Interview mit Team Avantgarde

„Die Armen haben nichts bei den Besserverdienenden zu suchen, weil sie nicht in das Bild passen.“

Autor: Walter Schilling

 

 

Die Rapcrew Team Avantgarde ist wieder zurück. Da sie eine sechsjährige musikalische Schaffenspause hinter sich haben, wissen wahrscheinlich viele unserer jüngeren Leser nicht mehr, wer sie überhaupt sind. Deswegen lasst sie mich kurz vorstellen: Da haben wir sowohl DJ s.R. als auch Zenit an den Beats und Phase am Mic. Mit Letzterem habe ich mich in Berlin für das Interview getroffen, um mit ihm über das neue Album Erwartungen zu sprechen, bei dem sie es auch geschafft haben, ihrem Crew-Namen alle Ehre zu machen. Denn der Longplayer ist tatsächlich sehr avantgardistisch geworden. Erwartungen vereint Spoken-Word, Rap, Selbstreflektion, Ehrlichkeit und Gesellschaftskritik, wie sie in Deutschland nur selten zu hören ist.

Nach sechs Jahren bringt ihr wieder ein neues Album raus. Wie kam es dazu? Viele Fans haben bestimmt schon gar nicht mehr mit einem neuen Longplayer gerechnet.

Das stimmt wohl, aber mit dem Erfolg unseres letzten Albums Paradox ist die Erwartungshaltung total eklig geworden. Damals hat uns zum Beispiel Casper auf die Facebook-Pinnwand geschrieben, dass er unsere Musik hammer findet. Gleichzeitig kamen total viele Menschen auf uns zu, die uns rieten, unbedingt ein neues Album nachzulegen.

 

Hat dich das etwa runtergezogen?

Ja, dadurch habe ich gar keinen Bock mehr gehabt. Zu der Zeit gab es auch so viele andere Dinge in meinem Leben wie zum Beispiel mein Studium. Ich habe mich dann lieber darauf konzentriert und bin heute Architekt.

 

Das heißt, dass du eigentlich gar keinen finanziellen Druck hast, was die Verkaufszahlen angeht. 

Nein, bei diesem Album geht es auch gar nicht um das Geld. Natürlich möchte ich musikalisch relevant sein und bin darum bemüht, mich in den Songs hervorragend auszudrücken. Die Ausgaben des Labels sollten auch schon wieder reinkommen, aber ich als Privatperson brauche nicht das Geld durch die Musik.

 

Das gibt dir doch bestimmt gewisse Freiheiten, um dadurch ganz ungezwungen an deine Musik heranzugehen, oder?

Natürlich. Denn ich bin ein Mensch, der von Existenzängsten geplagt ist und eine Familie gründen möchte. Der größte Wunsch in meinem Leben sind Kinder! Es gibt nichts, was darüber kommt. Und um das zu erreichen, musste ich mein Leben ordnen. Der Traum, dass man zuerst ein „Rap-Star“ wird und sich danach um eine Familie kümmert, ist nur eine Fantasie. Anstatt so hohe Erwartungen an mein Leben zu haben, wollte ich sie lieber alle vernichten und bei null anfangen. 

Wie sah dieses „bei null anfangen“ konkret bei dir aus?

Nachdem ich mein Studium abgeschlossen hatte, habe ich erstmal ohne Gehalt gearbeitet. Das war eine echt harte Zeit, aber es wurde dann langsam immer mehr und besser. In dieser Zeit habe ich auch die Mutter meines Kindes kennengelernt. Wir haben einen wunderbaren Sohn und mit ihm habe ich die Leichtigkeit des Lebens wiederentdeckt. Jetzt bin ich an dem Punkt angelangt, wo ich den Menschen ehrlich sagen kann, dass sie sich nicht verrückt machen sollen. Die ganzen Erwartungen machen dich nur verrückt. Es ist nicht mehr als ein Teil der Konsummaschinerie, die versucht, in den Köpfen der Menschen große Bilder zu erzeugen. Dadurch werden sie eben unzufrieden und geben ihr Geld aus. Heutzutage wird ja ständig über Verschwörungen geredet, aber die größte davon ist die Unzufriedenheit.

