Interview mit Mrs. Nina Chartier

„Kapitalismus hat im Rap nichts zu suchen!“

Autor: Walter Schilling

Foto: Fotostudio Julie Fleur

 

 

In Duisburg sind Rapper ziemlich rar gesät. Der Ruhrpott selbst hat zwar eine unglaublich vitale Deutschrapszene zu bieten, doch Duisburg selber leider nicht. Das scheint sich nun langsam zu ändern, denn nach Majoe steht jetzt auch Mrs. Nina Chartier in den Startlöchern und veröffentlicht mit Trittschall ihr Debütalbum. In unserem Telefoninterview stellt sich Mrs. Nina Chartier sehr ausführlich vor und erzählt uns, wie das alles mit dem Rappen genau bei ihr anfing. 

Wer waren ihre musikalischen Jugendidole und hört sie sie immer noch? Außerdem sprach sie mit uns ein wenig über ihre Parisreise. Denn sie war während des Attentats auf Charlie Hebdo ebenfalls in der Stadt.  

BB21: Du kommst aus Duisburg. Wie sieht dort eigentlich die Rapszene aus? 

Nina: Natürlich haben wir eine Rapszene, die aber vor allem aus Leuten besteht, die im Untergrund rappen. Unter ihnen gibt es auch ein paar Rapper, deren Traum es ist, groß rauszukommen. Aber bis auf Majoe hat es noch niemand aus Duisburg wirklich geschafft.

 

BB21: Wobei die Rapszene im Ruhrpott selbst doch eigentlich ziemlich groß ist. Was ist da in Duisburg los?

Nina: Weiß nicht, es sind halt vor allem ältere Leute, die hier leben. Ich kann es natürlich verstehen, dass viele junge Menschen wegziehen, weil in Duisburg nicht ganz so viel los ist wie anderswo. Aber ich liebe es hier zu sehr, um irgendwo anders hinzuziehen. Ich kenne hier auch jede Ecke und bin hier groß geworden.

 

BB21: Wie kam es dazu, dass du angefangen hast du zu rappen?

Nina: Noch bevor ich wirklich wusste, was es für verschiedene Musikrichtungen gibt, habe ich schon im Schulchor mitgemacht. Ich fand es zwar ganz cool dort, doch wirklich erfüllend fand ich es nie im Chor. Jedenfalls hatten wir bei uns im Ort eine Rapcrew, die mich mal mit ins Studio genommen hat. Das war ein sehr inspirierender Tag. Als danach noch Eko Freshs erstes Album rauskam, war es vorbei. 

 

BB21: Verfolgst du immer noch die Musik von Eko Fresh? 

Nina: Natürlich, wobei er sich in den letzten Jahren schon stark verändert hat. Das ist nicht mehr dasselbe, wie früher.

BB21: So ergeht es mir aber auch mit dem Jugendidol aus meiner Kindheit, Samy Deluxe, der mittlerweile auch ganz andere Musik veröffentlicht. Er ist nicht mehr so arrogant wie früher.

Nina: Ich mag aber die Message, die er hat. Ich bin einfach kein Fan von Rappern, die über ihr fettes Auto reden. Kapitalismus hat im Rap nichts zu suchen! Früher war die Musik ein Sprachrohr für diejenigen, denen sonst niemand zugehört hat. Aber mittlerweile ist es im Rap doch genauso wie in unserer Gesellschaft, in der es nur noch darum geht, wer mehr hat. Das nervt mich total und genau deswegen höre ich Samy Deluxe noch heute gerne. 

 

BB21: Du hast auf deinem Album Trittschall auch kaum Battlerapsongs gepackt sondern viel mehr Lieder, in denen du über deine Gefühle sprichst.

Nina: Battlerapformate wie Rap am Mittwoch feier ich schon hart und mag auch Battlerap. Ich bin aber einfach viel zu lieb und nicht so gut darin, Leute zu beleidigen, als dass ich ernsthaft Battlerap machen würde. Da müssen wir schon realistisch bleiben [lacht]. Auch so eine Straßenrapnummer mit einer AK in der Hand nimmt mir doch keiner ab.

