Interview mit Yansn

„Du bist dann sozial, wenn du dich um deine Mitmenschen kümmerst! Aber das fällt einem natürlich dann besonders schwer, wenn man fremdenfeindlich ist oder andere Lebensweisen nicht akzeptieren kann.“

Autor: Walter Schilling

Foto: Phyllis Malcom

 

 

Yansn trägt ihr Herz auf der Zunge, was man sowohl auf ihrem ersten Langspieler Gute Vibez als auch in unserem Interview merkt. Denn die gebürtige Hamburgerin spricht gerne über die Dinge, die sie bewegen. In den acht Songs, die ihr Debütalbum enthält, rappt sie nämlich über ihre Zeit als Landstreicherin, die Erwartungshaltung gegenüber ihrem Geschlecht und dass das Fehlen von guten Vibez eigentlich ziemlich schrecklich ist. Genau diese Themen haben wir in unserem Interview vertieft, um sie besser kennenzulernen. Denn wir wollten genauer wissen, wer diese Rapperin ist, die so gerne über die gute Atmosphäre spricht und trafen uns hierfür in einem kleinen Café in Berlin.

BB21: Warum hast du dich für einen Künstlernamen entschieden, den man nicht einmal vernünftig aussprechen kann?

Yansn: Ich bin in Hamburg aufgewachsen und dort spricht man eben auch so. „Moinsn, was losn?“ Weil ich dort vielen Menschen einen Spitznamen in dieser Richtung gegeben habe, bekam ich ihn eines Tages auch. Irgendwann haben mich die Leute nicht mehr Yanna sondern Yansn genannt. Das ging dann so weit, dass ich angefangen habe, unter diesem Namen auch zu rappen. Yansn ließt sich vielleicht komisch, aber ich schreibe den Namen letztendlich genauso, wie man ihn ausspricht. 

 

BB21: Du hast auch beim Fernsehen gearbeitet. Warum hast du dort aufgehört?

Yansn: Ich habe ja eine Ausbildung in Bild und Ton gemacht und eben eine Zeit lang dort gearbeitet. Es war auch wirklich cool, mal hinter die Kulissen zu schauen, weil dort auf einem sehr professionellem Level gearbeitet wird. Denn diese Leute machen aus Scheiße Gold. 

 

BB21: Was heißt das denn im Detail?

Yansn: Wir, also eigentlich das gesamte Team, waren uns vollkommen im Klaren, dass wir ein total verzerrtes Bild von der Realität wiedergeben. Natürlich war der Job deutlich angenehmer, als in irgendeiner Fabrik am Fließband zu arbeiten, aber man kann auch nicht stolz auf seine Leistung sein. Zum Beispiel bin ich einmal mit einem Redakteur zu einer Frau gefahren, die unbedingt berühmt werden wollte. Er hat ihr zwar angekündigt, dass er ihr dabei helfen möchte, doch eigentlich haben wir sie nur bloßgestellt. Wir waren wirklich fies zu ihr und ich habe dabei mitgewirkt. Das zu tun, hat mir wirklich wehgetan. Wie gesagt, es war wirklich toll mal hinter die Kulissen zu schauen, denn dadurch habe ich sehr viel gelernt und in Erfahrung gebracht. Zum Beispiel, dass ich dort nicht arbeiten möchte.

BB21: Um stattdessen Rapper zu werden?

Yansn: Also ich habe schon viele Jahre vor meiner Zeit beim Fernsehen gerappt. Aber natürlich habe ich diesen Traum, Rapper zu werden, wie doch fast jeder diesen einen Wunsch hat, dem er nachgeht - oder auch nicht. Die Arbeit für das TV war auch dermaßen zeitfressend, dass ich zu kaum etwas anderem gekommen bin. Deswegen arbeite ich seit zwei Jahren Teilzeit im sozialen Bereich, wodurch ich mir auch Zeit für die Mucke nehmen kann.

 

BB21: Lass uns jetzt zu deinem Album Gute Vibez kommen. Glaubst du nicht, dass es recht einfach ist, gute Energie nach außen zu transportieren, wenn man noch nichts schlimmes erlebt hat?

Yansn: Natürlich, aber darum geht es auch auf dem Album, insbesondere auf dem Track Good Vibez. Dort rappe ich schließlich über das Fehlen von guten Vibez, denn im Endeffekt wollen wir alle, wirklich alle, nur geliebt werden. Bestimmte Dinge wie Frustration, Perspektivlosigkeit oder schwierige Verhältnisse in der Familie sind letztendlich nichts anderes als das Fehlen von Liebe. 

 

BB21: Dort rappst du unter anderem darüber, dass es dich nervt, dass alle immer über die da oben meckern, aber keine Lösungsvorschläge haben.

Yansn: Ja, denn da muss man bei sich selbst anfangen, anstatt darauf zu hoffen, dass irgendjemand anderes die Welt ein Stück weit verbessert. Anstatt darüber zu meckern, was die anderen falsch machen, kann man die Dinge auch selbst in die Hand nehmen. Dafür muss man weder politisch gebildet sein, noch in einem sozialen Beruf wie Altenpfleger arbeiten. Du bist dann sozial, wenn du dich um deine Mitmenschen kümmerst! Aber das fällt einem natürlich dann besonders schwer, wenn man fremdenfeindlich ist oder andere Lebensweisen nicht akzeptieren kann. Anstatt darüber nachzudenken, was bei den Mitmenschen alles anders ist, sollte man das Große gemeinsame sehen.

