Interview mit Konvoy

„Wir führen da eine echt krasse Beziehung. Wenn man das mit einer Partnerschaft vergleicht, stellt man viele Ähnlichkeiten fest.“

Foto: Walter Glöckle (v. l. n. r.: Moritz, Joe & Lazlo)

Autor: Walter Schilling

 

 

Die Art und Weise wie die Konvoy mit ihrer Musik umgeht, erinnert stark an die alten, unvergessenen Jam-Zeiten des Hip-Hops. Die drei Jungs aus und um Stuttgart haben schon vor ihrem Debütalbum mehrere Festivals gespielt und waren schon Vorgruppe für den ein oder anderen Rapper. Das heißt, dass Joe, Lazlo und Moritz schon vor ihrem ersten Langspieler viel Bühnenerfahrung sammeln konnten und sie in die Produktion von Alles mitnehmen einfließen lassen konnten. Genau das ist es, was sie mit den traditionellen Rappern gemeinsam haben: Zuerst rockt man die Bühne, ehe versucht wird, irgendwelche Internethypes zu kreieren. In einem Stuttgarter Café sprach ich mit der Band über ihre vergangenen Auftritte, Emotionen während der Albumproduktion und ihre Inspirationsquellen. 

Was sind eure musikalischen Inspirationen für das Album gewesen?

 

Lazlo: Wir haben alle ganz verschiedene Geschmäcker und das Album ist der Konsens aus uns drei. Joe kommt zum Beispiel gar nicht aus der Hip-Hop-Ecke, während ich stark von Deutschrap geprägt bin. Wobei ich das auch nicht mehr so viel höre wie früher. Man entwickelt sich eben weiter. 

 

Joe: Wir sind auch gar nicht mit dem Ziel an das Album rangegangen, dass wir genau dieses Album produzieren möchten. Es ging uns mehr darum, einen Sound zu kreieren und Songs zu schreiben. Was wir straight verfolgt haben. 

 

Moritz: Man sitzt eben zusammen und fängt einfach an. Deswegen kann man gar nicht sagen, warum es so klingt, wie es nun klingt. 

 

Lazlo: Wir bekommen unsere Beats auch nicht von irgendwelchen Produzenten zugeschickt, sondern arbeiten gemeinsam daran im Studio. Dadurch kommt die Idee aus uns gemeinsam heraus. 

 

Mit Joe habt ihr auch jemanden in eurer Band, der sich allein um die Beats kümmert.

 

Joe: Ja, ich bin als Schlagzeuger in die Musikszene eingestiegen. Noch heute bin ich zu 50 Prozent Drummer, aber eben auch zu 50 Prozent Producer. So mischt jeder von uns seine Skills in das Projekt rein. Moritz ist dagegen Rapper und Produzent, während Lazlo der Songwriter und Rapper ist, der manchmal auch mitproduziert. Deswegen haben wir gar keine klare Aufgabenverteilung. Natürlich haben Moritz und ich uns hauptsächlich um die Produktion gekümmert, aber das verschmilzt alles irgendwie zusammen.

Kann man dann überhaupt eine klare Linie ziehen und sagen, wer welchen Beat produziert hat?

 

Moritz: Nein, so genau kann man das nicht sagen. Aber natürlich macht jemand mal einen Vorschlag und sorgt dafür, dass es so klingt, wie das Endergebnis nunmal klingt. Aber dann bastelt der nächste weiter und die Grenzen vermischen sich. 

 

Lazlos: Und wir basteln krass! Wir haben von manchen Songs 13 verschiedene Versionen, was aber manchmal auch zum Kotzen ist. Ich wage es zu bezweifeln, dass es noch viele weitere Rapper und Rapbands gibt, die so viel mit ihrer eigenen Mucke zu tun haben wie wir. 

 

Joe: Als wir vorhin im Proberaum unsere neue Show geprobt haben, haben wir uns darauf richtig gefreut. Endlich wieder etwas Neues. Aber nach zehn Minuten haben wir schon festgestellt, dass wir unsere Musik während der Produktion tot gehört haben. Aber es ist natürlich besonders geil, wenn wir unser Album veröffentlichen und es dort nichts gibt, was uns nicht gefällt. Natürlich geht jeder von uns Kompromisse ein, aber die gibt es zwangsläufig.