 

BB21: Aber mit Kentikian Flow hast du dann doch noch einen Battlerapsong auf Trittschall am Start. 

Nina: Ja, aber dort beleidige ich ja niemanden speziell. Der Song ist mehr ein „Hey, ich kann genauso wie jeder andere auf die Kacke hauen“. Trotzdem können viele nicht akzeptieren, dass eine Frau so gut rappen kann. Aber auf Chartier is the limit geh ich doch noch mehr ab. Dort rege ich mich viel mehr darüber auf, dass Rapper scheiße labern.

 

BB21: Lass uns nochmal zu deiner Anfangszeit zurückkehren. Denn ein paar Songs aufzunehmen ist das eine, sie aber zu veröffentlichen noch mal etwas ganz anderes. Wie kam es dazu, dass du den letzten Schritt auch noch gegangen bist?

Nina: So richtig mit dem Schreiben habe ich angefangen, als ich ein Tagebuch geführt habe. Dort habe ich das, was mich bewegte, in Reime verfasst! Einen Text aus diesem Buch hat aber irgendwann einer meiner Freunde in die Hand bekommen und einfach damit angefangen, ihn zu verbessern. Der hat mir nochmal einige Tipps gegeben - wie mehrsilbige Reime - und den verbesserten Text hat er sogar im Studio aufgenommen. Das war ein unheimlich geiles Gefühl. Leider wurde aber das Studio ziemlich schnell geschlossen und daraufhin habe ich das Rappen aus den Augen verloren. Ein paar Jahre später habe ich nach einem Umzug mein Tagebuch wiedergefunden und einfach wieder angefangen zu Rappen. Ich habe einen Text, den ich dort geschrieben habe, nochmal verbessert, aufgenommen und ihn einfach in YouTube hochgeladen. Das Feedback war zwar nicht so groß, aber jeder fängt doch mal klein an [lacht]. Kurz darauf habe ich gemeinsam mit meiner besten Freundin einen Song über ihr sehr bewegendes Liebesleben geschrieben. Das war auch das erste Mal, dass ich mit einem Lied direkt über 5.000 Klicks bekommen habe. 

„Wenn du dagegen Feierabend machen willst und die Spielothek schließen möchtest, bekommst du die Menschen dort teilweise nicht mehr raus und musst mit ihnen 20 Minuten darüber diskutieren.“

BB21: Welcher Song war das? Findet man ihn noch im Internet?

Nina: Ich habe ihn zwar noch auf meinem YouTube-Channel, jedoch ist er nicht mehr öffentlich. Mal schauen, vielleicht gebe ich den Song doch wieder der Öffentlichkeit und ich kann euch allen zeigen, wie ich angefangen habe [lacht].

 

BB21: Chartier ist ein weit verbreiteter, französischer Name. Auf deinem Album hast du mit Sarah Riani obendrein noch ein französisches Feature. Was verbindet dich mit Frankreich?

Nina: Ich finde, dass es ein wunderschönes Land ist. Ich bin ein richtiger Frankreich-Fan, wobei ich eigentlich gar nicht weiß, wie sich das entwickelt hat. Ich habe auf jeden Fall in der Schule mal angefangen die Sprache zu lernen und war auch schon in Paris. Obendrein war es auch noch das Wochenende, als der Anschlag auf Charlie Hebdo passiert ist. Ich war zwar nicht in der Nähe des Büros, aber man hat die Stimmung in der ganzen Stadt gespürt. Es war ganz merkwürdig. Trotzdem würde ich jederzeit wieder nach Paris reisen, vielleicht aber an einem Tag, an dem nicht wieder jemand ein Attentat verübt. 

Außerdem wollte ich mir einen Künstlernamen geben, der sich wirklich wunderschön anhört. Da war es natürlich klar, dass es ein französischer wird, denn keine Sprache ist so edel wie Französisch.

