Interview mit Kobito

„Die Spaltung unserer Gesellschaft erschreckt mich sehr und ich habe große Angst davor, wohin es uns führt.“

Autor: Walter Schilling

Foto: Benzki

 

 

Kobito ist ein politischer Mensch und schreibt deswegen auch dementsprechende Songtexte. Denn, wie er uns auch im Interview sagen wird, ist ihm eben „nicht alles egal“. Aber da er kein Politiker sondern Rapper ist, wird er in den nächsten Wochen sein Album Für einen Moment perfekt veröffentlichen. Das besondere an diesem Album ist, mit was für einer Art und Weise dort Rap mit Pop vermischt wird. Denn zum einen schafft Kobito es ganz ohne Kitsch wunderschöne Hooks zu schreiben und zum anderen on Point zu rappen. Arrangements, Refrain, lyrische Tiefe und geile Flows: Kobito liefert auf seinem aktuellen Album ab wie noch nie zuvor. 

Wir führten das Interview in einer kleinen Pizzeria in Berlin.

BB21: Wie lief die Produktion bei deinem Album ab? War das ganz traditionelles Beat picken?

Kobito: Diesmal haben wir gemeinsam von Null begonnen. Oftmals gab es einfach nur eine Melodie, zu der ich etwas geschrieben habe. Um meinen Text haben wiederum Riffsn und MisterMo den Beat gebaut. Wir haben am gesamten Album immer gemeinsam gearbeitet und rein gar nichts über das Internet verschickt. Das war eine sehr enge und persönliche Zusammenarbeit an Für einen Moment perfekt

 

BB21: Ich möchte mit dir auch über deinen Song Freier Fall sprechen, denn dieses Lied hat eine ganz einzigartige Magie. Man kann sich dort beim Hören richtig verlieren. Hast du den Song ganz alleine im Studio aufgenommen, wo du ohne Zuschauer aufnehmen konntest?

 

Kobito: Ich habe den Song bei LeijiOne aufgenommen, bei dem ich schon meine letzten zwei, drei Alben aufgenommen habe. Er ist jemand, dem ich sehr vertraue. Es war also kein Light-Setting, bei dem ich ganz für mich alleine war. Was ich aber gemacht habe, war, ihn im Vorfeld zu sensibilisieren. Ich habe ihm eben gesagt, dass ich einen Song dabei habe, der sehr persönlich ist und habe sofort eine gewisse Ernsthaftigkeit reingebracht. Alles was danach kam, war einfach nur Arbeit. Ein Lied wie das hier, kostet dich sehr viel Zeit und Energie. Die Stimme ist ja auch nichts anderes als ein Instrument. Ich versuche schon seit zehn Jahren mit meiner Stimme an einen Punkt zu kommen, an dem ich immer noch nicht bin. Aber auf Freier Fall ist sie schon sehr nah an dem dran, was ich mir vorstelle. 

BB21: Wenn du sagst, dass du lange an diesem Song gearbeitet hast: Wie lange war das denn? Mal eine grobe Zeitangabe, damit man sich etwas mehr darunter vorstellen kann.

Kobito: Allein an den Studioaufnahmen saß vier bis fünf Stunden. Dabei ist aber die gesamte Vorbereitung, die ich zuhause hatte, nicht eingerechnet. Plus die Zeit, die ich für das Schreiben gebraucht habe. Und dazu saßen wir wiederum sicher eine oder zwei Nächte an der Produktion. 

 

BB21: Wie war das dann, diesen Song den Leuten vorzuspielen? Wenn jemand zu Freier Fall sagt, dass er von Grund auf scheiße sei, dann trifft dich Kritik wie diese doch noch viel mehr, als zu irgendeinem anderen Song.

Kobito: Es gibt eine Person, die mit zur Geschichte des Songs verbunden ist. Ihr habe ich den Song im Vorfeld vorgespielt, um zu wissen, ob das in Ordnung für sie ist, wenn der Song veröffentlicht wird. Ansonsten habe ich den Song nur meinen Jungs aus dem Studio vorgespielt bzw. vorgerappt, einfach nur der Vollständigkeitshalber. Sie waren es sogar, die mich dazu überredet haben, Freier Fall auf das Album zu nehmen.

 

BB21: Am Anfang des Songs sagst du, dass du vor nichts Angst hättest, weil jedes Ende auch ein Anfang ist. Geht es dir tatsächlich so?

Kobito: Nein, gar nicht. Dieser Satz ist eben genau das, was man sich selber eintrichtert. Deswegen ist er auch etwas leiser zu hören, als der Rest. Sätze wie diese sagt man sich doch meistens in Momenten großer Gefahr oder wenn mal alles schief läuft. Genau dafür ist der Song auch gedacht. Dass man einen Track hat, der dich begleitet, wenn es dir richtig scheiße geht. Deswegen ist er auch auf dem Album!

 

BB21: Dein Album kann man als eine linke Rap/Pop-Platte betiteln, oder?

Kobito: Ja, im Grunde kann man alles machen [grinst]. Aber klar, das Album hat linke Inhalte, Rap- und Popeinflüsse. Wobei die Rapeinflüsse doch schon deutlich größer sind als der Popanteil des Albums. Gerade Stadt der Freiheit ist zum Beispiel ein Song, der auf einem sehr hohen, technischen Level stattfindet. 

 

BB21: Du hast dich mal als positive Abgrenzung zum Rest der Rapszene bezeichnet. Ist Fluch der Akribik eine Abgrenzung zur Arbeit? 

