Interview mit Tice

„Wenn irgendjemand kackt, hat das mit Kunst nichts zu tun“

Autor: Walter Schilling

 

 

Was versteht ihr unter ehrlichem Rap? Wenn Künstler bereit sind, über ihre tiefsten psychischen Wirrungen zu sprechen? Wenn sie das Gefühl unbeschreiblicher Leere versuchen in Worte zu fassen? Darüber rappen, das Leben ernsthaft aufzugeben? Genau das tat Tice, die 31-Jährige Rapperin aus Düsseldorf auf ihren letzten zwei EP’s. „Realität oder Wahnsinn? Was von Beidem macht Sinn? Und wenn die Psyche nicht stimmt, wie kann ich mir sicher sein?“ In ihren Songs kehrt sie ihr Innerstes nach außen und spricht offen über ihre Gemütslage und Aggressionsprobleme, mit denen sie zu kämpfen hat. Da sie in der Vergangenheit aber oftmals auf ihr Geschlecht reduziert wurde, nahm ich mir beim Skypeinterview auch die Zeit, um über ihre bewegte Vergangenheit zu sprechen.

Wie kommt es, dass du zwar seit 14 Jahren rappst, aber erst zwei EP’s veröffentlicht hast? 

Als ich 15 Jahre alt war, habe ich angefangen zu rappen. Aber als ich 16, 17 Jahre alt wurde, hatte ich viele Probleme, die mich vom Rappen abhielten. Ich habe damals zum Beispiel mein Elternhaus verlassen und mit vielen anderen Dingen zu kämpfen gehabt. Zu dem Zeitpunkt als ich mich wieder gefangen habe, kam ich auch in Kontakt mit einem Düsseldorfer Label. Bei denen habe ich dann dummerweise einen richtigen Knebelvertrag unterschrieben, den ich ganze fünf Jahre absitzen musste und in denen ich gar keine Musik veröffentlicht habe. Stattdessen habe ich die Songs für andere Musiker geschrieben und wurde komplett stillgelegt. Ich kam aus diesem Vertrag überhaupt nicht mehr raus.

 

Nachdem du deinen Vertrag ausgesessen hast, kam trotzdem keine Musik von dir raus. Warum?

Danach habe ich einen Freund gehabt, dem es überhaupt nicht gefiel, dass ich gerappt habe. Aus Liebe zu ihm habe ich damals mit dem Rappen aufgehört. Rückblickend war diese Entscheidung ein großer Fehler!

 

Wie kam es dann dazu, dass du wieder angefangen hast zu rappen?

Nachdem die Beziehung zu Ende war [lacht]. Ich musste dann auch wieder ein Studio finden, in dem ich aufnehmen konnte. Als ich die Hoffnung schon fast aufgegeben habe, dass ich ein Geeignetes finden werde, habe ich die Jungs aus Bochum kennengelernt. Dafür bin ich bis heute dankbar. Dort habe ich meine beiden EP’s auch recordet.

 

Arbeitest du aktuell an neuen Songs?

Momentan bin ich dabei, mein erstes Album aufzunehmen. Die Arbeit daran läuft zwar nicht so schnell, aber mir ist es wichtig, dass ich selbst damit zu 100 Prozent zufrieden bin. Deswegen ist geplant, das Album erst im nächsten Jahr zu veröffentlichen.

Bist du mittlerweile skeptischer gegenüber Labels geworden?

Ich war früher einfach sehr naiv und habe mit dem damaligen Label ein freundschaftliches Verhältnis gehabt, weswegen ich den Leuten sehr vertraut habe und mir den Vertrag nicht so genau durchgelesen habe. Heute bin ich deutlich skeptischer und schaue mir die Angebote genauer an. Schließlich will ich dabei nicht den Kürzeren ziehen und zuschauen, wie andere mit meiner Musik Geld verdienen und ich selbst nichts davon abbekomme. Dann mache ich doch lieber alles alleine und brauche mehr Zeit, habe aber dafür alles in der eigenen Hand.