 

BB21: Der Track M.S.T. ist laut dem Pressetext ein Liebesbekenntnis an die Landlosenbewegung in Brasilien. Klär mich mal auf. Was hat es mit dieser Bewegung auf sich?

Yansn: Meine Eltern kommen aus Brasilien und bis auf meine Mutter und eine Schwester wohnt auch die gesamte Verwandtschaft dort. Nach meinem Abitur bin ich dorthin gereist und habe eine Zeit lang in Brasilien gelebt. Dort war ich auch beim M.S.T. Das ist eine Gruppierung, die wirklich nichts hat. Gleichzeitig sind die Menschen dort gut organisiert und über den ganzen Staat verteilt und besetzen ungenutztes Land. Auf diesen Feldern betreiben sie Landwirtschaft, um überhaupt überleben zu können. 

„Da werden natürlich keine Nettigkeiten ausgetauscht, sondern auch der Mensch beleidigt, den du wahrscheinlich am meisten liebst: Deine Mutter.“

BB21: Und die Besitzer haben damit kein Problem? Ich meine, ein Stückchen Erde „gehört“ doch immer irgendjemand und wenn es nur dem Staat ist.

Yansn: Natürlich haben sie große Probleme. Vor allem früher hat es viele blutige Auseinandersetzungen gegeben, weil die Besitzer auf sie losgegangen sind. Aber da die Leute vom M.S.T. quasi nichts besitzen - auch kein Land - können sie kein Essen anbauen, um überhaupt überleben zu können. Das ist eine sehr interessante Gemeinschaft, über die man viele Stunden reden kann. Was ich aus dieser Zeit für mich mitgenommen habe, war, dass diese Menschen mich so unfassbar herzlich aufgenommen haben, obwohl sie nichts haben. Nie zuvor bin ich zu einer neuen Gruppe dazugestoßen und wurde so begrüßt wie beim M.S.T. Wir haben den ganzen Tag einfach nur Couscous gegessen, weil sie nicht einmal das Geld für Obst hatten. Trotzdem waren sie unfassbar fröhlich. Gute Vibez eben.

 

BB21: Auf dem Song Gender Rulez nehmen du und Torkel T Klischees über das weibliche und männliche Geschlecht aufs Korn. Aber glaubst du nicht, dass sich die Natur/Gott etwas dabei gedacht hat, dass es sowohl Männer als auch Frauen gibt?

Yansn: Es geht ja auch nicht darum, dass Männer und Frauen gleich sind, sondern um die Erwartungen, die die anderen an dein Geschlecht haben. Manchmal passen die aber ganz und gar nicht zu dir als Menschen, was große Probleme mit sich bringen kann. Ich habe damit schon fast mein ganzes Leben zu kämpfen. Denn sowohl im Rap als auch damals beim Fernsehen wurde ich oftmals nicht ernst genommen. Natürlich gibt es Unterschiede zwischen Männern und Frauen und es ist auch schön, dass es sie gibt. Aber man darf sich nicht von einer fremden Erwartungshaltung vorschreiben lassen, wie man leben soll.

 

BB21: Der Song soll also einfach nur ein Aufruf dazu sein, sich von der fremden Erwartungshaltung zu lösen?

Yansn: Ja, wenn ein Mann einen Rock tragen möchte und der einzige Grund, warum er es nicht tut, ist, dass ihn sonst alle für schwul halten, soll er es doch einfach machen. Deswegen ist Homosexualität doch auch eine so große Sache. Denn von einem "echten Mann" erwartet man eben etwas anderes. 

BB21: Bist du auch gegen jede Art von sexistischem Rap? Auf dem Song sind ja sogar Kool Savas Cuts zu hören. Wo verläuft bei dir die Grenze?

Yansn: Sexismus ist es für mich dann, wenn du jemanden aufgrund seines Geschlechts abwertest. Wenn jemand aber einfach nur darüber rappt, dass er oder sie f***en möchte, dann ist doch alles cool. Schwierig sind dagegen dann aber eher die Vergewaltigungsszenarien, die gerade im Battlerap oft vorkommen.

 

BB21: Hörst du dann überhaupt noch Battlerap?

Yansn: Ich kann dort ganz gut differenzieren. Wenn ein Rapper sagt, dass er alle Frauen scheiße findet und sie nur für Sex gut seien, dann finde ich ihn als Menschen einfach furchtbar, weil er sowas sagt. Das hat jedoch nichts mit Rap zu tun, sondern mit ihm und seiner Weltanschauung. Aber ich bin auch ein sehr großer Battlerapfan und kann es total verstehen, wenn man bei so einem Battle, eins gegen eins, alles versucht um den Gegner kalt zu machen. Da werden natürlich keine Nettigkeiten ausgetauscht, sondern auch der Mensch beleidigt, den du wahrscheinlich am meisten liebst: Deine Mutter.

 

BB21: Die letzten Worte gehören dir!

Yansn: Hört euch mein Album an, das auch ein Stück weit meine Religion darstellt: Mein Herz. Denn je mehr ich darauf höre, desto besser läuft es in meinem Leben. 2012 habe ich mir vorgenommen, dass ich nicht nur davon träume zu rappen, sondern auch daran arbeite. Jetzt ist es auch endlich soweit und ich kann euch mein Album präsentieren und bin einfach mega gespannt darauf, was die Zukunft bringt [grinst].

 

Anmerkung d. Redaktion: „Diverse Aussagen wurden von Yansn - auf ihren Wunsch hin - nachträglich verändert.“

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