Beats Made in Germany

Jeden Schilling wert! (Kolumne)

Autor: Walter Schilling

 

 

In den vergangenen Jahrzehnten sind Beats „made in Germany“ immer beliebter geworden. Anfang der Nul­ler­jah­re sind Rapper wie Samy Deluxe, Kool Savas oder Azad noch in die USA gereist, um vor Ort Instrumentals der dortigen Produzenten zu picken. Doch mittlerweile hat sich das gedreht, denn Drake, Meek Mill oder Nicki Minaj kommen heutzutage auf der Suche nach neuen, frischen Beatmakern nach Deutschland. Auch die Franzosen Rohff oder Booba begeistern sich seit einigen Jahren für deutsche Produzenten. Es wird Zeit, unsere Szene genauer unter die Lupe zu nehmen und die Entwicklung der vergangenen Jahre festzuhalten.

 

Die Zwillingsbrüder Cubeatz aus Stuttgart machen schon seit einigen Jahren Beats, jedoch beliefern sie damit nicht „nur“ Kool Savas oder Haftbefehl sondern eben auch Drake, Kanye West oder Meek Mill. 2015 haben sie den Track R.I.C.O. für Meek Mill und Drake produziert, der bei vielen Kritikern zum Song des Jahres avancierte. Das öffnete ihnen wiederum die Tür zu Hype von Drake und THat Part von ScHoolboy Q und Kanye West. Die Jungs aus Benztown sind damit nicht die einzigen Producer aus Deutschland, die für internationale Größen arbeiten. Denn der Chemnitzer X-Plosive arbeitet schon seit über sechs Jahren mit Booba zusammen und konnte allein mit dieser Zusammenarbeit schon ganze drei(!) Doppelplatin-Auszeichnungen in Frankreich einheimsen. Bazzazian bekam dagegen zwar nicht ganz so viele Schallplatten aus Edelmetall wie X-Plosive, doch selten wurde ein avantgardistischer Stil so sehr gefeiert wie der seine. Schließlich wurden seine Instrumentals auf Russisch Roulette von der Juice bis hin zum Spiegel in den höchsten Tönen gelobt, was es so noch nie gab. Denn es kommt sehr selten vor, dass sich sowohl die Szenekritiker als auch die Redakteure des Feuilletons auf einen Produzenten einigen können. Der Stil von Bazzazian ist sehr eigen und dennoch trifft er damit genau den Zeitgeist. Aber das macht hierzulande nicht nur er sondern auch The Krauts. Ihnen ist es zu verdanken, dass die Platten von Marteria, Miss Platnum und auch Peter Fox einen so eigenen Sound haben! Wir brauchen noch mehr Produzenten von genau dieser Sorte, aber auch die dazugehörigen Rapper, die die Eier haben, um auf diesen Beats zu rappen. Denn oftmals sind es gerade die Sprechgesangskünstler, die Angst vor einem zu eigenen Produktionsstil haben. Dadurch landen nämlich die verrückten Instrumentals selten auf einem Album und erblicken so nur selten das Tageslicht. Doch genau das wäre wichtig, um zur Avantgarde der weltweiten Musikszene dazuzustoßen und endlich das Image zu verlieren, dass deutsche Produzenten immer nur amerikanische Beats nachbauen.  

„Oftmals sind es gerade die Sprechgesangskünstler, die Angst vor einem zu eigenen Produktionsstil haben.“

Parallel dazu hat sich in Deutschland eine eigene Szene entwickelt, in der die Rapproduzenten auf Sprechgesang verzichten. Par excellence setzten das die Betty Ford Boys und Torky Tork um, die sich auf diese Weise vom klassischen Rap emanzipieren. Bei ihnen zählt nur der Beat. Auf diese Art haben es die Betty Ford Boys sogar zweimal geschafft, eine deutschlandweite Tournee zu spielen. Man muss zugeben, dass das etwas ausgesprochen Besonderes darstellt. Die Jungs haben kaum Starallüren und setzen eher die Musik als sich selbst in Szene. Vielleicht sind sie aber gerade deswegen bei Rapnerds so beliebt. 

Eine ähnliche Herangehensweise hatte Jumpa bei seiner letzten EP NEO. Zwar hat er nicht auf Rapparts verzichtet, dafür aber auf bekannte Gesichter. Er entschied sich für hungrige Untergrundkünstler, die abgeliefert haben, anstatt mit den großen Namen zu werben. Dadurch hat die EP einen ganz eigenen Charme und punktet vor allem musikalisch anstatt mit Marketing. Aber die Qualität, die die EP hat, wird wohl eher dafür sorgen, dass die Protagonisten auf NEO wohl nicht mehr lange Untergrund bleiben. 

 

 

Es bleibt spannend, wie sich die Produzentenszene hierzulande weiterentwickelt. Verglichen mit den letzten Jahren ging es stark nach vorne. Vor allem aber interessieren sich heutzutage auch mehr Menschen dafür, wer die Beats überhaupt gemacht hat. Denn wer weiß schon, dass Roman Preylowski große Teile des Albums Maske von Sido produzierte? Jener Roman, der auch für sehr viele Produktionen von Olli Banjo verantwortlich war.


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Interview mit Jumpa

Jumpa ist wohl das vielversprechendste Produzententalent, das Deutschland zu bieten hat. Er ist gerade mal 20 Jahre jung und produziert an den neuen Alben von „Goldrappern“ wie Farid Bang oder Nazar mit. Gleichzeitig arbeitet er mit verschiedenen Untergrundmusikern wie Takt32, Remoe oder Chima Ede an einer neuen Soundästhetik, die eine neue musikalische Ära einläuten könnte. Deswegen lag der Titel seiner Debüt-EP Neo auch so nahe, da das lateinische Wort so viel wie neu bedeutet.

Vergiss die Realness

Dieser Teil von „Jeden Schilling wert!“ befasst sich tatsächlich mit den Vorzügen der fehlenden Realness. Denn beim genaueren betrachten hat es sie nie in diesem Maße gegeben, wie sie propagiert worden ist. Schon die ersten aller Rapcrews, stellte sich als eine Castingband heraus, während große und wichtige Hip-Hopper ihren Namen verkauft haben. Obendrein verfügen auch viele Hörer gar nicht über die Möglichkeit, um ein Fake-Image zu durchschauen. Wer verbringt schon seine Freizeit mit den Künstlern? Aus dem Keep-it-real-Gedanken wurde schon sehr früh eine Neiddebatte zwischen Untergrund und Mainstream, die am Ende niemandem so recht geholfen hat und trotzdem immer noch ausgetragen wird.

Machen Kleider Leute?

Ist es eigentlich möglich, anhand des Kleidungsstils den Musikgeschmack eines Menschen abzulesen? Zumindest beim Rap kann man deutlich Nein sagen. Spätestens seitdem auch namenhafte Rapper mit Vorliebe körperbetonte Kleidung tragen und den typischen Oversize-Klamotten abgeschworen haben. Ich behaupte jedoch, dass man die Einstellung der Rapper sehr wohl an den Klamotten und ihrer Musik ablesen kann. Daher habe ich euch ein paar Künstler rausgesucht, deren Styles Rückschlüsse auf ihr Inneres offenbaren.

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