Interview mit Goldroger

„Ich liebe das Leben, aber es ist eben mein Leben und ich kann bestimmen, wann es zu Ende ist.“

Autor: Walter Schilling

 

 

Nach dem Debütalbum ist vor dem Debütalbum. So hätte man die Situation von Goldroger beschreiben können, der mit Avrakadavra quasi sein zweites Debütalbum veröffentlicht. Was es damit ganz genau auf sich hat, erklärt der Dortmunder Rapper bei unserem Interview in Berlin höchstpersönlich. Dabei sprechen wir ausführlich sowohl über die Entstehung des Langspielers als auch über die verschiedenen inhaltlichen Themen des Albums. Was hat ihn inspiriert und wie hat er was gemeint?

Diesmal lohnt es sich auch besonders das Interview bis zum Ende zu lesen, denn Goldroger spricht auch über Selbstmordgedanken, die ihm eine außergewöhnliche Lockerheit verliehen.

BB21: Im Pressetext zu Avrakadavra steht, dass es sich hierbei um dein Debütalbum handelt. In der Produktbeschreibung zu Räuberleiter ist wiederum folgendes zu lesen: „Debütalbum des Dortmunder Splash-Mag / MOT-Rap-Turnier Gewinners 2014!“ Wird dein nächstes Album immer noch ein Debüt sein?

Goldroger: Das ist letztendlich einfach nur eine künstlerische Differenz zwischen mir und dem Label gewesen. Sie kennen meinen Standpunkt, wollten es damals aber nicht als Mixtape betiteln. Deswegen wird Avrakadavra wieder als Debütalbum bezeichnet, ist aber das einzig echte Debüt. Denn mein Labelchef kommt aus einer Zeit, als es weder Mixtaperapper gab, die kostenlos Musik veröffentlicht haben oder dergleichen. Noch Rapper, die eine Platte mit elf Songs EP genannt haben, wie es Edgar Wasser tut. Damit kann er nichts anfangen und empfindet das als reine Effekthascherei. Wenn ein Langspieler auf Platte rauskommt, dann ist das für ihn ein Album und darüber gibt es nichts zu diskutieren.

 

BB21: Du hast in diversen Interviews betont, dass ein Album auch ein gewisses Niveau haben muss. Hast du das jetzt mit Avrakadavra erreicht? Was braucht denn ein Album, damit es kein Mixtape mehr ist?

Goldroger: Es braucht zum einen eine gewisse Kohärenz [Anm. d. Verf.: Zusammenhang]. Sowohl inhaltlich als auch musikalisch muss es einen roten Faden geben! Ich empfinde auch das Beat-Schicken als eine große Unart. Für Räuberleiter war das in Ordnung, damals ging es auch noch nicht anders. Dort war es einfach nur wichtig, möglichst schnell an coole Beats zu kommen. Aber letztendlich sind das nicht meine Beats. 

BB21: Warst du denn an der Entstehung der Instrumentals bei Avrakadavra involviert? 

Goldroger: Ja und erst dadurch fühlt es sich auch wie mein Album an. Denn ich war vom Artwork bis hin zur letzten Snare an der Arbeit für Avrakadavra involviert. 

 

BB21: Du hast in einem Interview mal deine Experimentierfreude hervorgehoben und gesagt: „Ich weiß bis jetzt nicht wirklich, wie ich auf Dauer klingen möchte.“ Wann wusstest du, wie Avrakadavra klingen soll? 

Goldroger: Schon ganz am Anfang war uns klar, dass wir viele Gitarren darauf haben möchten. Wie dominant und ausschlaggebend sie sein sollten, wussten wir zu Beginn aber noch nicht. So komisch wie es auch klingt, aber wirklich gewusst, habe ich es erst, als ich das Albumcover gesehen habe. Danach haben wir sofort alle Songs gekickt, die dort nicht reingepasst haben und am Rest solange herumgeschraubt, bis es gepasst hat.

 

BB21: Wie habt ihr an Avrakadavra gearbeitet, dass ihr zuerst das Cover hattet und danach den Sound?

Goldroger: Wir haben eine lange Zeit an Skizzen gearbeitet und als ich noch dabei war, die Songtexte zu schreiben, war dann schon das Artowork fertig. Dafür war Yawn zuständig. Das sind zwei Dortmunder Grafiker, die auch schon mit K.I.Z. oder Reebok zusammengearbeitet haben. Jedenfalls habe ich denen freie Hand gelassen, für die Arbeiten am Artwork. Ich bin natürlich ein Freund davon, involviert zu sein und meine Meinung sagen zu können. Andererseits glaube ich, dass nur dann wirklich gute Arbeit rauskommen kann, wenn man Menschen die Freiheit gibt, sich ausprobieren zu können. So kam es dann, dass sie mir irgendwann einen Entwurf zugeschickt haben, der mir die Augen geöffnet hat. Von da an wusste ich, wie das Album klingen soll. Danach wurde es zum Selbstläufer. 

 

BB21: In dir steckt also gar kein Diktator, der den Leuten vorschreibt, wie sie zu arbeiten haben?

