Interview mit Rapsta

„Meine Texte schreibe ich erst gegen drei oder vier Uhr, nur so kann ich meine deepen und lyrisch wertvollen Textpassagen auf Papier bringen. Ah!“

Autor: Walter Schilling

 

 

Die Arroganz in Rapstas Songs kommt nicht von ungefähr. Kurz vor Beginn des Interviews sagte er mir, dass er nur mal kurz sein Gras besorgen muss und in ein paar Minuten wieder zurück sei. Die tatsächliche Wartezeit war leider um einiges länger. Doch als er dann irgendwann erschien, konnten wir endlich loslegen. Das Interview nahm ich nämlich zum Anlass, um mit ihm auch über sein Debütalbum Ah! zu resümieren. Schließlich erntete das Album in Journalistenkreisen viel Kritik. Doch dabei will der bescheidene Stuttgarter nur eins: Zeigen, dass er ein außergewöhnlich guter Rapper ist. Genau dieses Ziel wird er auf dem „Macht Rap“ Sampler weiterhin verfolgen.

Lass uns mit einem kleinen Rückblick auf dein Album Ah! beginnen. Dort ist nämliche eine Besonderheit untergegangen und zwar deine Featuregäste. Du hast, mit einer Ausnahme, nur Rapper aus dem Stuttgarter Umkreis auf dein Album eingeladen. Liegt es daran, dass du ein Lokalpatriot bist oder weil du einfach nur deine Homies, die du schon lange kennst, ins Studio eingeladen hast?

Da ist ein großer Loyalitätsgedanke mitgeschwungen und man kann schon sagen, dass ich ein Lokalmatador bin. Ich sehe einfach keinen Sinn darin, irgendeinen bekannten Rapper, der mich nie angesprochen hat, um ein Feature zu bitten. Außer natürlich bei den ganz krassen wie zum Beispiel Raf Camorra. Der hat mit Ghost etwas geiles rausgebracht, was ich direkt geteilt habe. Einfach aus der Freude heraus, dass es so gute Musik gibt. 

 

Ah! konnte in die Top 30 der deutschen Charts einsteigen, hat aber gleichzeitig viel Kritik von Journalisten bekommen. Welches Gefühl überwiegt bei dir in so einem Moment?

Es gab viel negative Kritik [lacht]. Aber das ist doch gut. Das hat mir gefallen und ich habe mir sogar noch mehr davon gewünscht, denn wenn es einen so großen Allgemeinhass gegen mich gibt, entsteht auch eine starke Gegenbewegung, mit der ich mein Money machen kann.

 

Ähnlich wie damals bei Eminem, der mit seinen Texten zu Beginn seiner Karriere große Proteste in der Schwulenszene ausgelöst hat.

 

Schau mal, ich höre fast nur Musik aus Amerika. Und da bin ich auch so ein Idiot, der mal krasse Popsongs hört und irgendwann Bock darauf hat, auch einen Track in diese Richtung zu produzieren. Dann höre ich eine Zeit lang wieder ganz andere Musik, die mich aber auch beeinflusst. So ist es dazu gekommen, dass ich auf Ah! ein paar Popsongs, New School/Trap und auch Old School Songs hatte. Dann muss ich mich entscheiden: Entweder vermische ich die verschiedenen Stile nicht zu einem Album oder ich scheiß drauf. Aber bei meinem ersten Album? Ah!, Alter.

Glaubst du, dass die verschiedenen Styles zu vermischen, der Hauptgrund für die negative Kritik war?

Ja, klar. Ich glaube, dass Musik für einen Journalisten greifbar sein muss. Viele von ihnen haben nicht ganz gemerkt, was ich mit meinem Album sagen wollte. Doch dabei geht es einfach nur um Ah! Leckt mich doch, ich mach meine Musik. 

 

Dein Song Unter Wasser hat auf YouTube 100.000 Klicks bekommen. Nicht wenig, aber du hast auf YouTube Songs, die dort deutlich öfter angehört worden sind. Während der Track auf Spotify aber über 300.000 Klicks hat und dort dein populärster Song ist. Was glaubst du, ist der Grund dafür?