 

Was meinst du damit genau? Kannst du das etwas konkretisieren?

Es werden große Bilder erzeugt, um deine Erwartungshaltung gegenüber deiner Freundin, deinen Freunden oder auch deinem Aussehen zu erhöhen. Bist du vielleicht zu dick, zu uncool oder nicht mit den richtigen Leuten befreundet? Womöglich ist das nicht mal ein bewusstes Handeln der Konsumindustrie, aber ihre Werbung erzeugt Unzufriedenheit, indem sie eine riesige Erwartung an unser eigenes Leben weckt.

 

Diese Erkenntnis gewinnen nicht unbedingt viele Menschen. Wann hast du angefangen, dein Leben so zu reflektieren?

Ich glaube schon, dass sie jeder gewinnt, nur oftmals zu spät. Irgendwann Ende 30 merken viele Menschen, wie unzufrieden sie durch ihre eigene Erwartungshaltung geworden sind. Zum Beispiel Frauen, die keine Kinder haben, weil sie ihre Karriere bevorzugt haben. Tatsächlich haben sie mit 40 aber oftmals gar nichts. Weder das Geld, den perfekten Mann noch ein Kind. Als ich immer mehr unzufriedene Menschen in meinem Bekanntenkreis gesehen habe, habe ich auch angefangen am Album Erwartung zu schreiben. Deswegen ist das einzige Ziel, das ich mit dem Album verfolge, die Menschen wachzurütteln. Denn es gibt viele, wichtige Dinge im Leben, aber noch mehr Unwichtiges, das aber wiederum eine sehr hohe Priorität im Leben hat. Da sollte man sich vielleicht fragen, warum das so ist.

 

Dann lass mich anders fragen. Wie konntest du diese Erkenntnis so früh gewinnen?

Ich glaube, dass dabei meine Ex-Freundinnen eine große Rolle gespielt haben. Ich wollte schon immer recht früh Kinder haben, sie dagegen aber erstmal Karriere machen. Später hat sich aber herausgestellt, dass sie nie den Job bekamen, den sie wollten. Sie hatten ganz einfach zu hohe Erwartungen an ihr Leben. Mittlerweile ist es für sie auch schon zu spät, um Kinder zu bekommen und dadurch sind sie mit ihrem Leben total unzufrieden.

Findest du, dass es in deiner Generation viele traurige Menschen gibt?

Ja, gerade dadurch, dass sich die Familie immer weiter auflöst. Mittlerweile leben doch sehr viele Menschen ganz alleine vor sich her. Sie haben verpasst, ihre Beziehung richtig zu führen und eine Familie aufzubauen. 

 

Lass uns zurück zur Musik und zu deinem Song Utopie kommen. Was ist denn die Kernaussage darin? Ich glaube, dass man den Track schnell fehlinterpretieren kann.

In dem Song geht es um die persönliche Betrachtung eines Menschen, der weiß, dass er andere verdrängt hat. Gerade hier in Berlin haben wir es damit zu tun, dass Viertel entstehen, in denen 80 Prozent der dort wohnenden Personen, verdrängt werden. Die haben kein Geld mehr, um die immer teurer werdenden Miete zu bezahlen. Stattdessen wohnen dort jetzt Personen, denen doch bestimmt irgendwann bewusst wird, dass sie die Vormieter verdrängt haben. 

 

Die neuen Mieter argumentieren aber gerne damit, dass die Vormieter nur deswegen aus der Stadt mussten, weil sie sich es nicht mehr leisten konnten.

