Interview mit Waldo the Funk

„Da ich auch diesem Traum nacheifer, macht mich das in gewisser Weise selbst zu einem Paradiesvogel, der versucht, sich selbst zu verwirklichen.“

Autor: Walter Schilling

Foto: Stefan Schanzenbach

 

 

Mit seinem Album Domingo Vogel konnte Waldo the Funk einen Platz im Herzen vieler Hip-Hop-Heads gewinnen. Denn das ausgesprochen moderne Boombap-Album überzeugt sowohl durch gekonnten Rap als auch mit einmaligen und fantastischen Beats. Mit Brenk Sinatra, Dexter und Enaka versorgen den Wahlkarlsruher ganz und gar talentierte Produzenten, mit denen Waldo hervorragend harmoniert und auf diese Weise ein Album abgeliefert hat, das in der Szene zu einem echten Geheimtipp geworden ist. Es ist ein Langspieler geworden, der wie aus einem Guss klingt und vor allem auch als Album funktioniert, das man gerne durchhört. Wir trafen uns in Heilbronn bei sommerlichen Temperaturen auf ein kühles Radler, um über sein aktuelles Werk, Rap aus Karlsruhe und die Releaseparty von Domingo Vogel zu sprechen.

Domingo Vogel hat lediglich zwölf Tracks. Bist du auch Fan von Alben, die relativ kurz sind? Nach dem Motto „Eine Dreiviertelstunde reicht für eine LP aus“?

Das liegt auch einfach an der Zeit. Vor ein paar Jahren hat man in der Regel Alben veröffentlicht, die 17 oder 18 Tracks hatten. Fast jeder dieser Langspieler hat drei bis vier Songs, auf die man verzichten kann. Das denke ich ehrlich gesagt oft, wenn ich diese Alben höre. Im Vergleich zu meiner Toykis EP sind das zwar nicht einmal so viel mehr Songs, dafür sind sie aber viel besser ausproduziert, länger und kompletter [Anm. d. Verf.: Toykis EP hatte neun Songs]. Auch mein nächstes Tape wird nicht sonderlich mehr Tracks haben.

 

Domingo bedeutet Sonntag. Warum hast du dein Album Sonntags Vogel genannt?

Das ist eine Anspielung an den Paradiesvogel. Ich thematisiere auf meinem Album oftmals Dinge, die nicht davon handeln, was ich 9 to 5 mache, sondern behandle das, was quasi nicht als Norm gilt. Da ich auch diesem Traum nacheifer, macht mich das in gewisser Weise selbst zu einem Paradiesvogel, der versucht, sich selbst zu verwirklichen.

 

Wie oft musst du aktuell deinem 9 to 5 Job nachgehen?

Glücklicherweise nimmt diese Arbeit nicht so viel Zeit in Anspruch. Ich muss oftmals nur drei oder vier Tage die Woche dort sein. Ehrlich gesagt habe ich auch einen richtig dummen Job und muss an der Tankstelle arbeiten. Aber ich werde keine Schleichwerbung machen und sagen, wo ich genau arbeite.

Nicht, dass dort noch Selfie-Jäger auf dich warten.

Ich habe es tatsächlich schon erlebt, dass ein paar Kunden mich um 4 Uhr morgens erkannt haben. Ich finde es ein Stück weit ganz gut, dass ich einen Job habe, wo ich meinen Kopf einfach ausschalten kann und mich danach ganz meiner Musik widmen kann. Zumal ich bei diesem Job mit allen Teilen unserer Gesellschaft zu tun habe. Sowas gibt mir Inspiration und ich wollte auch schon immer wissen, wer alles Longpapes kauft [grinst]. Ich sag es dir, du kannst dir nicht vorstellen, wer die alles holt. 

 

Du pendelst privat zwischen Heilbronn, Freiburg und Karlsruhe. Warum reist du zwischen diesen drei Städten?

Ich bin born und raised in Heilbronn und bin hier regelmäßig, um meine Family zu besuchen. Meine zweite Familie kommt aus Freiburg, da dort meine Freundin jahrelang gelebt hat. Aktuell wohnen wir beide in Karlsruhe zusammen, das gleichzeitig unsere dritte Base ist. Deswegen reisen wir auch in diesem Dreieck ständig hin und her, was auch viel Spaß macht. Schließlich ist es sehr schön hier im Südwesten. 

