Interview mit Jenny Marsala

„Was ich echt geil finde, an meiner bisherigen musikalischen Laufbahn, ist, dass ich alle Stilrichtungen mal durchprobiert habe.“

Autor: Walter Schilling

Foto: Milon Quayim

 

 

Jenny Marsala ist zwar aktuell noch im deutschen Untergrund unterwegs, doch sie kennt schon die großen Bühnen Europas und landete mit dem Projekt Novaspace im Osten unseres Kontinents die großen Hits. Sie tourte mehrere Jahre durch Osteuropa und füllte dabei Halle um Halle, bis das Kapitel Novaspace beendet worden ist. Die Musiker gingen getrennte Wege und Jenny, Sängerin und Frontfrau des Projekts, begann ihr Musikstudium an der Hochschule in Stuttgart. Man könnte spotten und behaupten „Einmal Star und zurück“, doch damit wird man ihr nicht ansatzweise gerecht. Denn ihr Lebenstraum war und ist deutsche Popmusik zu schreiben. 

Jazz, Eurodance, Soul, Rock und Pop: Die Powerlady beherrscht die verschiedensten Musikstile aus dem Effeff. 

In den letzten Tagen bekam sie durch ein erstaunliches und unterhaltsames Video die Aufmerksamkeit von Abermillionen von Menschen geschenkt, weswegen wir uns mit ihr auf einen Tee in der Stuttgarter Innenstadt verabredet haben.

Du hast dich für einen konservativen musikalischen Werdegang entschieden und studierst Gesang an der Musikhochschule in Stuttgart. Warum hast du dich für diesen Schritt entschieden?

Ich habe diesen Wunsch schon immer gehabt, weil ich auch schon sehr früh Gesangsunterricht an einer privaten Musikschule in Leonberg bekommen habe. Die meisten Lehrer, die dort unterrichtet haben, haben Gesang studiert und mich auf die Idee gebracht, es auch zu tun. 

Eine zeitlang bin ich zwar davon ausgegangen, dass ich BWL oder ein anderes Fach, das gesellschaftlich hoch angesehen ist, studieren werde. Aber das hat sich nicht richtig angefühlt. Ich fühle mich von Musik, Tanz, Theater, Musical und Film einfach angezogen und habe mich mit 16 Jahren mal bei meinen Lehrern informiert, was es denn überhaupt für Optionen gibt. 

 

Die haben dir dann den Studiengang Gesang nahegelegt?

Ja, von ihnen wusste ich überhaupt, dass man das studieren kann. Nach meinem Abi habe ich mich dann auch überall beworben, habe aber lauter Absagen bekommen. Ich war damals noch total unerfahren was Jazzmusik angeht.

 

Haben sie dich bei deiner Aufnahmeprüfung denn nach deinen Jazzkenntnissen gefragt?

Ja, man muss Jazzstandarts vorsingen und auch Klavier vorspielen. Ich habe aber nie Klavierunterricht gehabt und es mir für die Aufnahmeprüfung selbst beigebracht. Schließlich ist Klavierunterricht auch sehr teuer. Gesangsunterricht war noch drin, mehr aber nicht. Ansonsten hatte ich noch zwei Jahre lang Unterricht in der Harmonielehre.

Was ist denn der Unterschied zwischen Gesangsunterricht und der Harmonielehre?

Im Gesangsunterricht macht man Atem- und Gesangübungen, was ich übrigens mittlerweile auch mit meinen Schülern mache. Man feilt dort an seiner Gesangstechnik und singt sehr viel. Irgendwann habe ich zwar den Gesangsunterricht weiter bezahlt, bin aber mit Stift und Papier zu meiner Lehrerin hin und wir haben Musiktheorie gebüffelt. 

 

Ihr habt also anhand von Musiknoten Songs geschrieben?

Man kann es sich wie die Grammatik vorstellen - nur mit Musik [grinst]. Ich wusste, dass es sehr schwierig wird, in eine Musikhochschule reinzukommen, denn jede Hochschule nimmt pro Jahr nur einen Gesangstudenten auf. Gleichzeitig bewerben sich aber jährlich 60 Leute auf diesen einen Studienplatz. Trotzdem war ich erstmal geknickt, weil ich von allen Hochschulen, an denen ich mich beworben habe, eine Absage bekommen habe. Anschließend bin ich für ein Jahr nach Mannheim gezogen, mit dem Ziel, mich im nächsten Jahr wieder zu bewerben. 