 

Kobito: Nein, denn ich arbeite selbst auch sehr hart und mache das auch gerne, weil ich die Dinge, mit denen ich arbeite, sehr liebe. Wovon ich mich abgrenzen möchte, ist unsere immer krasser werdende Leistungsgesellschaft. Alles muss immer toller, schneller und besser werden. Mach noch einen vierten Job und freu dich darüber, dass du so viel Arbeit kriegst. Hör auf im Urlaub zu chillen, sondern arbeite auch dort hart an dir. Natürlich überzeichne ich die Situation in dem Song, aber was ich eigentlich sagen möchte, ist, check your self! Achtet einfach mal auf eure eigenen Bedürfnisse. 

„Es ist nicht egal, wie man sich positioniert und wenn etwas scheiße läuft, dann macht man auch mal die Fresse auf“

BB21: Nach dem Motto: Gönnt euch mehr Pausen.

Kobito: Ja, eine Freundin meinte vor kurzem zu mir, dass sie bald in den Urlaub gehen wird. Ich wollte sie eigentlich nur fragen, wie lange sie dort bleibt aber noch bevor ich irgendwas gesagt habe, meinte sie gleich, dass sie schon sehr lange keinen Urlaub gemacht hätte. Aber hey, mir ist das doch egal. Selbst wenn sie letzte Woche schon im Urlaub war, ist das doch voll cool für sie. Freu dich doch einfach, anstatt eine Rechtfertigung dafür zu suchen, dass man auch mal chillt. 

 

BB21: Woher kommt eigentlich dein Interesse für Politik? Es gibt ja deutlich mehr Leute, denen dieses Thema viel zu anstrengend ist.

Kobito: Ich bin wohl irgendwie so aufgewachsen, dass eben nicht alles egal ist. Es ist nicht egal, wie man sich positioniert und wenn etwas scheiße läuft, dann macht man auch mal die Fresse auf. Ich habe mich auch schon seit jeher für Geschichte interessiert und da kommt Politik irgendwann dazu, weil diese beiden Themen sehr eng ineinander verflochten sind. Ich möchte einfach verstehen, in was für einer Welt ich lebe. Ich will eine Ahnung haben und deswegen muss ich mich damit auseinandersetzten. 

 

BB21: Die große Anzahl an Flüchtlingen, die letztes Jahr nach Deutschland kam, hat zu großem Fremdenhass geführt. In Mecklenburg-Vorpommern ist die AfD zweitstärkste Partei geworden. Wie viel Flüchtlinge verträgt eine Nation, ohne sich gleich zu spalten?

Kobito: Ich glaube, dass eine Nation grundsätzlich deutlich mehr Flüchtlinge verträgt, als wir aufgenommen haben. Es ist dagegen eher eine Frage der Kommunikation. Denn dieses stoische, „Wir schaffen das“, funktioniert nicht als Antwort auf alles. Ich will an dieser Stelle kein Verständnis für krasse Rassisten zeigen, die eh nur darauf warten, dass irgendwas passiert. Aber es gibt eben Leute, die wissen wollen, wie das funktionieren soll. Warum auch immer sie einen Plan möchten, aber sie wollen jedenfalls einen. Die kann man mit einem, „Wir schaffen das“, nicht auf Dauer überzeugen.

 

BB21: Was hat sonst noch dafür gesorgt, dass sich die Flüchtlingskrise verschärft hat?

 

Kobito: Schau mal, wir bekommen in unserem Land eigentlich echt viel hin. Nimm dir doch die Fußball-Weltmeisterschaft im eigenen Land als Beispiel, zu der es etliche Fanmeilen gab. Die Flüchtlinge müssen aber stattdessen in irgendwelchen Turnhallen übernachten oder erfrieren im Winter fast, während sie vor der Asylaufnahmestelle warten. Ich kann mir das nicht anders erklären, als dass es so gewollt ist. Die Spaltung unserer Gesellschaft erschreckt mich sehr und ich habe große Angst davor, wohin es uns führt. 

BB21: Die Linke bekommt seit der Flüchtlingsproblematik meist nicht einmal halb so viele Stimmen wie die AfD in den bisherigen Wahlen. Glaubst du, dass linke Politik ein Stück weit out ist? Auch in Berlin wird sie wohl nur viertstärkste Kraft.

Kobito: Ich glaube nicht, dass linke Politik out ist, denn gleichzeitig gibt es viele Leute, die durch das Leid der Flüchtlinge politisch aktiviert wurden. Das darf man nämlich auch nicht vergessen! Ich habe in meinem Umfeld mehrere Eltern von Freunden, die Flüchtlinge in ihrem Haus aufgenommen haben. Aber wir leben eben in Deutschland und nicht in Ländern wie Frankreich. Natürlich haben auch die Franzosen ihre Rassisten mit Marine Le Pen und dem Front National, aber gleichzeitig auch eine ultra starke Linke. Die sind sofort bereit auf die Straße zu gehen und wenn es „nur“ ein Gewerkschaftsstreit ist.

 

BB21: Fehlt Deutschland eine starke Linke, wie sie zum Beispiel Frankreich hat?

Kobito: Ja. Wir hatten zwar auch die 68er und die DDR, die aber nicht richtig links war, sondern eher ein zwangsverordnetes Denkregime.

Ich hoffe einfach, dass mehr Leute sich für ein gemeinsames Miteinander einsetzten. Natürlich auch von denen, die kommen. 

 

BB21: Die letzten Worte gehören dir!

 

Kobito: Ich finde es echt cool, dass wir in den Interviews über politische Themen sprechen. Aber hört euch auch meine Songs an und achtet dabei auf den musikalischen Teil. Denn ich glaube, dass wir diesmal etwas richtig Großes auf die Beine gestellt haben. Deswegen freue mich über jeden, der sich das mit einem offen Ohr gibt!

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