Kein Rap! - Interview mit Tristan Brusch

„Im Prinzip singe ich darüber, dass wir oft nicht glauben können, dass wir so wie wir sind, geliebt werden können.“

Autor: Walter Schilling

Foto: Nico Wöhrle

 

Tristan Brusch ist schon fast sein Leben lang Sänger und Songschreiber, der gleich nach dem Abitur mit seinem Album My Ivory Mind durch Europa tourte. Von da an hat er sein Leben der Musik gewidmet und so gut wie nie in einem Nine to Five Job gearbeitet. Er hat sich nie um eine Ausbildung oder ein Studium gekümmert, sondern voll und ganz auf die Musik konzentriert. Statt sich um seine Existenz sorgen zu machen - schließlich schon viele Menschen an diesem Lebensentwurf gescheitert - hat Tristan mehr Angst vor einem gewöhnlichen Job. Für ihn gab es nie eine wirkliche Alternative.

Knapp vier Jahre nach der Veröffentlichung von My Ivory Mind, kamen die Orsons auf ihn zu. Maeckes bekam das besagte Album in die Hände und wollte Teile des Songs Little Funny Man für das Lied Jetzt nutzen. Kurz darauf begleitete Tristan die Orsons auf ihrer Deutschlandtournee und war sogar bei Cros MTV Unplugged dabei. Es scheint, als ob es sich gelohnt hat, sein Leben der Musik zu widmen. 2015 veröffentlichte er die Fisch EP, mit der er auf Deutschlandtournee war. Vor seinem Auftritt in Stuttgart trafen wir uns für ein Interview.

 

In deinem Song Lügen singst du darüber, dass du quasi immer lügst. Wie darf man jetzt den Wahrheitsgehalt deiner Aussagen in unserem Interview einstufen? 

Im besagten Song geht es eigentlich gar nicht darum, dass ich meine Mitmenschen belüge, sondern um Authentizität. Im Prinzip singe ich darüber, dass wir oft nicht glauben können, dass wir so wie wir sind, geliebt werden können. Um das Gefühl, dass man immer einen Tick besser, schlauer, witziger, interessanter sein muss. Aus diesem Grund verstellt man sich und tut so, als ob man das alles wäre. Oft fehlt nicht mehr viel, bis man sich selbst aufgegeben hat und nach außen ein ganz anderes Bild abgibt, als es in Wahrheit wäre. Ich bin von diesem Problem nicht frei und viele andere leider auch nicht.

 

Es geht also um die Lügen, die man sich selbst erzählt?

Genau, darum geht es in dem Song. Deswegen kannst du mir ruhig glauben, was ich erzähle.

Du hast früher deine Songs auf Englisch geschrieben und gesungen. Warum? Du bist doch hier in Deutschland aufgewachsen und kannst mit Deutsch bestimmt natürlicher umgehen als mit Englisch.

Ja, Deutsch ist tatsächlich die Sprache, die ich besser beherrsche. Allerdings ist es die schwierigere und unpassendere Sprache für Popmusik, weil sie so sperrig ist. Solange man auf Englisch nicht die falschen Worte verwendet, reicht es um einen passablen Text zu haben. Ich weiß auch von englischsprachigen Nativespeakern, dass sie bei Popmusik gar nicht so sehr auf die Texte achten. Hierzulande ist es aber anders, denn man kann keine deutschsprachigen Songs hören, ohne auf den Text zu achten. Deswegen habe ich mich am Anfang einfach nicht getraut, auf Deutsch zu schreiben. Man zeigt schließlich sofort seine Haltung und muss sich dem auch im Klaren sein. Die Texte dürfen weder zu kitschig, noch zu sehr verkopft oder gar kryptisch sein. Das Ganze habe ich mir eine lange Zeit nicht zugetraut.

 

Wie kam es dazu, dass du diesen Schritt dann doch gewagt hast?