 

BB21: Wird es deswegen auch öfter französische Featuregäste geben?

Nina: Ja, denn genau damit untermauere ich meine Liebe zu diesem Land. In Zukunft wird es noch viel mehr französische Gäste auf meinen Songs geben.

 

BB21: Auf deinem Album rappst du überwiegend über deine Gefühle. Fällt es dir leichter darüber zu schreiben? Liegt es vielleicht daran, dass du mit einem Tagebuch angefangen hast zu schreiben?

Nina: Bestimmt spielt das Tagebuch auch eine Rolle, aber leichter fallen mir diese Texte gar nicht. Ganz im Gegenteil, ich finde es viel schwieriger, eine Emotion so zu verpacken, dass andere sie mitfühlen können. Aber es stimmt schon, dass ich gerne lyrisch schreibe. Bei Trittschall sind mir diese Songs aber ganz besonders wichtig gewesen, denn der Name steht dafür, dass jeder Schritt, den wir in unserem Leben machen, auch seine Konsequenzen mit sich bringt. Ob diese Konsequenzen nun negativ oder positiv sind, liegt ganz bei einem selbst.

BB21: Im Song 5 Köpfe rappst du über die Zeit, in der du in einer Spielothek gearbeitet hast. Arbeitest du dort noch immer? Wie war das für dich dort zu arbeiten?

Nina: Nein, ich habe feststellen müssen, dass ich viel zu sensibel für den Job bin. Es ist echt nicht böse gemeint, aber dort zocken fast nur kaputte Menschen. Die Leute verspielen dort ihr gesamtes Vermögen und fragen mich dann noch nach mehr Geld. Nach der ersten Woche war ich schon total fertig! Ich habe angefangen, deren Probleme mit nach Hause zu nehmen und habe ihr Leid gar nicht mehr aus dem Kopf bekommen. Du bist dort ja auch nicht nur jemand, der dort das Geld wechselt und die Automaten mit Münzen versorgt, sondern auch deren Seelsorger. Viele von ihnen denken, weil ich dort arbeite, dass ich auch ihre Probleme verstehen kann. Natürlich habe ich versucht den Menschen zur Seite zu stehen, aber ob ich ihnen wirklich helfen konnte, weiß ich nicht. 

 

BB21: Was hast du dort genau gesehen?

Nina: Es war echt hart all dem zuzuschauen. Noch bevor wir morgens aufgeschlossen haben, standen die ersten Leute vor der Tür, die auf uns gewartet haben, um womöglich ihren Monatslohn zu verzocken. Wenn du dagegen Feierabend machen willst und die Spielothek schließen möchtest, bekommst du die Menschen dort teilweise nicht mehr raus und musst mit ihnen 20 Minuten darüber diskutieren. Deswegen finde ich es echt krass, wenn Rapper den Spielautomaten verherrlichen! Sowas geht eigentlich gar nicht.

 

BB21: Sowohl in Interviews als auch in deinem Pressetext habe ich oft das Wort Imagerap gelesen. Wo ziehst du da die Grenze und sagst „das ist Imagerap“?

Nina: Natürlich darf man in seinen Bars auch mal übertreiben, aber ich finde, über den Drogenverkauf zu rappen, obwohl man sowas nie getan hat, einfach lächerlich. Warum macht man sowas? Damit verarscht man doch einfach nur seine Fans!

 

BB21: Die letzten Worte gehören dir!

 

Nina: Mein Album Trittschall ist ein Album geworden, in dem sehr viel Herzblut steckt. Es ist genau das geworden, was ich wollte: Ein Album, das direkt aus dem Leben kommt. Ich behandle dort Themen, die wirklich jeder nachvollziehen kann. Ich habe lange daran gezweifelt, ob ich das schaffe. Umso mehr bin ich darauf stolz, sagen zu können, dass ich meine eigenen Erwartungen übertreffen konnte!


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