Interview mit Afrob

„Hey, ich konnte nicht einmal einen Überweisungsträger schreiben. Auf der anderen Seite gab es auch nicht viel zu überweisen [lacht].“

Autor: Walter Schilling

 

 

Afrob bringt mit Mutterschiff sein drittes Album im dritten Jahr in Folge raus. Sowas ist man eigentlich vom Stuttgarter - der noch nie die Kehrwoche praktizierte - gar nicht gewohnt, denn in der Vergangenheit mussten sich seine Fans manchmal vier bis fünf Jahre gedulden. Heute ist er hungriger und motivierter als je zuvor und hat sich auf Mutterschiff an einen neuen Stil gewagt. Dort ist ihm nämlich die Symbiose zwischen tiefen, schweren Sounds mit harmonischen Melodien geglückt. Außerdem sprachen wir in einem Berliner Café über eine sehr berüchtigte Volksweisheit und deren Wahrheitsgehalt. 

BB21: Auf Mutterschiff hast du dich wieder an einen neuen Rap- und Schreibstil gewagt. Hat dir das einen zusätzlichen Schub verliehen, etwas Neues zu machen?

Afrob: Ich mache natürlich nach wie vor die klassischen Afrob-Songs, aber versuche dem immer etwas Neues hinzuzufügen. In diesem Fall habe ich mich den Melodien geöffnet, wovon ich aber schon sowieso ein großer Fan bin. Jetzt war ich wirklich bereit für mehr gesungene Hooks, Brigdes und Strophen als sonst. Ich meine, das habe ich doch sowieso schon auf fast jedem meiner Alben angedeutet und bin diesmal einfach nur einen Schritt weitergegangen. Aber die Energie und den Elan Songs im Studio zu machen, den werde ich mir immer behalten. Ob ich das natürlich immer der Öffentlichkeit vorstelle, ist aber wieder eine andere Frage. Ich bin einfach sehr gerne dort und unterhalte mich über Sounds und Musik.

 

BB21: Denkst du schon darüber nach, eines Tages keine Musik mehr zu veröffentlichen und ganz aus der Öffentlichkeit zu verschwinden?

Afrob: Klar, darüber denke ich ab und zu mal nach. Aber das hat nichts mit dem Alter zu tun. Schon früh habe ich angefangen, darüber nachzudenken, wie lange das hält. Schließlich ist nichts für die Ewigkeit. Aber ich fühle mich gerade sehr gut, deswegen ist das kein Gedanke, der mich momentan treibt. 

 

BB21: Ansonsten bist du gerade produktiv und kreativ wie nie zuvor. Du hast im Jahr 2014, 2015 und jetzt 2016 ein Album veröffentlicht. Früher hättest du in der Zeit bestenfalls ein oder zwei Langspieler veröffentlicht. Da muss doch etwas Neues passiert sein, dass du so viel frische Energie hast.

Afrob: Ich finde, dass ich da auch einfach viel Zeit verschwendet habe. Aber so denke ich eben erst rückblickend. Damals habe ich mich in diesen Zeiten einfach nicht so gefühlt, dass ich ins Studio gehen möchte, um Songs aufzunehmen. Ich bin einfach viel zu sehr ein Bauchmensch, als dass ich Musik mache, wenn mir nicht danach ist. Dann lieber keine Alben veröffentlichen als irgendeine Scheiße. Obwohl ich da ein Stück weit Zeit verschwendet habe, habe ich sie für mich auch gebraucht. Ich habe meinen ersten Vertrag direkt nach der Schule unterschrieben und war in einem stetigen Rush. Hey, ich konnte nicht einmal einen Überweisungsträger schreiben. Auf der anderen Seite gab es auch nicht viel zu überweisen [lacht].

BB21: Auf diesem Album wird so oft Auto-Tune von dir eingesetzt wie von dir noch nie zuvor. Hast du bei der Produktion von Blockbusta Blut geleckt? Dort gab es ja mehrere Auto-Tune Momente. Sonst gab es nämlich nur einen Song auf Letzter seiner Art, auf dem du diesen Effekt benutzt hast.

Afrob: Auf Letzter seiner Art war es aber kein Auto-Tune sonder eine Talk-Box. Das war nochmal etwas anderes. Da muss man nämlich genau hinhören, denn ich habe auch viel ohne Auto-Tune auf Mutterschiff gesungen. Und alles, was ich mit Auto-Tune gesungen habe, hätte ich auch ohne singen können. Wenn ich die eine Tonlage mal nicht halten kann, gehe ich eine tiefer. Das ist gar kein Thema. Auf Mutterschiff war mir einfach die Symbiose zwischen tiefen und schweren Sounds mit Auto-Tune wichtig. Deswegen hat das Mutterschiff-Konzept auch musikalisch gut gepasst. Ich weiß, dass Auo-Tune ein großes Politikum in Deutschland ist, aber manchmal muss man sich auch mal frei machen.

 

BB21: In deinem Song No Love rappst du: „Scheiß auf keep it real, jeder hat schon mal gelogen.“ Siehst du das Thema mit der Realness tatsächlich so locker?

Afrob: Viel wichtiger ist, was ich danach sage: „Auf der Suche nach den Quoten.“ Ich meine, wir sind die Unterhaltungsbranche. Da darf man das doch auch mal Etwas überspitzer darstellen. 