Auf Spotify sieht man das Gesicht des Künstlers meist nicht sondern zuerst einmal den Titel. Dort geht es meist mehr um die Musik. Außerdem habe ich es mit dem Song in viele vorgefertigten Playlists geschafft, wodurch mich viele gehört haben, die mit mir als Rapsta gar nichts anfangen können. 

Dazu kommt, dass ich in YouTube vor allem dafür bekannt bin, dass ich puren Rap mache, während Unter Wasser eher eine Popsingle ist. Deswegen hat es in YouTube wohl auch nicht so großen Anklang gefunden. Aber jetzt zu sagen, dass ich „nur“ 100.000 Klicks habe, ist ja auch eine Sache für sich. Ist doch in Ordnung. 

 

Es ging mir dabei auch mehr um diesen Kontrast, als zu behaupten, dass Unter Wasser niemand angehört hätte.

Ja, in Spotify hat er tatsächlich viele Klicks bekommen. Ich glaube auch, dass es in Zukunft viel mehr um Klicks gehen wird, wobei sich schon jetzt viel darum dreht. Irgendwann wird es bestimmt ein Medium geben, dass dafür sorgt, dass ein Musiker sein Geld nur noch für die Klicks bekommt. Man kann dort Videos anschauen, Musik hören und die Hörer zahlen dort vielleicht 100 Euro ein und man kann sich anhören, was eben dort zu hören ist, während die Musiker eben für ihre Klicks bezahlt werden. Dann wird es auch wieder Regeln geben, wer überhaupt Musik releasen kann statt so wie jetzt, dass es jeder kann. Vielleicht wird das sogar verstaatlicht.

 

Du meinst so ähnlich wie damals bei MTV, als nur bestimmte Musik veröffentlicht wurde?

Jetzt kommen wir aber schon viel zu sehr in die Illuminaten-Schiene.

„Heute ist auch ein Tag, an dem ich total motiviert um 16 Uhr aufgestanden bin, aber erstmal Gras besorgen musste. Sowas ist natürlich wichtiger als irgendwelche Studioaufnahmen.“

Ding Dong steht kurz vor einer halben Millionen Klicks auf YouTube. Wollen deine Fans deinen arroganten Rap?

Das glaube ich schon und ich denke, dass ich den arroganten Rapsta am besten leben kann. Womöglich, weil ich auch ein bisschen arrogant bin. Gerade bei Ding Dong war ich einfach in diesem Song drin. Lass mich als Gegenbeispiel einen Thementrack über Coca Cola bringen. Ich schreibe dafür auf, was mir über Cola einfällt und dann arbeite ich auch ein gewisses Konzept heraus. Der Song wird sich aber nie so anfühlen wie meine behinderten Songs. Samy Deluxe ist für mich in dieser Hinsicht krass, weil er irgendwas hinschreiben kann und es flowt am Ende heftig. Aber auch Kool Savas hat viele behinderte, fette Tracks gemacht. Andere nennen es ja gerne Battlerap, aber für mich sind es eben behinderte Songs, weil man dort nur auf die Kacke haut und darüber rappt, was man alles hat. Nach dieser Aussage werden sich womöglich die negativen Schlagzeilen häufen. Aber einmal für das Protokoll: Ah! [lacht].

 

Da muss ich dir wirklich recht geben. Ding Dong habe ich gefühlt, aber bei Unter Wasser habe ich mich gefragt, warum du jetzt diesen Song releast. 

Da kam bei dir bestimmt erst mal ein Ah! Aber schau mal, ich rappe doch immer über Cash und ich habe gedacht, dass ich mit diesem Song eben gutes Cash machen kann [Anm. d. Verf.: Während Rapsta das spricht, holt er sein Gras aus der Tasche und baut sich einen. Da er für eine kurze Zeit nicht gestört werden will, legen wir eine kurze Interviewpause ein].