 

Waren  die Kompromisse zu Beginn der Albumproduktion schwieriger als zum Ende hin?

 

Moritz: Es ist immer mal wieder schwierig. Da gefällt dem einen etwas, was dem Rest aber nicht gefällt. Da wird sich immer wieder geboxt. Aber genau das ist das Coole, denn so entsteht etwas wirklich Neues, worauf man alleine nie gekommen wäre. 

 

Joe: Wir führen da eine echt krasse Beziehung. Wenn man das mit einer Partnerschaft vergleicht, stellt man viele Ähnlichkeiten fest. Es gibt auch bei uns mega coole Phasen und manchmal zofft man sich auch mal. Aber wir sind mittlerweile so gut eingespielt, dass man sich nicht so streitet, dass man eine Woche lang beleidigt ist. In der Regel dauert die Phase nämlich zehn Minuten. 

„Dabei muss man auch berücksichtigen, dass wir ein waschechtes Do-it-yourself Team sind.“

 

War diese intensive Produktionsphase auch daran Schuld, dass ihr erst jetzt euer Debütalbum veröffentlicht? Ihr habt als Band bereits 2013 den ersten Song veröffentlicht, danach noch zwei EP’s, aber noch nie ein Album.

 

Moritz: Das ist mit Sicherheit auch ein Grund, aber wie du schon sagst, wir haben schon zwei EP’s veröffentlicht. Es ist ja nicht so, dass wir in den letzen Jahren gar nichts gemacht hätten.

 

Joe: Dabei muss man auch berücksichtigen, dass wir ein waschechtes Do-it-yourself Team sind. Wir haben unseren Manager, Mischer und Lichtmann des Vertrauens, einen Booker und einen Tourmanager. Aber das wars dann auch. Wir haben kein Label hinter uns, das uns beim Album hilft und uns entlastet. Diese Arbeitsweise bringt bei uns wiederum eine gewisse Unsicherheit, weil wir eben die alleinige Verantwortung tragen. Obendrein sind wir ohnehin schon unsere größten Kritiker, was insgesamt dafür sorgt, dass wir sehr akribisch an unseren Songs arbeiten. Deswegen hat das Album bei uns so lange gedauert. 

 

Moritz: Irgendwann sind es auch keine Songs mehr für uns gewesen sondern nur noch Großbaustellen. Wir wollten eben keine kleinen Hütten bauen, sondern riesige Wolkenkratzer.

 

Lazlo: Unser nächstes Album wird Stuttgart21 heißen [lacht]. 

Ne, wir wollen einfach einen Sound produzieren, um damit eine krasse Bühnenshow präsentieren zu können. So sind wir als Band auch entstanden. Moritz und ich hatten vor Konvoy schon die Crew Zweiplus, in der wir einfach nur Beats produziert haben, aber weniger mit Arrangements wie wir es heute machen. Als Joe aber dazugestoßen ist, hat das so nicht mehr funktioniert. Die vorgeschusterten Beats ließen keinen Platz mehr für einen Drummer, der nicht einfach nur ein Drummer ist sondern auch ein Songwriter und Produzent. Schlussendlich haben wir einen Schlussstrich unter Zweiplus gezogen und mit Joe zusammen die Band Konvoy gegründet, mit der wir etwas ganz Neues machen.

 

Lass uns mal zu eurem Song Totgespielt kommen, in dem ihr darum trauert, dass eure Songs von Radios tot gespielt worden sind. Was sind dabei eure schlimmsten Erfahrungen und Erlebnisse? Habt ihr Lieblingssongs, die ihr nicht mehr hören könnt?

 

Lazlo: Das passiert immer wieder. Ich höre auch Radio und Thrift Shop ist zum Beispiel ganz krass. Anfangs war das eine richtige dope Nummer, aber mittlerweile geht das gar nicht mehr. 

 

Joe: Früher habe ich den Song bestimmt siebenmal am Tag angehört, aber jetzt dreht er mir die Ohren nach innen. 

 

Lazlo: Es geht dabei auch nicht nur um die Songs, die das Radio tot gespielt hat sondern auch die Zeit. Ich kann mir keine Hip-Hop-Party geben, auf der der DJ immer noch Still Dre auflegt. Ich will auch mal Dinge hören, die ich nicht kenne. Aber vielleicht bin ich komisch, was das angeht, dass ich gerne zur Mucke feier, die ich noch nicht kenne. 