 

Um dort deine Jazzkenntnisse zu erweitern?

Puh, ich habe es versucht, doch eigentlich habe ich dort mehr meine Freiheit genossen. Ich habe zum ersten mal meine eigene Wohnung gehabt und mehr Zeit damit verbracht, die Stadt zu erkunden und neue Freundschaften zu schließen. Quasi das Studentenleben genossen. 

 

Obwohl du keine Studentin warst.

Ja, ich war als Gasthörerin an der Musikhochschule in Mannheim eingeschrieben. Letztendlich habe ich mich im Folgejahr an keiner einzigen Schule beworben, weil ich den Deal von Novaspace bekommen habe. 

 

Gutes Stichwort: Mit Novaspace bist du in eine ganz andere musikalische Richtung gegangen, als das, was du mittlerweile veröffentlichst. 

Was ich echt geil finde, an meiner bisherigen musikalischen Laufbahn, ist, dass ich alle Stilrichtungen mal durchprobiert habe. Ich finde das auch sehr wichtig, denn nehmen wir mal einen Gitarristen, der immer nur Jazz spielt: Der weiß ja gar nicht, wie es sich anfühlt, ein richtiges Rockstück zu spielen. 

Ich war mir bei Novaspace auch sehr bewusst, dass es nicht meine Herzensstilrichtung ist. Trotzdem habe ich dort mitgemacht, weil ich einfach Bock hatte und es ein super Deal war. Es war auch ein Projekt, das es schon gab und eine Geschichte hatte und eben nicht Jenny Marsala hieß. Und natürlich habe ich Lust gehabt, die Bühnen- und Studioerfahrungen zu sammeln. Mit Novaspace stand ich auf wirklich große Bühnen im osteuropäischen Raum und hatte Fernseh- und Radioauftritte. 

In Deutschland seid ihr damit auch gar nicht so erfolgreich gewesen, sondern tatsächlich eher Osteuropa. 

Wir sind zwar auch in Deutschland mit unserer Musik gechartet, aber den großen Erfolg haben wir damit tatsächlich in Osteuropa gefeiert. Insbesondere in Tschechien, wo wir eine zweijährige Tschechientournee gespielt haben.

 

Novaspace war tatsächlich kein halbherziges Projekt. Wenn man sich zum Beispiel das Video von Don’t look back anschaut, merkt man, dass ihr sehr professionell gearbeitet habt. 

Ja, es war großes Kino. Ich wurde in Tschechien auch überall wiedererkannt. Schon als ich in Tschechien am Flughafen angekommen bin, waren gleich die ersten Leute da, die mich erkannt haben. Das war eine krasse Zeit, vor allem wenn ich nach Deutschland zurück gekommen bin. Das waren fast zwei parallele Welten. 

 

Nachdem du bei Novaspace aufgehört hast, hast du wieder bei null angefangen und backst jetzt kleinere Brötchen, oder wie siehst du das?

So würde ich das nicht sagen. Ich habe schon immer den Traum gehabt, deutsche Musik zu schreiben und das war und ist meine höchste Priorität. Ich bin mit Xavier Naidoo und Cassandra Steen aufgewachsen. Novaspace, mein Musikstudium oder das Feature mit Rapsta sind alles Dinge, die nebenbei passiert sind. Dass ich jetzt weniger Geld als mit Novaspace verdiene oder man mich nicht mehr im Fernsehen zeigt, ist für mich kein Rückschritt. Verstehst du was ich meine?

 

Dass du deinem eigentlichen Ziel mit Novaspace nicht näher gekommen wärst?

Lass es mich so sagen: Auf meiner Reise habe ich viele coole Dinge erlebt, aber das Ziel ist mein deutsches Album.

 

Du machst auch mittlerweile gar keinen Eurodance mehr, den ihr damals mit Novaspace noch gemacht habt. Hat dich dein Studium dazu inspiriert?

Nein, in meinem Studium tauche ich in die Welt des Jazz ein und probiere mich dort aus. Das ist fremdes Terran und ich bin dort nach wie vor sehr neugierig. Deswegen studiere ich es auch. Novaspace war eher ein Ausflug, doch meine eigene Musik ist dann aber doch deutscher Pop/Rock/Soul. 