 

Warum findet deine Releaseparty fast einen Monat nach der Veröffentlichung statt?

Die Wortsportpartys finden immer am letzten Samstag im Monat statt. Für mein Album war das natürlich besonders knifflig, denn entweder kann man auf der Releaseparty mein Album noch nicht kaufen oder es ist ein paar Wochen alt. Außerdem war ich noch bis vor kurzem auf der „Hip-Hop ist immer“ Tour mit Schote, Curlyman und Enaka und hätte auch organisatorisch gar nicht in Heilbronn sein können. Darum findet die Releaseparty etwas verspätet statt. 

 

Du hast dein Album in einem Interview mit folgenden Worten beschrieben: „Domingo Vogel ist ein cooles Album, das man an einem Stück durchhören kann, gerne auch in der Bahn zum aus-dem-Fenster-Schauen-und-Rumträumen.“ Wie läuft die Liveshow dazu ab? Ist die dann auch eher gechillt?

Nein, live bringe ich natürlich den Turn up. Mit durchhören meine ich eher, dass es auch angenehm im Hintergrund laufen kann. Außerdem schmeiße ich manche Lieder auf der Bühne um und rappe auf ganz anderen Instrumentals. Dort lasse ich die ruhigeren Songs weg, denn es macht mir großen Spaß, die Energie von der Bühne auf das Publikum zu transportieren. Aber trotzdem versuch ich auch, ruhige Momente zu haben, die sehr wavy sind, um chillen zu können, damit wir das Energielevel wieder steigern können.

„Ich wünsche mir, dass man die Stereotypen, die sich mit aufgepumpten Muskeln vor einem Hochhaus filmen lassen, überwindet.“

Du hast es schon selbst erwähnt: Unter dem Namen „Hip-Hop ist immer“ bist du mit Curlyman, Schote und Enaka durch Deutschland getourt. Lass uns das Motto der Tour aufgreifen und fragen: Was geht dir momentan im Hip-Hop am meisten auf die Nerven?

So wie mir geht es wohl jedem: Man hat die Dinge, die man an Hip-Hop liebt, und Sachen, die man krass scheiße findet. Aber selbst das Schlechte hat etwas Gutes, weil man darüber mit seinen Freunden lästern kann. Sich darüber lustig zu machen, wie behindert manche Rapper sind, ist auch gute Unterhaltung [grinst]. Aber da Hip-Hop eben nicht 9 to 5 ist, sondern immer[!], darf es auch Sachen geben, die stören. 

Aktuell finde ich, dass Straßenrap ein bisschen auf eine Sackgase zugeht. Ich wünsche mir, dass man die Stereotypen, die sich mit aufgepumpten Muskeln vor einem Hochhaus filmen lassen, überwindet. Ich liebe Straßenrap, aber ich wünsche, dass es dort mehr Rapper gibt, die sich trauen, auch mal anders zu sein und Fehler zuzulassen. 

 

Bis vor einigen Jahren hat es in Karlsruhe keine Rapper gegeben, die den Sprung aus der Lokalität geschafft haben und deutschlandweite Tournees spielen konnte. Jetzt hat sich das aber total geändert. Du, Schote, Curleyman und Haze um nur ein paar Namen zu nennen. Aber warum steht ihr alle so sehr auf Boombap?

An dieser Stelle erstmal shout out an Erabi und Signer, denn es gibt in der Stadt wirklich viele gute Rapper.  

Ich sehe das aber nicht so, dass jeder in Karlsruhe Boombap macht. Gerade Schote macht da doch etwas ganz anderes, während mein neues Album nur für das 2016 nach Boombap klingt, im Grunde genommen aber kein klassisches Boombap-Album ist. Curlyman hat in der Vergangenheit tatsächlich viel Musik in diese Richtung gemacht, mittlerweile aber nicht mehr so stark wie früher. Letztendlich hängt es aber natürlich auch mit dem Produzenten Enaka zusammen, der für uns drei glücklicherweise viele Beats produziert. Er ist sehr abwechslungsreich in seiner Arbeit und kann auch ein zeitgenössisches Boombap-Instrumental bauen, das alles zerstört. Wir Musiker aus Karlsruhe orientieren uns in alle Richtungen.

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