Interview mit Neonschwarz

„Wenn man zurückschaut, machen wir Rap so, wie es damals angefangen hat.“

Foto: Franziska Holz

Autor: Walter Schilling

 

 

Die Rapcrew Neonschwarz gehört zu den politisch bewanderten in unserem Land, die sich auch fragen, wie es wohl weitergeht. Denn während Rassismus wieder salonfähig geworden ist, und zwar nicht nur in Deutschland sondern weltweit, fragen sie auf ihrem neuen Album grimmig: „Wer stand bereit, als der Mob getobt hat?“ - eine Anlehnung an die vielen brennenden Flüchtlingsheime. Doch sie belassen es nicht dabei, sondern stellen weitere Fragen und üben Kritik an unserem Gesellschafts- und Wirtschaftssystem. Denn wem bringt der hiesige Arbeitswahn tatsächlich etwas? 

Doch schlussendlich macht die Crew, bestehend aus Marie Curry, Johnny Mauser, Captain Gips und Spion Y, nicht nur Gesellschaftskritik, sondern in erster Linie Rap! Beim Skypeinterview waren nur Marie und Johnny anwesend, um ein großes Durcheinander mit zu viel anwesenden Musikern zu verhindern.

Ihr habt euch auf Metropolis musikalisch weiterentwickelt. Was habt ihr bei der Produktion von Metropolis anders gemacht als bei Fliegende Fische?

 

Marie: Wir wollten diesmal ein Album produzieren, das urbaner klingt und Hip-Hop-lastiger ist als das letzte. Deswegen haben wir uns auch darüber gefreut, dass wir auf Metropolis auch einen Beat von Farhot draufhaben.

 

Johnny: Das Soundbild hat sich natürlich auch auf unsere Texte ausgewirkt, wodurch sie rougher und düsterer geworden sind. Wir können zwar nicht sagen, dass Neonschwarz düstere Musik macht, sie ist aber nicht mehr ganz so verträumt und positiv utopisch wie Fliegende Fische.  

 

Metropolis ist ebenfalls der Titel eines Stummfilms aus den 1920er Jahren, in dem es um eine Stadt geht, in der es eine starke Zweiklassengesellschaft gibt. Dort hat die Unterschicht sogar eine andere Zeit und lebt unter katastrophalen Bedingungen.

 

Marie: Ja, den kennen wir. Ich finde den Film auch ziemlich cool und interessant, zumal man sonst eigentlich keine Stummfilme mehr anschaut. 

 

Hat euch der Film für das Album inspiriert?

 

Johnny: Nein, wir kannten den Film vor dem Albumprozess gar nicht. Selbst als wir auf der Suche nach dem Albumtitel waren, haben wir den Film nicht angeschaut, obwohl wir wussten, dass es einen Stummfilm gibt, der Metropolis heißt. Erst während der Aufnahmephase haben wir ihn uns mal gemeinsam angeschaut, wodurch es keine Anlehnungen an den Film gibt. Weder an die Ästhetik noch an den Inhalt. Eine Zweiklassengesellschaft ist für die heutige Zeit auch etwas überholt, denn das muss man komplexer fassen. Aber wie Marie schon sagt, gibt es im Film coole Sachen, die interessant dargestellt sind. 

Der Film ist sehr sozialkritisch, was euer Album teilweise auch ist. Deswegen habe ich gedacht, dass euch der Film inspiriert hat.

 

Johnny: Es gibt tatsächlich Parallelen, wobei der Film mit einer Zweiklassengesellschaft etwas zu simpel gezeichnet ist, als dass es auf die heutige Zeit übertragbar wäre. Aber wir sehen, dass es Herrschende gibt und Menschen, die unterdrückt werden. Das beschreiben wir auch in unseren Texten und ist wohl die Parallele zum Film. Oder auch, dass man riesige, anonyme Häuserblocks hat, die bis zum Himmel ragen. Das spiegelt sich in unserer Ästhetik wieder, aber in einer eigenen Neonschwarzen Art und etwas bunter als im Film [lacht].

 

Marie: Eine andere Parallele ist, dass man das Leben einer Gesellschaft am Beispiel einer Stadt darstellt. So ein bisschen haben wir das auch in unserem Album. 

 

Ich habe kaum einen Artikel von euch gefunden, in dem eure Musik nicht als „Zeckenrap“ beschrieben wurde. Aber eigentlich bringt ihr nur Deutschrap zurück zu den Wurzeln, denn Advanced Chemestry [Anm. d. Verf.: Erste Deutschrapcrew] war politischer Rap, in dem es um Ungleichheit und Unterdrückung ging, oder?

 

Marie: Schön, dass es mal jemand sagt. Denn es wird ja immer so hingestellt, als ob „Zeckenrap“ von außen in die Hip-Hop-Szene eindringt und alle missionieren will. Das haben wir aber nie gesagt und ich weiß nicht, wie die Leute dazu kommen, so etwas zu behaupten. Aber wenn man zurückschaut, machen wir Rap so, wie es damals angefangen hat. Das Sozialkritische ist doch das, was Hip-Hop früher ausgemacht hat. Dass man sich eben mit den Verhältnissen auseinandergesetzt hat, in denen die Menschen leben. 