 

Der Titel deiner Debüt-EP Each one Tice one leitet sich von „Each one teach one“ ab, der wiederum ein Satz ist, der aus der Zeit der Sklaverei stammt, aber auch Hip-Hop in den Anfangszeiten sehr geprägt hat. Warum hast du den Namen für deine EP gewählt?

Ich habe dort in den Songs sehr viel über mein vergangenes Leben erzählt, wodurch der Titel Each one Tice one sehr gepasst hat. Aus den ehrlichen Storys, die ich dort auspacke, können wiederum andere auch etwas für sich mitnehmen. Trotzdem kann ich natürlich noch von anderen viel lernen. Zumal „Each one teach one“ für mich einer der Bestandteile des Hip-Hops ist. 

 

Es gibt im Hip-Hop diese beliebte Phrase, dass Rap Therapie sei. Nachdem ich deine beiden EP’s gehört habe, hatte ich das Gefühl, dass das bei dir wohl zutrifft und keine hohle Phrase ist. Schreibst du deine Texte überwiegend, um deine schlechten Vibes loszuwerden?

Ich verarbeite in meinen Texten viel aus meiner Vergangenheit und Gegenwart, denn Rap ist für mich der beste Psychiater. Das Schreiben könnte ich sogar mit einer Verhaltenstherapie gleichsetzen. Es ist für mich ein Ventil, womit ich all meine Emotionen rauslassen kann. Früher war ich deutlich aggressiver und würde mich als eines dieser „Was-guckst-du-Kinder“ bezeichnen. Über meine Wut zu schreiben hat mir sehr dabei geholfen, sie in den Griff zu kriegen. Was für andere der Boxsack ist, sind für mich Stift und Papier. 

„Wenn ich wieder eine Werbung sehe, wo irgendjemand rappt, bekomme ich das Kotzen.“

Auf was bezieht sich der Name deiner zweiten EP Trümmerfrau? Meinst du damit die innerlichen Trümmer? Das sprichwörtliche Leben, das nur noch ein Scherbenhaufen ist?

So kann man das auch sehen, aber ich habe den Titel bewusst so gewählt, dass er auf mehreren Ebenen funktioniert und verschieden interpretierbar ist. Für mich ist die Rapszene ein Trümmerhaufen geworden, wodurch ich den Mythos der Trümmerfrau hier sehr passend finde. Einige Männer haben die Szene zerstört und nun kommt die Frau und räumt auf. Dass ich als Türkin den Titel für meine EP nutze, provoziert bestimmt auch den ein oder anderen. Aber natürlich bezieht sich Trümmerfrau auch auf die innerlichen Trümmer. Wie gesagt, der Titel ist bewusst so gewählt, dass er auf verschiedene Weisen interpretierbar ist und jeder darf es auf einer anderen Perspektive wahrnehmen.

 

Was genau missfällt dir an der Deutschrapszene so sehr? Für viele ist es momentan doch eine Hochphase, in der die beste Musik aller Zeiten rauskommt. 

Das sehe ich anders und weiß gar nicht, was es überhaupt zu feiern gibt. Wenn ich wieder eine Werbung sehe, wo irgendjemand rappt, bekomme ich das Kotzen. Das ist doch auch ein Teil der Deutschrapszene, der mit Hip-Hop aber nichts zu tun hat. Sowas geht einfach nicht in meinen Kopf! Genauso wie das ständige Hinterherrennen von Trends. Das macht doch fast jeder und tun dabei auch noch so, als ob sie etwas Neues erfunden hätten. Dabei sind sie im Endeffekt nur eine billige Kopie eines amerikanischen oder französischen Rappers und stellen sich als ein besonderes Individuum dar.  Auch die ganzen neuen Dinge, die heute als Rap durchgehen, feier ich nicht. Trap ist zum Beispiel ganz schlimm. Sorry, dass ich das so sage, aber wenn irgendjemand kackt, hat das mit Kunst nichts zu tun. Mittlerweile applaudieren sie aber vor jedem Haufen. Aber gut, ich muss mir das ja nicht anhören.