 

BB21: Zumal man als Außenstehender den Wahrheitsgehalt gar nicht nachprüfen kann.

Afrob: Aber das kann dein Umfeld. Das kann dann schon unangenehm werden, wenn die merken, dass du in deinen Songs nur gelogen hast. Aber dieses ständige keep it real? Ach komm. Das ist Rap, hier läuft keiner mit einer Kalashnikov herum.

„Natürlich möchtest du als Künstler, dass die Leute jedes Album von dir feiern, aber das wird halt nie passieren.“

BB21: In deinem Song Alles nehm ich mit zweifelst du an der Volksweisheit „Jeder ist seines Glückes Schmied.“ Wie viel Wahrheit steckt deiner Meinung nach denn überhaupt in diesem Satz?

Afrob: Letztendlich geht es auch schon um die Voraussetzungen, die man im Leben hat. Ich habe es zwar schon immer wahrgenommen, dass jeder an einem ganz anderen Punkt startet, trotzdem habe ich früher gedacht, dass man in Deutschland aus eigener Kraft alles schaffen kann. Das ist aber nur die halbe Wahrheit. Denn deine Prägung macht sehr viel aus. Du kannst dir so viel Bildung reinziehen wie du willst, das Ausschlaggebende ist deine Prägung. Damit meine ich die Auffassung vom Leben. Wenn du eine funktionierende Familie hast, in der deine Eltern arbeiten gehen, dann wirst du automatisch in die Arbeitswelt eingeführt. Beim Abendessen wird darüber gesprochen und so weiter. Das kriegt man als Kind einfach mit. In meinem Fall und in dem meiner Homies gab es das nicht. Da war schon mal gar kein Vater da, während die Mutter nur Teilzeit arbeitet, aber sich gar nicht so um dich kümmern kann, wie du es eigentlich bräuchtest. Natürlich gibt es da ein paar Ausnahmen, aber im Großen und Ganzen musste ich mich einfach revidieren: Jeder ist seines Glückes Schmied, ist nur die halbe Wahrheit und stimmt in großen Teilen überhaupt nicht. Das Entscheidende ist einfach das Elternhaus. 

 

BB21: Du wohnst mittlerweile in Hamburg. Bist du dort wegen Samy und seiner Kunstwerkstadt hingezogen?

Afrob: Nein, glaub mir. Ich habe nämlich noch ein Leben außerhalb von Rap.

 

BB21: Das hat nichts mit der Musik zu tun?

Afrob: Nein, diese Entscheidung habe ich nur aus privaten Gründen getroffen.

 

BB21: Warum bist du überhaupt von Stuttgart weggezogen? Du bist dort für viele ein Held, ein Idol.

Afrob: Auch diese Entscheidung habe ich nur aus privaten Gründen getroffen. 

 

BB21: Hast du dich schon früher danach gesehnt von Stuttgart wegzuziehen?

Afrob: Nein, Stuttgart zu verlassen, war für mich früher unvorstellbar. Jetzt ist es aber so. Wobei ich mich trotzdem noch als Stuttgarter bezeichnen würde. Ich bin von meinem ganzen Wesen her durch und durch ein Schwabe. Naja, bis auf die Kehrwoche, das habe ich nie gemacht.

 

BB21: Hingen dann nicht gleich mal ein paar Zettel an deiner Haustür, die dich an die Kehrwoche freundlichst erinnert haben?

Afrob: Natürlich, aber das brauchst du doch nicht machen, wenn es jeder andere macht. Bevor ich die Kehrwoche mache, bezahle ich lieber jemand anderen und lasse sie lieber machen. Du musst dabei ja auch den Bürgersteig machen, das Treppenhaus reicht ja gar nicht. Niemals fege ich den Bürgersteig!

BB21: Du hast die krassesten Hochs und Tiefs der deutschen Musiklandschaft miterlebt. Es gab Alben von dir, die durch die Decke gingen und Langspieler, die weniger Aufmerksamkeit bekommen haben. Wie ist das, auf eine so bewegte Karriere zurückzublicken? 

Afrob: Damit umzugehen muss man erst lernen. Natürlich möchtest du als Künstler, dass die Leute jedes Album von dir feiern, aber das wird halt nie passieren. Da braucht man auch ein dickes Fell und ein Stück weit Gelassenheit. Mittlerweile habe ich auch gar nicht mehr diese große Erwartungshaltung bei einem Album, weil ich ganz gut weiß, dass eigentlich alles passieren kann. Ich für meinen Teil arbeite einfach so gut es geht und den Rest hat man einfach nicht in der Hand. Es ist natürlich hart, wenn man eineinhalb Jahre an einem Album arbeitet und sich alles an einem Tag, dem Releaseday, entscheidet. Aber auch davon habe ich mich gelöst. Natürlich ist die Chartplatzierung wichtig, aber nicht das Wichtigste.

 

BB21: Die letzten Worte gehören dir!

Afrob: Mutterschiff ist draußen und hört euch das Snippet dazu an, worüber man leicht zur Platte kommt. Außerdem: Wer nicht die Bonussongs hat, kennt nicht das ganze Album. Wir reden hier von 16 Songs plus vier Bonussongs. Was will man denn noch mehr?


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