen und die Platte binnen 14 Tagen gemacht. 

 

Wie war es dann tatsächlich dort zu sein? Ich meine, du hattest bestimmt eine gewisse Vorstellung und wie weit war sie dann von der Realität entfernt?

Es ist für mich immer sehr schwierig, sich etwas vorzustellen, was ich gar nicht kenne. Deswegen habe ich mich mehr darum bemüht, gar keine Vorstellungen zu haben und sie so tief zu schrauben wie möglich. Das konnte ich weitestgehend durchziehen und umso schöner war es dann für mich, dass mich meine Verwandten mit offenen Armen empfangen haben. Ich habe endlich meine Onkels, Tanten, Cousins und Cousinen kennengelernt, wodurch sich für mich auch ein Kreis geschlossen hat. Mit diesem Spirit in die Albumproduktion zu gehen, war unglaublich und einmalig. 

„Seitdem ist es nicht einfach nur ein Name sondern auch eine Identität.“

Bist du auch schon vor deiner Reise mit deinen Verwandten in Kontakt gewesen?

Mit den jüngeren Familienmitgliedern habe ich auch schon zuvor über die sozialen Netzwerke Kontakt gehabt. Aber eher sporadisch.

 

Auf deinem Album sagst du auch, dass du Ecken in Marokko gesehen hast, die auf keiner Sightseeing-Route zu finden sind. Was genau hast du denn dabei so untypisches gesehen?

Wir waren in Stadtteilen unterwegs, die fernab vom touristischen Leben lagen. Dort sieht man sehr viel Müll, gleichzeitig aber auch wunderschöne Häuser. Daneben grenzen aber wiederum auch Häuser, die noch im Rohbau sind. Auf den Märkten sind spielende Kinder, während am Wegesrand ein Pferd zu sehen ist, das im Sterben liegt. Die Mücken machen sich schon an das Tier ran, aber niemand juckt es. Weder die Kinder noch sonst irgendjemand. Für die ist das ein ganz normaler Tag. Hierzulande würden sie alle zu ihrem Handy greifen und Fotos machen, #deadhorse. Irgendjemand transportiert das schon ab. Dort laufen Pferde durch die Stadt, die einfach überall pissen und scheißen. Wem gehören die? Niemanden, weil das herrenlose Tiere sind, die in den Mülltonnen nach Essen suchen. Hundegangs streifen durch die Gegend. 

 

Hast du auch im Zuge dessen angefangen, dich für Ahnenforschung zu interessieren? 

Nein, so tief bin ich da gar nicht eingedrungen. Natürlich ist das ein interessantes Thema, das mich schon immer interessiert hat. Aber die Initiative zu ergreifen und den großen Forscher raushängen zu lassen? In Marokko habe ich eher angefangen, herauszufinden, woher mein Nachname el-Khazraje kommt. Das ist ein alter Stammesname. Ursprünglich gab es in Marokko keine Nachnamen, aber mein Opa musste sich irgendwann einen zulegen und hat sich dann für diesen entschieden und ihn beantragt. Dieser Name ist sehr geschichtsträchtig, denn er ist der eines alten arabischen Stammes, in dem aber auch Juden gelebt haben. Sowas interessiert mich einfach mehr als Ahnenforschung. Ich selbst stamme zwar nicht von deren Blutlinie ab, bin aber trotzdem wohl ein Mitglied dieses Stammes. Für mich war das auch deswegen ein besonderes Gefühl, weil ich in Deutschland nur zwei Leute mit diesem Namen kannte: Mich und meine Schwester. Mein Vater ist ja irgendwann nach Marokko gereist. So viele Menschen kennenzulernen, die den gleichen Nachnamen haben, war schon etwas besonderes. Seitdem ist es nicht einfach nur ein Name sondern auch eine Identität. Als ich in einem Barbershop war, kam zum Beispiel mal ein Typ, der mich einfach mal auf Deutsch angesprochen hat.

Haben die Leute dort sofort gesehen, dass du Deutscher oder Europäer bist?

Nein, das gar nicht. Die haben mich schon als Marokkaner gesehen, bis ich eben angefangen habe zu sprechen [lacht].

 

Du hast das Album nicht nur mit Figub komplett aufgenommen, sondern bist mit ihm auch nach Marokko gereist, um das Album dort zu produzieren. Wie war das in einem fremden Land mit einem fremden Produzenten zu arbeiten? So eng habt ihr beide auch noch nie zusammen gearbeitet. 

Das hat natürlich auch etwas mit Vertrauen zu tun. 

 

Es hätte doch auch in die Hose gehen können und ihr wärt ohne irgendein Album oder etwas nennenswertes nach Hause gegangen.

Ja, diese Option gab es natürlich auch. Man trifft sich vor Ort und es gibt keinen Flash. Man macht zwar Musik, aber wirklich cool ist sie nicht. So vergehen die ersten Tage und irgendwann fängt man immer mehr zu kiffen an. Dann lenkt man sich ab und plötzlich ist die Reise fertig ohne ein neues Album. Aber tatsächlich hatten wir schon nach kurzer Zeit sehr vielversprechendes Material. Das hat uns motiviert, um noch mehr zu machen und so weiter. Plötzlich waren wir in einem richtig Rush!

Hast du schon öfters deine Alben in so kurzer Zeit produziert?

Nein, so habe ich das noch nie zuvor gemacht. Figub war da deutlich erfahrener und wusste, wie man ein Album in so kurzer Zeit produzieren kann. Das war schon ein geiler Flash. Er hat die Beats gemacht, ich habe im Bett geschrieben. Es gab dort nicht mal einen Tisch. Während die Sonne ins Zimmer geknallt hat, haben wir das Album geschrieben. 

 

Du bleibst auch deinem Stil bis heute noch treu. Auch Khazraje ist wieder ein richtiges Boombap-Album.

Das ist eben klassischer Rap. Aber so gut wie ich meine Stimme im Griff hatte und die verschiedenen Flows parat hatte, habe ich sonst noch nie zuvor wie auf dem Album mit Figub hinbekommen. Wir bleiben unserem Stil eben treu und versuchen dabei eher die Qualität zu steigern. Dieses Album reflektiert auch den Moment sehr stark. Wir haben das aufgesogen, was wir in Marokko erlebt haben. Dadurch ist Khazraje wie eine Zeitkapsel, mit der die Leute in den Film eintauchen können, den wir in Marokko hatten. 

 

Die letzten Worte gehören dir! 

Auf diesem Blog bekommt ihr im zweiten Teil die Möglichkeit, nochmal tief in meine Historie zu blicken. Deswegen gebe ich euch an dieser Stelle einfach mal ein Google-Tipp. Checkt mal „MC Rene Busta Rhymes“ aus.


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