Ich finde, dass die Dorfdiscos dabei am schlimmsten sind!

 

Moritz: Nicht unbedingt. Die spielen das doch auch ständig in Stuttgart. Auf jeder Hip-Hop-Party, die als solche angekündigt wird, läuft Still Dre. Auch Esperanto ist ein geiler Song, aber den kannst du nicht mehr spielen. Es gibt doch auch so viele neue, nice Künstler. Ich verstehe das nicht. 

 

Joe: Das ist wie in der Mode oder in der Autoindustrie, man braucht immer wieder etwas Neues. 

 

Lazlo: Ja, wie bei den roten Schuhen [Moritz hebt seinen Fuß hoch und weist auf seine roten Schuhe hin]! Wie viele Lellos laufen da draußen mit roten Schuhen rum[Erst jetzt bemerkt Lazlo die roten Schuhe von Moritz und beginnt zu lachen]? Bei Moritz ist es in Ordnung, ich weiß, dass er sich seit zwei Jahren keine neuen Schuhe mehr leisten kann. Deswegen an dieser Stelle: Die Line mit dem Radio ist nicht so ernst gemeint. Liebe Radiosender, spielt unsere Songs [lacht].

 

Auf eurem Album gibt es im Grunde zwei große Emotionen: Glück und Trauer. Sind das auch die Gefühle, die euch während der Albumproduktion am meisten begleitet haben? Wut findet zum Beispiel auf eurem Album kaum statt.

 

Joe: Wir sind schon immer wieder wütend, aber haben Respekt davor, diese schlechten Vibes in Songs zu packen und nach außen zu tragen. Natürlich haben wir ein paar Stücke, die nach vorne gehen, aber sie werden nicht von Wut getragen. Wir haben auch unsere rebellischen Momente, aber verpacken sie am Ende etwas harmloser.

 

Moritz: Das wirft uns auch die Musikindustrie immer wieder vor. Sie meinen nämlich, dass wir zu wenig Biss hätten. Ihr Wi***er!

 

Lazlo: Vielleicht liegt es auch an der Art, wie wir Musik machen. Denn in der Regel haben wir kein bestimmtes Thema, über das wir schreiben möchten, sondern lassen uns vom Vibe catchen. Wenn wir zu dritt im Studio sitzen, sind wir erstmal froh darüber, im Studio zu sein und gemeinsam Mucke zu machen. Da kommt Wut oder Antihaltung eher selten vor.

Habt ihr euch für die Beats des Albums auch noch weitere Leute dazugeholt?

 

Moritz: Aiko Rohd, der auch schon auf unserer letzten EP mitgearbeitet hat, hat auch diesmal bei zwei oder drei Songs mitgemischt. Davon abgesehen haben wir noch den ein oder anderen Musiker ins Studio eingeladen, der etwas eingezockt hat. Aber ansonsten haben wir alles selbst gemacht. 

 

Joe: Bei den beiden Featuresongs Eeny Meeny Miny Moe und Reset haben unsere Gäste die Songs produziert, aber wie gesagt, das sind ja die Featuregäste. 

 

Lazlo: Auf dem letzen Album von Zweiplus haben wir auch einen Song ganz alleine produziert, in dem 1 Minute nur Stille war. Kein Ton, nichts. Der wird heute noch beim Radio gerne gespielt, sobald es zu Störungen kommt. Da frage ich mich eigentlich, wo meine GEMA-Kohle hin ist [lacht].

 

Wie habt ihr eure Liveshows in der Vergangenheit gestaltet, als ihr noch keinen einzigen Longplayer veröffentlicht habt?

 

Lazlo: Wir haben damals auch noch unveröffentlichte Tracks gespielt. Es war halt erst die vierte Version von dem Track, also noch weit weg von dem, wie es jetzt auf dem Album klingt. Durch das Livespielen haben wir die Songs auch noch mal verfeinert. 

Auf den Support-Touren hatten wir meist nur einen Slot von 30 Minuten, wodurch das dann sowieso kein Problem war, die zu füllen. Jetzt, mit dem Album, können wir aber auch locker zwei Stunden lang spielen. 

 

Die letzen Worte gehören euch:

 

Joe: Holt euch das Album bei iTunes oder Amazon.



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