 

Im Vergleich zu vielen anderen rappst du häufiger live auf Bühnen. Hat dich dabei die Old-School so geprägt, dass dir die Live-Shows so wichtig sind?

Ich muss zugeben, dass ich früher deutlich schüchterner war und noch eher versucht habe, mich auf der Bühne zu verstecken, als mich zu präsentieren. Mittlerweile liebe ich es aber dort zu spielen und kann dort auch wirklich abliefern! Ich fühle mich auf der Bühne genauso wohl wie in meinem Wohnzimmer und deswegen rappe ich auch so gerne auf der Bühne. Dort bekommt man so viel Liebe zurück, dass sich jede Arbeit und Anstrengung wieder auszahlt. 

In deinem Song Ich bin so rappst du: „Rassismus war mehr als nur eine Debatte.“ Damit wirst du noch heute konfrontiert. Wie hast du gelernt damit umzugehen?

Es ist bis heute noch schwierig für mich, damit umzugehen, dass Menschen dich nur Aufgrund deiner Herkunft hassen. Etwas, wofür ich absolut nichts kann. Das bekomme ich überwiegend von älteren Personen zu spüren, jüngere sind bis jetzt eher selten auf mich zugekommen und haben rassistische Äußerungen von sich gegeben. Als ich in Wuppertal gelebt habe, haben mich auch mal ein paar Neo-Nazis von der Straße gekickt. Das einzige Mal, wo es wirklich junge Menschen waren, die mir Probleme bereitet haben, ist schon lange her. Damals musste ich vor einer Gruppe Neo-Nazis wegrennen. Gerade in großen Gruppen sind sie besonders gefährlich, doch sobald sie alleine sind, machen sie einem nichts mehr. 

 

Hast du Rassismus gerade dann gespürt, wenn du selbst alleine warst?

Ja, wenn ich selbst in einer Gruppe unterwegs bin, ist meistens alles in Ordnung. Ich selber bin noch in einer Gegend zur Schule gegangen, die als ziemliche Neo-Nazi-Hochburg galt. Da musste ich schon in meiner Kindheit einiges über mich ergehen lassen. Es gab auch kaum Türken in der Schule, vielleicht zehn Stück, heute sieht das ja anders aus.

 

Kommt natürlich ganz auf die Gegend und die jeweilige Schule an.

Natürlich, aber in einer deutlichen Minderheit zu sein, macht es nicht einfacher. Wenn man dann auch nicht mit den Klamotten mithalten kann, hat man schnell den Anschluss verloren. Ich war dadurch sehr oft alleine.

 

Das könnte dann auch dein Aggressionsproblem erklären.

Auch die Gesellschaft selbst prägt und erzieht die Menschen. Ich bin sehr oft auf Ablehnung gestoßen, da ist es doch verständlich, dass mich das wütend macht. Gerade als Kind weiß man ja nicht einmal, warum man von allen abgelehnt wird.

 

Dazu kann ich auch eine kleine Geschichte aus meinem Leben erzählen, die natürlich deutlich harmloser ist als deine. Ich habe mir nämlich Cornrows flechten lassen und wurde die darauffolgenden Wochen sehr oft angepöbelt. Vielleicht hat mein etwas dunkler Hauttyp das Ganze noch begünstigt. Jedenfalls habe ich lange nicht verstanden, warum mir gegenüber plötzlich Bus-, Autofahrer oder normale Passanten so hasserfüllt waren. Es hat seine Zeit gebraucht, bis ich verstanden habe, dass es allein an den Haaren liegt.

Ich habe es auch erst später gemerkt, dass es die dunklen Haare und die dunklere Haut ist, weswegen ich ausgegrenzt worden bin. Meine Schwester ist im Vergleich zu mir deutlich heller und ist bei vielen als Deutsche durchgegangen, weswegen ich viel mehr abbekommen habe. Durch die Flüchtlinge ist der Rassismus wieder sichtbarer geworden und jetzt bekomme ich ihn wieder häufiger zu spüren als noch vor geraumer Zeit. 


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