Es kam dadurch zustande, dass ich so viel mit den Orsons rumgehangen bin, die ja auf Deutsch texten. Ich war auch bei der Entstehung von Songs dabei und habe mir vieles abgucken können wie ein Kleinkind, das Wissen in sich aufsaugt. Man könnte sagen, dass ich ein deutschsprachiges Baby war, als ich sie kennengelernt habe und bin dort vom Kleinkind zu einem jungen Mann herangewachsen. Ich habe dort vieles gelernt, ohne dass ich besonders darauf bedacht war. 

 

Wie ein Kind, dass durch das Zuschauen von seinen Eltern lernt.

Genau und ich glaube auch, dass man in meinen Texten auch raushören kann, dass dort eine gewisse Orsons-Ironie drinsteckt. Aber in meinen eigenen Worten. 

 

Du hast aber noch immer englische Worte in deinen Texten, wie „Ich bin ein Schneemann in the sun.“

Das war bei diesem Song eher ein Stilmittel. Schließlich hat man nach „Ich bin ein Fisch im trockenen Wasser“ ein Reim auf Wasser erwartet. Dass ich nach Schneemann dann aber mit „in the sun“ komme, ist völlig unerwartet, was ich sehr witzig gefunden habe. Das ist der einzige Grund, warum ich das gemacht habe.

Dein Vater hat ein Konzertdiplom am „Royal College of Music“ in London gemacht. Wie prägend war dein Vater als musikalisches Vorbild für dich? Schließlich gibt er auch Musikunterricht.

Mein Vater ist Geiger und spielt auch sehr viele Konzerte auf der ganzen Welt. Meine Mutter war früher Pianistin, wodurch ich in einem Haushalt aufgewachsen bin, wo es fast ausschließlich klassische Musik zu hören gab. Mit drei Jahren habe ich Geigenunterricht von meinem Vater bekommen und habe jeden Tag eine halbe Stunde Geige geübt. Bis zu meiner Pubertät, dann habe ich kein Bock mehr gehabt. Diese Zeit war aber sehr prägend für mich und klassische Musik habe ich gefressen, was man - glaube ich - in meinen Songs auch raushören kann. Sie sind Harmonie und Melodie verliebter als die gewöhnliche Popmusik. Natürlich hat meine Musik nichts mehr mit der klassischen Musik zu tun, aber man kann raushören, was ich selber gerne oft gehört habe.

 

Die Orsons haben deinen Song Little Funny Man gefunden, um dann zu merken, dass du zufällig aus Tübingen kommst. Die gesamte Band kommt ja auch aus der unmittelbaren Region. Gab es dann gleich Gemeinsamkeiten? Nach dem Motto: „Ja man, dort habe ich auch immer meine Platten gekauft!“

Peu à peu kamen immer ein paar Sachen raus. Vor allem über Tua, der in Reutlingen aufgewachsen ist, was zwölf Kilometer von mir entfernt ist. Wir haben rausgefunden, dass wir auch mal an den gleichen Orten abgehangen sind, doch Tübinger und Reutlinger haben nie viel miteinander zu tun. Dort gibt es einen übelsten Regional-Chauvinismus. Die Tübinger hassen die Proleten aus Reutlingen, während die Reutlinger die verweichlichten Studenten-Schw***teln aus Tübingen hassen. Allein deswegen hatten wir nie viel miteinander zu tun. Wenn ich, der zarte Jüngling auf der Lateinschule, den Möchtegern-Kanacken Tua in unserer Jugendzeit kennen gelernt hätte, hätten wir uns damals wahrscheinlich gar nicht so nett gefunden. Bestimmt hätte es auf den zweiten Blick klappen können, aber das Setting war dafür gar nicht gegeben. Deswegen gibt es nicht viele gemeinsame Experience wie einen Plattenladen, zu dem wir beide gegangen sind. 

 

Du bist mit den Orsons auf eine große Deutschlandtour gegangen, wo du sie sowohl auf den Festivals als auch bei ihrem Gastauftritt von Cros MTV Unplugged begleitet hast. Wann hast du dich in diesem Trubel dafür entschieden Vollzeit-Musiker zu werden?