Natürlich kann man so argumentieren, aber das hat mit einer sozialen Markwirtschaft nichts mehr zu tun. Sie dürfen auch ruhig so argumentieren, aber irgendwann werden sie am Balkon stehen und ihnen wird einfallen, dass hier früher eine ganz andere Familien gewohnt hat. Sie mussten nur deswegen fort, weil sie es sich nicht mehr leisten konnten. Das hat etwas mit Gewissen zu tun! Das meine ich auch letztendlich, wenn ich in dem Song sage: „Keine Gleichheit, kein Frieden.“ Können wir damit leben, wenn wir in der Innenstadt eine Elite haben und drum herum entstehen Slums? Ich will nicht in so einer Welt leben. 

 

Diese Entwicklung, die du beschreibst, ist doch auch in Paris zu sehen. In Berlin ist es vielleicht nur deswegen noch nicht so schlimm, weil Berlin noch nicht so lange die Hauptstadt ist. 

Ich bin jetzt mal ganz ehrlich. Schau mal, die elitären Deutschen reden doch nicht einmal über dieses Problem. Statt sich mit den Armen auseinanderzusetzen, wird mit ihnen nicht mehr gesprochen. Die müssen nämlich einfach raus aus der Stadt. Die Elite schickt ihre Kinder oftmals auf Privatschulen und -Kindergärten, wo sie keinen Kontakt zu den ärmeren Kids haben. Eißfeld hat letztens in einem Interview gesagt, dass er sein Kind in einen öffentlichen Kindergarten schickt, obwohl es dort für ihn wahrscheinlich härter ist. Er möchte aber dieses System einfach nicht mehr unterstützen. Das finde ich total cool von ihm.

Hast du sowas auch mit deinem Kind vor? Er wird doch schon bald in den Kindergarten kommen.

Natürlich, denn ich finde, dass es eine Art von Gleichheit geben muss. Ich bin dagegen, dass Kinder auf Eliteschulen gehen, während die Armen immer weiter aus der Stadt verdrängt werden. Natürlich gibt es Ungerechtigkeit, aber um sie aufzuheben, ist jeder Einzelne in der Verantwortung! Da muss der Staat und jeder einzelne von uns entgegenwirken unRd es ausgleichen. Sobald die Kinder in die Grundschule gehen, müssen sie alle gleich gut Deutsch sprechen können, damit sie auch die gleichen Chancen haben. Ich bin dagegen, dass man sofort selektiert und fast alle Neuköllner in die Hauptschule kommen oder womöglich gar keinen Schulabschluss haben. Wohingegen in Dahlem alle Ärzte oder Anwälte werden. Ich kann das Ganze nicht hinnehmen und sagen, dass hätte alles der Markt so geregelt. 

 

Wir reden ständig über den Multikulturalismus in Deutschland, den es aber in Wahrheit nicht gibt. Wenn man ehrlich ist, herrschen hier einfach nur diverse Parallelgesellschaften.

Genau und das regt mich auf. Schau dir die Bezirke mal an. Die deutsche Mittelschicht lebt in ihrer eigenen Region, wo es keine Türken und Araber gibt. Während die meisten Ausländer in ihren Bezirken leben, wo keine Deutschen zu finden sind. Das ist einfach nur scheinheilig. Die Kindergärten sind auch ein gutes Beispiel. Denn die deutsche Mittelschicht hat ihre eigenen, dort gibt es keinen Ali oder Mohammed. Die ganzen Türken und Araber müssen doch schon raus aus Neukölln, damit die Deutschen unter sich sind. Dadurch müssen die Ausländer wiederum nach Britz in die Hochhaussiedlung ziehen. Das ist doch rassistisch.

 

Ich würde sogar so weit gehen und es nicht als einen Rassismus bezeichnen, wo es um eine ethnische Herkunft geht…

sondern um die soziale Herkunft! Das sehe ich genauso. Die Armen haben nichts bei den Besserverdienenden zu suchen, weil sie nicht in das Bild passen. 


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