Machen Kleider Leute?

Jeden Schilling wert! (Kolumne)

Autor: Walter Schilling

 

 

Ist es eigentlich möglich, anhand des Kleidungsstils den Musikgeschmack eines Menschen abzulesen? Zumindest beim Rap kann man deutlich Nein sagen. Spätestens seitdem auch namenhafte Rapper mit Vorliebe körperbetonte Kleidung tragen und den typischen Oversize-Klamotten abgeschworen haben. Ich behaupte jedoch, dass man die Einstellung der Rapper sehr wohl an den Klamotten und ihrer Musik ablesen kann. Daher habe ich euch ein paar Künstler rausgesucht, deren Styles Rückschlüsse auf ihr Inneres offenbaren.

Juse Ju in seiner babyblauen Collegejacke

Screenshot aus dem Video Juse Ju & Bluestaeb - Pausenhoflogik

 

Juse Ju ist ein Battlerapper wie er im Buche steht. Auf seinem letzten Longplayer Angst & Amor bringt er nicht nur seine Abneigung gegenüber Hierarchiestrukturen zum Ausdruck, sondern auch gegenüber Max Herre, Olsen, Verschwörungstheoretikern, dem Mainstream und auch den sogenannten „Modeopfern“, wie er modebewusste Menschen nennt. Gerade gegenüber denjenigen, die sich dem Zeitgeist entsprechend anziehen, scheint er eine besondere Abneigung zu haben, die sich in seinem Kleidungsstil widerspiegelt, denn er trägt seit Jahren die immer gleiche Jacke. Egal, ob zu Interviews oder in Videoclips: Es ist immer dieselbe babyblaue Collegejacke. Ihm scheint es überhaupt nicht zu passen, dass Klamotten gewissen Trends unterworfen sind und auch mal aus der Mode kommen. Er übt darin sogar etwas Kapitalismuskritik, wenn er seine Jacke solange trägt, bis sie kaputt ist, statt sich ständig etwas Neues zu kaufen. Letztendlich erweckt er aber modisch den Eindruck - den er mit seiner Musik bestätigt - dass er in den 1990ern hängengeblieben ist.

Megaloh im Hoodie, ohne typisches Beanie

Screenshot aus dem Video Megaloh feat. Trettmann Wer hat die Hitze

 

Apropos 1990er: Megaloh, dessen Beanie zu seinem Markenzeichen geworden ist, gehört auch zu den Rappern, die mit dieser Zeit wahnsinnig viele positive Erinnerungen verbinden. Man merkt es nicht nur an den Werten und Inhalten, die er in seinen Texten vermittelt sondern auch an seinem Kleidungsstil. Vor allem mit den breiten Hosen und weiten T-Shirts, die er schon 2011(womöglich schon seid 1990) trug und bis heute noch trägt. Damit  zelebriert er seine Nostalgie an eine längst verlorene Zeit. Dadurch ist er vor allem eine Stimme für die konservativen Rapheads geworden, die sich nicht ganz damit abgefunden haben, dass Rap nicht immer real sein muss oder auch mal enge Hosen tragen darf.

Casper in Röhrenjeans

Screenshot aus dem Video Casper Michael X

 

Es gibt aber auch Rapper, die sich nicht in den 1990ern verloren haben und stattdessen modisch mit der Zeit gehen. Casper ist hierfür wohl das beste Beispiel. Er hat sowohl mit seiner Musik als auch mit seinem Modestil Deutschrap etwas Neues gegeben. Ohne eine riesige Portion Selbstbewusstsein, hätte er das niemals so umsetzen können! Denn in einer Szene, in der es zum guten Ton gehörte, die Klamotten etwas größer (T-Shirts in XXXL) zu tragen, fällt man mit Röhrenjeans und T-Shirts in M durchaus auf. Entweder macht man das, weil man auf Teufel komm raus die Aufmerksamkeit sucht oder sich so wertschätzt, wie man ist und sich von den anderen nicht verbiegen lässt. Wenn man sich vor Augen hält, dass Casper kein skandalträchtiger Rapper ist, der ständig auf der Suche nach Aufmerksamkeit ist, wird einem klar, wie selbstbewusst er in Wahrheit ist.

