Rap & Politik

Jeden Schilling wert! (Kolumne)

Autor: Walter Schilling

 

 

Wir leben in einer Zeit, in der die Schere zwischen Arm und Reich immer weiter auseinandergeht, was sich unter anderem dadurch zeigt, dass hierzulande viele Arbeiter nur noch für die Gewinnmaximierung schuften - von der sie in der Regel keinen Anteil abbekommen. Gerade jetzt muss man den Mund aufmachen und Probleme ansprechen, über sie diskutieren und mit anpacken. Dabei dürfen wir auch gerne mal über den Tellerrand schauen und feststellen, dass unser Übel wie ein Paradies wirkt, wenn man zu den Abermillionen von Menschen blickt, die vor Krieg, Elend und Hunger geflüchtet sind. Gleichzeitig sorgt die Not anderer nicht unbedingt dafür, dass sich die Situation hier verbessert. Deswegen ist es umso wichtiger, dass diese Missstände angesprochen und thematisiert werden. Die Musik selbst kann zwar nicht direkt helfen, denn wie schon Alligatoah sagte: „Musik ist keine Lösung“, doch Künstler können mit ihrer Reichweite dafür sorgen, dass ihre Fans für gewisse Themen sensibilisiert werden und sogar öffentliche Diskussionen anregen.

Aus diesem Grund ist es umso erfreulicher, dass Rap das politischste Musikgenre in Deutschland geworden ist! Zwar ist nicht jeder Sprechgesangskünstler ein Sozialkritiker, aber viele von ihnen nutzen die Möglichkeit, um auf Missstände hinzuweisen, anstatt die Menschen bloß unterhalten zu wollen. Auch in dieser Hinsicht ist Rap also das genaue Gegenteil von Schlager, wo es Gang und Gebe ist, nichtssagende Texte zu schreiben, damit sich ja keiner auf den Schlips getreten fühlt. An dieser Stelle darf man sich auch ruhig fragen, wie Helene Fischer wohl über die Rente mit 70 denkt. 

„Sie haben den größeren Textanteil, den Rap im Vergleich zum Gesang bietet, dafür genutzt, um denen eine Stimme zu verleihen, denen sonst niemand zuhört.“

Aber so ist es nunmal: Der deutsche Mainstream supportet unpolitische Musik. Da kann die Melodie noch so schön sein, wer aneckt wird eben nicht auf jede Party eingeladen. Nehmen wir doch das Radio: Die gern gesehenen Rapper sind dort Cro und Sido, die momentan doch eher für ihre Anbiederung bekannt sind (wobei man Astronaut natürlich auch ein paar leise, sozialkritische Elemente entnehmen kann). Wobei diejenigen, die in der Öffentlichkeit gerne unbequeme Fragen stellen, tendenziell überhört werden. Egal, wie gut sie auch sein mag. Zugezogen Maskulin hat zum Beispiel eine stabile Fanbase, aber außerhalb des Hip-Hops finden sie leider weniger Gehör als in der Szene selbst. Sie gehören zu den ersten Musikern überhaupt, die 2015 die Flüchtlingsfrage auch musikalisch zur Sprache brachten. Während im vergangenen Jahr aufgrund dieser Thematik ein starker Rechtsruck zu spüren war, hat sich im Rap eine tolle Tendenz gezeigt. Denn je weiter unsere Gesellschaft nach recht rückte, umso stärker ist der Protest von vielen Rappern gewesen. Mit Takt32 führte ich zum Beispiel ein intensives Interview über die AfD. In der Zwischenzeit hat der Berliner noch mehr sozialkritische Musik veröffentlicht, als er ohnehin zuvor schon tat. Doch auch Neonschwarz, Zugezogen Maskulin, Samy Deluxe, Megaloh, Amewu, K.I.Z., Audio88 & Yassin, Kraftklub, Fatoni und noch sehr viel mehr Rapper haben in den vergangenen Monaten neue Denkanstöße geliefert. 

All diese Sozialkritik in unserer Musik ist wohl darauf zurückzuführen, dass Deutschrap eine sehr politische Tradition hat. Bereits die erste Crew, die es geschafft hat überregionale Bekanntheit zu genießen, war Advanced Chemistry, die sich mit den Problemen unserer Gesellschaft auseinandersetzten. Sie haben den größeren Textanteil, den Rap im Vergleich zum Gesang bietet, dafür genutzt, um denen eine Stimme zu verleihen, denen sonst niemand zuhört. Dieses Erbe, dem bis heute die unterschiedlichsten Rapper treu geblieben sind, führten unter anderem auch Freundeskreis fort.

  

Schon Friedrich Schiller sagte einst, dass Kunst die Tochter der Freiheit sei. Das heißt, dass Kunst einfach nur das Ergebnis von wahrer Unabhängigkeit ist, für die man bereit sein muss, zu kämpfen. In Zeiten, in denen Gedichte nicht mehr en vouge sind, ist Rap umso wichtiger geworden. Gerade unter diesem Aspekt ist es mitreissend, dass unser Genre sich nicht aus der Verantwortung stiehlt. 


Mundart-Rap

Deutsch ist nicht gleich Deutsch. Das fällt einem bei einer Reise durch deutschsprachige Regionen schnell auf. Schließlich wird in Köln anders gesprochen als in München, da es unzählige Dialekte gibt. Allerdings waren diese noch vor ein paar Jahren im Rap eine Seltenheit und wenig akzeptiert. Doch genau das ändert sich dieser Tage. Bestes Beispiel ist der Mundart-Rap aus Österreich, der im Moment so angesagt ist wie nie zuvor. Auch die Straßenrapper kommunizieren in ihrem eigenen Straßenslang. Es folg eine Ode an die Sprachvielfalt.

Beats Made in Germany

In den vergangenen Jahrzehnten sind Beats „made in Germany“ immer beliebter geworden. Anfang der Nul­ler­jah­re sind Rapper wie Samy Deluxe, Kool Savas oder Azad noch in die USA gereist, um vor Ort Instrumentals der dortigen Produzenten zu picken. Doch mittlerweile hat sich das gedreht, denn Drake, Meek Mill oder Nicki Minaj kommen heutzutage auf der Suche nach neuen, frischen Beatmakern nach Deutschland. 

Interview mit Takt32 über die AfD

Am 13. März wird in Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz und Sachsen-Anhalt ein neuer Landtag gewählt. Diese drei Bundesländer haben eine große Gemeinsamkeit, auf die sie wohl hoffentlich nicht stolz sind: Die AfD wird den Hochrechnungen zufolge in alle drei Landtage einziehen. Laut manchen Prognosen wird sie in Baden-Württemberg womöglich fast so stark wie die SPD sein. Diese große Anzahl von Befürwortern der AfD stimmt nachdenklich, weswegen ich das Gespräch mit Takt32 gesucht habe. Er ist ein Rapper aus der Unterschicht, der sowohl ein Studium in Politik als auch in Philosophie abgeschlossen hat und sich deswegen besonders für ein Interview über die AfD eignet. Dass diese Partei sowohl rechtspopulistisch als auch faschistisch ist, liegt auf der Hand.

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