Rapvideos im VHS-Stil

Jeden Schilling wert (Kolumne)

Autor: Walter Schilling

 

 

 

Die Reduktion der Qualität von Videoclips wird immer beliebter im Deutschrap. Deswegen gehe ich dem Ganzen etwas genauer auf den Grund und widme mich in diesem Teil von „Jeden Schilling wert“ dem VHS-Stil. Denn viele Künstler setzen mittlerweile auf Effekte, die auf ersten Blick den Anschein machen, als handele es sich hier um ein billiges low-Budget-Video. Dabei sind es oftmals junge, rebellische Künstler, die jeden Schilling wert sind.

Immer schöner, detailreicher und glanzvoller. So war und teilweise ist der Trend der produzierten Videos und Fotos hier und auch außerhalb unserer Landesgrenze. Es wird sehr penibel darauf geachtet, dass möglichst alles perfekt ausschaut, frei nach dem Motto: „Das Internet vergisst nie“. Da sollte man natürlich gut aussehen. Gerade Instagram ist dafür ein wunderbares Beispiel: Mit dem richtigen Filter (und dort gibt es ja einige davon) kann man sich das perfekte Make-up verpassen, um noch besser auszusehen. Ähnlich sah es in den Deutschrapvideos aus, wo man nichts dem Zufall überließ und richtige Hochglanzvideos drehte, die auch den internationalen Vergleich standhielten. 

Aber mittlerweile gibt es einen immer größer werdenden Gegentrend und zwar vergisst das Internet doch, beziehungsweise ist dermaßen mit Videos überladen, dass zumindest der Konsument den gestrigen Hype womöglich schon morgen vergessen wird. Deswegen gibt es immer mehr und mehr Künstler, die keine 4K-Videos veröffentlichen, sondern auf Low Fidelity Videos [was frei übersetzt so viel wie geringe Genauigkeit bedeutet] setzten. 

Genauer betrachtet hat das Ganze auch etwas rebellisches. Denn man widersetzt sich dem Diktat, dass man immer besser und schöner werden soll und reduziert stattdessen sogar noch die Qualität. Dabei nimmt dieser Lo-Fi bzw. VHS-Stil einen sehr natürlichen Weg, der im Untergrund begann, völig losgelöst von der Musikindustrie. Das wohl erste Deutschrapvideo in diesem Stil war Rins Ljubav/Beichtstuhl, das am 3. Juli 2015 erschien. Kurz darauf folgte Sandzo mit Camouflage Vintage und ein knappes Jahr später Ce$ mit Teufelskreis. Diesen Stil haben jetzt Haftbefehl und Xatar in ihrem Video zu Kanack nun vollends in den Deutschrap-Mainstream gebracht. Aber wie so oft, ist dieser Stil nicht in Deutschland geboren worden. Der Londoner Rapper Skepta hat bereits 2014 mit That`s not me ein Video veröffentlicht, das auf den ersten Blick überhaupt nichts mit einem professionellen Clip zu tun hat. Dieser Rapper könnte wiederum von Joey Bada$$s Fromdatomb$ inspiriert worden sein, das 2012 raus kam. Die zwei Millionen Klicks deuten auch daraufhin, dass es der ein oder andere Rapper ebenfalls gesehen hat. Ist Joey Bada$$ damit der erste Künstler gewesen, der diesen vermeintlichen Rückschritt vollzog? Der erste Musiker, der weg von der High-Quality ging?

„Es scheint so, als ob es sowohl einige Künstler als auch viele Zuschauer und User gibt, die es satt sind, Videos zu sehen, die so perfekt sind, dass sie mit der Realität nichts mehr zu tun haben.“

Wohl kaum, denn vermutlich wird man noch mehr Videos dieser Art finden, die noch älter sind, wenn man weiter sucht. Denn genauer betrachtet ist dieser VHS-Hype nicht einmal auf Rap bezogen, sondern hat viele weitere Genres infiziert. 

Nehmen wir Lolawolfs Bitch, Juce mit Call you out oder Mac DeMarco und seinen Song Ode to Viceroy. 

 

 

Es scheint so, als ob es sowohl einige Künstler als auch viele Zuschauer und User gibt, die es satt sind, Videos zu sehen, die so perfekt sind, dass sie mit der Realität nichts mehr zu tun haben.


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