 

Lass uns jetzt zu dem Labelsampler kommen. Wie verlief die Arbeit am Labelsampler bis jetzt?

Wir haben gleich von Anfang an Vollgas gegeben und es lief einfach. Alle waren top motiviert, aber am vierten Tag hat man schon gemerkt, dass man täglich an zwei Tracks beteiligt ist und dass das schlaucht. Heute ist auch ein Tag, an dem ich total motiviert um 16 Uhr aufgestanden bin, aber erstmal Gras besorgen musste. Sowas ist natürlich wichtiger als irgendwelche Studioaufnahmen.

 

Da möchte ich aber mal kurz einhaken. Als du heute um 16 Uhr aufgestanden bist, war das für deine Verhältnisse besonders früh, was auch gleichzeitig deine Motivation unterstreicht?

 

Ja, zu besonderen Anlässen stehe ich schon um 16 Uhr auf. Normalerweise schlafe und döse ich bis um 20 Uhr. Erst danach stehe ich auf und schau, was heute geht. Ich genieße eben die Vorzüge als Rapper, arbeite aber trotzdem viel. Meine Texte schreibe ich erst gegen drei oder vier Uhr, nur so kann ich meine deepen und lyrisch wertvollen Textpassagen auf Papier bringen. Ah! 

Gleichzeitig hast du auch verkündet, dass du an deinem nächsten Album arbeitest. Versteckst du die nächsten Wochen deine besten Songs und savest sie für dein Soloalbum.

Nein, aber vor ein paar Wochen habe ich mit meinem Soloalbum angefangen und war schon total im Film. Nach einer Woche habe ich ganze sechs Tracks fertig geschrieben. So viele Songs in nur einer Woche ist eine Ansage! Eine Woche später haben aber schon die Arbeiten am Labelsampler begonnen, bei denen ich in der gleichen Zeit an acht oder neun Tracks beteiligt war. Wenn man das alles mal zusammennimmt, habe ich schon ein ganzes Album geschrieben. 

 

Hast du dir für dein Soloalbum irgendetwas bestimmtes vorgenommen?

Jetzt mal den ganzen Spaß beiseite. Natürlich haben mich die negativen Kritiken zu Ah! genervt. Ich bin ein guter Rapper, aber ich habe keine Lust darauf, so zu rappen, wie die Journalisten es von mir verlangen. Deswegen will ich mit dem nächsten Album nur eins beweisen: Ich kann wirklich gut rappen. Es wird eher purer Rap werden. 

 

Ich stelle mir deine Situation etwas schwierig vor. Wenn du mal auf dem Sampler einen fetten Part schreibst, einen richtig fetten, der in die Geschichte eingeht, willst du ihn dann nicht eher für dein Soloalbum aufbewahren?

Nein, gar nicht. Mir ist aber an den Samplerarbeiten aber etwas aufgefallen, was an dieser Stelle vielleicht auch ganz interessant ist. Es gibt nämlich zwei Arten von Rapper. Zum einen gibt es die Punchlinerapper, die Bars schreiben. Diese Zeilen können dir über den Tag hinweg plötzlich einfallen. Dann gibt es aber auch Leute wie mich, die irgendeinen Beat hören und auf den einfach losflowen. Da kommt dann auch mal ein schlechter Reim zustande, dafür aber viele Kettenreime, die nur so zustande kommen konnten. 

 

Kannst du deinen Part dann auch nur auf diesen einen Beat rappen?

 

Nein, ich kann mich da schon anpassen. Jetzt können wir aber zur eigentlichen Frage zurückkommen. Es tut mir nämlich nicht weh, wenn ich mich beim Sampler ausprobiere und vielleicht etwas grandioses dabei entdecke. Das kann ich nämlich bei meinem Album noch tiefer angehen. Ich habe zum Beispiel entdeckt, dass bei mir Auto-Tune gar nicht mal so schlecht kommt. 


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