Schon bevor ich die Orsons kennengelernte, habe ich keinen Job gehabt. Noch bevor ich die Schule beendet habe, wusste ich, dass ich Musiker werden will und sonst gar nichts. Es gab für mich immer nur eine Alternative zum Leben als Musiker und zwar Hartz IV. 

 

Du hast nach deinem Abi nie eine Ausbildung gemacht?

Ich habe mal eine kurze Zeit lang einen Job gehabt, in dem ich recht schnell gekündigt wurde. Ich hatte ihn als kleinen Broterwerb gehabt.

 

Was war das für ein Job?

Internetsupport für ein online Sprachportal. Die Leute fragen mich oft, ob ich keine Existenzängste hätte, weil ich mich nur auf die Musik konzentriere. Aber die zwei Monate, wo ich für das Sprachportal gearbeitet habe, waren sehr deprimierend. Die Leute sind dort so rau miteinander umgegangen und haben die Firma in einer starken Hierarchie geführt. Der Chef war der derjenige nach dem man zu spurten hat, gleichzeitig gibt es noch Kunden, die sich über irgendetwas beschweren, das sie mit einem unglaublichen Hass tun. Ich habe der Arbeit keine Sekunde nachgetrauert! 

Was hast du dann genau nach deinem Abschluss gemacht?

Seitdem bin ich straight up Musiker. 2008 habe ich mein Album My Ivory Mind veröffentlicht, wo auch der Song Little Funny Man drauf ist. Damit habe ich eine ewig lange Tour gespielt. Im Jahr nach meinem Abi habe ich bestimmt 130 Konzerte gespielt. Ich habe dafür mit einer kleinen Booking-Agentur und einem kleinen Label gearbeitet. Wir waren richtig Underground, unter der Oberfläche. In der Zeit war ich ständig unterwegs und habe auch im Ausland gespielt, schließlich waren die Songs auf Englisch. Ich habe zwar wenig Geld verdient, aber ich war eh immer unterwegs und habe deswegen nur wenig gebraucht.

 

Warum kam dann so lange Zeit kein neues Album von dir?

Ich habe in der Zwischenzeit alles mögliche gemacht. Es gab zum Beispiel ein langes Projekt, in dem ich Musik für eine Fernsehserie schreiben sollte. Das habe ich auch gemacht und von dem Budget, das ich zur Verfügung hatte, habe ich gelebt. Doch das Projekt selbst liegt bis heute noch auf Eis und ich weiß gar nicht, ob daraus noch irgendwas gemacht wird.

 

Als Money Boy auf dem Splash die Bühne der Orsons gestürmt hat, warst du ja nicht auf der Bühne. Dadurch hast du deinen ersten möglichen Skandal leider verpasst.

Ja, den habe ich absolut verpasst, weil ich zu dem Zeitpunkt hinter der Bühne gestanden bin und eine geraucht habe. Es war fast so, als ob eine Vor­se­hung mich gewarnt hat. Als ich vom Rauchen zurückgekommen bin, hat unser Tourmanager mit unserer Merchandiserin und irgendwelchen Leuten vom Splash Money Boy bereits von der Bühne gezerrt. Aber er hat auch komplett verdrogt ausgesehen. Mir war zu diesem Zeitpunkt die Tragweite noch gar nicht bewusst und habe gar nicht damit gerechnet, dass es zu einem Skandal wird. Ich komme ja gar nicht aus dem Rap und Money Boy hat mir zu diesem Zeitpunkt fast nichts gesagt. Ich wusste lediglich, dass es einen Rapper gibt, der so heißt, und mehr nicht. Inzwischen folge ich ihm auch auf Twitter und finde es auch witzig, was er dort schreibt. Wenn ich ihn nicht mit einer so krassen Mongo-Aktion kennengelernt hätte, hätte ich ihn vielleicht schon von Anfang an witzig gefunden. Auf der anderen Seite habe ich mir danach auch was von ihm angehört und es keine fünf Sekunden ausgehalten. Das ist viel zu krass.


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