 

Du scheinst auch mit der Rapszene gut vernetzt zu sein. Neben dem erwähnten Track mit Rapsta, Unter Wasser, hast du auch zum Beispiel Nasou bei seiner Liveshow gesanglich unterstützt.  

Ja, ich liebe auch Deutschrap und finde die Entwicklung, die er in den letzten zehn Jahren gemacht hat wahnsinnig toll. Die Kontakte, die ich mit den Rappern geknüpft habe, waren einfach Schicksal. Wir haben uns irgendwann kennengelernt und sind immer in Kontakt geblieben. Mal feiert man zusammen, mal macht man gemeinsame Studio-Sessions oder telefoniert einfach mal zwischendurch. Die musikalischen Zusammenarbeiten entstehen dabei ganz beiläufig. 

Wie ist der Song Unter Wasser mit dir und Rapsta entstanden? Hat er dich angerufen und gefragt, ob man nicht mal gemeinsam einen Hit schreiben soll?

Mein Kollege Rapsta arbeitet sehr, sehr professionell. Er hat mich eingeladen um mir den Song zu zeigen und mit mir darüber zu sprechen. Wie fühlt sich der Track an? Was spürt man beim Hören? Er hat mir auch den privaten Hintergrund dazu erzählt und ich habe ihm dann ein paar Geschichten erzählt, die ich dazu erlebt habe. Wir haben uns dabei viel unterhalten und irgendwann habe ich eben diese Hook eingesungen. Das war so magisch, dass es bei diesem Refrain auch geblieben ist. Rapsta hat mir erst vor kurzem erzählt, dass er dadran nichts mehr ändern wollte, weil es ihn so berührt hat. Für mich war das eine große Ehre.

 

Vor kurzem konntest du mit einem ganz besonderen Video für viel Furore sorgen. Dort sieht man dich, wie du 13 verschiedene Sängerinnen mit ihren jeweiligen Stimmen imitierst. In Facebook ist das Video durch die Decke gegangen, wo es fast sieben Millionen Klicks vorzuweisen hat.

Ja [Pause]. Ehrlich gesagt, habe ich das Video nur zum Spaß gemacht. Ich bin mit vielen Musikern in Baden-Württemberg befreundet und wollte es hochladen, damit sie etwas zu lachen haben. Ich mache sowas ja auch gerne, nicht nur diese 13 Stimmen, aber ich wollte auch kein allzu langes Video drehen. Nachdem ich es in Facebook reingestellt habe, haben schon gleich zwei, drei Freunde das Video geteilt. Als ich am nächsten Abend wieder in Facebook drin war, habe ich gesehen, dass es zigmal geteilt wurde und auch von Suflute nochmal hochgeladen worden ist. In nicht mal 24 Stunden hat es eine Millionen Klicks gehabt! Das war der Wahnsinn. Damit habe ich gar nicht gerechnet und es ging auch so schnell. Meine Fanpage und die Postfächer sind expoldiert. Es ist total geil, dass ich so viele Nachrichten bekomme, aber ich komme schon mit dem Lesen gar nicht mehr hinterher. Das sind sogar Menschen aus der ganzen Welt dabei. Neuseeland, Australien, Südafrika, Südamerika, Nordamerika, Europa. Ich habe letztens in einem Post gefragt, wo meine Fans denn überall herkommen und habe so viele verschiedene Länder zu lesen bekommen, unglaublich. Ich kann es bis jetzt noch nicht ganz fassen, was da passiert ist, weil ich doch eigentlich nur andere Sänger imitiert habe. Shakira oder Britney höre ich seit Jahren und jetzt habe ich sie imitiert und es mal auf Video festgehalten. Wahnsinn, was daraus geworden ist.

Wie sieht es mit deinem deutschsprachigen Album aus? Arbeitest du momentan noch dran oder bist du sogar vielleicht schon fertig?

Ich habe im Februar ein Konzert gegeben, wo ich mein Album einem engen, vertrauten Kreis präsentiert habe. Jetzt habe ich aber einen Produzenten kennengelernt, der meinem Album den letzten Feinschliff verleiht. In ein paar Monaten müsste er damit fertig sein und ich werde mich anschließend auf die Suche nach der richtigen Plattenfirma machen, mit der ich meine Musik veröffentlichen werde!


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