 

Johnny: Diesen provokanten Begriff haben wir damals noch bewusst gewählt und wie man an den Berichten und Reviews merkt: Er fällt auch immer wieder. Damit haben wir etwas angestoßen, das viele Leute ärgert. Aber wir haben auch keinen Bock, unser Leben lang darauf reduziert zu werden, schließlich überschneidet er sich oftmals mit ganz normalem Rap, den niemand als „Zeckenrap“ bezeichnen würde. 

„Die Jogginghose steht symbolisch gegen diese arbeitsame Welt.“

Den traditionellen Rap merkt man besonders auf euren Tracks Rapstars oder Check Yo’self. Dort sieht man auch, dass ihr musikalisch mit den 1990ern des Hip-Hops großgeworden seid oder sie zumindest feiert. Warum dann trotzdem diese Liebe zu Melodien?

 

Marie: Das kommt natürlich auch von mir, weil ich den Gesang hier reingebracht habe. Ich habe schon immer gesungen und rappe erst seit 2013. Deswegen fällt mir auch gleich eine Melodie ein, wenn ich einen Beat höre. Dadurch sind auch so viele Gesangshooks in unseren Songs, aber das ist doch schön [lacht]. 

 

Johnny: Dem kann ich nur zustimmen. Durch Marie ist es sehr musikalisch geworden, was aber doch sehr cool ist. Dadurch heben sich unsere Auftritte von normalen Hip-Hop-Shows stark ab. 

 

Marie: Auf Metropolis gehen wir sogar den nächsten Schritt und Johnny Mauser singt nun ebenfalls. Wenn wir ehrlich sind, singt Captain Gips auch auf manchen Hooks. Zwar sing er nicht so große Melodien, aber er singt! 

 

Während Marie rappt. 

 

Johnny: Aber das ist doch das Coole bei uns. Unsere einzelnen Aufgaben sind etwas komplexer durchmischt und wenn wir Spion Y noch zum Rappen kriegen, ist alles super. 

 

Auf eurem Album gibt es sogar eine Jogginghosenhymne. Es gibt kein anderes Musikgenre, in dem sie so gut ankommt wie im Rap. Was glaubt ihr, woran das liegt?

 

Johnny: Rap ist grundsätzlich ein lässiges Musikgenre, vor allem im Vergleich mit Gitarrenmusik. Da passt die Jogginghose eben ganz gut hinein. Wenn ich mich an meine Jugend zurückerinnere, haben wir Basketballer unsere Freizeit in Jogginghosen verbracht und viel Hip-Hop gehört. Vielleicht ist es auch deswegen schon so gut verknüpft. Dazu kommt, dass wir bei Neonschwarz den Arbeitswahn ablehnen. Die Jogginghose steht symbolisch gegen diese arbeitsame Welt. Da ist unser Jogginghosensong also nur eine logische Konsequenz.

Auf eurem letzten Album gab es den Song 2014, der die missliche politische Lage in unserem Land angesprochen hat. Seitdem ist sie sogar noch schlechter geworden und rechte Parteien sind in mehrere Landtage eingezogen. Musste auf eurem neuen Album deswegen der Song 2015? Geht ihr jetzt schon davon aus, dass euer nächstes Album den Track 2016 beinhaltet?

 

Marie: Wir hatten nie geplant, dass wir daraus eine Serie machen werden allein deswegen können wir 2016 nicht garantieren. 2014 ist entstanden, als es immer mehr rassistisch motivierte Übergriffe und Demos gab und wir das Gefühl hatten, die Mitte der Gesellschaft rückt immer stärker nach rechts. Damals haben wir aber nicht mit Pegida und den 2015 folgenden Reihe von Angriffen auf Flüchtlingsunterkünfte gerechnet. Deshalb hatten wir den Eindruck, wir müssten mit 2015 nochmal nachlegen und eine Art "musikalischen Jahresrückblick" liefern.

 

Johnny: Die Songs unterscheiden sich auch davon, dass wir auf 2014 noch deutlich optimistischer nach vorne schauen. Der Track war als eine Ansage gedacht, dass wir uns dem in den Weg stellen werden, sobald eine pogromartige Stimmung herrscht. Im Song 2015 fragen wir stattdessen eher, wer bereit stand und wer gelähmt blieb. Es beschreibt traurigerweise, dass an Gegenprotesten nicht genug teilnahmen und Rassisten es geschafft haben, sich in Deutschland breitzumachen. Dadurch ist die Stimmung auf 2015 eine ganz andere. 

 

Dann wäre die logische Konsequenz, dass der Nachfolger davon handelt, dass rechte Parteien eine Regierung bilden. 

 

Johnny: Als Songthema steht es schon bereit, aber das hoffen wir mal nicht. Das ist doch das Worst-Case-Szenario. Aber man muss nur mal nach Österreich und Osteuropa schauen, um zu merken, dass das gar nicht so weit weg ist. Wer weiß denn schon, was noch für Ereignisse geschehen, die dafür sorgen könnten, dass die AfD eine bundesweite Regierung bildet. Das ist doch mittlerweile gar nicht mehr absurd, obwohl es für mich persönlich noch vor ein paar Jahren undenkbar gewesen ist. 


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