Shindy ist sich aktuellen Modetrends bewusst

Screenshot aus dem Video Shindy - JFK / Safe

 

An Selbstbewusstsein mangelt es Shindy auch nicht. Wenn man jahrelang im Untergrund rappt und sich nur langsam nach oben bewegt, hat man einen starken Glauben an sich selbst gezeigt. Es ist kein Geheimnis, dass er eine lange Zeit auf vieles verzichten musste, während er an seinem Traum gearbeitet hat. Daher ist es nicht verwunderlich, dass er heute, nachdem er enorm viele Einheiten seiner Musik verkauft hat, sich vieles gönnt. Daher übersteigen seine Outfits gerne mal den Monatslohn der Mittelschicht. Obendrein sind sie auch noch sehr gut kombiniert, was sein Gefühl für Ästhetik unterstreicht. Shindy ist sich aktueller Modetrends bewusst und verewigt den Zeitgeist sowohl in seiner Musik als auch in seinen Outfits.

Ali As zeigt sein Geld

Screenshot aus dem Video Ali As - Farid Bang

 

Bei Ali As vermisst man hingegen das Bewusstsein für den Zeitgeist. Er ist dagegen eher sowas wie Deutschraps Mitläufer, der sich zwar auch teure Outfits leisten kann, diese aber etwas zu wild durchmischt. Seine Sonnenbrille, sein Sweatshirt und auch seine Schuhe sind wunderschöne Einzelstücke, doch so wie er sie kombiniert, sieht das nicht besonders stilvoll aus. Ali hat zwar sowohl Plan von Mode als auch von Musik, doch von der Umsetzung deutlich weniger. Daher erweckt er den Eindruck, als wisse er noch immer nicht, wofür er stehen möchte und gibt mit seinem Outfit nur ein einziges Statement: Ich habe Geld.

Sido akzeptiert sein Alter

Screenshot aus dem Video Sido feat. Olexesh - Löwenzahn

 

Sido dagegen weiß, wofür er stehen möchte und versucht nicht den Modetrends der Jugendlichen nachzueifern, sondern seine Streetwear als grown man zu finden. Es heißt, man soll jede Mode nur einmal mitmachen und sein Alter einfach akzeptieren. Sido tut genau das, denn seine Outfits, die er in den letzten Jahren getragen hat, waren nie besonders angesagt bei den Jugendlichen, aber trotzdem fresh. Doch man erkennt an seinem Kleidungsstil nicht nur, dass er mit seinem Alter kongruent ist, sondern auch seine Popaffinität. Er will nicht mehr so provozieren wie er es einst tat und zeigt sich lieber in Klamotten, die weniger Ecken und Kanten haben und somit für niemanden zu anstößig sind. Denn der Fokus liegt auf der Musik.


Artikel teilen

Artikel twittern


Das könnte dir auch gefallen:

Mundart-Rap

Deutsch ist nicht gleich Deutsch. Das fällt einem bei einer Reise durch deutschsprachige Regionen schnell auf. Schließlich wird in Köln anders gesprochen als in München, da es unzählige Dialekte gibt. Allerdings waren diese noch vor ein paar Jahren im Rap eine Seltenheit und wenig akzeptiert. Doch genau das ändert sich dieser Tage. Bestes Beispiel ist der Mundart-Rap aus Österreich, der im Moment so angesagt ist wie nie zuvor. Auch die Straßenrapper kommunizieren in ihrem eigenen Straßenslang. Es folg eine Ode an die Sprachvielfalt.

Endlich mehr Frauen im Deutschrap

Obwohl sie nur von wenigen Hörern beachtet werden, gibt es sie: Deutsche Female MCs, die eine große Portion Skills und ebenso viel Verständnis für Kunst mitbringen. Daher fällt es ihnen nicht schwer, mit ihren männlichen Kollegen mitzuhalten. Da sie auch aus einer anderen Perspektive rappen, und zwar mit den Augen einer Frau, stellen sie eine wahre Bereicherung für den Hip Hop dar. Darum präsentiere ich euch in dieser Kolumne ein paar Damen, die zwar nicht viele Rapfans kennen, doch die man unbedingt auf dem Schirm haben sollte.

Interview mit Rin

Es war der 3. Juli 2015, der Rins Leben ein für alle Mal veränderte. Zu diesem Zeitpunkt rappte er noch im tiefsten Untergrund Bietigheim-Bissingens, in dem er heute noch aktiv ist. Am besagten Tag veröffentlichte er das SplitvideoLjubav/Beichtstuhl, das heute etwas über 10.000 Klicks aufweist, doch in der Rapszene trotzdem großen Anklang fand. Plötzlich hatten ihn die Szene-Größen auf dem Schirm wie Casper, Falk Schacht, Live From Earth, LGoony oder Young Hurn, die den Track teilten oder kommentierten. Keine zwei Stunden nach der Veröffentlichung hatte Rin schon einen Top-Produzenten am Start, der mit ihm zusammenarbeiten wollte. Doch erst einmal zurück zum Anfang: Started from the Bottom. 

Kommentar schreiben

Kommentare: 0