Goldroger: Ich frage mich natürlich schon, warum die Leute Lust haben, mit mir zu arbeiten. Das Video zu M.I.D.A.$ haben Oh My produziert, die auch schon mit Sido oder K.I.Z. gearbeitet haben. Ich glaube vor allem, dass es daran liegt, dass ich den Leuten die Freiheit gebe, sich auszutoben. Je höher die Rechnung ist, desto geringer ist dabei oftmals ihr eigener Anteil gewesen. Deswegen kommen dadurch oftmals diese hohen Summen überhaupt zustande. Ich bin mit meiner Arbeitsweise dagegen seit jeher gut gefahren. 

„So komisch wie es auch klingt, aber wirklich gewusst, habe ich es erst, als ich das Albumcover gesehen habe.“

BB21: Wie du schon gesagt hast, hast du bei Räuberleiter mit sehr viel verschiedenen Musikern gearbeitet beziehungsweise dir von ihnen Beats schicken lassen. Diesmal hast du komplett mit Dienst&Schulter gearbeitet. Wie war das jetzt für dich, diesmal mit einem Produzentenduo so eng zusammenzuarbeiten? Du hast ja jetzt den direkten Vergleich.

Goldroger: Die Jungs haben mir mit dieser Zusammenarbeit einfach einen Traum erfüllt. Denn ich bin einfach nicht so musikalisch wie sie und habe lange nicht das Know-How, um meine Ideen umzusetzen. Ich höre aber schon sehr lange viel Musik und habe viele Sachen im Kopf, die erst durch sie umgesetzt wurden. Dadurch musste ich eben keine 1000 Beats anhören, sondern habe dagegen einfach 1000 Skizzen mit den beiden Jungs ausgearbeitet, die alle irgendwie dem entsprachen, was in meinem Kopf herumspukt. Dabei sind richtige Songs herausgekommen! Davor habe ich einfach nur Parts auf Beats geschrieben. Das war auch cool, aber das ist nicht das, wo ich musikalisch hin möchte.

 

BB21: In Wir sind da thematisierst du unter anderem, dass das Fernsehen uns bereits in der Kindheit eingetrichtert hat, dass wir alle etwas Besonderes seien. Das wird ja schon ganz stark im Intro von zum Beispiel Pokemon oder Dragonball zelebriert. Aber was genau findest du daran so schlimm? Könnte doch auch das Selbstbewusstsein fördern.

Goldroger: Wenn die Leute tatsächlich dadurch selbstbewusster werden, ist es cool. Das Problem dabei ist, dass man Gefahr laufen kann, in eine große Illusion zu geraten. Ich finde, dass das Studium dafür ein sehr gutes Beispiel ist. Dort projizieren viele Leute etwas hinein, was gar nicht zu holen ist wie im schlimmsten Fall die Erfüllung ihrer Lebensträume. 

 

BB21: Du wurdest des öfteren als ein politischer Rapper betitelt, was du selbst aber immer wieder abstreitest. Findest du persönlich Avrakadavra denn politischer bzw. sozialkritischer als Räuberleiter? 

Goldroger: Nein gar nicht. Es schwingt zwar zwischen den Zeilen mal mit, aber ich wollte einfach kein politisches Album machen. Denn momentan ist es gerade sehr beliebt, politische Songs zu machen, wodurch da gar keine Not am Mann war. Ich musste nicht in die Bresche springen und dieses eine politische Album veröffentlichen. Keine Sorge, sobald es keinen politischen Rap mehr gibt, bin ich am Start. Dann macht es auch Sinn. Aber Deutschrap braucht mich aktuell einfach nicht als einen politischen Rapper. 

BB21: Stört es dich, dass es gerade angesagt ist, politische Musik zu veröffentlichen?

Goldroger: Nein, gar nicht. Ich weiß zwar nicht, aus welchen Beweggründen sie das machen, aber eigentlich spielt das auch keine große Rolle. Denn so oder so wird dadurch das Thema immer wieder ins Bewusstsein gerufen. Ich bin auch einfach kein politischer Rapper. Ich rappe über Menschen. Politik passiert im Spannungsfeld zwischen den Menschen wie aber auch Mord, Liebe und Totschlag. Mein Thema sind Menschen und zwischenmenschliche Beziehungen. 

 

BB21: Harry Haller ist gerade in der Akustikversion von Live aus der Leere noch viel intensiver und melancholischer als schon ohnehin. Ist es tatsächlich so, wie du in dem Song rappst, dass dir die Möglichkeit, dir jederzeit das Leben nehmen zu können, Leichtigkeit verleiht oder ist das auf das lyrische Ich bezogen?

Goldroger: Nein, der Song ist real Talk. Im Buch Der Steppenwolf von Hermann Hesse gibt es das Kapitel Die Selbstmörder. Dort geht es eben auch um diesen Gedanken. Deswegen darf man den Song Harry Haller nicht falsch verstehen und denken, dass es sich hierbei um einen Hilferuf von mir handelt. Ganz im Gegenteil. Es ist einfach super zu wissen, dass ich an keine Zukunft gebunden bin. Ich liebe das Leben, aber es ist eben mein Leben und ich kann bestimmen, wann es zu Ende ist. Dieser Gedanke hat mir eine riesige Last von den Schultern genommen.

 

BB21: Die letzten Worte gehören dir!

Goldroger: Besucht uns beim Avrakadavra-Releasetrip und bei der Tour mit OK Kid. Schaut euch unsere Live-Show an, denn es wird auf jeden Fall der Wahnsinn. 


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Kommentare: 1
  • #1

    Rachel Wynkoop (Samstag, 04 Februar 2017 16:00)


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