Team Avantgarde - Erwartungen

Album-Kritik / Review

Autor: Walter Schilling

 

 

Team Avantgarde kehrt nach einer sechsjährigen musikalischen Schaffenspause wieder zurück. Die elementare Frage, die sich jetzt hierbei stellt, ist, ob es ihnen gelungen ist, erneut ein dopes Album abzuliefern. Oder blamieren sich die drei Jungs aus Berlin mit ihrem neuen Langspieler Erwartungen? Um euch die Antwort gleich vorwegzunehmen: Nicht im Geringsten!

Die beiden Produzenten Zenit und DJ s.R. haben für den Rapper Phase ein passgenauen, musikalischen Rahmen gebaut, in dem er sich von seiner besten Seite präsentieren kann. Obwohl die Beats in ihrer Art und Weise nicht unbedingt etwas vollkommen Neues darstellen, schaffen sie es trotzdem den Hörer in eine besondere Gefühlslage zu versetzen. 

Fast das gesamte Album zielt auf die großen und starken Emotionen ab. Doch wir reden nicht von den „Yeah es ist Freitagabend, wie geil“ Gefühlen sondern von Trauer, Melancholie und Pein. Bis auf die beiden Songs Jahre und Possee zieht sich der beschriebene Vibe durch das gesamte Album. Genau deswegen fühlen sich die zwei genannten Songs auch wie Fremdkörper an, denn sie passen nicht so richtig zum Rest des Albums und Phase stellt sein wahres Können viel mehr auf den anderen Liedern unter Beweis. Zum Beispiel auf dem Song Nele, auf dem Phase über den Suizid einer verstorbenen Freundin rappt. So wie er dort einsteigt, erinnert das erstmal mehr an Spoken Word als an Rap. Auch danach lässt er viel Raum für seine Worte und spricht nie übereilt sondern sehr verständlich. Selbst Menschen, die normalerweise keinen Rap hören, werden ihn sofort verstehen. Das ist auch gut so, denn das Gesagte bzw. Gerappte braucht seinen Platz, um sich entfalten zu können.  

 

Eine weitere Stärke des Albums liegt auch im offenen Umgang mit Themen, die auf diese Weise noch keiner angesprochen hat. „Hast du stundenlang im Netz gekuckt, welchen Strick man benutzt und wie man ihn zupft?“. Genau deswegen können die Bilder, die er mit seinen Worten erschafft, den Hörer zu Tränen rühren. Ganz Allgemein erinnert dieser und viele weitere Songs auf dem Album an eine Novelle. Man hört den Raps von Phase zu und verliert sich in einzelnen Sätzen und beginnt sowohl nachzudenken als auch über sein eigenes Leben zu reflektieren. Es gibt wahrlich viele Momente auf dem Langspieler, die zum innehalten anregen, wodurch es den Titel Poesie wahrlich verdient hat. Auch der Song Utopie ist etwas ganz Besonderes. „Schmeißt die Armen raus aus all den großen, bunten Städten. Sie haben eh kein Geld, um sich irgendwas zu kaufen in den großen, bunten Läden.“ Während er das sagt, hat der Beat noch nicht eingesetzt, sondern man hört den Wind durch die Stadt fegen. Dieses Stilmittel, das Spannung erzeugt, wird auf Erwartung oft eingesetzt. Man lauscht zuerst den Worten von Phase, während man auf den Beat wartet, doch eigentlich wird man bereits mit seiner Sprache unterhalten. Echte Lyrik eben.


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Interview mit Team Avantgarde

Die Rapcrew Team Avantgarde ist wieder zurück. Da sie eine sechsjährige musikalische Schaffenspause hinter sich haben, wissen wahrscheinlich viele unserer jüngeren Leser nicht mehr, wer sie überhaupt sind. Deswegen lasst sie mich kurz vorstellen: Da haben wir sowohl DJ s.R. als auch Zenit an den Beats und Phase am Mic. Mit Letzterem habe ich mich in Berlin für das Interview getroffen, um mit ihm über das neue AlbumErwartungen zu sprechen, bei dem sie es auch geschafft haben, ihrem Crew-Namen alle Ehre zu machen. Denn der Longplayer ist tatsächlich sehr avantgardistisch geworden. Erwartungen vereint Spoken-Word, Rap, Selbstreflektion, Ehrlichkeit und Gesellschaftskritik, wie sie in Deutschland nur selten zu hören ist.

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